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Neue Zürcher Zeitung, Book Review, January 19
Als die Trümmer weggeräumt waren, begann der Kaufrausch – und Deutschland überliess sich dem neuen Wohlstand
1945 war der Krieg zu Ende, zehn Jahre später setzte der Aufschwung ein: In seinem neuen Buch erzählt Harald Jähner die Geschichte des deutschen Wirtschaftswunders.

Full text:
Bote aus der Fremde: So nennt man auf der Bühne den Figurentypus, der eine Handlung in Gang setzt, das übrige Personal mit der Vergangenheit konfrontiert und damit wie ein erkenntnisfördernder Spiegel wirkt. Am Anfang von Harald Jähners Buch «Wunderland» über die «Gründerzeit der Bundesrepublik» taumeln gleich zehntausend solcher Boten aus Eisenbahnwaggons: die «Spätheimkehrer», die letzten deutschen Kriegsgefangenen, die im Herbst 1955 aus sowjetischen Straflagern zurückkehren. In ein Land, das mit dem, das sie mehr als zehn Jahre zuvor verlassen hatten, kaum noch etwas gemeinsam hat.
In deutschen Städten brausen junge Frauen auf Vespas an amerikanischen Soldaten vorbei, und Jugendliche hören alliierte Soldatensender, während ihre Eltern zu Caterina Valentes Schnulze «Nur ein Zigeuner hat so viel Sehnsucht nach den Sternen» mitsummen, «als hätte es die Ermordung der Roma und Sinti nie gegeben», so Jähner. Seltsam wird es für die Heimkehrer schon beim Empfang im Grenzdurchgangslager Friedland. Dort begrüsst sie ein gemütlich wirkender «Bundespräsident» namens Heuss, der mit dem «Führer», den sie noch in Erinnerung haben, nichts gemeinsam hat.
Jähner wäre aber nicht Jähner, würde er nur das bewegende, oft genug auch verstörende Wiedersehen von Eheleuten nach über zehnjähriger Trennung beschreiben. Interessanter für den 72-jährigen Sachbuchautor ist beispielsweise die Begrüssung von Erich Hartmann durch Hans Hahn im Jahr 1955. Hartmann war der erfolgreichste Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs. Nach über zehnjähriger Kriegsgefangenschaft war er nur noch ein ausgemergeltes, nervöses Männlein. Hahn war sein ehemaliger Kommandeur und bereits seit Jahren erfolgreich. Ein ebenso gut gekleideter wie genährter Geschäftsmann: gewissermassen das deutsche «Wirtschaftswunder» in Person.
Mettigel und Gurkenschiffchen
Wie schon in seinem preisgekrönten Bestseller «Wolfszeit» (2019) zeigt Harald Jähner auch in diesem Buch sein Können, in Einzelszenen und anhand von ausgewählten Lebensläufen die komplexen und widersprüchlichen Zeitläufte fassbar zu machen: Diesmal ist es das Leben des NS-Profiteurs und späteren Versandhauskönigs Josef Neckermann. Nach «Höhenrausch» über die 1920er Jahre (2022) hat der ehemalige Feuilletonchef der «Berliner Zeitung» nun einen dritten Band vorgelegt, der die Geschichte Deutschlands von 1955 bis 1967 erzählt. Auch in ihm vereinigen sich deutsche Politik-, Wirtschafts-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte auf sehr lesenswerte Weise.
«Wunderland» – der Titel des Buches passt nicht nur als Anspielung auf das «Wirtschaftswunder», sondern auch weil das damalige Deutschland aus heutiger Sicht ziemlich wunderlich wirkt: Man räumte das, was von den historischen Stadtkernen noch stand, für eine «autogerechte» Infrastruktur ab und stürzte sich mit einer Bereitwilligkeit in über 50-Stunden-Wochen, dass Kanzler Merz heute die Tränen kommen müssten. Abends schlug man sich die Bäuche voll, bemäntelte die Völlerei aber, indem man das Essen spielerisch inszenierte: Hackfleisch wurde als niedliche Mettigel mit geschnittenen Zwiebeln als Stacheln serviert, und Gurken als Gurkenschiffchen, die mit Frischkäse und Gemüse gefüllt waren.
Dazu gerierten sich die Herren als kultivierte Weinbrand- oder Zigarrenkenner, um zu vergessen, wie man nach Kriegsende gierig rauchende GI beäugt hatte, in der Hoffnung auf eine fallengelassene Kippe. Bald gerieten der «satte Bundesbürger» und die neue «Wohlstandsgesellschaft» ins Visier von Kritikern von links wie rechts. Sie warfen ihren Landsleuten fehlendes Gemeinschaftsgefühl vor und kritisierten, Deutschland überlasse sich einem aus den USA importierten Konsumrausch und verliere darüber seine kulturelle Identität.
Mobilität, Gesundheit und Eleganz: Der Jazzpianist und Komponist Fritz Schulz-Reichel zeigt sich mit seinem Mercedes-Benz Cabrio beim Tanken (links), und sogar beim mobilen Beatmungsgerät, das Polio-Patienten erlaubte, sich zu Hause zu erholen, wurde auf ein ansprechendes Design geachtet.
Traumberuf: Tankwart
Heute ist es schwer vorstellbar: Aber der Traumberuf vieler junger Männer war damals Tankwart. Der «Trivialheilige der Mobilität» (Jähner) packte einem, wie die Werbung suggerierte, den Tiger in den Tank, stempelte glücklichen Kindern Heftchen mit fleissig notierten Nummernschildern. Die Frauen, die gerade eine gewisse Selbständigkeit erlangt hatten, flüchteten sich wieder in traditionelle Familienmodelle. Diese boten ihnen Sicherheit, für die sie die damit verbundene Langeweile gern in Kauf nahmen. Die rigide Sexualmoral der Zeit deutet Jähner als Reaktion auf die kurze erotische Anarchie nach 1945, aber auch auf die NS-Zeit, in der deutsche Frauen für den «Führer» nicht schnell genug schwanger werden konnten.
In zehn Kapiteln, vom Nachkriegsboom im Ruhrgebiet bis zu den Studentenunruhen der sechziger Jahre, erzählt Jähner die «Kinderjahre» Westdeutschlands. Die DDR kommt nur in gelegentlichen Seitenblicken vor. Diese Metapher wirkt allerdings zunächst fragwürdig, denn die mit ihr suggerierte Unschuld liess sich den Nachkriegsdeutschen ja gerade nicht zusprechen.
Jähner versteht die Anfangsjahre der BRD als eine Art «Bildungsroman», als allmähliches Erwachen eines kritischen Bewusstseins, auch mit dem wachsenden Bedürfnis nach Teilhabe und Mitbestimmung. Dominierte anfangs die Flucht in Arbeit und Vergessen der Nazizeit, so dämmerte spätestens mit dem Eichmann-Prozess 1961 gerade jungen Deutschen immer mehr, dass sich die Schuld nicht allein auf Hitler und seine Handlanger abwälzen liess und die Zeit für unbequeme Fragen auch am Mittagstisch gekommen war.
«Zwei kleine Italiener»
Zu den überraschendsten Einsichten dieses Buches gehört allerdings, wie wichtig diese Zeit, die gern vorschnell als miefig-autoritäre Adenauer-Ära abgetan wird, für das Verständnis heutiger Probleme ist: Zum Beispiel begann damals mit dem Bau von Pipelines die deutsche Energieabhängigkeit vom Ausland, besonders von der Sowjetunion, was den Amerikanern seinerzeit ebenso missfiel wie später der Bau von Nord Stream 2. Und im Zeichen des Kalten Krieges wurde der Aufbau der Bundeswehr mit den genau gleichen Argumenten verteidigt und bekämpft wie heute.
Sogar eine «Stadtbild»-Debatte gab es: Weil die zahllosen einsamen «Gastarbeiter» aus Italien oder der Türkei, ohne die das westdeutsche «Wirtschaftswunder» gar nicht möglich gewesen wäre, am Feierabend nicht in den ihnen zugewiesenen Firmenbaracken bleiben wollten. Sondern zum Beispiel an den Bahnhöfen «herumlungerten», wie es vielen Einheimischen schien.
Ein irritierend «undeutsches» Sozialverhalten, das sogar vom Schlager aufgegriffen wurde: «Eine Reise in den Süden / Ist für andre schick und fein / Doch zwei kleine Italiener / Möchten gern zu Hause sein», spottete 1960 Conny Froboess. Dass viele von ihnen gegen alle Widerstände in Deutschland blieben, sollte sich als Segen für dieses Land erweisen. Nicht nur kulinarisch.
Harald Jähner: Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955–1967. Rowohlt-Berlin-Verlag. 480 S., Fr. 47.90.
Le Point, Book Review, January 17
Charles-Éloi Vial redonne du souffle à la parole napoléonienne
LES SAMEDIS DE L’HISTOIRE. La très originale biographie de ce spécialiste du premier Empire reprend les plus grandes conversations de Napoléon, soigneusement introduites et commentées. Extraits exclusifs.
Full text:
À la différence de Luther ou de Hitler, Napoléon n’a pas laissé de « propos de table ». Il se restaurait en un quart d’heure. En revanche, il aimait, lors de soirées ou de promenades, éprouver son pouvoir par la parole.
Dans l’univers feutré de l’Ancien Régime, il fut, par ses manières brusques, un homme de la Révolution. Par sa rudesse, parfois sa vulgarité, teintée d’accent corse, il surprenait les curieux pressés d’approcher sa grandeur.
Ce n’était pas un orateur, mais la terreur qu’il inspirait faisait le lit de l’emprise qu’il exerçait. Il ne lui déplaisait pas de soumettre un sujet à la réflexion de deux camps adverses avant de reprendre la main, pour justifier son action, essayer ses idées, échauffées à la flamme d’un esprit vif-argent, comme de Gaulle aimerait à le faire.
Très tôt, on a publié des recueils controuvés de ses propos. Balzac, sous pseudonyme, s’y est même amusé. Le travail de Charles-Éloi Vial est bien différent. Il a 38 ans. À cet âge, son modèle était empereur. Lui en est à son quinzième ouvrage en dix ans sur l’Empire.
Cherchant une voie nouvelle, il s’essaie à une biographie par le verbe. Non pas une anthologie, mais une fugue à trois voix où se mêlent le vol allegro de l’Aigle, les circonstances de ses entretiens et leur contenu.
Bien d’autres que Las Cases ont tenté de saisir leurs « petits mémoriaux ». L’occasion pour Vial, qui a tout lu, de faire découvrir foule de textes redonnant voix à une énergie qui aura bâti sa postérité par son œuvre, sa correspondance, son Mémorial et… ses paroles.
L’Égalité, marotte des Français
« Talleyrand voulait que je me fisse roi ; c’est le mot de son dictionnaire. Il se serait cru tout de suite redevenu grand seigneur sous un roi ; mais je ne veux de grands seigneurs que ceux que je ferai ; et puis le titre de roi est usé, il porte avec lui des idées reçues, il ferait de moi une espèce d’héritier ; je ne veux l’être de personne. Celui que je porte est plus grand, il est encore un peu vague, il sert l’imagination. […] Qu’est-ce qui a fait la Révolution ? C’est la vanité. Qu’est-ce qui la terminera ? Encore la vanité. La liberté est un prétexte. L’égalité, voilà votre marotte, et voilà le peuple content d’avoir pour roi un homme pris dans les rangs des soldats. » Mme de Rémusat (1804)
De l’inconvénient d’être nouveau
« Cinq ou six familles se partagent les trônes de l’Europe, et elles voient avec douleur qu’un Corse est venu s’asseoir sur l’un d’eux. Je ne puis m’y maintenir que par la force ; je ne puis les accoutumer à me regarder comme leur égal qu’en les tenant sous le joug ; mon empire est détruit, si je cesse d’être redoutable. Je ne puis donc laisser rien entreprendre sans le réprimer. Je ne puis pas permettre qu’on me menace sans frapper. Ce qui serait indifférent pour un roi de vieille race est très sérieux pour moi […]. Ils peuvent vivre avec indolence dans leurs châteaux ; ils peuvent se livrer sans pudeur à tous les écarts d’une vie déréglée ; personne ne conteste leurs droits de légitimité ; personne ne pense à les remplacer ; personne ne les accuse d’être ingrats, parce que personne n’a concouru à les élever sur le trône. Quant à moi, c’est tout différent. » Jean Antoine Chaptal (1805)
L’erreur russe
« Depuis mon mariage, on a cru que le lion sommeillait ; on verra s’il sommeille. L’Espagne tombera dès que j’aurai anéanti l’influence anglaise à Saint-Pétersbourg ; il me fallait huit cent mille hommes, et je les ai ; je traîne toute l’Europe avec moi, et l’Europe n’est plus qu’une vieille p… pourrie dont je ferai tout ce qui me plaira avec huit cent mille hommes. Ne m’avez-vous pas dit autrefois que vous faisiez consister le génie à ne rien trouver d’impossible ? Eh bien, dans six ou huit mois vous verrez ce que peuvent les plus vastes combinaisons réunies à la force qui sait mettre en œuvre. Je me règle d’après l’opinion de l’armée et du peuple plus que par la vôtre, messieurs, qui êtes trop riches, et qui ne tremblez pour moi que parce que vous craignez la débâcle. Soyez sans inquiétude ; regardez la guerre de Russie comme celle du bon sens, des vrais intérêts, du repos et de la sécurité de tous. D’ailleurs, qu’y puis-je, si un excès de puissance m’entraîne à la dictature du monde ? N’y avez-vous pas contribué, vous et tant d’autres qui me blâmez aujourd’hui, et qui voudriez faire de moi un roi débonnaire ? Ma destinée n’est pas accomplie ; je veux achever ce qui n’est qu’ébauché. Il nous faut un code européen, une cour de cassation européenne, une même monnaie, les mêmes poids et mesures, les mêmes lois ; il faut que je fasse de tous les peuples de l’Europe le même peuple, et de Paris la capitale du monde. » Joseph Fouché (1812)
De la grandeur
« Si je vais à Saint-Pétersbourg, je prends la Russie par la tête ; si je marche sur Kiev je la prends aux pieds, mais si je me dirige sur Moscou je la frappe au cœur […] La véritable grandeur ne consiste pas à porter la pourpre ou un habit gris, elle consiste à se mettre au-dessus de son état ; moi, par exemple, j’ai une bonne place, je suis empereur, je pourrai vivre au milieu des délices de la grande capitale, me livrer aux jouissances de la vie et à l’oisiveté. Eh bien ! Je fais la guerre pour la gloire de la France, pour le bonheur futur de l’humanité ; je suis au milieu de vous, au bivouac ; dans les combats je puis être, comme un autre, atteint d’une balle… Je me mets au-dessus de mon état… chacun doit faire de même dans sa position, dans sa sphère ; c’est là qu’est la véritable grandeur. » Roman Soltyk (aide de camp)
Le fléau russe
« Les Russes doivent paraître un fléau à tous les peuples ; la guerre contre la Russie est une guerre toute dans l’intérêt bien calculé de la vieille Europe et de la civilisation. L’empereur d’Autriche et M. de Metternich le sentent si bien qu’ils me l’ont souvent répété à Dresde. L’empereur François connaît bien le caractère faible et faux de l’empereur Alexandre ; il s’en méfie, comme quelqu’un qui a été victime de ses protestations et dupe de ses promesses. […] Les revers que vient d’éprouver la France feront cesser toutes les jalousies, mettront fin à toutes les inquiétudes qu’a pu faire naître sa puissance ou son influence. On ne doit plus voir qu’un ennemi en Europe. Cet ennemi, c’est le colosse russe. » Armand de Caulaincourt (1812)
Le populiste
« Le peuple, ou si vous l’aimez mieux, la multitude, ne veut que moi. Vous ne l’avez pas vue cette multitude se pressant sur mes pas, se précipitant du haut des montagnes, m’appelant, me cherchant, me saluant. Je ne suis pas seulement, comme on l’a dit, l’empereur des soldats, je suis celui des paysans, des plébéiens de la France… Aussi, malgré tout le passé, vous voyez le peuple revenir à moi. Il y a sympathie entre nous. Ce n’est pas comme avec les privilégiés. La noblesse m’a servi, elle s’est lancée en foule dans mes antichambres. Il n’y a pas de place qu’elle n’ait acceptée, demandée, sollicitée. J’ai eu des Montmorency, des Noailles, des Rohan, des Beauvau, des Mortemart. Mais il n’y a jamais eu analogie. Le cheval faisait des courbettes ; il était bien dressé ; mais je le sentais frémir. Avec le peuple, c’est autre chose. La fibre populaire répond à la mienne. Je suis sorti des rangs du peuple : ma voix agit sur lui. » Benjamin Constant (1815)
« L’Empire des mots : conversations avec Napoléon », de Charles-Éloi Vial, éd. Perrin, janvier 2026, 656 pages, 32 euros.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Book Review, January 17
Königin Marie Antoinette: „Ich habe Angst, mich zu langweilen“
Marie Antoinette blieb acht Jahre kinderlos und suchte vergeblich nach Freunden am Hof. Ihre innere Leere betäubte sie mit Luxus. Die Aufzeichnungen ihrer Kammerfrau zeigen eine Königin als tragische Figur.
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Im Mai 1770, nicht einmal 15 Jahre alt, wurde Marie Antoinette, Tochter der Kaiserin Maria Theresia, mit dem französischen Thronfolger (Dauphin), dem späteren Ludwig XVI., verheiratet. Was sie mit ihrer Heimat verband, musste sie aufgeben und sich in Verhältnisse einleben, die kompliziert waren, fremd – der Hof in Versailles folgte ganz anderen Maximen als der in Wien –, misstrauisch, ja missgünstig. Und dann war das Verhältnis der Eheleute schlecht. Marie Antoinette schien das erotische Interesse des Dauphins nicht zu wecken, sie konnte nicht schwanger werden, das wurde ihr zur Last gelegt, in Frankreich, aber auch in Wien. Die Mutter machte ihr Vorhaltungen, es an Verführungseifer mangeln zu lassen, doch war das Problem wohl eine Phimose des Gatten, die erst Jahre nach der Eheschließung behoben wurde.
Marie Antoinette litt jedenfalls unter der Situation. Sie wünschte sich Kinder, und nicht nur aus politischen oder sozusagen professionellen Gründen, zur Stabilisierung der Dynastie. Sie scheint sich nach Kindern gesehnt zu haben, und wohl auch weil dieser Wunsch sich acht Jahre nicht erfüllte, empfand sie ihr Leben als leer. Als ihre Mutter wieder einmal über Verschwendung und mangelnden Ernst der Tochter klagte, kam es zu der berühmten Reaktion: „Was will sie? Ich habe Angst, mich zu langweilen.“
Der Ton der Zeitgenossen
Das ist das Bild, das Marie Antoinette der Nachwelt hinterlassen hat, und ganz falsch ist es wohl nicht. In den Erinnerungen, die Henriette Campan, Kammerfrau der Dauphine und Königin, elf Jahre nach deren Tod unter der Guillotine zu schreiben begann, heißt es: „Mit Ausnahme des Königs frönte diese ganze jugendliche Familie nur dem Vergnügen.“ Und Campan beschreibt ihre Herrin im Übrigen mit Sympathie, betont deren Schönheit, Anmut und vor allem Gutherzigkeit.
Ihr Buch war auf Deutsch seit Jahrzehnten nicht mehr greifbar, nun hat Hans Pleschinski es (mit geringen Kürzungen) neu übersetzt und kommentiert. Die Erinnerungen der Henriette Campan sind ein viel benutztes Buch, alle Darstellungen der Revolution und der unglücklichen Königin, auch die großen Verfilmungen, haben es ausgewertet, insofern ist vieles daraus nicht unbekannt. Und doch möchte man den Ton der Zeitgenossen hören.
Frankreich gilt als die erste Macht Europas im achtzehnten Jahrhundert; mehr, als den Thronfolger zu heiraten, kann eine Prinzessin nicht erreichen. Und doch ist Versailles in vielem eine dürftige Welt. Bei aller Verschwendung sind die Mittel oft knapp, selbst an der Erziehung der Töchter Ludwigs XV. wurde gespart, mit zwölf Jahren hatte Madame Louise „noch nicht das ganze Alphabet gelernt“. Ihr Vater liebte den groben Ton, von einer Tochter sprach er Bedienten gegenüber als „der dicken Sau“.
Überall auf dem Hof herrschte „Karrieremacherei“
Die Etikette, so Campan, entsprach ihrer Formung unter Ludwig XIV., „allein die Würde fehlte“, Frömmigkeit desgleichen und auch die Heiterkeit. Runden, „wo man Geist und Anmut sich entfalten sah, brauchte man in Versailles nicht mehr zu suchen“. Benjamin Franklin, der erste Botschafter der USA in Frankreich, begeisterte als Naturforscher (er erfand den Blitzableiter) und Apostel der Freiheit „den regen Geist der Französinnen“, ein Medaillon aus Sèvres zeigte seinen Kopf und die Devise „Eripuit coelo fulmen, sceptrumque tyrannis“: „Dem Himmel entriss er den Blitz, den Tyrannen das Szepter.“ Ludwig XVI. fühlte sich provoziert, er ließ in Sèvres einen Nachttopf herstellen, auf dessen Boden das Medaillon abgebildet war, und schickte ihn als Neujahrsgabe einer Bewunderin Franklins.
Das Interessanteste an den Erinnerungen der Henriette Campan sind die Beschreibungen des Lebens am Hof. Alles ist öffentlich, alles wird bekannt. „Sieht ein Höfling, was einem anderen zuteilwird, meint er, es sei ihm genommen worden.“ So mag es auch in anderen Milieus gehen, aber der Hof ist für den Adel der einzige Ort, sein Glück zu machen, es gibt keine Alternative. In dieser Kühle und Karrieremacherei sehnte Marie Antoinette sich nach „zärtlicher Freundschaft“, doch welche Chancen hätte dies Gefühl zwischen der Königin und einer Untertanin haben können, „wo zudem rundum die Fallen der Höflinge drohen“?
Wo das tradierte Zeremoniell nicht mehr als Ausdruck von Größe und Pflicht empfunden wird, steigern sich solche seelischen Bedürfnisse. Versailles war für die königliche Familie ein ungeliebter Ort geworden. „Man fühlte sich nur noch in einfacher Umgebung, verschönt durch englische Gärten, zu Hause.“ Aber der höfische Apparat klappert weiter, zu groß ist die Zahl derer, die von ihm leben, von der Wirtschaft des Pariser Raums über den Adel bis zu den Bedienten, die Anspruch haben auf die reichen Reste der Tafel, die kaum genutzte Kleidung der Hoheiten, die nur kurz angebrannten Kerzen – denn Räume, die der König betrat, wurden von frisch angezündeten Kerzen erhellt.
Sie überlebte die Revolution, die die Königin den Kopf kostete
Aus eigener Anschauung berichtet Henriette Campan nur über die erste Phase der Revolution, für die sie als Royalistin wenig Verständnis hat. Aber als Bürgerliche moniert sie doch die ständige Hintansetzung tüchtiger Leute aus ihrem Stande. Marie Antoinette zeigt sie in der Not als tapfere und einsichtsvolle Frau, die erkennt, wie alles die Sache der Revolution begünstigt, die „besessenen Neuerer“ natürlich, aber auch die Schwäche des Königs, die Partei der Emigranten mit ihren Intrigen, die uneinsichtigen auswärtigen Mächte – und sie selbst, unglücklich, weil sie, so das eigene Urteil in Campans Überlieferung, „schuld an ihrem Unglück ist“.
Henriette Campan überlebte die Revolution und eröffnete 1794 ein angesehenes Mädchenpensionat, in dem Napoleon seine jüngeren Schwestern unterbrachte. Später stiftete er ein Institut für die Töchter gefallener Offiziere, bestimmte Campan zur Leiterin und gab ihr den Auftrag: „Erziehen Sie Gläubige und keine Vernünftlerinnen.“ 1815 verlor sie den Posten und musste sich aufs Land zurückziehen. Sie starb 1822.
„Das kurze und verschwenderische Glück der Königin Marie Antoinette“. Die Aufzeichnungen ihrer Kammerfrau Henriette Campan. Hrsg. und aus dem Französischen von Hans Pleschinski. C. H. Beck Verlag, München 2025. 348 S., Abb., geb., 26,– €.
Le Monde, Book Review, January 16
La révocation de l’édit de Nantes ancrée dans la mémoire d’un village des Cévennes
Dans un ouvrage de microhistoire, « Un village sous la révocation de l’édit de Nantes », l’historien Patrick Cabanel raconte comment cet événement à la fois tragique et fondateur pour les protestants de France a été vécu à Saint-Germain-de-Calberte, petit bourg réformé, sous Louis XIV.
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Livre. Le 18 octobre 1685, Louis XIV révoque l’édit de Nantes. Désormais, la « religion prétendue réformée » n’a plus droit de cité en France. L’événement constitue une rupture dans l’histoire des protestants français. Jusque-là, ils avaient beaucoup enduré mais, vaille que vaille, la plupart avaient pu vivre leur foi – dans des conditions de plus en plus difficiles depuis le début du règne de Louis XIV. Désormais, ils subiront une persécution dont l’objectif proclamé est d’« extirper l’hérésie » du royaume.
Il y a quelques années, Philippe Joutard avait donné sur cette histoire une excellente synthèse : La Révocation de l’édit de Nantes ou les faiblesses d’un Etat (Gallimard, 2018). Patrick Cabanel, qui s’est imposé comme le grand spécialiste de l’histoire du protestantisme français, a choisi, lui, de s’inscrire dans la microhistoire. Avec Un village sous la révocation de l’édit de Nantes (Passés composés, 2025), il se penche sur l’événement à l’échelle locale. Saint-Germain-de-Calberte (Lozère), qui compte aujourd’hui 455 habitants, n’a pas été choisi au hasard.
A la veille de la révocation, ce village des Cévennes méridionales est presque unanimement réformé. Malgré ou pour cette raison, c’est là que l’abbé du Chaila, nommé inspecteur des missions, décide d’établir un séminaire. Saint-Germain-de-Calberte, dans l’esprit de ce prêtre, sera la citadelle catholique d’où s’opérera la reconquête des âmes hérétiques. C’est dire si le village fut frappé de plein fouet par la révocation !
L’historien relate donc les dragonnades, les abjurations arrachées, les pendaisons et les condamnations aux galères des protestants opiniâtres. Face à la persécution, certains acceptent de se convertir, d’autres fuient à l’étranger, d’autres encore continuent de vivre leur foi dans le secret. Patrick Cabanel fait le portrait de quelques-uns des habitants amenés à faire des choix qui déterminent toute leur existence. Il livre aussi le récit de certaines journées particulières, comme cette assemblée clandestine qui, découverte par des espions catholiques, sera interrompue à coups de fusil. Toute cette violence de la révocation s’est finalement avérée contre-productive pour l’Eglise catholique, estime l’historien. Face à l’oppression qu’on leur infligeait, la majorité des Cévenols semblent bien s’être raidis dans leur protestantisme.
Cet ouvrage permet aussi de souligner la mémoire longue de la révocation à échelle locale. « Lorsque l’on descend des Cévennes, une fierté reconnaissante et contraignante habite en vous : c’est d’être les fils de ceux qui là-haut, sur les montagnes, en face des idolâtries et des tyrannies, n’ont voulu se courber que sous le glaive de Jésus-Christ » : ces mots furent prononcés en 1941 par Henri Manen, qui défendait alors les juifs allemands du camp des Milles, situé à Aix-en-Provence (Bouches-du-Rhône). Reconnu Juste parmi les nations par l’Institut Yad Vashem, ce pasteur originaire de Saint-Germain-de-Calberte disait ainsi que son engagement découlait du souvenir de persécution et de résistance que la révocation avait laissé chez les siens.
Avec ce livre, Patrick Cabanel nous permet finalement de mieux comprendre, en le saisissant au ras du sol, un événement qui, jusqu’à aujourd’hui, occupe une place centrale dans la mémoire des protestants français.
Politico, January 16
HUMOUR: From Erik the Red to Donald the Orange: A brief history of Greenland
One’s an invader with his sights set on Greenland, the other … was a viking!
Full text:
Welcome to Declassified, a weekly humor column.
First came Erik the Red (who got his nickname because he loved a glass of pinot noir with dinner).
Erik was what we might now call a troubled soul. Born in Norway, the family moved to Iceland because his father committed “a number of killings,” according to Greenland’s tourism department (it’s never a good sign when people stop counting how many murders you’ve done).
Alas, the apple didn’t fall far from the birch tree and Erik was kicked out of Iceland for murder after a dispute with a neighbor (who presumably borrowed his lawnmover and didn’t return it) resulted in a number of deaths. We’ve all been there.
So Erik rocked up in Greenland, becoming the first viking on the island. He’s credited with coining the name “green land” as either a) cunning marketing trick to lure people there, or b) because in old norse, the word “green” meant “not in the slightest bit green.”
One of Erik’s sons was Leif Eriksson, who was the first European to reach North America — some 500 years before that slacker Christoper Columbus.
Incidentally, 400 years after settling in Greenland, the vikings abandoned the island in part, according to researchers from Harvard and Penn State universities, because of rising sea levels caused by climatic shift. Yes, the vikings were worried about climate change. Woke!
Which brings us nicely (if skipping more than 1,000 years) to the present day, when Donald the Orange has his sights set firmly on Greenland.
So keen is Trump on acquiring Greenland for the U.S. that he had Secretary of State Marco Rubio and Vice President JD Vance (playing the roles of good cop and weird cop) meet with the Danish and Greenlandic foreign ministers in Washington this week. On a scale of 1 to Ambushed Like Zelenskyy Was, it was about a 5; not a disaster but problematic enough that Lars Løkke Rasmussen of Denmark and Vivian Motzfeldt of Greenland needed to head to the car park for a calming post-meeting cigarette.
While we wait for Trump to make his move, new polling from Reuters/IPSOS reveals that just one in five Americans supports the president’s efforts to get hold of Greenland. Mind you, in 1999, a Gallup poll revealed that 18 percent of Americans thought the sun revolved around the Earth (and, perhaps worse, 3 percent said they didn’t have an opinion), so we can take polling in the U.S. with a pinch of Sassuma Sea Salt sourced from the Nuuk fjord.
CAPTION COMPETITION
” Pasteurized? Of course it’s passed my eyes. What a stupid question.”
Last time, we gave you this photo:
“A missile the size of my finger would surely get up Putin’s nose!” , by Adrian Casey
https://www.politico.eu/article/from-erik-the-red-to-donald-the-orange-a-brief-history-of-greenland/
Frankfurter Allgemeine Zeitung, January 16
Trumps Griff nach Norden: Dänemarks Kolonialpolitik in Grönland wirkt bis heute nach
Der US-Druck ordnet das Verhältnis zwischen Grönland und Dänemark neu. Grönlands Selbstbehauptung speist sich aus alten Wunden der dänischen Moderne, die Wohlstand brachte, aber auch Assimilation und Entwurzelung.
Full text:
Der Konflikt um eine mögliche Übernahme Grönlands durch die Vereinigten Staaten hat zu einer erheblichen Unruhe in sicherheitspolitischen Kreisen geführt, selbst das Ende der NATO steht als Szenarium im Raum. Zugleich häufen sich erste Anzeichen, dass der amerikanische Annexionsdruck das dänisch-grönländische Verhältnis verändert. Auf der einen Seite brechen alte Wunden auf, die jetzt neu verhandelt werden, und auf der anderen Seite verschiebt sich gerade die seit Jahrzehnten bestehende Machtbalance zwischen Grönland und Dänemark – in eine grönländische Richtung.
Das dänisch-grönländische Verhältnis reicht bis ins frühe achtzehnte Jahrhundert zurück, mindestens bis zur Ankunft des norwegisch-dänischen Missionars Hans Egede. Historisch sind vor allem zwei Daten von Bedeutung: die offizielle Ernennung Grönlands zur dänischen Kolonie nach dem Kieler Friedensvertrag von 1814 und die Eingliederung Grönlands in das dänische Königreich 1953. Der Koloniestatus ging mit einer kulturellen Dominanz Dänemarks einher. Die grönländische Schriftsprache wird in dieser Phase entwickelt, und auch die ersten literarischen Texte der grönländischen Literaturgeschichte sind von dem dänischen Einfluss, gerade der Missionare, geprägt.
Grönland und sein Status als Kolonie
Für die heutigen Diskussionen ist vor allem die Eingliederung Grönlands in das dänische Königreich nach dem Zweiten Weltkrieg von Bedeutung. Diese zielte zunächst darauf ab, die von den Vereinten Nationen geforderte Unabhängigkeit bestehender Kolonien zu verhindern: Indem man die Insel im Nordatlantik in das bestehende Staatsgebiet aufnahm, verlor Grönland den Status als Kolonie und fiel so nicht mehr unter die Statuten der Vereinten Nationen. Die Folgen für Grönland waren umfassend. Im Zuge der Eingliederung setzte eine Modernisierungspolitik ein, die auf den Umbau Grönlands abzielte: Dänisch wurde als Landessprache eingeführt, eine moderne Verwaltung aufgebaut und der nordische Wohlfahrtsstaat auf Grönland übertragen.
Mit einer heute kaum nachvollziehbaren Härte wird dabei die grönländische Kultur an den Rand geschoben, wenn nicht vernichtet: Die kleinen Fischerorte an den Küsten, die so genannten bygder, werden reihenweise aufgelöst, und die Bevölkerung wird in die Städte umgesiedelt, wo in den folgenden Jahren massive Betonblöcke als neue Wohneinheiten entstehen. Die mit dieser Assimilations- und Modernisierungspolitik einhergehende Entfremdungserfahrung prägt die kommenden Jahrzehnte. Teilweise werden Kinder von ihren grönländischen Eltern getrennt, um sie als neue grönländische Elite in Dänemark aufzuziehen. Zugleich wird, wie wir heute wissen, fast der Hälfte der jungen grönländischen Frauen zur Geburtenkontrolle eine Spirale eingesetzt, häufig ohne deren Wissen oder Zustimmung.
Die Missstände wachsen, und die bis heute hohe Selbstmordrate nimmt damals ihren Anfang. In der Literatur werden die Verlusterfahrungen zunehmend reflektiert, bei Hans Lynge oder Ole Korneliussen sowie bei zeitgenössischen Autoren wie Niviaq Korneliussen, die mit ihrem auch ins Deutsche übersetzten Roman „Das Tal der Blumen“ eine Diskussion auslöst.
Verlorene grönländische Kultur
Schon in den Siebzigerjahren sehen wir eine politische Unabhängigkeitsbewegung, die mit der Rückbesinnung auf eine verlorene grönländische Kultur einhergeht: Das Kajak, der Robbenfang, das sogenannte Ulo – ein traditionelles Messer zum Entfernen der Fettschicht von Tierfellen – bekommen einen symbolischen Status im Kampf um eine neue grönländische Identität und Selbständigkeit. Diese Rückbesinnung auf eine frühere grönländische Kultur verbindet sich dabei durchaus mit modernen Ausdrucksformen. Die Rockgruppe Sume etwa wird in den Siebzigern sehr populär gerade bei den Jüngeren.
Die Botschaft der Band, die ausschließlich auf Grönländisch singt, kann kaum missverstanden werden: Auf dem Cover der ersten LP ist ein Kupferstich aus dem neunzehnten Jahrhundert zu sehen, der einen grönländischen Jäger zeigt, der den abgeschnittenen Arm eines der früher auf Grönland siedelnden Nordmänner siegreich in die Höhe reckt. Zugleich ist Grönland schon in dieser Zeit eine komplexe, multiethnische Gesellschaft. In ihrem 2004 veröffentlichten Roman „Die Hungerkünstlerin“ erzählt die dänische Schriftstellerin Charlotte Inuk die grönländische Geschichte erstmals aus der Perspektive eines dänischen Mädchens, das Mitte der Siebzigerjahre mit ihrer Mutter nach Grönland kommt.
Die Erzählerin blickt nicht nur auf die sprachliche und kulturelle Vielfalt der grönländischen Gesellschaft, sondern zeigt zugleich auch darauf, wie sich in der Jugendkultur die Machthierarchien umdrehen: Hier sind die grönländischen Kinder und Jugendlichen dominierend, die dänischen Kinder werden dagegen durchweg als Repräsentanten der ehemaligen Kolonialmacht gelesen und kollektiv abgewertet. Zugleich entstehen vielfältige Zwischenräume, in denen die auf den ersten Blick harten Trennlinien überwunden werden, teilweise auch über die existierenden Sprachgrenzen hinweg. Immer wieder verständigen sich die Personen im Roman mit Versatzstücken verschiedener Sprachen, die sich mit nonverbalen Kommunikationsformen vermischen.
Verschiebung der Macht
Inuks Roman ist der Anfang einer Reihe von literarischen Werken, in denen dänische Autorinnen und Autoren, die teilweise in Grönland gelebt haben, ihre Sichtweisen auf den Alltag und politische Konflikte geben. Kim Leine und Iben Mondrup sind die wohl bekanntesten Repräsentanten dieses Zugangs. Zugleich tauchen gerade in der jüngeren Zeit neue künstlerisch-literarische Ausdrucksformen auf, die sich im Zwischenfeld zwischen dänischen und grönländischen Einflüssen bewegen. Beispielsweise verbindet die Performancekünstlerin und Autorin Jessie Kleemann in ihren deutlich avantgardistisch geprägten Texten grönländische Traditionen mit modernen Lyriktraditionen, häufig mehrsprachig: Dänisch, Grönländisch und Englisch fließen ineinander über, meist ohne Übersetzungen.
Politisch führt der Unabhängigkeitsdruck in der grönländischen Gesellschaft zunächst zur Einführung der sogenannten Hjemmestyre 1979. Im Jahr 2009 wird diese politische Teilautonomie durch ein weiteres Abkommen, das jetzt auch die prinzipielle Möglichkeit einer zukünftigen Unabhängigkeit erwähnt, noch erweitert. Die Herausforderungen des dänisch-grönländischen Verhältnisses werden durch diese Absprachen freilich kaum gelöst. Grönland ist nach wie vor Teil des dänischen Königreichs, und die noch immer existierenden Machthierarchien werden nur langsam abgebaut, wenn überhaupt. Auch wenn Grönländisch inzwischen offizielle Landessprache ist, dominiert die dänische Sprache nach wie vor in Teilen der Verwaltung, und Grönland ist nach wie vor von der finanziellen Unterstützung Dänemarks anhängig.
Die Geschichte der dänisch-grönländischen Verhältnisse spielt in den politischen Debatten heute eine wesentliche Rolle. Dabei zeigt sich eine deutliche Verschiebung der Machtverhältnisse: Nachdem man die grönländischen Positionen und Erfahrungen von dänischer Seite über viele Jahrzehnte eher stiefmütterlich behandelt hat, sehen wir jetzt eine neue Dynamik. Von grönländischer Seite wird der Möglichkeitsraum, der sich durch den Druck der Amerikaner ergibt, durchaus bewusst eingesetzt. Selbst in vermeintlich eindeutigen Bekenntnissen zur Einheit des Königreiches, der sogenannten rigsfællesskab, sind kleine Vorbehalte herauszuhören: Müssten wir uns „hier und jetzt“, so der grönländische Regierungschef Jens-Frederik Nielsen, zwischen Amerika und Dänemark entscheiden, würden sie sich zu Dänemark bekennen.
Der kleine Zusatz, der häufig überlesen wird, sollte ernst genommen werden. Auch wenn es keinerlei Tendenzen gibt, dass sich Grönland wirklich zu Trump orientieren will – laut Umfragen lehnen 85 Prozent der Bevölkerung einen Übertritt zu den Vereinigten Staaten ab –, ist die Andeutung der Möglichkeit neu: Die geopolitische Situation zwingt Dänemark heute erstmals, Grönland wirklich auf Augenhöhe zu behandeln. Und damit vielleicht auch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte stärker voranzutreiben.
Der Autor lehrt Kultur- und Literaturwissenschaft an der Syddansk Universitet Odense.https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/daenemarks-kolonialpolitik-in-groenland-wirkt-bis-heute-nach-110819602.html
The Economist, Book Review, January 16
Boffins v brutes : Did killers make the modern world?
A blockbuster history claims that violence drove the Industrial Revolution
The Killing Age. ByClifton Crais. University of Chicago Press; 664 pages; $39.50. Picador; 736 pages; £30
Quick Summary:
Reviewing The Killing Age by Clifton Crais, the article rejects the claim that violence and slavery drove the Industrial Revolution. While acknowledging capitalism’s brutal past, it argues that sustained growth came mainly from innovation, knowledge and technology—not killing—and that evidence cited by critics such as Steven Pinker better fits the historical record.
https://www.economist.com/culture/2026/01/15/did-killers-make-the-modern-world
Neue Zürcher Zeitung, January 15
Rosa Luxemburg ist zur Ikone der Linken geworden. Ein Vorbild für Toleranz ist sie allerdings nicht
Von Demokratie hielt sie wenig, und Gewalt war für sie legitim, solange sie im Sinn der Revolution stand: Am 15. Januar 1919 wurde Rosa Luxemburg von deutschen Freikorpssoldaten ermordet.
Full text:
Jahr für Jahr pilgern ein paar tausend Verehrer zu Rosa Luxemburgs Grab im Zentralfriedhof in Berlin. Mit Transparenten, auf denen «Klassenkampf & Sozialismus» steht. Oder «Free, free Palestine» und «Kampf dem Zionismus». An der Gedenkstätte im Friedhof findet eine Kundgebung statt. Es kommt regelmässig zu Ausschreitungen. Vergangenes Jahr zündeten Demonstrationsteilnehmer Pyros und griffen Einsatzkräfte an, die Polizei setzte Tränengas ein. Zwanzig Personen wurden festgenommen, zehn Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Rosa Luxemburg bewegt. Unter allen grossen Theoretikern der Linken ist niemand so populär wie sie. Karl Marx gilt als verkopft, Friedrich Engels als nicht fassbar und Lenin als zu dogmatisch. Höchstens Karl Liebknecht kann es mit Luxemburg aufnehmen. Aber auch nur, weil er meist in einem Atemzug mit ihr genannt wird. Rosa Luxemburg ist zum Markenzeichen geworden. Für Revolution, Kampf, Sozialismus. Und ihr gewaltsamer Tod hat sie zu einer Märtyrerin gemacht.
Da scheint es sich zu verbieten, nach Details zu fragen. Zumal von Rosa Luxemburg ein Satz lebendig geblieben ist, der mittlerweile zum Standardrepertoire politischer Sonntagsreden gehört: «Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden», so lautet er. Das klingt so staatsmännisch wie versöhnlich. Am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz sind die Worte in Messingbuchstaben in den Boden eingelassen. Oskar Lafontaine zitierte sie 2007 bei der Gründungsversammlung der Linkspartei.
Aber es sind bei weitem nicht nur linke Politiker, die sie gern in ihre Ansprachen einflechten. Immer dann, wenn es grundsätzlich wird. Als Aufruf zu Toleranz, Demokratie und offener Auseinandersetzung. Dass der Satz von einer Revolutionärin stammt, von der Mitgründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands, das macht ihn in den Augen derer, die ihn zitieren, umso gewichtiger. Als Zeichen dafür, dass auch dort, wo mit harten Bandagen gekämpft wird, der Respekt vor der anderen Meinung unantastbar bleiben soll.
«Die Festung schleifen»
Wenn der Satz nur so gemeint wäre. Denn man kann Rosa Luxemburg vieles nachsagen. Aber eine Demokratin war sie nicht. Im Gegenteil, sie verachtete die Demokratie. Im November 1918 schrieb sie in einem Leitartikel der «Roten Fahne», der Zeitung des militant linken Spartakusbundes: Die Nationalversammlung sei «ein überlebtes Erbstück bürgerlicher Revolutionen, eine Hülse ohne Inhalt, ein Requisit aus den Zeiten kleinbürgerlicher Illusionen vom einigen Volk, von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit des bürgerlichen Staats».
Wenige Tage vorher war Kaiser Wilhelm II. gestürzt worden, Deutschland versank im Chaos der Novemberrevolution. Und Rosa Luxemburg kämpfte für das, wofür sie gelebt hatte, seit sie zwanzig Jahre zuvor nach Deutschland gekommen war: den Sieg des Sozialismus, den Kampf gegen das Kapital. Sie wollte kein Parlament, keine freie, gleiche und geheime Wahl für die deutsche Nationalversammlung. Sondern eine Revolution, die zur Diktatur des Proletariats führte.
Jetzt sei der Augenblick gekommen, den man unter keinen Umständen verpassen dürfe, war sie überzeugt. Parlamente wären nur hinderlich, denn der «parlamentarische Kretinismus» lähme den Klassenkampf: «Die Nationalversammlung ist die gegenrevolutionäre Festung, die gegen das revolutionäre Proletariat aufgerichtet wird. Es gilt also, diese Festung zu berennen und zu schleifen», schrieb sie ein paar Wochen nach dem flammenden Aufruf gegen die Wahlen.
Das war durchaus wörtlich gemeint. Als es kurz darauf, im Januar 1919, zu bewaffneten Kämpfen kam und der linke Mob in Berlin mehrere Verlagshäuser besetzt hatte, heizte Luxemburg die Stimmung weiter an: Die Gegenrevolution müsse mit allen Mitteln bekämpft werden. Das bedeutete für sie: die Massen bewaffnen und alle Machtpositionen besetzen. Und vor allem auch: die gemässigten Sozialisten ausschalten, die die Lösung nicht in der Revolution sahen, sondern im parlamentarischen Kampf. Die Unabhängige Sozialistische Partei Deutschlands müsse «liquidiert» werden, schrieb sie.
Politisch verfolgt
Den Satz «Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden» hat Luxemburg tatsächlich geschrieben. Aber eigentlich nur so nebenhin. Er steht als Randbemerkung im Manuskript eines unvollendeten Textes über die Russische Revolution, der erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurde. Worauf er sich genau bezieht, wird nicht ganz klar. Und so viel steht fest: Luxemburg gestand die Freiheit, anders zu denken, ihren Gesinnungsgenossen zu. Aber nur so lange, wie sie den Gang der Revolution nicht hemmen. Und für «Klassenfeinde» galt sie ohnehin nicht. Ein Vorbild für Toleranz ist Rosa Luxemburg nicht. Auf dem Weg zur Diktatur wollte sie sich durch nichts aufhalten lassen.
Sie stammte aus dem Bürgertum, das sie später enteignen wollte. 1871 wurde sie in Zamość als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren, in dem Teil Polens, der damals zum Zarenreich gehörte. Sie war ein begabtes Kind, lernte schnell. Als sie fünf Jahre alt war, musste sie fast ein Jahr im Bett verbringen. Der Arzt hatte Knochentuberkulose diagnostiziert. Fälschlicherweise, wie sich nachträglich herausstellte. Als Rozalia, wie sie damals noch hiess, den Gips, in den man sie gezwängt hatte, ablegen durfte, war ein Bein verkürzt, was dazu führte, dass sie lebenslang hinkte.
Mit sechzehn wurde sie Sozialistin, mit siebzehn war sie wegen sozialistischer Agitation polizeilich gesucht. Die Verhaftung drohte, und im Dezember 1888 verliess sie Polen. Als politisch Verfolgte. Ihr Ziel war Zürich, eine der ganz wenigen Städte Europas, an deren Universität Frauen damals studieren durften. Sie immatrikulierte sich für das Studium der Naturwissenschaften. Zoologie und Botanik hatten schon an der Schule zu ihren Lieblingsfächern gehört. Noch als sie während des Ersten Weltkriegs in Haft war, bestimmte sie im Gefängnis Pflanzen und legte ein Herbar an.
Anfang der 1890er Jahre wandte sie sich der Nationalökonomie, der Philosophie und der Rechtswissenschaft zu und machte sich einen Spass daraus, ihren akademischen Lehrer, den renommierten Ökonomen Julius Wolff, in endlose Diskussionen über die Marxsche Wirtschaftstheorie zu verwickeln. Und sie führte den politischen Kampf weiter. Zürich war ein Zentrum der Emigranten aus ganz Europa. Vor allem für russische Intellektuelle. Zusammen mit ihrem Geliebten, dem Russen Leo Jogiches, beteiligte sie sich an der Gründung einer neuen marxistischen Partei für Polen und gab eine Zeitschrift heraus.
«Magnetismus im Blick»
Auf dem III. Internationalen Arbeiterkongress in Zürich hatte Luxemburg 1893 den ersten öffentlichen Auftritt. Die kleine, schmächtige Person habe «ihre Sache mit solchem Magnetismus im Blick und mit so flammenden Worten» vorgetragen, dass man sich der Magie kaum habe entziehen können, erinnerte sich der belgische Sozialist Émile Vandervelde später. Nachdem sie das Studium abgeschlossen hatte, zog es sie nach Deutschland. Dafür hatte sie allerdings keine Aufenthaltsbewilligung. Sie schloss eine Scheinehe, wurde deutsche Staatsbürgerin, zog nach Berlin, trat in die SPD ein und wurde zur Wortführerin des linken Flügels der Partei.
Sie war intellektuell brillant, eine glänzende Rednerin und eine der prominentesten Anhängerinnen des revolutionären Marxismus in Deutschland. In Debatten, an Sitzungen, auf Kundgebungen, Tagungen und in Zeitungsartikeln rief sie die Arbeiterklasse auf, die Macht zu übernehmen. Selbstverständlich mit Gewalt. Die Anhänger des auf Reformen und Demokratisierung ausgerichteten Teils der SPD verachtete sie. Mehrmals kam sie ins Gefängnis. Unter anderem, weil sie im September 1913 zu Kriegsdienst- und Befehlsverweigerung aufgerufen hatte. Unmittelbar nachdem sie die Strafe abgesessen hatte, wurde Rosa Luxemburg wieder in Haft genommen. Aus präventiven Gründen – der Erste Weltkrieg hatte bereits begonnen.
Anfang November 1918 wurde sie aus der Haft entlassen und rief erneut zum Umsturz auf. Sie und Karl Liebknecht waren die meistgehassten Gegner der Regierung und gefährdet. Sie wechselten in Berlin von einem Versteck zum anderen.
Nachdem ein Mitglied der provisorischen Regierung alle wehrfähigen Männer zur «Verteidigung der Republik» aufgerufen hatte, waren die beiden Freiwild. Am 15. Januar 1919 waren sie bei einer befreundeten Familie in der Mannheimer Strasse untergekommen. Kurz nach neun Uhr abends drangen Angehörige einer Bürgerwehr in die Wohnung ein und nahmen Luxemburg und Liebknecht gefangen. Einen Haftbefehl gab es nicht.
Sie wurden zur Vernehmung ins Eden-Hotel am Kurfürstendamm gebracht. Von dort sollten sie ins Gefängnis Moabit gefahren werden. Vorgeblich. Tatsächlich hatte Waldemar Pabst, der zuständige Hauptmann der Bürgerwehr, seinen Leuten eingeschärft, die beiden dürften nicht lebend dort ankommen. Bevor sie ins Auto stieg, versetzte ein Soldat Luxemburg mit dem Gewehrkolben einen Hieb, der sie in Ohnmacht fallen liess. Als das Auto anfuhr, sprang ein zweiter Mann herbei und erschoss sie aus nächster Nähe. Die Leiche wurde in den Landwehrkanal geworfen.
Erst vierzig Jahre später gab Waldemar Pabst öffentlich zu, für die Tötung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verantwortlich zu sein. Er habe sie «richten lassen», sagte er. Zur Verantwortung gezogen wurde er nie. Und Rosa Luxemburg war schon längst zur Ikone der Linken geworden. In Zürich soll nun ein Platz nach ihr benannt werden. Ihr Engagement für die Demokratie und ihre Kritik an autoritären Tendenzen innerhalb der sozialistischen Bewegung machten Rosa Luxemburg bis heute zu einer Symbolfigur, schreibt der Stadtrat dazu.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, January 14
Gespräch mit Birgit Aschmann: Die deutsche Liebe zur Natur – bloß ein Mythos?
Während Caspar David Friedrich romantische Wälder malte, begradigten andere den Rhein: Die Historikerin Birgit Aschmann über deutsche Naturverehrung.
Full text:
Frau Aschmann, der Titel Ihres neuen Buchs lautet „Die Deutschen und die Natur – Eine andere Geschichte des 19. Jahrhunderts“. Haben denn die Deutschen ein besonderes Verhältnis zur Natur?
Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Deutschen im neunzehnten Jahrhundert gegenüber der Natur verhalten haben, zeichnen sich unweigerlich nationale Besonderheiten ab. Wenn man danach fragen würde, wie Engländer oder Franzosen damals mit der Natur umgegangen sind, würde man ebenfalls ein „besonderes Verhältnis“ entdecken. Dennoch gibt es im deutschen Naturverhältnis Eigenheiten, die auch im internationalen Vergleich auffallen.
Könnten Sie ein Beispiel nennen?
Die Romantik war ein europäisches Projekt, aber die Innerlichkeit und der kontemplative Blick auf die Natur war bei deutschen Romantikern besonders ausgeprägt. Das wird in den Bildern Caspar David Friedrichs deutlich. Bei Friedrichs britischem Zeitgenossen William Turner steckt eine ganz andere Dramatik in den Gemälden, da wirkt die Natur gleich viel weniger beschaulich. Oder vergleichen Sie Friedrichs Bilder mit der revolutionären Drastik in Francisco Goyas „Saturn frisst seine Kinder“.
Im 20. Jahrhundert haben die Nationalsozialisten Caspar David Friedrich allerdings nicht nur aus Gründen der Beschaulichkeit verehrt.
Die propagandistische Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten kann Friedrich nicht angelastet werden. Zwar lassen sich patriotische Motive bei ihm finden, die vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege entstanden sind. Ein Bild wie „Der Chasseur im Walde“, das einen einsamen französischen Soldaten auf einer Lichtung zeigt, umgeben von deutschen Tannen, mag sich als Warnung an den Feind deuten lassen. Aufdringliche völkische Emotionen lassen sich hier aber nicht erkennen. Mit dem aggressiven nationalistischen Aktivismus eines Ernst Moritz Arndt oder eines Theodor Körner – beide gehörten zu Friedrichs Dresdner Umfeld – war das nicht vergleichbar.
Gab es einen Begriff von Natur, der besonders prägend für das neunzehnte Jahrhundert war?
Dazu war das Jahrhundert zu vielfältig. Für die romantische Naturverehrung gab es kanonische Stichwortgeber wie Spinoza, Rousseau und Schelling, die eine komplexe Ganzheitlichkeit beschworen. Allerdings stehen begriffs- und ideengeschichtliche Entwicklungen nicht im Zentrum meiner Untersuchung. Mir geht es um konkrete Handlungen, Gefühlsdynamiken, Projekte und Verhaltensweisen. Für die Industrialisierung oder die Rheinbegradigung spielten philosophische Konzepte keine nennenswerte Rolle, da wurde einfach gemacht. Man suchte nicht groß nach einer theoretischen Legitimation, um die Natur zu korrigieren oder auszubeuten.
Die Rheinbegradigung unter Leitung des badischen Ingenieurs Johann Gottfried Tulla war damals das größte europäische Wasserbauprojekt. Wie haben Zeitgenossen auf diesen massiven Umwelteingriff reagiert?
Das hing vom Zeitpunkt und von der Personengruppe ab. Das Projekt wurde 1817 begonnen und kam 1876 zum Abschluss. Tulla, der 1828 verstarb, leitete lediglich die erste Phase der Rheinbegradigung. Von Anfang an handelte es sich um eine sehr kontroverse Angelegenheit, weil es Verlierer und Gewinner gab. Nach der Begradigung des Flussbetts in Baden verlagerte sich die Hochwassergefahr flussabwärts. Hessen und Preußen protestierten, weil sie steigende Pegelstände fürchteten; das Projekt kam zwischenzeitlich zum Erliegen. Auch der Fischbestand im Rhein verringerte sich, und zahlreiche Fischer mussten sich umorientieren. Der Beruf des Goldwäschers am Rhein starb schließlich ganz aus.
Wie kam es dazu?
Die Bauarbeiten hatten zunächst sogar für ein erhöhtes Aufkommen von Goldpartikeln im Rhein gesorgt. Von 1817 an brachen sprichwörtlich goldene Zeiten an den Ufern des Flusses an. Nicht von ungefähr schrieb Richard Wagner das Libretto für seine Oper „Das Rheingold“ in den 1850er-Jahren. Doch nachdem der Rhein sein festes, künstlich angelegtes Bett eingenommen hatte, kamen die Goldfunde an ihr Ende. Dennoch überwogen in der Wahrnehmung des neunzehnten Jahrhunderts die Vorteile dieses Eingriffs.
Zu diesen Vorteilen zählten?
Die existenzielle Bedrohung durch regelmäßige Überflutungen am Oberrhein war vorbei. Damit konnten zugleich die Gebiete in Ufernähe für die Landwirtschaft genutzt werden. Auch bot der begradigte Fluss verbesserte Bedingungen für die Schifffahrt, was Industrie und Handel entgegenkam. Erst in den Siebzigern des zwanzigsten Jahrhunderts setzte ein Bewusstsein für die ökologischen Nachteile der Rheinbegradigung ein.
Sie zitieren Nietzsche, der schrieb: „Hybris ist heute unsere ganze Stellung zur Natur, unsere Natur-Vergewaltigung mit Hilfe der Maschinen und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit.“ Wie verbreitet war diese Ansicht damals?
Der Satz stammt aus „Zur Genealogie der Moral“ von 1887. Die Kritik an der „Natur-Vergewaltigung“ war damals noch weit davon entfernt, Mainstream zu sein. Aber es gab erste Naturschutzmaßnahmen. Man setzte sich dafür ein, bestimmte Areale zu bewahren. Der Begriff des „Naturdenkmals“ kam auf. Eine Infragestellung der Industrialisierung bedeutete das nicht. Bei der Nutzung fossiler Energien spielte Nachhaltigkeit keine Rolle, auf die die deutsche Forstwirtschaft so stolz war. Diese wurde im Übrigen auch im europäischen Kolonialismus geschätzt. Der Vorwurf gegenüber einheimischen „Naturvölkern“, mit den regionalen Ressourcen nicht nachhaltig umzugehen, diente auch der Legitimierung deutscher Kolonialherrschaft. Dabei zielte dieser „schonende“ Umgang mit der Natur letztlich darauf, die wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonien über lange Zeit zu sichern.
Gab es Ereignisse, die den Machbarkeitswahn im neunzehnten Jahrhundert nennenswert irritiert haben?
Vor allem die Cholera-Epidemie, die 1831 erstmals nach Deutschland kam, war eine enorme Herausforderung für den Fortschrittsglauben. Die Natur zeigte sich hier von ihrer bedrohlichsten und am schwierigsten zu bezähmenden Seite. Daher steht die Cholera beispielhaft für die Angst vor der Natur. Lange wusste man nichts Genaues über die Infektionswege. Zwischen 1830 und 1900 starben in Europa weit mehr Menschen durch Infektionskrankheiten als durch Waffengewalt im Krieg.
Wie sah der Umgang mit Seuchen in Deutschland aus?
Bei der Seuchenbekämpfung gab es verschiedene Paradigmenwechsel. Die hygienische Revolution zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde an dessen Ende von der bakteriologischen Revolution abgelöst. Als es nicht zuletzt Robert Koch gelang, kleinste Lebewesen unter dem Mikroskop zu erkennen, verlagerte sich die Stoßrichtung vom Kampf für Stadthygiene auf jenen gegen einzelne konkrete Mikroorganismen. Es war der Siegeszug der Labormedizin, gegen die sich wiederum die Lebensreform richtete.
Die Lebensreform ging Ende des Jahrhunderts auf maximale Distanz zum Geist der Industrialisierung. Offenkundig knüpfte man an die romantische Naturverehrung an. Worin unterscheiden sich Lebensreform und Romantik?
Bei der Lebensreform stand der menschliche Körper im Fokus, auch die praktische Komponente und der (wenn auch versteckte) gesellschaftsverändernde Anspruch waren stärker ausgeprägt als bei den Romantikern. Allerdings ist „Lebensreform“ ein Sammelbegriff für sehr verschiedenartige Veranstaltungen, die sich dem „Zurück zur Natur“ verschrieben haben. Die drei Hauptsäulen waren Naturheilkunde, Freikörperkultur und Vegetarismus. Bei vielen Lebensreformern wurzelte die starke emotionale Aufladung der Natur in einer religiösen und politischen Dissidenz.
Inwiefern spielte die politische und religiöse Dissidenz bei Lebensreformern eine Rolle?
Exemplarisch ist der Werdegang von Eduard Baltzer, einem Wegbereiter des Vegetarismus in Deutschland. Nach dem Theologiestudium gelang es Baltzer nicht, in der evangelischen Landeskirche als Pastor Fuß zu fassen, er gründete eine freikirchliche Gemeinde. Prägend war auch die Erfahrung des Scheiterns der Revolution von 1848, deren leidenschaftlicher Anhänger Baltzer war. Später suchte er nach neuen Möglichkeiten der Gesellschaftsveränderung und setzte beim Individuum und bei dessen Ernährung an. Baltzer gründete einen Vegetarier-Verein und gab die erste deutschsprachige Vegetarier-Zeitschrift heraus. Seine Ernährungslehre hat Züge einer Ersatzreligion.
Charles Darwin gehört zu den bedeutendsten Naturwissenschaftlern des neunzehnten Jahrhunderts. Wie wurde seine Evolutionstheorie in Deutschland aufgenommen?
Der wohl einflussreichste Popularisierer der Evolutionstheorie hierzulande war der Zoologe Ernst Haeckel. Er beschränkte sich nicht auf reine Vermittlungsarbeit, sondern verstärkte den Gedanken vom „Kampf ums Dasein“, der bei Darwin vergleichsweise zurückhaltend formuliert ist. Haeckel übertrug biologische Vorstellungen auf gesellschaftliche Verhältnisse. Dieser Sozialdarwinismus prägte im Wilhelminismus weite Kreise. Auch förderte Haeckel Autoren, die seine Thesen noch mal radikalisierten, beispielsweise Wilhelm Schallmayer, einer der Wegbereiter der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“.
Vom allzu Offensichtlichem wie Klimaschutz, Reformhäusern oder Outdoor-Tourismus mal abgesehen – welche Verhaltensweisen, die man im neunzehnten Jahrhundert gegenüber der Natur an den Tag legte, wirken heute nach?
Die Ambivalenz von damals gibt es noch heute. Angebote wie Seminare zum „Waldbaden“ illustrieren Tendenzen der Verehrung der Natur. Corona zeigte hingegen die Aktualität der Angst vor unberechenbaren Mikroben. Auch die industrielle Ausbeutung der Natur wird etwa in der globalen Jagd nach Seltenen Erden fortgesetzt. Und der Wille, die Natur zu korrigieren, findet sich in Schönheitsoperationen ebenso wie in den Initiativen, mittels Genschere das Erbgut von Pflanzen, Tieren oder sogar Menschen zu „verbessern“.
In Ihrem Buch wird deutlich, wie verschiedenartig, aber auch wie willkürlich, konstruiert und missbrauchsanfällig unser Verständnis von Natur ist. Können Sie sich eigentlich noch während eines Waldspaziergangs erholen?
Aber ja! Das Bedürfnis, die Lungen mit frischer Luft zu füllen und sich in der freien Natur zu bewegen, ist nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein physiologisches. Der Mensch ist eben nicht nur „Kultur“, sondern auch „Natur“.
Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Berliner Humboldt-Universität. Ihr Buch „Die Deutschen und die Natur – Eine andere Geschichte des 19. Jahrhunderts“ (720 S., geb., 38,– €) ist im Propyläen-Verlag erschienen.
Le Figaro, Book Review, January 12
Jean Sévillia: «Le maréchal Bugeaud désormais traité en criminel, Histoire ou idéologie?»
CHRONIQUE – On débaptise écoles et rues portant le nom du conquérant de l’Algérie.
Full text:
En 1997, Jean-Pierre Bois, un spécialiste d’histoire militaire, publiait une biographie du maréchal Bugeaud. Dans ce livre toujours disponible (Fayard, 636 p., 39 €), on découvrait la carrière de celui qui, nommé gouverneur général de l’Algérie en 1840, fut l’artisan de la conquête de la nouvelle colonie. Il y avait servi dès 1836 mais, revenu en France, avait rédigé un rapport dans lequel il déconseillait de s’investir plus avant dans ce pays, déplorant une « possession onéreuse dont la nation serait bien aise d’être débarrassée ».
Cependant, chargé de faire la guerre à Abd el-Kader, il la fit comme il l’avait appris dans les armées de Napoléon : en Espagne, explique Jean-Pierre Bois, il avait acquis « la double expérience de la grande guerre et de la petite guerre qui […] multiplie les petits coups, conduits avec une poignée d’hommes […], une guerre cruelle, sans prisonniers ». Villages incendiés, récoltes détruites, tribus razziées, cette guérilla n’épargna ni les biens ni les personnes, pas même les femmes et les enfants.
Tout en construisant des routes, des ponts et des bourgs et en implantant des exploitations agricoles, le colonisateur Bugeaud finit par être militairement vainqueur, mais au prix de méthodes qui provoquèrent son rappel car elles firent scandale en France, notamment le sinistre épisode de l’enfumage des grottes du Dahra : on n’a pas attendu le XXe siècle pour savoir que Bugeaud n’était pas un enfant de chœur. Cela n’empêche pas Colette Zytnicki de publier un ouvrage qui étudie seulement la période où celui-ci servit outre-Méditerranée.
Le sous-titre résume l’esprit du livre : La France et les crimes de la conquête coloniale en Algérie. Oubliée la comptine de notre enfance, Bugeaud, l’homme à la casquette, est devenu « le symbole de la barbarie coloniale et militariste ». Entre manichéisme (Abd el-Kader fit-il la guerre en dentelles ?) et anachronisme moralisateur (on peut le déplorer, mais la majorité des Européens du XIXe siècle considéraient les guerres de conquête comme légitimes), son ouvrage est un réquisitoire militant empreint d’idéologie. Mieux vaut relire Jean-Pierre Bois.
The Conversation, January 8
François Mitterrand, impossible héros de la gauche ?
François Mitterrand disparaissait il y a trente ans, le 8 janvier 1996. Premier président de gauche sous la Vᵉ République (de 1981 à 1995), il reste omniprésent dans l’imaginaire français, comme en témoignent de nombreux films ou livres qui lui sont régulièrement consacrés. Malgré d’importantes réformes (abolition de la peine de mort, retraite à 60 ans, RMI…), son legs politique est complexe à assumer à gauche, le parcours de l’homme étant entaché de zones sombres (Vichy, le colonialisme) et d’un soupçon permanent d’insincérité ou de trahison des idéaux qui l’ont porté au pouvoir (rupture avec le capitalisme). Quels sont les apports récents de la recherche à ce sujet ?
Full text:
En 2016, le centenaire de la naissance de François Mitterrand et les vingt ans de sa disparition avaient donné lieu à de nombreuses commémorations et publications. Dix ans plus tard, de nouvelles recherches ont revisité l’histoire mitterrandienne en s’appuyant notamment sur des sources inédites publiées, à l’image des Lettres à Anne et du Journal pour Anne (2016), ou déposées en archives. Outre sa place croissante dans la littérature scientifique, François Mitterrand s’est aussi installé dans le paysage fictionnel français, dans le Promeneur du Champ-de-Mars (2005), les Saveurs du palais (2012), l’Inconnu de la Grande Arche (2025), dans les séries Bardot (2023) et Tapie (2023), ou, actuellement dans Mitterrand confidentiel, diffusée sur France 2. À travers ces récits, auxquels s’ajoutent des témoignages comme le documentaire écrit par sa fille Mazarine, François Mitterrand, une autre vie possible (2025) , cette figure de la politique française du second vingtième siècle peuple toujours puissamment les imaginaires de nos contemporains. Si sa biographie est désormais bien connue, son héritage, sans cesse réinterrogé, demeure marqué par une forte charge polémique et émotionnelle qui fait obstacle à une héroïsation partisane.
En effet, dans le panthéon de la gauche socialiste, on compte Jean Jaurès (1859-1914), Léon Blum (1872-1950), et, de manière moins évidente, François Mitterrand. Jean Jaurès est célébré comme le grand pacifiste internationaliste, le socialiste républicain, le défenseur des ouvriers de Carmaux. Léon Blum, c’est le choix de l’exercice du pouvoir en démocratie, le Front populaire et ses conquêtes, le combat contre l’antisémitisme et contre Vichy. François Mitterrand est le socialiste qui a le plus longtemps exercé le pouvoir en France : quatorze ans à l’Elysée. Mais la complexité de son parcours l’empêche d’incarner le héros de gauche « idéal ». S’il a longtemps œuvré à contrôler le récit de son parcours, la fin de son dernier septennat et de sa vie est marquée par des révélations tant privées (sa maladie, sa fille cachée) que politiques – notamment la publication d’Une jeunesse française, par Pierre Péan, en 1994, qui révèle à beaucoup son passé durant la Seconde Guerre mondiale.
Trois dossiers principaux – la Seconde Guerre mondiale, la politique (néo)coloniale de la France en Afrique et le rapport au capitalisme – font, selon nous, obstacle à un rapport apaisé de la gauche à François Mitterrand.
Mitterrand et la Seconde Guerre mondiale
Le premier sujet problématique concerne les rôles que François Mitterrand joua durant la période vichyste : la photographie prise avec Pétain le 15 octobre 1942, sa décoration de la francisque en avril 1943, sa relation avec René Bousquet notamment agitent encore régulièrement la sphère éditoriale et médiatique, alors même que l’essentiel des faits est connu de longue date.
Né dans la bourgeoisie charentaise en 1916, François Mitterrand s’engage, étudiant, en politique dans la droite ultraconservatrice de la ligue des Croix-de-Feu du colonel de La Rocque. Mobilisé en 1940, fait prisonnier, il s’évade d’Allemagne, trouve un emploi par ses réseaux familiaux dans l’administration de Vichy, adhère à la Révolution nationale sans être antisémite. Puis il entre progressivement en résistance en 1943 par patriotisme anti-allemand et bascule totalement dans la Résistance en novembre 1943. À la Libération, il s’ancre progressivement et définitivement à gauche.
Beaucoup de ces éléments étaient connus de ses contemporains. L’historienne Noëlline Castagnez a montré que, dès les années 1950, les bancs de droite de l’Assemblée nationale bruissent de l’insulte « francisque Mitterrand » et que durant la campagne présidentielle de 1965, c’est de Gaulle lui-même qui choisit de ne pas se servir de cet élément pour ne pas affaiblir le mythe de la France résistante ou la Ve République. À côté des réécritures ou « recompositions » de Mitterrand lui-même, l’histoire des oublis et (re)découvertes de son passage par Vichy est donc aussi celle des arbitrages de ses alliés et adversaires.
Le choc de la publication d’Une jeunesse française, du journaliste Pierre Péan, en 1994, sera particulièrement fort pour les jeunes socialistes, percevant leur parti comme un rempart homogène contre l’extrême droite depuis les années 1930, élevés dans le mythe résistancialiste selon le terme d’Henry Rousso, et découvrant progressivement, comme l’opinion, l’existence de « vichysto-résistants ».
Ce passé mitterrandien est toujours entouré d’un halo sulfureux, car certains y voient le « péché originel » d’un homme dont le parcours militant est perçu comme insincère, structuré seulement par son ambition.
Mitterrand et le colonialisme
Le rôle de François Mitterrand dans la politique coloniale puis néocoloniale française est un deuxième obstacle mémoriel majeur à la pleine revendication de son héritage à gauche. Cet aspect de sa vie politique a, en effet, fait l’objet d’une percée historiographique et éditoriale dans les années 2024-2025 (avec les travaux d’Anne-Laure Ollivier et Frédéric Turpin, de Thomas Deltombe, de Pascal Blanchard et Nicolas Bancel). Si, à l’issue de ces travaux, de réelles nouveautés ont été mises en lumière, à l’image d’un récit de voyage en Afrique subsaharienne tenu par Mitterrand entre janvier et février 1950, et que nous avons édité, l’essentiel était connu pour qui s’intéressait à la question.
François Mitterrand avait notamment été ministre de la France d’outre-mer en 1950 et ministre de l’intérieur en 1954, c’est à ce titre qu’il déclare que « l’Algérie, c’est la France », formule alors plutôt consensuelle parmi les forces de gouvernement (et non slogan des ultras de l’Algérie française), puis garde des Sceaux en 1956-1957. Sa dureté à ce poste a notamment été mise en lumière par Benjamin Stora et François Malye en 2010.
L’actualité éditoriale mitterrandienne à ce sujet s’explique par la vivacité des questions mémorielles postcoloniales et par les avancées historiennes sur le rôle la France en Afrique, et notamment la remise en 2021 du rapport de la Commission Duclert sur « La France, le Rwanda et le génocide des Tutsi (1990-1994) ». Ministre colonial de 1950, leader d’un parti anticolonial en 1971, président du discours tiers-mondiste dit de Cancún en 1981 et chef d’État en responsabilité au moment du génocide des Tutsis en 1994 : le parcours de François Mitterrand peut être réduit par des militants déçus ou par des opposants à celui d’un homme fondamentalement de droite passé de colonial à néocolonial.
Les historiens, eux, tentent de contextualiser chacune de ces séquences et en soulignent les continuités de manière plus fine : en 1950, dans un monde politique où la décolonisation est une option très marginale, même à gauche, Mitterrand est un colonial réformiste et progressiste. Comme nous l’avons montré en 1971, il endosse assez peu le programme tiers-mondiste du PS, porté par des experts issus de la gauche chrétienne qui n’ont jamais totalement eu son attention. Ses grilles de lecture et alliances forgées à l’époque coloniale perdurent alors discrètement, sans que ce soit un sujet pour la majorité de l’électorat de gauche : le rapport des candidats au passé colonial français ne fut pas un enjeu de la campagne présidentielle de 1981.
Mitterrand et le capitalisme
Un troisième dossier nourrit négativement son bilan et alimente à gauche son procès en traîtrise : c’est celui de l’absence de rupture avec le capitalisme. C’est en effet sur cette idée forte, centrale dans la doctrine socialiste, qu’il conquiert la tête du PS, proclamant à la tribune du congrès d’Épinay en 1971 : « Celui qui n’accepte pas la rupture […] avec la société capitaliste, celui-là, je le dis, il ne peut pas être adhérent du Parti socialiste. »
Or à cette promesse, qui contribue à l’union de la gauche (1972-1977) et porte l’espoir et le vote de beaucoup à gauche en mai 1981, répond l’annonce très dramatisée du « tournant de la rigueur », le 21 mars 1983. À cette date, le franc est dévalué pour la troisième fois par les socialistes et maintenu dans le système monétaire européen (SME). Ce choix mitterrandien est vécu par certains comme celui de la raison et de l’Europe. Pour d’autres, il signe, par-delà le refus d’une « autre politique » monétaire, la fin du volontarisme social et économique socialiste, le triomphe « des marchés » et celui de l’Europe libérale. L’adoption du traité de Maastricht par référendum à une courte majorité, en septembre 1992, en dépit du fort engagement personnel de François Mitterrand, confirme cette prééminence européenne et libérale du cap présidentiel pour les déçus de 1983. Si la réalité économique et la chronologie de ce « tournant » ont été relativisées par les historiens, à l’instar de Frédéric Bozo qui dans un ouvrage récent revient sur cette « névrose nationale », ce moment reste particulièrement douloureux dans l’histoire de la gauche.
Si le bilan mitterrandien existe, par-delà 1983, (on songe par exemple à la création du revenu minimum d’insertion en 1988), le traumatisme ressenti à l’annonce du « tournant » introduit de fait une fracture qui sépare, d’une part, les grandes mesures de 1981-1982 (on citera pêle-mêle l’abolition de la peine de mort, les nationalisations, la 5ᵉ semaine de congés payés, la semaine de 39 heures, la décentralisation, la retraite à 60 ans, la réforme de l’audiovisuel, les lois Auroux) et, d’autre part, la rigueur, les cohabitations et un second septennat plus marquant sur le plan diplomatique qu’intérieur. À un temps « socialiste » s’opposerait ainsi un temps plus « gaullo-mitterrandiste », qui l’éloigne de la filiation de Jaurès et de Blum.
Le troisième président préféré des Français
En 2026, la peur du retour au pouvoir de l’extrême droite, la polarisation par celle-ci du débat public sur les questions postcoloniales, migratoires et identitaires, l’aggravation continue des crises économiques, politiques, européennes sont des enjeux face auxquels l’héritage mitterrandien ne semble pas le plus univoque et efficace pour la gauche et les socialistes contemporains. La dynamique d’« union de la gauche » qui a porté Mitterrand au pouvoir, au détriment de ses partenaires, n’offre pas non plus de modèle réactivable, au contraire du plus lointain et aussi plus fantasmé « front populaire ».
En 2021, un sondage Ifop classait François Mitterrand troisième président de la République préféré des Français. En tête du classement, de Gaulle, héros national et seul président à avoir fondé une famille politique se revendiquant de manière pérenne de son héritage. En second, le gaulliste Jacques Chirac, qu’une vague de nostalgie avait érigé dès les années 2010 en icône « swag » (stylé, cool), et dont la disparition en 2019 avait suscité une forte émotion. François Mitterrand arrivait cependant largement en tête parmi les sympathisants de gauche.
À l’image de la panthéonisation en 2025 de Robert Badinter, son ami et ministre, qui consacre une part de l’héritage socialiste et humaniste de 1981, on peut ainsi supposer que la mémoire militante, comme la mémoire nationale, continuera à exercer sur le bilan mitterrandien ce « droit d’inventaire » – revendiqué par Lionel Jospin dès 1995 et par François Hollande en 2009 – en sélectionnant ce qui peut, aujourd’hui encore, être rassembleur.
Judith Bonnin est l’autrice, avec Pierre-Emmanuel Guigo, de Mitterrand, à paraître le 13 janvier 2026 aux PUF
https://theconversation.com/francois-mitterrand-impossible-heros-de-la-gauche-272710
Neue Zürcher Zeitung, Book Review, January 8
Hitlers Mann fürs Grobe: Göring war ein brutaler Despot und ausschweifender Charakter – aber bei den Deutschen beliebt
Hermann Göring war die Nummer zwei im nationalsozialistischen Machtapparat und direkt verantwortlich für die Vernichtung der Juden: Andreas Molitor erzählt in seiner Biografie, wie der Lebemann zum Kriegsverbrecher wurde.
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Die Auseinandersetzung mit den zentralen Akteuren des Nationalsozialismus stellt Autoren immer wieder vor das gleiche Problem: Wie kann man die Biografie von Menschen schreiben, deren Verbrechen ausser Frage stehen, ohne ihr ganzes Leben als Weg zu diesen Verbrechen zu erzählen? Kann man solchen Menschen Gerechtigkeit widerfahren lassen? Und was heisst das? Die Frage stellt sich auch im Fall Hermann Görings, über den der Journalist Andreas Molitor nun eine umfassende Biografie vorgelegt hat.
Der verbrecherische Charakter des langjährigen engsten Wegbegleiters Adolf Hitlers, der zeitweise sogar als dessen Nachfolger galt, ist hinlänglich bekannt und durch zahlreiche Quellen belegt. Molitor erinnert zwar daran, dass Göring zu Lebzeiten aufgrund seiner leutseligen Art in der Bevölkerung mehr Sympathien genoss als andere Spitzenfiguren des NS-Regimes, etwa Goebbels, Bormann oder sogar Hitler selbst, deren Bürgernähe sich in Grenzen hielt.
Doch es bleibt unbestritten: Göring war ein brutaler Despot und massgeblich verantwortlich für die Verbrechen des «Dritten Reichs». Er war direkt beteiligt an den Beschlüssen, die zur Unterdrückung, zur Vertreibung und schliesslich zur Vernichtung der europäischen Juden führten. Am Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/1946 war Göring für die gesamte Welt das prägende Gesicht des Nationalsozialismus.
Bei der Lektüre von Molitors Buch glaubt man zu spüren, wie erleichtert der Autor war, als er bei der Erzählung sicheren Boden unter den Füssen hatte: ab den frühen 1920er Jahren, als sich Göring der NSDAP zuwandte. Der mehrfach ausgezeichnete Weltkriegsveteran wurde rasch zu einem Aushängeschild der Partei. Er galt als Mann fürs Grobe, weshalb Hitler ihm 1923 die Führung der SA übertrug, der im Strassenkampf gestählten paramilitärischen Schutztruppe der Partei. Damit sind die Fronten geklärt, und Molitors Ausführungen gewinnen erkennbar an Souveränität.
Ein paar Millimeter
Molitor erzählt das Leben Görings anhand der bekannten Literatur. Neue Primärquellen liefert das Buch nicht. Im Münchner Hitler-Ludendorff-Putsch 1923 wurde Göring in vorderster Reihe angeschossen. Die Kugel verfehlte die Hauptschlagader nur um wenige Millimeter. In Österreich erholte er sich von der Verletzung und verfiel dabei dem Morphium.
Das Image des Morphinisten hing ihm bis zu seinem Tod an – befördert von seinem Dauerrivalen Goebbels, der ihn damit bei Hitler diskreditierte. Molitor zeigt allerdings, dass Göring ab den späten 1920er Jahren seine Morphiumsucht im Griff hatte. Nach dem gescheiterten Putschversuch verdingte er sich zeitweise als Pilot und Kunstflieger, bevor er 1928 ein Reichstagsmandat für die NSDAP errang und nebenbei als gut dotierter Lobbyist für die Lufthansa tätig war.
In den Folgejahren avancierte Göring nach und nach zu einem entscheidenden Mitgestalter der nationalsozialistischen Bewegung und des NS-Staates: zunächst als Reichstagspräsident, nach Regierungsantritt 1933 dann als preussischer Ministerpräsident, Reichsluftfahrtminister und schliesslich, ab 1936, als Verantwortlicher für den Vierjahresplan, mit dem die deutsche Wirtschaft kriegstauglich gemacht werden sollte.
Im Gegensatz zu anderen NS-Führern war ideologische Haarspalterei nicht Görings Sache. Er war seit den Nachkriegsjahren ein dezidierter Antisemit, doch zielte er darauf ab, die Ausgrenzung, Vertreibung und Vernichtung der Juden mit der Enteignung ihres Besitzes zu verbinden. Sein Antisemitismus war mit einer klaren Bereicherungsabsicht verbunden.
Der Stellvertreter
Bezeichnend war seine Haltung anlässlich der Pogrome 1938, deren materielle Zerstörungswut er ablehnte: «Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und nicht solche Werte vernichtet.» Görings wichtigstes Ziel war die Gestaltung einer Kriegswirtschaft im Frieden. Dem ordnete es alles andere unter; mit dem Resultat, dass nur ein Krieg die daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Verwerfungen beseitigen konnte.
Gleichwohl hatte Göring, auch darauf weist Molitor hin, den Zenit seiner Macht 1938 bereits überschritten. Sein ausufernder, zügelloser und dekadenter Lebensstil war Hitler seit je suspekt gewesen. Als Göring sich 1938 im Zuge der Sudetenkrise für einen Ausgleich mit Grossbritannien einsetzte, da er Deutschland als noch nicht bereit für den Krieg ansah, nahm Hitler, der den Krieg wollte, ihm das persönlich übel.
Dass Göring dennoch bis 1945 in hohen Machtpositionen verblieb und formal sogar als Hitlers Stellvertreter firmierte, änderte nichts an der Tatsache, dass sein Einfluss kontinuierlich abnahm. Dies wurde zusätzlich befördert durch das wiederholte Versagen der deutschen Luftwaffe, das Göring angelastet wurde. Etwa bei der gescheiterten Invasion Englands 1940 oder der Versorgung deutscher Truppen in Stalingrad im Winter 1942. Der Grund dafür war, dass das System den in der Bevölkerung populären Göring brauchte.
Hitler beschränkte den persönlichen Kontakt mit ihm auf ein Minimum. An den Berghof-Runden am Obersalzberg nahm Göring nicht teil. Währenddessen wandte er sich seinen privaten Neigungen zu, veranstaltete ausufernde Jagdgesellschaften und trug an seinem nördlich von Berlin gelegenen Landsitz Carinhall eine gigantische Sammlung von Raubkunst zusammen. Bei Kriegsende umfasste sie mehr als 1700 Werke, darunter mehr als sechzig Gemälde des Renaissancemalers Lucas Cranach des Älteren.
Masslos zornig
Zum endgültigen Bruch zwischen Hitler und Göring kam es in den letzten Kriegstagen, als Göring sich für die Nachfolge des Diktators in Position brachte. Dass Hitler dies als Hochverrat wertete, dürfte Göring, der seinem «Führer» stets mit devoter Loyalität begegnet war, ernsthaft erschüttert haben.
So überzeugend Molitors Darstellung ab Görings Hinwendung zum Nationalsozialismus ist, so problematisch geraten seine Ausführungen bis zu diesem Punkt. Bei der Beschreibung der Kindheit verheddert er sich in psychologisierenden Interpretationen des in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsenen, aber von seinen Eltern vernachlässigten Jungen.
Molitor zitiert ältere Biografien und Berichte von Zeitzeugen, die bereits dem Zehnjährigen Zügellosigkeit, masslosen Zorn und tyrannisches Verhalten attestieren; später dann einen Hang zur Manipulation und Unterdrückung seines Umfelds sowie eine Vorliebe für Kriegsspiele, an denen er sich nur so lange beteiligte, wie niemand seinen Führungsanspruch infrage stellte.
Nach der Kadettenanstalt und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, den Göring wie viele Zeitgenossen enthusiastisch begrüsste, liess er sich bei der neu gegründeten Luftwaffe zum Kampfpiloten ausbilden. Gegen Kriegsende wurde er als besonders wagemutiger Flieger hoch dekoriert und zum Kommandeur des legendären Jagdgeschwaders 1 befördert – jener Einheit, der zuvor kein Geringerer als Manfred von Richthofen, der «Rote Baron», vorgestanden hatte.
Freude am Töten
Molitor versteht Göring nicht als Vertreter seiner Epoche – ehrgeizig, draufgängerisch und nationalistisch wie Millionen andere junge Männer jener Zeit –, sondern konzentriert sich auf eine individualpsychologische Deutung. Und zeichnet den skrupellosen Nazi schon als jungen Mann als jemanden, der sich am Töten aus der Distanz erfreute und aus der Kanzel seines Flugzeugs «erbarmungslos Jagd auf alles [machte], was sich unter ihm bewegt oder in den Schützengräben kauert».
Das Bild des späteren Verbrechers scheint damit schon in der Darstellung von Görings früher Lebensphase durch. Mit dem paradoxen Nebeneffekt, dass die Pathologisierung des Kindes und des jungen Manns den späteren Massenmörder eher entlastet. Vor allem erklären Görings Charaktereigenschaften nicht alles. Es waren auch und ganz massgeblich die Zeitumstände, die Göring, wie Millionen andere Menschen des Naziregimes, zum Täter machten. Das lässt seine Verbrechen umso monströser erscheinen.
Andreas Molitor: Hermann Göring. Macht und Exzess. Eine Biografie. C.-H.-Beck-Verlag, München 2025. 411 S., Fr. 45.90.
Neue Zürcher Zeitung, January 7
Wer half NS-Kriegsverbrechern wie Adolf Eichmann bei ihrer Flucht nach Argentinien? Die Antwort könnte in den dortigen Archiven liegen
Im Kalten Krieg wurde die geheimnisvolle Odessa-Organisation für die Flucht von NS-Verbrechern verantwortlich gemacht. Historiker halten dies für widerlegt. Zwielichtig ist die Rolle von Argentiniens Präsident Perón.
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Eine hohe Mauer mit einem mächtigen Eisentor versperrt die Sicht auf das Grundstück in der Calle Garibaldi 6067 in San Fernando, einem Vorort von Buenos Aires. Ja, dort habe der Nazi gewohnt, bestätigt ein Nachbar, doch sei das Haus vor vielen Jahren abgerissen worden. Jetzt diene das Grundstück als Parkplatz. Vor dem Tor stapelt sich Müll, in dem streunende Hunde wühlen.
Um die Ecke, auf der heutigen Avenida Hipólito Yrigoyen, hielt am 11. Mai 1960 gegen 20 Uhr der Bus der Linie 203, mit dem Ricardo Klement von seiner Arbeit bei Mercedes-Benz Argentina kam. Sein Haus stand allein auf einem Feld.
In der Dunkelheit überwältigten ihn Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad und brachten ihn in ihr Versteck. Dort gab Klement zu, in Wahrheit Adolf Eichmann zu sein. Elf Tage später brachte der Mossad einen der Hauptverantwortlichen des Holocaust nach Israel, wo er 1962 nach einem spektakulären Prozess hingerichtet wurde.
Im Holocaust-Museum in Buenos Aires sind Fotos zu sehen, die der Mossad während der Planung von Eichmanns Entführung machte. Anhand der ungewöhnlichen Rundung seines linken Ohrs hätten sie ihn identifiziert, sagt Marcia Ras, die Historikerin des Museums.
Allerdings hätten seine ärmlichen Lebensumstände – sein Haus hatte weder fliessend Wasser noch Strom – die Agenten zunächst daran zweifeln lassen, tatsächlich Eichmann aufgespürt zu haben. Schliesslich vermutete man, dass NS-Verbrecher wie er Teil einer mächtigen Organisation seien.
Die «grösste Fluchtorganisation der Weltgeschichte»
Allen voran das US-Militär ging nach Kriegsende Gerüchten über eine organisierte Massenflucht von Nazis nach, jedoch ohne Konkretes zu finden. Es war der Holocaust-Überlebende und «Nazi-Jäger» Simon Wiesenthal, der die vielen losen Enden der damals zirkulierenden Geschichten zusammenband. So schleuste eine «Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen», kurz Odessa, NS-Verbrecher unter Mithilfe des Vatikans, des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und der Regierungen Spaniens, Italiens und Argentiniens in das südamerikanische Land.
Dort sollten sich die Geflüchteten auf eine Rückkehr nach Deutschland vorbereiten, um das «Vierte Reich» auszurufen. Bereits im August 1944, neun Monate vor Kriegsende, sollen NS-Grössen und Grossunternehmer im Angesicht der drohenden Niederlage in Strassburg die Massenflucht sowie den Transfer von Entwürfen neuer Wunderwaffen und Vermögenswerten nach Argentinien geplant haben.
«So, wie sie den Massenmord auf perfekte Weise organisiert hatten, organisierten sie nun auf perfekte Weise die Flucht der Mörder», schrieb Wiesenthal in seinem Buch «Recht, nicht Rache». Sein Narrativ der «grössten Fluchtorganisation der Weltgeschichte» verdankte seine Popularität vor allem dem 1972 von Frederick Forsyth veröffentlichten Bestseller «Die Akte Odessa», der unter Mithilfe Wiesenthals entstand und von düsteren NS-Netzwerken in Argentinien handelt.
Dieses Narrativ verfing auch deshalb, weil es in Argentinien tatsächlich viele Sympathien für Hitler und seinen Kampf gegen den Kommunismus gab – sowohl in den deutschen Auswanderergemeinden als auch unter den Regierenden. Die Alliierten versuchten im Krieg, dies auszunutzen, und behaupteten Ende 1944, dass sich führende Nazis bereits nach Argentinien abgesetzt hätten. Damit hoffte man, die Kampfmoral der Wehrmacht zu schwächen.
Der mit Kriegsende aufziehende Ost-West-Konflikt liess Stalin im Juli 1945 auf der Potsdamer Konferenz behaupten, Hitler sei nach Spanien oder Argentinien geflohen. Dabei hatten die Russen seine Leiche längst in Berlin identifiziert. Doch man wollte dem Westen – und dazu zählte man auch den Vatikan – eine Komplizenschaft mit den Faschisten anhängen. So war die Staatssicherheit der DDR stets auf der Suche nach – durchaus existierenden – Verbindungen des BRD-Establishments mit NS-Verbrechern.
Persönliche Netzwerke statt globale Organisation
Historiker wie Holger Meding, Gerald Steinacher und Heinz Schneppen haben nach dem Ende des Kalten Kriegs «Odessa» entmythisiert. Man belegte, dass die Strassburg-Konferenz zur Planung von Odessa nie stattgefunden hatte. Einige der angeblichen Teilnehmer waren im August 1944 bereits tot.
Zudem wurde deutlich, dass vor allem die Wirren des Kriegsendes es ermöglicht hatten, dass SS-Angehörige wie Eichmann oder der Auschwitz-Arzt Josef Mengele mit falschen Identitäten und der Hilfe von Kameraden und Freunden über Jahre in Deutschland untertauchen konnten.
Auf seiner Flucht nach Norditalien im Jahr 1950 nutzte Eichmann eine von Kameraden empfohlene Route. Für die Alpenüberquerung habe er viel Geld an Schlepper zahlen müssen, erzählte er später. Zudem konnte man in Österreich und Südtirol auf die Hilfe von Nazi-Sympathisanten zählen.
Italien war sicher, da die Alliierten hier bereits Ende 1945 abgezogen waren. Und Südtirol war der perfekte Ort, um falsche italienische Papiere auszustellen. Nach dem deutsch-italienischen Optionsabkommen von 1939 waren Zehntausende deutschsprachiger Südtiroler ins Deutsche Reich umgesiedelt, von denen viele nun wieder zurück nach Südtirol gingen. Unter sie mischten sich unter die flüchtenden Nazis.
Wie der KZ-Arzt Mengele erhielt auch Eichmann gefälschte Identitätspapiere der Südtiroler Gemeinde Tramin. So wurde aus dem in Solingen geborenen Protestanten Eichmann der in Bozen geborene Katholik Ricardo Klement. Die Ausrede, er sei ein heimkehrender Südtiroler Volksdeutscher, erklärte, wieso er kein Italienisch sprach.
Als Katholik konnte man in Italien zudem auf die Hilfe des Vatikans zählen. In Genua half ein ungarischer Franziskanerpater, in Rom waren es der Kroate Krunoslav Draganovic und der Österreicher Alois Hudal, der Rektor des Deutschen Priesterkollegs Santa Maria dell’Anima, die den Ausreisewilligen halfen.
Wussten sie, dass es sich bei ihnen um Kriegsverbrecher handelte? Das ist unklar. Allerdings galt der Kommunismus damals als der Feind, und eine mögliche NS-Vergangenheit der Flüchtenden schien zweitrangig. So bestätigten die Kirchenleute in Schreiben die prokatholische und antikommunistische Gesinnung des Ausreisewilligen und verfassten Empfehlungsschreiben an das Rote Kreuz und das argentinische Konsulat.
Im Holocaust-Museum in Buenos Aires ist Eichmanns Roter-Kreuz-Reisepass zu sehen, mit dem er im Juni 1950 über Genua ausreiste. Generell wurden die Pässe ohne Hintergrundüberprüfung ausgestellt. Dies wäre auch unmöglich gewesen, da sich damals in Italien Zehntausende papierlose oder staatenlose Flüchtlinge aufhielten, unter ihnen Holocaustüberlebende auf dem Weg nach Palästina sowie Bürger Mittel- und Osteuropas, die vor den Sowjets flohen. Es waren ideale Bedingungen für untergetauchte Nazis.
Weder Eichmann noch andere NS-Verbrecher haben je berichtet, dass ihnen eine Organisation wie Odessa bei der Flucht geholfen habe. Hinter den Fluchtbewegungen hätten keine vom «Dritten Reich» ausgehenden, sondern individuelle Netzwerke der Flüchtenden gewirkt, sagt der Historiker Holger Meding von der Universität zu Köln in einem Videogespräch.
Peróns dubiose Rolle
Während Wiesenthals Odessa-These unter Historikern an Glaubwürdigkeit verlor, rückte die Rolle von Präsident Juan Domingo Perón, der Argentinien von 1946 bis 1955 regierte, umso stärker in den Fokus.
Der argentinische Journalist Uki Goñi stellt in seinem 2002 erschienenen Buch «The Real Odessa» Perón als den wahren Strippenzieher der Fluchtorganisation dar. Mitarbeiter Peróns hätten diese über ein «Transitbüro» in der Schweiz koordiniert, wobei der Vatikan falsche Identitäten besorgt und Schweizer Banken die nötigen Geldtransfers erledigt haben sollen.
Peróns Sympathie für Hitler und Mussolini ist unbestritten. An Italiens Gesellschaft bewunderte er den korporativistischen Aufbau, an Deutschland die militärische Organisation und die industrielle Kapazität. Dass er deshalb Ingenieure aus dem «Dritten Reich» für den Aufbau der heimischen Industrie anwarb, war damals gängige Praxis. Im Kalten Krieg arbeiteten Tausende ehemalige deutsche NS-Ingenieure für die USA, Kanada oder die Sowjetunion.
So gründete Perón 1948 eine Behörde für einwanderungswillige Europäer, denen argentinische Konsulate die Einreisegenehmigungen ausstellten. Hat Perón, wie Goñi behauptet, über die Behörde bewusst auch Kriegsverbrecher gerettet?
Diese These ist in Argentinien bis heute Thema innenpolitischer Dispute. Präsident Javier Milei, ein bekennender Perón-Gegner, hatte im Frühjahr US-Senatoren sowie dem Simon-Wiesenthal-Zentrum in Buenos Aires die Öffnung der Archive zugesagt. Die Umstände und die Finanzierung der «Rattenlinien», wie die Amerikaner die Nazi-Fluchtrouten nannten, sollten beleuchtet werden. Das dem 2005 gestorbenen Nazi-Jäger Wiesenthal zu Ehren so benannte Wiesenthal-Zentrum sucht weiterhin weltweit nach Spuren geflüchteter Nazis.
Vergilbte Zeitungsschnipsel
Im Mai stellte das Nationalarchiv in Buenos Aires auf Anweisung Mileis 1850 Archivdokumente unter dem Titel «Nazis in Argentinien – 1957 bis 1985» online. Sie bieten nichts Neues, da sie Forschenden bereits seit 1992 zugänglich waren. Die vergilbten Zeitungsschnipsel und Dokumente erlauben jedoch einen Einblick in die damals zirkulierenden Narrative.
Viel Aufmerksamkeit galt der Suche nach Hitlers Stellvertreter Martin Bormann, der laut Wiesenthal die Odessa-Organisation, auch «Spinne» genannt, von Südamerika aus geleitet haben soll. Perón habe er 200 Millionen Dollar aus dem mit U-Booten nach Argentinien gebrachten Nazi-Schatz zahlen müssen, liest man. Die wilden Geschichten um Bormann enden mit dem Fund seiner Leiche 1973 in Berlin, wo er in Wahrheit beim Ausbruch aus der Reichskanzlei Anfang Mai 1945 getötet wurde.
Doch liegen in argentinischen Archiven überhaupt noch relevante Neuigkeiten? Die 1997 vom damaligen Präsidenten Carlos Menem eingesetzte Kommission zur Untersuchung von NS-Aktivitäten in Argentinien (CEANA) hat sie bereits akribisch durchsucht. Das Ergebnis der zweijährigen Arbeit war eindeutig. Von den in Argentinien vermuteten Vermögenswerten, den sogenannten Nazi-Schätzen, fand sich nichts Substanzielles.
Zudem war die Zahl der nach Argentinien geflohenen Nazis deutlich geringer als die von Wiesenthal kolportierten 50 000. Der in der Kommission für die Nachforschung zu geflüchteten Nazis zuständige Historiker Meding kam auf rund 40 000 Personen aus dem deutschen Sprachraum, die zwischen 1945 und 1952 nach Argentinien übersiedelten. Unter ihnen seien rund 2000 Personen gewesen, die man als überzeugte Nazis bezeichnen könnte – allerdings nicht automatisch als NS-Kriegsverbrecher.
Die ranghöchsten Flüchtlinge waren zwei Staatssekretäre und ein SS-Gruppenführer. Zudem wurden Akten zu fünf verurteilten NS-Verbrechern und zu sieben per Haftbefehl gesuchten Personen gefunden, gegen die jedoch noch kein Prozess eingeleitet worden war. Gegen sechs weitere Personen liefen zum Zeitpunkt ihrer Flucht bereits Prozesse. Zudem fand man die Spur von zehn hochrangigen Nazis, gegen die jedoch nicht juristisch vorgegangen wurde.
Insgesamt fand die CEANA Spuren von rund dreissig NS-Kriegsverbrechern, zudem von fünfzig kroatischen Kriegsverbrechern aus der faschistischen Ustascha-Bewegung und von rund hundert NS-Kollaborateuren, unter ihnen Franzosen und Belgier.
Der Historiker Meding glaubt, dass die Öffnung bisher geheimer Archive des argentinischen Geheimdienstes (SIDE) sowie zu Rüstungsprojekten des Militärs eventuell noch «das eine oder andere brennende Geheimnis» ans Licht bringen könnte.
Sicherer Hafen Argentinien?
Dass Argentinien als ein Asylland für Nazis angesehen werde, liege an Stalins Behauptung, Hitler sei nach Argentinien geflohen, zudem an Forsyths Odessa-Roman sowie der Eichmann-Entführung, so resümiert Marcia Ras vom Holocaust-Museum. Doch diese Stigmatisierung sei ungerecht, hätten die meisten NS-Verbrecher doch schliesslich in Deutschland ungestört gelebt.
Argentinien habe hingegen den Ghetto- und Lagerkommandanten Josef Schwammberger 1990 an Deutschland sowie Erich Priebke, der für das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen verantwortlich war, 1995 an Italien ausgeliefert.
Zudem habe Argentinien bis Kriegsende 45 000 Juden auf legalem Weg aufgenommen, dazu eine unbekannte Anzahl mit falschen Papieren oder heimlich über die grüne Grenze eingereiste Menschen jüdischen Glaubens, sagt Ras. Nach Kriegsende kamen 4200 Holocaustüberlebende dazu – eine in Lateinamerika einmalig hohe Zahl.
Le Point, January 7
Chavez et Maduro, les enfants du castrisme
CHRONIQUE. Le Venezuela vit depuis près de trente ans sous la tutelle de Cuba. Les deux pays partagent une idéologie « bolivarienne », anti-impérialiste. Et dictatoriale. Un lien indélébile.
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La sidérante et mafieuse expédition de Donald Trump sur le Venezuela, au-delà du piétinement de l’État de droit et du pied de nez à l’ONU, a remis en lumière la nature du régime chaviste, dictature pure et dure, totalement copiée sur le modèle cubain. On l’avait presque oublié. Le Venezuela, frère jumeau de l’île aux crocodiles, qui fait la nique à l’Oncle Sam depuis un demi-siècle.
La présence de nombreux agents castristes dans la garde rapprochée de Nicolas Maduro, tués dans l’opération Absolute Resolve, en est le signe le plus flagrant. En fait, la liaison entre les deux États dure depuis plus de vingt-cinq ans.
La « démocratie révolutionnaire »
Quand Hugo Chavez prend le pouvoir à Caracas, en 1998, il vient aussitôt déclarer sa flamme à La Havane, présente au monde entier Fidel Castro comme son mentor, son modèle, pour ne pas dire son tuteur, celui avec qui il veut construire une « démocratie révolutionnaire ».
Castro, abandonné par son parrain russe, a besoin du pétrole de Caracas, pour sauver Cuba du désastre économique. Déjà, le pétrole… Chavez, lui, a besoin de l’expertise de La Havane pour consolider son pouvoir et mettre en place des milices, sur le modèle des Brigadas de Respuesta Rapida cubaines, d’une efficacité redoutable. Les fameux Collectos, groupes paramilitaires violents, sont les petits frères des brigades cubaines.
Très vite, le maître de Caracas bénéficie de l’expérience des services de renseignements cubains, de l’appui des appareils militaires et répressifs, qui forment la plupart des hauts gradés de la nouvelle armée « bolivarienne ». C’est à cette époque que Chavez et Castro créent une organisation bilatérale, Alternative bolivarienne pour les Amériques (Alba), dont la vitrine officielle est de favoriser l’éducation, la santé publique et le commerce. Beaucoup, surtout à la CIA, sont alors convaincus que le Venezuela est devenu un satellite politique et idéologique de Cuba.
Un exemple révélateur ? Nicolas Maduro, à la fin des années 1980, comme des centaines de ses compatriotes, suit une formation à l’école des cadres du PC cubain, à La Havane. On lui dispense des cours de marxisme, d’économie politique, mais aussi des techniques de renseignement, en particulier pour lutter contre les infiltrations des agents de la CIA dans le pays, spécifiquement dans l’armée. Pour éviter le danger d’un coup d’État ?
Maduro subit l’endoctrinement castriste avec zèle et application. D’où son surnom de « Toutou de La Havane ». Contrôler toute velléité de grogne dans l’armée, réduire les oppositions dans l’œuf ? Dans ce domaine, le système castriste est considéré comme un des plus performants de la planète.
Le pétrole contre la sécurité
Pendant près de trente ans, Chavez puis Maduro vont bénéficier de ce parrainage que l’on pourrait surnommer « pétrole contre sécurité ». Forts de ce jumelage, ils multiplient les provocations à l’égard de Washington, jusqu’à l’effondrement économique qui touche les deux pays et qui a vu partir en exil des millions de citoyens, aussi bien cubains que vénézuéliens.
Celui qui a suivi de très près, depuis longtemps, ce concubinage idéologique et politique des deux pays, en bout de course, au bord du naufrage, est Marco Rubio, fils d’immigré cubain. Le secrétaire d’État américain a donc une revanche personnelle à prendre sur le cours de l’Histoire.
La mort au combat des militaires des Forces spéciales cubaines qui tentaient de protéger l’ancien élève de l’école des cadres du PC de Fidel Castro est un symbole particulièrement fort. Cela augure-t-il pour autant la chute du régime castriste ? Malgré les menaces et les rodomontades de Donald Trump sur les dirigeants de La Havane, il n’est pas dit qu’un kidnapping sur l’un d’entre eux soit aussi simple. Il pourrait même réveiller un sentiment anti-impérialiste que l’on croyait définitivement assoupi…
*Castro, de Serge Raffy, Fayard, 2015.
Neue Zürcher Zeitung, January 7
Evian als Menetekel – wo Antisemitismus gesellschaftsfähig wird, wissen Juden immer weniger, worauf sie sich noch verlassen können
Schon einmal, an der Konferenz von Evian im Jahre 1938, liess die Welt die vom NS-Regime akut an Leib und Leben bedrohten Juden im Stich. Heute, nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober, erleben sie erneut, wie ihnen weltweit der Boden unter den Füssen weggezogen wird.
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Im Juli 1938 fand in Evian am französischen Ufer des Genfersees eine Konferenz statt, die der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt einberufen hatte. Alarmiert von der Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland und im drei Monate zuvor annektierten Österreich, hatte die amerikanische Regierung Delegierte von über dreissig Staaten zusammengerufen, um eine Lösung und neue Lebensmöglichkeiten für die bedrängten Juden zu finden.
Dass die Konferenz unter einem schlechten Stern stand, signalisierte schon der Austragungsort. Denn eigentlich hätte die Konferenz in der Schweiz stattfinden sollen, dieser aber war das Thema bereits zu brisant, man hatte Angst, den grossen Nachbar im Norden zu reizen. Tatsächlich sollte sich dann im Rahmen der Konferenz zeigen, dass – allen allgemeinen Sympathiebekundungen zum Trotz – kaum ein Staat bereit war, seine Tore auch nur einen Spalt weiter für die hilfesuchenden Juden zu öffnen.
Das Kippen der Gewissheit
Nicht einmal die USA als Initiator der Konferenz konnten sich dazu durchringen, ihr strenges Quotenregime für die jüdische Einwanderung zu lockern. Die Angst der Regierungen galt nicht zuletzt einer Zunahme von innenpolitischen Spannungen. Denn in den Bevölkerungen der meisten Staaten, auch der demokratisch regierten, wenn nicht gar in den Regierungen selber herrschte ein manifester Antisemitismus, dem der Vernichtungsimpetus des Nationalsozialismus in der Regel abging, der aber durchaus auf einem Fundus von Vorurteilen und Verschwörungstheorien beruhte.
Extremereignisse wie in Sydney sind der Auswuchs eines umfassenden Prozesses, der Antisemitismus gesellschaftsfähig werden lässt.
Wie folgenreich das Fiasko von Evian unmittelbar war, ist unter Historikern umstritten. Sicher ist, dass das Debakel dem NS-Regime aufzeigte, dass selbst in der demokratischen Welt niemand bereit war, zugunsten der Juden einen Finger zu rühren, und dass gewisse osteuropäische Staaten bei den westlichen geradezu darum bettelten, auch ihnen die jüdische Bevölkerung abzunehmen.
Im Hinblick auf das Vernichtungswerk der Shoah, das kurz darauf in Gang kam, war dies ein Menetekel: Niemand würde viel unternehmen, um den grossen Mord zu verhindern, und in Ländern wie Polen oder den baltischen Staaten war bei der Hatz auf Juden gar mit aktiver Teilnahme lokaler Kollaborateure zu rechnen.
Aus jüdischer Sicht ist die Konferenz von Evian seitdem eine Chiffre für das Kippen einer allgemeinen Gewissheit: die Erkenntnis, dass die jüdische Gemeinschaft insgesamt nicht mehr durch eine intrinsische Selbstverpflichtung zivilisierter Gesellschaften in der Sicherheit ihrer Existenz geschützt ist.
Das bedeutet, dass nicht mehr grundlegende moralische Werte, sondern vielmehr Opportunitätsgründe, subjektive Einschätzungen oder Parteiengezänk darüber entscheiden, ob jüdische Menschen sich in einer Gesellschaft noch willkommen oder aufgehoben fühlen können. Das ist noch fern einer Pogromstimmung oder gar offener Verfolgung – aber es schafft einen unsicheren Boden. Kein Jude ist sicher, ob er sich auf verbriefte Rechte noch verlassen kann beziehungsweise ob die Gesellschaft diese verbrieften Rechte, selbst wenn sie offiziell noch gelten sollten, weiterhin zur Richtlinie ihres Verhaltens macht.
Keine Illusionen
Kommt es zu gezielten Bluttaten gegenüber Juden wie unlängst bei einem Angriff vor einer Synagoge in Manchester oder beim Anschlag auf eine Hanukka-Feier am Bondi Beach in Sydney, sind wohlfeile Bekenntnisse von Politikern schnell zur Hand. Doch solche Extremereignisse sind nur der Auswuchs eines viel umfassenderen Prozesses, der Antisemitismus gesellschaftsfähig werden lässt.
Wenn der Rektor der Universität Lausanne in einem Brief eingesteht, einen faktischen Boykott israelischer Universitäten letztlich aus puren Opportunitätsgründen zu vollziehen, ist dies das winzige Anzeichen von moralischer Kapitulation, einer Kaskade aus Aggression und Verdächtigung, Distanznahme und offener Ablehnung. Wir leben in einer Welt, in der Juden mittlerweile ziemlich genau wissen, wer offen bereit ist, gegen «Zios» (wie der neue Hass-Kampfbegriff für «Zionisten» lautet) ins Feld zu ziehen, aber nicht mehr so genau darüber im Bilde sind, ob der herrschende gesellschaftliche Konsens ihre Unversehrtheit garantiert.
Es geht hier um die Neuauflage des Evian-Moments, und niemand gebe sich der Illusion hin, dass die Judenfeinde und all jene, die deren Aktionsgruppen alimentieren und deren Propagandakanäle mit Inhalt füllen, dies nicht wie einst genau registrieren.
Hätten die 1938 in Evian am Genfersee versammelten Staaten ein klares Bekenntnis zur jüdischen Existenz als Teil ihres Gemeinwesens abgelegt und die Tore für die Emigrationswilligen weit geöffnet, es hätte ihnen kaum zum Schaden gereicht – wie überhaupt eine grössere Zahl jüdischer Bürger noch kaum je einem Land geschadet hat. Sie hätten viele Leben gerettet, und vielleicht sogar den Holocaust zumindest teilweise verhindert. Dass es noch einmal so schlimm kommen kann wie damals, lässt sich nur schwer vorstellen. Allerdings fehlte es auch im Juli 1938 an Phantasie in Bezug darauf, was Menschen anderen Menschen in Machthunger, Hass und Rassenwahn anzutun vermögen.
Alfred Bodenheimer ist Professor für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums an der Universität Basel.
Le Point, January 6
Quand la censure fabrique ses martyrs : l’Allemagne face à son passé
En voulant conjurer le spectre nazi par la censure, l’Allemagne contemporaine réactive une mécanique déjà fatale à Weimar. Et si le remède préparait le pire ?
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On présente souvent l’Europe comme le berceau de la liberté d’expression. Ce principe s’enracine dans l’héritage des Lumières, porté par des penseurs qui osèrent défier les monarques, interroger l’autorité religieuse et braver la censure d’État. Voltaire, John Locke, Montesquieu ou Baruch Spinoza furent de ces précurseurs intellectuels pour qui la libre parole relevait d’un impératif autant moral que politique. C’est dans les salons parisiens, les cafés londoniens et les universités néerlandaises que cette idée allait prendre corps, avant de s’imposer comme l’un des piliers de la modernité européenne.
Mais le continent qui, jadis, se voulait à l’avant-garde de cette liberté donne aujourd’hui lourdement l’impression de vouloir l’étouffer. Partout en Europe, les restrictions à la liberté d’expression se multiplient, au nom de la lutte contre la haine, la désinformation ou l’extrémisme – et ce sous l’autorité de gouvernements démocratiquement élus.
En 2023, le Danemark a ainsi adopté une loi pénalisant la profanation des textes sacrés. Au Royaume-Uni, en novembre 2024, la police d’Essex débarquait au domicile de la chroniqueuse du Daily Telegraph Allison Pearson pour l’interroger sur un message publié l’année précédente sur les réseaux sociaux, soupçonné de relever d’une incitation à la haine raciale en ligne. Parallèlement, en Suède, le réfugié irakien Salwan Momika était poursuivi pour « agitation contre un groupe ethnique » après avoir brûlé des exemplaires du Coran, dans une mise en scène largement médiatisée. L’affaire ne sera classée qu’après son assassinat par balle, en direct sur TikTok, le 29 janvier 2025.
Mais nulle part ailleurs cette dérive censoriale n’est aussi marquée qu’en Allemagne. Le pays qui a donné au monde Emmanuel Kant – et dont le fameux sapere aude (« ose savoir ») incarne l’esprit de l’Aufklärung [le siècle des Lumières en Allemagne, NDLR] – en est venu à sanctionner la dissidence par des dispositifs d’une sévérité draconienne.
Masque et croix gammée
Prenons le cas de C. J. Hopkins, écrivain américain installé en Allemagne. Hopkins a critiqué les politiques mises en place pendant la pandémie de Covid-19, allant jusqu’à établir un parallèle avec l’autoritarisme de l’Allemagne nazie. La couverture de son livre publié en 2022, The Rise of the New Normal Reich, montre un masque médical frappé d’une croix gammée. Après avoir diffusé à deux reprises cette image sur Twitter, il a appris qu’une enquête avait été ouverte à son encontre. En septembre 2024, la Cour d’appel de Berlin l’a reconnu coupable de diffusion de symboles interdits – un délit passible d’une peine pouvant aller jusqu’à trois ans de prison.
L’affaire Hopkins est loin d’être isolée. Comme l’a montré un reportage de l’émission 60 Minutes diffusé en février 2025, la police allemande a mené des perquisitions armées dans des domiciles privés pour des infractions relevant de l’expression : la publication supposée d’un dessin jugé raciste, le partage de « ragots malveillants » ou de « fausses citations » – y compris à l’insu de leur auteur –, ou encore le fait d’avoir traité de « connard » un responsable politique.
Au regard de son histoire, il est aisé de comprendre pourquoi l’Allemagne s’est dotée d’un arsenal aussi strict pour prévenir toute résurgence de l’extrémisme. Le pays applique parmi les législations les plus sévères d’Europe en matière de liberté d’expression, présentées comme des garde-fous indispensables contre la haine et l’intolérance. La négation de l’Holocauste y est interdite, tout comme l’affichage public de symboles nazis.
Reste que la poussée des idéologies d’extrême droite et le retour de réflexes nationalistes à l’échelle du continent – et en Allemagne tout particulièrement – interrogent l’efficacité réelle de ces politiques. Le parti d’extrême droite Alternative pour l’Allemagne (AfD) a enregistré une percée historique lors des élections fédérales allemandes de 2025, se hissant à la deuxième place avec plus de 20 % des suffrages. Longtemps cantonné aux marges du jeu politique, le parti a su capter un mécontentement diffus, justement nourri par un sentiment de censure, mais aussi par les politiques migratoires et les difficultés économiques.
Loin d’éradiquer l’extrémisme, les restrictions pesant sur la liberté d’expression en Allemagne ont peut-être, paradoxalement, contribué à le déplacer : repoussés hors de l’espace public, les discours radicaux se replient dans des chambres d’écho clandestines, où le ressentiment s’aiguise à l’abri de la contradiction. Réduits au silence sur les réseaux sociaux, certains finissent par se faire entendre dans les urnes. Mais si l’appareil de censure mis en place par le gouvernement allemand finit par se retourner contre ses promoteurs, ce ne serait en rien une première.
Le précédent Weimar
Après la Première Guerre mondiale, la défaite de l’Empire allemand et son effondrement allaient favoriser l’émergence de la République de Weimar. Sauf que le pays demeura profondément fracturé, miné par des factions rivales décidées à fragiliser la démocratie naissante. Les tensions culminèrent à la fin juin 1922, lorsque Karl Helfferich, figure du Parti populaire national allemand (DNVP), lança depuis le Reichstag une charge d’une extrême virulence contre Walther Rathenau, ministre des Affaires étrangères et juif. Selon Helfferich, Rathenau portait la responsabilité de la politique de réparations versées à la France après la Grande Guerre, et donc des tourments économiques affligeant alors l’Allemagne.
« Le calvaire de l’exécution [des réparations] nous a valu l’effroyable dévaluation de la monnaie allemande, allait ainsi déclarer Karl Helfferich. Ce qui a broyé notre classe moyenne, jeté d’innombrables individus – et des familles entières – dans la misère, poussé bien d’autres au désespoir et au suicide […]. Livré une part considérable de nos propres ressources à des étrangers. Et ébranlé notre ordre économique et social jusque dans ses fondements ! »
Bien que le discours de Helfferich ait été incendiaire, il ne constituait pas un appel direct à la violence. Mais à l’extérieur du Reichstag, des manifestants furieux entonnèrent un chant des plus sinistres : « Abattez Walther Rathenau, cette maudite truie juive ! » Le lendemain, le 24 juin 1922, Rathenau fut assassiné par des membres du groupe d’extrême droite Organisation Konsul.
Lois d’urgence
En réaction à cet assassinat brutal, le gouvernement adopta dans l’urgence sa loi pour la protection de la République. Celle-ci ne se contentait pas d’interdire les organisations violentes comme Konsul ou le Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund (Fédération populaire allemande pour la protection et la résistance). Elle s’attaquait aussi à la propagande nazie, pour entraîner la fermeture de centaines de publications, dont Der Angriff (L’Attaque), journal berlinois fondé en 1927 par Joseph Goebbels.
Goebbels fut lui-même condamné à deux reprises à des peines de prison – trois semaines, puis six – pour avoir insulté Bernhard Weiss, commissaire adjoint de la police de Berlin et juif. Une disposition plus ancienne, l’article 166 du Code pénal allemand, allait également peser durablement sur la liberté d’expression. Celui-ci prévoyait que : « Quiconque offense Dieu en blasphémant publiquement à l’aide d’expressions injurieuses, quiconque insulte publiquement une Église chrétienne ou toute communauté religieuse jouissant de droits reconnus sur le territoire fédéral, ou se rend coupable d’un comportement insultant dans une église ou tout autre lieu réservé aux réunions religieuses, est passible d’une peine d’emprisonnement pouvant aller jusqu’à trois ans. »
Ces textes valurent la prison à plusieurs figures nazies en vue, telles que Theodor Fritsch et Julius Streicher. Adolf Hitler lui-même fut frappé d’interdictions de parole dans plusieurs Länder allemands entre 1925 et 1927, à la suite de sa tentative avortée de renverser la République de Weimar.
Victimes et martyrs
Sauf que loin d’affaiblir le mouvement nazi, ces mesures alimentèrent au contraire son discours victimaire : elles contribuèrent à transformer ses dirigeants en martyrs et à accréditer l’idée qu’ils auraient été la cible d’un complot juif visant à asservir les « Aryens ». Une affiche de propagande posait ainsi la question : « Pourquoi Adolf Hitler n’a-t-il pas le droit de s’exprimer ? Parce qu’il dénonce sans pitié les maîtres de l’économie allemande, les banquiers juifs internationaux et leurs laquais – démocrates, marxistes, jésuites et francs-maçons ! Parce qu’il veut libérer les travailleurs de la domination de la grande finance ! »
D’autres affiches, placardées dans l’espace public, montraient Hitler bâillonné par du ruban adhésif, arbitrairement réduit au silence par le système. Une légende, largement relayée, en condensait le message : « Les escrocs peuvent parler partout en Allemagne, mais Hitler est interdit. » Comme l’a expliqué Nadine Strossen, ancienne présidente de l’ACLU, grande association américaine de défense des libertés fondamentales, cela a engendré un véritable « effet fruit défendu » : « L’impact net de ces lois de censure visant les discours nazis a été d’amplifier leur message, de leur offrir une visibilité qu’ils n’auraient jamais eue autrement et de susciter à leur égard une sympathie qu’ils n’auraient jamais obtenue dans d’autres conditions. »
En 1930, la loi pour la protection de la République fut encore durcie, conférant au gouvernement des pouvoirs accrus pour réprimer les organisations et les publications jugées menaçantes. L’année suivante, le président Paul von Hindenburg invoqua l’article 48 de la Constitution afin de promulguer un décret d’urgence autorisant la suspension des journaux pour une durée pouvant aller jusqu’à deux mois dès lors qu’ils étaient réputés porter atteinte à l’ordre public. En outre, le texte imposait aux rédactions la publication de rectificatifs et de communiqués officiels dictés par les autorités.
La presse contre la liberté de la presse
La presse de gauche salua ces mesures, soutenant – selon les termes d’un journal – que « pour se protéger efficacement contre le mensonge et la calomnie, l’État doit être autorisé à porter atteinte à des droits fondamentaux tels que la liberté de la presse ». En juin 1932, un nouveau décret d’urgence vint parachever ce mouvement, renforçant encore le contrôle gouvernemental sur les journaux et élargissant les motifs pouvant justifier leur interdiction.
Entre mars 1930 et mai 1932, pas moins de 284 journaux furent temporairement suspendus en Prusse, dont 99 affiliés au parti nazi, 77 communistes et 43 issus de l’extrême droite. Même des caricatures satiriques brocardant tel ou tel responsable politique pouvaient valoir une interdiction. À ce stade, les médias de gauche commencèrent enfin à comprendre que ces dispositifs faisaient peser une menace existentielle sur la liberté de la presse elle-même. Le quotidien Berliner Tageblatt alla jusqu’à comparer les quelque cent fermetures de journaux mensuelles en Allemagne aux répressions de l’Italie fasciste et de la Russie soviétique. Quelques mois plus tard, le Tageblatt annonçait, d’un ton sombre, « la fin de la liberté ».
Mais il était déjà trop tard. L’Allemagne de Weimar reposait sur un système institutionnel hybride, à la fois présidentiel et parlementaire. Et si Adolf Hitler avait échoué à l’élection présidentielle de 1932 face au président sortant indépendant, Paul von Hindenburg, le parti nazi fut le grand vainqueur des élections législatives fédérales organisées plus tard dans l’année, en remportant 37,3 % des sièges du Reichstag – davantage que toute autre formation.
En réaction, Hindenburg nomma chancelier Franz von Papen, un aristocrate dépourvu de véritable assise politique. Mais le Reichstag, dominé par les nazis, adopta une motion de censure qui entraîna sa chute dès novembre 1932. Le mois suivant, Hindenburg le remplaça par le général Kurt von Schleicher.
Liquidation méthodique de la liberté d’expression
Schleicher tenta alors de fragiliser le parti nazi en proposant un accord de partage du pouvoir à Gregor Strasser, figure du mouvement opposée à Adolf Hitler. Mais Hitler déjoua la manœuvre et parvint à préserver l’unité du parti. Privé de tout soutien au sein d’un Reichstag dominé par les nazis, Schleicher se retrouva rapidement paralysé. Le 28 janvier 1933, face à une impasse politique totale et à un gouvernement devenu ingouvernable, il fut contraint de démissionner. Deux jours plus tard, avec l’appui des élites conservatrices allemandes, Paul von Hindenburg se résigna à nommer Adolf Hitler chancelier, convaincu qu’il saurait le tenir en laisse. Illusion de courte durée. En l’espace de quelques mois, Hitler allait méthodiquement consolider son pouvoir.
Le Führer put alors prendre les rênes d’un appareil juridique et d’une culture politique déjà prêts à encadrer – et restreindre – la liberté d’expression, un héritage parfaitement ajusté à ses ambitions autoritaires. En s’appuyant sur ces dispositifs de censure préexistants, il réussit, sans délai, à réduire les dissidents au silence, à écraser l’opposition, à bâillonner la presse et à asseoir son emprise sur la nation. En mars 1933, le Reichstag adopta la loi d’habilitation (Ermächtigungsgesetz), autorisant Adolf Hitler à légiférer sans l’aval du Parlement, à modifier la Constitution et à contourner entièrement le président, reléguant Paul von Hindenburg à un rôle purement symbolique. Hitler était désormais un dictateur, gouvernant par décret. La liberté d’expression en Allemagne était officiellement morte.
Le même mois, la loi sur les pratiques malveillantes (Verordnung zur Abwehr heimtückischer Diskreditierung der nationalen Regierung) alla plus loin encore en criminalisant les formes les plus infimes de dissidence. Le simple fait de « colporter des ragots » sur le gouvernement ou de tourner en dérision ses représentants devenait passible d’emprisonnement – voire d’internement dans un camp de concentration.
En juillet 1933, Adolf Hitler avait interdit tous les autres partis politiques, anéantissant ainsi toute opposition démocratique. En octobre, la loi des éditeurs (Schriftleitergesetz) resserrait encore l’étau sur l’information, en excluant les « non-Aryens » des métiers du journalisme. En moins d’un an, Hitler aura métamorphosé l’Allemagne en État totalitaire. Parmi les leviers décisifs de cette transformation ? Sa liquidation méthodique de la liberté d’expression.
Mauvais diagnostic
Imputer l’ascension du parti nazi à une liberté d’expression en roue libre revient donc à se tromper de diagnostic sur la faiblesse structurelle de la République de Weimar. Car ce n’est pas l’excès de liberté d’expression qui a poussé Hitler au pouvoir, mais l’érosion de l’État de droit et la réticence du gouvernement sanctionner les nazis pour leurs crimes bien réels – et pas seulement leurs délits verbaux. Car tandis que leur rhétorique était muselée par la censure, l’appareil judiciaire laissait leurs violences prospérer dans une impunité dont leurs adversaires politiques ne bénéficiaient que très rarement.
Voyez le tristement célèbre putsch de la brasserie de 1923. À Munich, Adolf Hitler, entouré de plus de 600 complices, parmi lesquels de futurs dignitaires nazis comme Hermann Göring et Rudolf Hess, orchestra une tentative de coup d’État militaire d’une extrême violence, qui fit au moins une vingtaine de morts. Arrêté et inculpé de haute trahison – un crime passible, dans la plupart des démocraties, de la réclusion à perpétuité, voire de la peine capitale – Hitler écopa d’une peine dérisoire : cinq ans de prison, dont il ne purgea que huit mois. Et encore, dans une détention confortable, assortie de privilèges particuliers et d’un va-et-vient constant de visiteurs. C’est là qu’il rédigea Mein Kampf.
Son complice Rudolf Hess fut condamné à dix-huit mois de prison, mais libéré au bout de huit. Quant aux autres participants, ils s’en tirèrent avec de simples remontrances – autant dire une tape sur les doigts. À l’inverse, les soulèvements de gauche – comme la révolte spartakiste de 1919 – furent écrasés dans une implacable brutalité. Leurs figures de proue, Rosa Luxemburg et Karl Liebknecht, furent arbitrairement assassinées par les Freikorps, des unités paramilitaires acquises aux nationalistes. Le pouvoir judiciaire, encore largement tenu par des magistrats conservateurs issus de l’ère pré-weimarienne, se montrait alors d’une récurrente indulgence envers les extrémistes de droite, tout en infligeant des peines bien plus sévères à leurs homologues de gauche.
Si la République de Weimar avait fait respecter l’État de droit et sanctionné les crimes nazis à la hauteur de leur gravité, Hitler aurait peut-être pu être stoppé. Et s’il avait été condamné à la réclusion à perpétuité pour trahison, le cours de l’histoire aurait pu s’en trouver radicalement infléchi. Mais si les lois de censure draconiennes ont pu s’attaquer à la propagande nazie, elles n’allaient rien faire pour entraver la capacité des nazis à recourir à la violence.
Pente glissante
Aujourd’hui, l’État allemand court le risque de s’engager sur une pente dangereusement similaire à celle de son prédécesseur de Weimar. Les mêmes réflexes délétères qui avaient conduit ce gouvernement à interdire les publications nazies et à emprisonner leurs propagandistes nourrissent aujourd’hui une nouvelle offensive en faveur de la censure.
Prenons le cas de Martin Sellner, figure de proue du nationalisme autrichien et leader du mouvement identitaire paneuropéen. En mars 2024, les autorités allemandes lui ont interdit l’entrée sur le territoire pour une durée de trois ans, au nom de l’ordre public. Cette mesure faisait suite à un discours prononcé lors d’une réunion tenue à Potsdam en novembre 2023, au cours duquel il défendait la « remigration », entendue comme l’expulsion massive des immigrés.
La présence à cet événement de représentants de l’Alternative für Deutschland (AfD) et de l’Union chrétienne-démocrate (CDU) déclencha une vague de manifestations à l’échelle nationale. Pour ses détracteurs, de tels propos tenaient d’un appel à peine voilé au nettoyage ethnique. Sauf que l’exclusion de Martin Sellner du territoire allemand n’a pourtant fait qu’accroître sa visibilité, nourrissant le ressentiment contre ce qui est perçu comme des abus de pouvoir et donnant du crédit à son récit d’un État cherchant à faire taire des « vérités dérangeantes ».
Comme l’a résumé un internaute sur X : « Pourquoi, en 2024, continuons-nous à croire que les lois ou les constitutions nous protégeront ? Ces gouvernements tyranniques ne feront que réécrire la loi a posteriori pour piéger des gens comme Martin, qui, soit dit en passant, est l’homme le plus jovial et gentil du monde. »
La censure nourrit la visibilité
Les mesures adoptées par le gouvernement n’ont pas tardé à susciter un écho international. Effet immédiat de cette interdiction : Martin Sellner a gagné en visibilité aux États-Unis, où il a été invité dans The War Room, l’émission animée par Owen Shroyer et diffusée sur la chaîne InfoWars d’Alex Jones.
Dans le même esprit, en juillet 2024, la ministre allemande de l’Intérieur, Nancy Faeser, a prononcé l’interdiction officielle du magazine Compact – à ne pas confondre avec son homonyme américain – et ordonné une perquisition au domicile de son rédacteur en chef, Jürgen Elsässer. Les autorités ont justifié cette décision en présentant la publication comme un « porte-parole central de la scène d’extrême droite », accusé d’attiser la haine contre les Juifs et les immigrés et de saper la démocratie parlementaire. Mais loin de marginaliser ces milieux, l’interdiction a au contraire servi de catalyseur, galvanisant des factions d’extrême droite bien au-delà des frontières allemandes et les fédérant dans une dénonciation commune de ce qu’elles perçoivent comme une persécution croissante des voix dissidentes.
Si le gouvernement est parvenu, dans une certaine mesure, à endiguer les prises de parole d’extrême droite, la violence issue de ces milieux a, elle, atteint des niveaux alarmants : 1 136 faits ont été recensés en 2024, dont beaucoup assortis de blessures graves. En décembre 2024, un médecin de cinquante ans lié à l’Alternative für Deutschland lançait sa voiture dans la foule d’un marché de Noël à Magdebourg, faisant au moins cinq morts et plus de 200 blessés. En mars 2025, cinq individus seront par ailleurs condamnés pour avoir comploté le renversement du gouvernement et l’enlèvement de l’ancien ministre de la Santé, dans le cadre d’un projet de coup d’État d’extrême droite.
Et si le vent politique tourne ?
Alors que les autorités allemandes durcissent la répression à l’échelle nationale – allant jusqu’à perquisitionner le domicile de personnes simplement soupçonnées d’avoir tenu des propos haineux en ligne – une question s’impose : n’avons-nous donc rien appris de Weimar ? Avons-nous oublié combien les précédents juridiques forgés sous un régime peuvent être réinvestis par un autre, dès lors que le vent politique tourne ? Ce scénario n’a d’ailleurs plus rien de théorique, au vu du soutien record recueilli par l’Alternative für Deutschland (AfD) lors des élections fédérales de cette année.
À force de vouloir discipliner la parole au nom de la démocratie, l’Allemagne prend le risque de rejouer la partition fatale de Weimar : attiser la radicalisation en légitimant les récits de persécution, ériger les censurés en héros face à un État perçu comme répressif, et se priver des instruments mêmes qui permettent de prendre le pouls réel des opinions et des colères sociales. En cherchant à empêcher le retour du passé, les dirigeants actuels pourraient bien, sans le vouloir, accélérer une résurgence du pire.
Si la démocratie entend survivre, elle doit certes combattre l’extrémisme, mais aussi résister à la tentation d’en adopter les méthodes. Car sa force ne se jauge pas à sa capacité de bâillonner ses ennemis, mais à sa volonté de rester fidèle à ses principes – a fortiori lorsqu’ils dérangent.
*Jay Sophalkalyan est Cambodgien. Il prépare un master en sciences humaines expérimentales à l’université de New York et est rédacteur en chef adjoint du Journal of the Political Inquiry.
**Cet article est originellement paru dans Quillette.
Le Figaro, January 6
Quand François Mitterrand utilisait le veto de la France à l’ONU pour empêcher la condamnation de l’invasion américaine au Panama
RÉCIT – L’enlèvement de Nicolás Maduro n’est pas sans rappeler le précédent de 1989. L’armée américaine avait alors envahi le Panama pour destituer le président Manuel Noriega, avec le soutien de la France.
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En fin de semaine dernière, la gauche rivalisait de formules pour dénoncer la prétendue complaisance d’Emmanuel Macron vis-à-vis de l’Amérique trumpienne. Si le président de la République a fini par condamner la «méthode» de Washington ce lundi, il s’était contenté samedi d’indiquer qu’il avait «pris acte» de la fin de la «dictature Maduro», dont le «peuple vénézuélien» ne pouvait que se «réjouir», sans évoquer l’intervention militaire américaine.
«Il nous fait honte», a lâché Jean-Luc Mélenchon (LFI), dont le compagnon de lutte Manuel Bompard s’est désolé de voir «la France réduite à féliciter les coups de force de Trump». «La France n’est pas un État vassal des USA», a abondé Olivier Faure (PS). Le pays est «rabaissé au rang de 51e État des USA», a fustigé Fabien Roussel (PCF). «Emmanuel Macron se soumet», a quant à lui déclaré l’ancien ministre des affaires étrangères Dominique de Villepin.
L’arrestation du président vénézuélien Nicolás Maduro rappelle pourtant un autre épisode de l’histoire récente, au cours duquel le premier président de gauche de la Ve République n’avait pas été plus critique vis-à-vis de l’oncle Sam. Comme l’a rappelé sur X le directeur de Sciences Po Luis Vassy, le dernier usage de son droit de veto par la France à l’ONU date de 1989, sous la présidence de François Mitterrand. À l’époque, Paris avait joint sa voix à celle de Washington et de Londres pour empêcher l’adoption d’une résolution condamnant… l’invasion américaine au Panama !
Le 20 décembre 1989, l’armée américaine envahit le Panama après une élection contestée, avec pour objectif la capture du président Manuel Noriega, soupçonné (déjà) de trafic de drogue par le Pentagone. Accusés de violer le droit international par une grande partie de la communauté internationale, les États-Unis plaident la légitime défense, prévue à l’article 51 de la Charte des Nations unies.
L’opération «Just Cause» doit permettre, à en croire le président George H. W. Bush, de protéger la vie des 35.000 citoyens américains au Panama. Le pays déclare alors la guerre aux États-Unis et plusieurs affrontements ont lieu entre forces américaines et panaméennes. Un Marine américain est également tué.
Triple veto
Dans la foulée, une résolution est déposée au conseil de sécurité des Nations unies (ONU). Le texte condamne sans équivoque l’intervention américaine, considérée comme une violation du droit international, de la souveraineté et de l’intégrité d’un État et demande l’arrêt immédiat de toutes les opérations militaires. Le 23 décembre, le texte échoue en raison du triple veto américain, britannique et français. Une prise de position d’autant plus engageante que le seul veto américain aurait suffi.
La veille, François Mitterrand répond à la presse sur le sujet. «Ce type d’intervention militaire dans un pays souverain est toujours regrettable, commence-t-il. Malheureusement le chef d’État de ce pays s’est compromis d’une façon grave dans des affaires de drogue.» Et le chef d’État de trancher sans ambages en faveur de la lutte contre le narcotrafic, contre le respect du droit international : «Il y a là une distorsion entre un principe qui doit être respecté où chaque peuple doit se déterminer lui-même et une réalité dans laquelle intervient le respect de la vie. La drogue, c’est un phénomène devenu malheureusement universel.» François Mitterrand reprend par là l’argumentaire défendu par le représentant permanent de la France aux Nations unies, Pierre-Louis Blanc.
Musique rock à fond
Rejetée devant le conseil de sécurité, la résolution est finalement adoptée par l’Assemblée générale des nations unies le 29 décembre. Moins puissant que le conseil de sécurité, cet organe est composé de 193 États membres (159 à l’époque). Aucun ne dispose d’un droit de veto et les résolutions qui y sont adoptées sont généralement non contraignantes. Dans l’intervalle, l’armée américaine a balayé la faible opposition armée panaméenne et s’est efforcée d’asseoir son contrôle sur le pays.
L’objectif principal des Américains est de déposer le président Manuel Noriega (opération «Nifty Package»). Les forces spéciales de la marine américaine coulent le bateau et détruisent le jet du chef d’État pour empêcher sa fuite. Washington offre un million de dollars pour sa capture (contre 15 millions pour celle de Maduro en 2020), mais Noriega échappe à ses ravisseurs pendant plusieurs jours. Il finit par trouver refuge à la nonciature apostolique du Panama.
L’histoire retient que l’armée américaine diffusait jour et nuit de la musique rock assourdissante autour de l’ambassade du Vatican dans le pays, pour éviter que les tractations entre Américains et le Saint-Siège ne soient écoutées. Noriega se rend finalement aux forces américaines le 3 janvier 1990. Ironie du sort, la capture de Nicolás Maduro est intervenue 36 ans plus tard jour pour jour, le 3 janvier 2026. Manuel Noriega sera emprisonné plus de deux décennies aux États-Unis pour trafic de drogue, avant de purger d’autres peines en France puis au Panama.
Neue Zürcher Zeitung, January 5
Als Stalin die Wiedervereinigung Deutschlands anbot, lehnte Adenauer ab: Die Bindung an den Westen war ihm wichtiger
Er war der erste Bundeskanzler und ist noch heute ein Beispiel dafür, was politische Führung heisst: Vor 150 Jahren wurde Konrad Adenauer geboren.
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Rede niemand über das Alter von Politikern, ohne über Konrad Adenauer zu sprechen. Mit 57 Jahren wurde er von den Nazis aus seinem Beruf als Oberbürgermeister von Köln entlassen, mit 69 Jahren kehrte er in seinen Job zurück: ernannt von den Amerikanern und fünf Monate später wegen Unbotmässigkeit erneut entlassen von den Briten.
Dann wurde er Bundeskanzler. Bei der Übernahme des Amtes war er etwas jünger als Metternich und Bismarck, als diese aus dem Amt schieden. Adenauers Kanzlerschaft währte von seinem 74. bis zu seinem 88. Lebensjahr – und länger als fast alle demokratischen Regierungen: Er war länger im Amt als Franklin D. Roosevelt, länger als jeder britische Premierminister seit Lord Salisbury und jeder französische Präsident seit Napoleon III. Übertroffen wurde seine Amtsdauer erst von Helmut Kohl und Angela Merkel.
Adenauer war der zweite von zwei Politikern, die das mittlere Drittel des 20. Jahrhunderts in Deutschland bestimmten. Der andere war 13 Jahre jünger: Adolf Hitler. Während dessen Herrschaft in Zerstörung endete, war die Bundesrepublik, als Adenauer das Kanzleramt 18 Jahre später verliess, zu einer Macht innerhalb der westlichen Welt geworden, wie es 1945 niemand für möglich gehalten hätte.
Dafür waren drei revolutionäre Innovationen verantwortlich, die allesamt mit Konrad Adenauer verbunden waren: politische Stabilität durch eine neue Volkspartei; ökonomische Prosperität und soziale Stabilität durch das Modell der Sozialen Marktwirtschaft; und eine aussenpolitische Umorientierung durch entschiedene Westbindung.
Ein Land voller Täter und Mitläufer
Seit ihrem Entstehen war die deutsche Parteienlandschaft stark fragmentiert, und eine ihrer zentralen Trennlinien war die konfessionelle. Darin lag auch ein Grund für die Instabilität des Parteiensystems der Weimarer Republik, die der NSDAP den Weg zur Macht eröffnete.
Die Christlichdemokratische Union als überkonfessionelle Volkspartei zu gründen, bedeutete eine revolutionäre Innovation in der deutschen Parteiengeschichte, zumal in einer Zeit, da 96 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehörten. Und dass die Union in der Lage war, die politische Rechte in das politische System der Bundesrepublik zu integrieren, deutet auf die fortwährende Relevanz dieser Innovation hin.
Das ging nicht ohne Kompromisse mit der deutschen Nazi-Vergangenheit. Adenauer regierte ein Land voller Täter und Mitläufer. Als Realist, der er war, war ihm die Unzuverlässigkeit seiner Landsleute nur allzu bewusst – und er wusste, dass er keine anderen hatte. Er enthielt sich des moralischen Purismus und erwartete Opportunismus von vormaligen Opportunisten.
Einen hohen Beamten des früheren Reichsministeriums des Innern, der einen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen verfasst hatte, zum Chef des Bundeskanzleramts zu machen, dokumentierte Adenauers Priorität im Umgang mit belasteten Landsleuten: ihre Anpassung an die demokratische Republik und ihre Institutionen.
Kriege, Krisen, Inflationen
Adenauers persönliche Integrität als Gegner des Nazi-Regimes stand ausser Frage. Er engagierte sich für den Aufbau von Beziehungen zum Staat Israel, angefangen mit dem Wiedergutmachungsabkommen von 1952, wobei dieser Begriff einen zeitgenössisch typischen Euphemismus darstellte. Der Vorrang lag jedoch auf innenpolitischer Stabilisierung und Integration. Was Adenauer kennzeichnete, waren die Bereitschaft, Kompromisse zu schliessen, und die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen.
Die zweite fundamentale Neuerung lag im deutschen Modell der Sozialen Marktwirtschaft. Im Grunde bezeichnet der Begriff, was im Unterschied zum skandinavisch-egalitären und zum anglo-amerikanisch-kompetitiven das konservativ-korporatistische kontinentaleuropäische Modell genannt wird.
Es fiel freilich nicht vom Himmel, sondern musste erst ausgestaltet werden. Während in der Union zunächst Ideen eines «christlichen Sozialismus» populär waren, unterstützte Adenauer den politischen Vater des deutschen Ordoliberalismus, Ludwig Erhard. Gleichwohl war Adenauer auch hier kompromissbereit, als er mit Rücksicht auf die Bundestagswahlen 1957 das System der dynamischen Rente einführte, das dem Land ohne Strukturreformen heute auf die Füsse fällt.
Nach mehr als vier Jahrzehnten der Kriege und Krisen, der Inflationen und Entbehrungen erlebten die Zeitgenossen ab den fünfziger Jahren, was sie das «Wirtschaftswunder» nannten: mehr als zwei Jahrzehnte aussergewöhnlich hoher Wachstumsraten, den Übergang in Konsumgesellschaft und Wohlfahrtsstaat und «Wohlstand für alle». Auch wenn vieles davon günstigen Rahmenbedingungen und nachholenden Entwicklungen zuzuschreiben ist, hatte das deutsche Modell einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung.
Integration in den Westen
Die Soziale Marktwirtschaft stand immer vor der Herausforderung, ökonomische Wettbewerbsfähigkeit und soziale Wohlfahrt auszubalancieren. Zugleich entwickelte sie eine eigene Antizyklik: Wenn das deutsche Modell bewundert wurde, war es gerade dabei, Reformen zu versäumen. Und wenn seine Krise ausgerufen wurde, war es in der Regel schon auf dem Weg zu Reformen.
Insofern mag die gegenwärtige Klage über den deutschen Niedergang ein gutes Zeichen sein – allerdings ist dieser Mechanismus kein Automatismus. Das Notwendige muss nicht nur beklagt, sondern auch getan werden. Was Adenauer auszeichnete, war die immer wieder neu auszutarierende Balance von Prinzipien und Pragmatismus anstelle von Absolutheit und Dogmatismus.
Eine liberale Demokratie und eine erfolgreiche Soziale Marktwirtschaft waren nicht nur das Ergebnis innenpolitischer Entscheidungen. Sie waren auch Teil einer dritten revolutionären Neuerung: der deutschen Westintegration.
Bereits im Oktober 1945 war Adenauer überzeugt, dass die Spaltung Europas in «Osteuropa, das russische Gebiet und Westeuropa eine Tatsache» sei. «Der nicht von Russland besetzte Teil Deutschlands ist ein integrierender Teil Westeuropas», schrieb er damals: «Wenn er krank bleibt, wird das von schwersten Folgen für ganz Westeuropa (. . .) sein. Es liegt im eigensten Interesse nicht nur des nicht von Russland besetzten Teiles Deutschlands, sondern auch von England und Frankreich, Westeuropa unter ihrer Führung zusammenzuschliessen, den nicht russisch besetzten Teil Deutschlands politisch und wirtschaftlich zu beruhigen und wieder gesund zu machen.»
Die Chance der Bundesrepublik
Was Adenauer falsch einschätzte, war der Verbleib der USA in Europa. Was er geradezu prophetisch voraussah, war die historische Chance, die der ausbrechende Ost-West-Konflikt der Bundesrepublik eröffnete: den Wandel vom total besiegten Kriegsgegner zum unabdingbaren Bündnispartner.
Adenauer setzte auf die feste Einbindung der Bundesrepublik in den Westen, als bewusste Entscheidung unter Abkehr von Traditionen einer unabhängigen deutschen Mittellage. Er verband Realpolitik nach 1945 mit einer strategischen Neuausrichtung Deutschlands im 20. Jahrhundert.
Was unter den Bedingungen des Kalten Krieges allerdings nicht zusammenging, waren die Westintegration und das Verfassungsziel der Wiedervereinigung. Als Stalin den Westmächten 1952 das Angebot eines vereinten Deutschland um den Preis seiner Neutralität machte, drängte Adenauer auf Ablehnung.
Dies wurde ihm immer wieder als versäumte Chance vorgehalten und entfremdete Adenauer der ostdeutschen Bevölkerung, mit Nachwirkungen bis heute. Sein Sicherheitsstreben, sein Antikommunismus und seine Furcht vor «Sowjetrussland» mochten zuweilen obsessiv wirken (und von der deutschen Vergangenheit ablenken) – erscheinen in der Rückschau freilich realistischer als spätere Hoffnungen auf «Wandel durch Handel».
Adenauer ordnete die Wiedervereinigung der Westbindung unter, erhielt den Anspruch auf die deutsche Einheit aufrecht – aber verschob ihre Umsetzung. Gemäss der «Magnettheorie» sollte der wirtschaftliche Erfolg der Bundesrepublik eine so starke Anziehungskraft auf die DDR ausüben, dass diese eines Tages zusammenbrechen und sich der Bundesrepublik anschliessen würde.
Dieses Szenario wurde ab den 1960er Jahren zunehmend unrealistisch, brachte die Bonner Deutschlandpolitik unter Anpassungszwang, die deutsche Teilung anzuerkennen – und wurde erst Jahrzehnte später, längst vergessen, zur Vorlage der Wiedervereinigung von 1990.
Adenauers Lektionen
Dies war zu Adenauers Zeiten nicht vorauszusehen. Für seine Führung aber gilt, dass er Prioritäten und Prinzipien vor Popularität setzte. Zugleich verband er Realpolitik und Werte, nationale Interessen und internationale Kooperation. Nachdem die europäischen Staaten jahrhundertelang kriegerisch aufeinander losgegangen waren, bedeutete der multilateral integrierte, kooperative Nationalstaat die fundamentale historische Innovation der europäischen Integration.
Hat die historische Gestalt Konrad Adenauers 150 Jahre nach seiner Geburt, über 75 Jahre nach dem Beginn und über 60 Jahre nach dem Ende seiner Kanzlerschaft dem 21. Jahrhundert noch etwas zu sagen?
Durchaus. Es sind drei Lektionen über politische Führung, die sie bereithält. Erstens: Nachhaltige Führung verlangt, Auseinanderstrebendes zu verbinden und dabei Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten hinzunehmen: nationale Interessen und universale Werte, Realpolitik und Strategie, Pragmatismus und Prinzipien. Zweitens: Bedeutende Führungskraft verlangt, Prioritäten zu setzen und ihnen treu zu bleiben: Substanz geht vor Popularität. Und drittens: aussergewöhnliche Führung verlangt, sich von der Offenheit der Geschichte inspirieren zu lassen: Die Zukunft ist gestaltbar. Das Unwahrscheinliche ist möglich. Und das Mögliche verlangt Phantasie. Wirkliche Führung folgt nicht. Sie führt.
Andreas Rödder ist Professor für neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und Leiter der Denkfabrik Republik 21 für neue bürgerliche Politik.
The Times of Israel, December 30
Please stop talking about the Holocaust
If you memorialize Jewish destruction but won’t support Israel, I call fake sympathy; I’m tired of people masking their failure to help today’s living, breathing Jews
Full text:
Something rubs me the wrong way when I hear yet another well-meaning government official or other representative talk about how they support yet another Holocaust museum or memorial. How they really regret what the Nazis did and how the world looked on in silence, never again…yada yada yada. Spare me.
Recently, I read an editorial in the Wall Street Journal by Scott Morrison, the prior prime minister of Australia, you know the one who didn’t recognize a Palestinian State. And while I agree with his opinion that the the current prime minister Anthony Albanese along with his Labor Party made “Australia safe for antisemitism” as he put it, I was somewhat bothered to see that Morrison listed among his many bonafides, that he is a member of the International Holocaust Remembrance Alliance and that he increased funding for Holocaust museums. What? How could I possibly hold that against him?
What really pains me is not Morrison himself, but rather the too many others like him who mention their Holocaust cred but are totally absent or, even worse, do things that put today’s living, breathing Jews in peril. To me, the words they express at this or that Holocaust remembrance event are just lukewarm pablum designed to appeal to Jews without really doing anything at all to prevent more violence targeting Jews. They fail to clearly and loudly voice their support of the Jewish nation that arose after the Holocaust. You know, the one that is between Jewish survival and yet another mass attack against Jews for being alive. If you really care about the Jewish people, I would tell them, please stop talking about the ones we so tragically lost due in large part due to the silence of people like yourselves who failed to act when there was clear and present danger. The six million victims of the Holocaust can never be resurrected. They are gone. What Jews today need is a viable and strong homeland so that another Holocaust never gains a foothold.
Yet, just over two years ago, a massacre of Jews occurred in Israel at the hands of today’s premier “Nazis,” the radical Islamists that form the overwhelming majority of the occupants of the Gaza Strip. The reaction among many liberals and progressives was to support those same people who barbarically attacked Jewish children, women and civilians, and even Holocaust survivors.
I’m sure those very same people bemoan the Holocaust and believe in the inauthentic version of the Never Again slogan, the one that means never again will we revert to the German Nazi version of the Holocaust when the majority of Jews in the world lived in Europe and Russia, the version where the Jews didn’t have a home of their own, the version where the Jews were helpless to defend themselves, the version where non-Jews did little to nothing to help them. They believe only in the version of the Holocaust that would require them to time travel, a la Back to the Future, to remedy what cannot be remedied. The version that makes them feel self-satisfied to believe they are the good guys who would defend all minorities unjustly persecuted and inevitably eradicated.
But that version of Never Again is not only meaningless, it’s worse than that. It allows these people, members of the Jewish Voice for Peace and Students for Justice in Palestine, the equivocating Chuck Schumer types, the Progressives who focus on the misdeeds of Netanyahu instead of the barbarism of Yayah Sinwar, to feel morally correct. It allows them to talk from both sides of their mouth, the insincere side that parrots a meaningless Never Again, while the other side of the mouth engages in talk that actually advances the destruction of Jews.
A perfect case in point is what happened recently at Bondi Beach, Australia. We had a prime minister, Anthony Albanese, talk about how dedicated he is to safeguarding Jews while just months earlier he came out in support of the very same people who engaged in a real genocide against Jews on October 7 and beyond by recognizing a State of Palestine. No pre-conditions necessary. I’m sure Albanese had attended as a government official role in Holocaust memorial activities.
[I wrote the preceding sentence BEFORE doing some internet surfing and guess what I found? Albanese had indeed mouthed platitudes about the Holocaust just two years ago at the reopening of Melbourne’s Holocaust Museum. Here’s what he had to say then: “This museum stands because we must never forget the Holocaust. Not the scale of it, not the depths of its cruelty. A savagery that was long in the planning and cold in its calculation.”]
His words became even more painful after the Bondi massacre. Listen:
“Since the atrocities of October 7, Jewish Australians have been bearing a pain you should never have had to bear again. And you are feeling fear. Anxious that the long shadows of the past have crept into the present.” He added: “As the conflict continues, antisemitism is on the rise. But we will not let it find so much as a foothold here.”
I hear you groaning. So am I.
As I suspected, Albanese is just one of a painfully long list of those who exploit the Holocaust to provide cover for their weakness in helping today’s living, breathing Jews. Today’s Jews are sick of hearing about fake sympathy while completely ignoring the needs of your citizens to be protected and, yes, to stand behind your words. If you, Prime Minister Albanese, truly believed that the “long shadows of the past have crept into the present” you would not have cheered on Israel’s enemies by claiming that they deserved a state.
So forgive me if I tell everyone how sick I am of Holocaust memorials and dedications and museums. I would trade them all for sincere conviction and action among the leaders of so-called liberal countries, mostly in Europe, but also Australia and Canada, to truly support the Jewish state through words and actions.
And you want to know the biggest irony of my Google search? I found the article about Albanese’s visit to the Melbourne Holocaust Museum in an article entitled “Australian PM Albanese, opposition leader exploit Holocaust to legitimise Gaza genocide.”
My brain automatically interpreted it to mean to legitimize (American spelling) their pro-Jewish credentials. It was only after reading a few paragraphs in that I scrolled back to the top and saw that it came from the World Socialist Web Site (wsws.org. Nov. 24, 2023). At least, Oscar Grenfell, the author, and I do agree on one thing: Albanese was exploiting the Holocaust. I guess it was a two-for-one bargain: he managed to let down both the far left and the entire Jewish community.
The sad thing is that he is not the only one. By conducting some further Google searching I found that Keir Starmer of Great Britain, Emmanuel Macron of France, and Mark Carney all, at one time or another, spoke at Holocaust events.
Here’s what Starmer said at a Holocaust Remembrance Day Commemoration in Ottawa, last year: “We were reminded again that antisemitism isn’t a thing of the past. Since October 7, Jewish communities have faced renewed fear. That’s why ‘Never Again’ is more than a phrase — it must be a promise.”
Uh-huh.
Macron spoke quite eloquently in July 2017 at the Vel d’Hiv (site where 8,000 Jews were deported to Auschwitz) commemoration:
“I know that we all make a point of fighting anything that could lead to the same situation. But we must open our eyes and look reality in the face. In today’s France, the corruption of minds and moral and intellectual weakness that racism and anti-Semitism represent are still present, and notably so. They take new shapes, new faces and choose more surreptitious wording.”
You only need to stop for a moment, however, to see, behind the new façade, the racism of old, the entrenched vein of antisemitism.
Actually, his entire speech where he accepted responsibility for France’s role in the Holocaust was quite moving. Sadly, Macron, too, should have reflected on his own words and realized that the new facade he himself spoke of, the facade of Hamas terrorists and their avid supporters in Gaza and their far left supporters in France, are the latest incarnation of Nazism. He should have realized that recognizing a Palestine state with no preconditions was the type of behavior that Vichy France engaged in.
As for Carney, he’s not worth my time.
In conclusion, I think we need to stop the focus on the Holocaust. I say this as a person who was deeply affected by the Holocaust, starting at age 12, when I learned that my own parents were survivors of evil so deep that they could never find the words to adequately describe their ordeal. The Holocaust changed my entire perspective of the world and what seemingly nice people are capable of.
But my parents, I believe, would have agreed with me that the most important way of honoring those who suffered unbearably during the Holocaust, would be to ensure a safe, respected, viable nation of Israel, whatever it takes. And right now if you truly believe in the slogan “Never Again,” the best way to express this is by standing up for Israel, no apologies, no stipulations, no “but we also care about the poor Palestinians”.
It is easy to talk about a past that is growing ever more distant; it is far harder to stand up for a nation under attack by the fashionably liberal as well as some extremists on the right. If you want to honor the memory of the Holocaust, there’s only one way to do it: clearly voice your unequivocal support for the Jewish state of Israel.
About the Author
Gina Friedlander is obsessed with all things Israeli. She served as editor of several trade magazines in the health and supplement industries before switching careers and becoming a high school English teacher and tutor of English and SAT prep. Currently she spends her time visiting Israel, writing, playing tennis, doing Israeli folk dancing, and trying to stay positive.
https://blogs.timesofisrael.com/please-stop-talking-about-the-holocaust/
Le Point, December 29
Histoire des idées : Ces Français fascinés par le maoïsme
Passionnés crédules, courtisans aveuglés ou vrais rêveurs d’un ordre nouveau, ils furent nombreux à embrasser l’idéologie du Grand Timonier.
Full text:
« Il y eut une époque où c’était “in” d’en être. L’Université en était, et de proche en proche, les intellectuels et les mondains », constate, dans Tigre en papier, l’écrivain repenti Olivier Rolin, qui en avait été. De cet opium chinois des intellectuels, François Hourmant a restitué les vapeurs dans Les Années Mao en France (Odile Jacob). Pour expliciter cette « Chine à la française », repeinte aux couleurs de l’espoir et de l’utopie, il y retrace la montée en puissance dans les années 1960 de la Chine comme modèle alternatif à une URSS bureaucratisée, disqualifiée depuis Budapest et le rapport Khrouchtchev.
Dans le contexte anti-impérialiste de la guerre du Vietnam, la Révolution culturelle, lancée par Mao en 1966, fut la mèche qui alluma l’incendie de cette « passion crédule » ; la ringardisation du PC après Mai 68 donnant le coup de grâce. Présentée faussement comme un mouvement spontané venu de la base, des gardes rouges, un élan anti-autoritaire dirigé contre les mandarins, cette révolution dans la révolution allait enflammer « le théâtre d’ombres » que le sinologue Simon Leys dénoncera dès 1971 dans ses Habits neufs du président Mao.
Besoin de croire à un autre modèle. Besoin de croire tout court. Besoin d’aller voir. Après l’URSS, après Cuba, la Chine a été le retour de flamme des intellectuels français toujours en deuil, en quête d’un eldorado idéologique et d’un guide à admirer. Un nouvel épisode de la « trahison des clercs » que Claude Roy clouera au pilori : « Tandis que des millions d’innocents et de dupes pourrissaient dans les chaînes ou périssaient dans les tortures, une partie considérable de l’intelligentsia française, avec la légèreté du snobisme, l’ignorance des mondains, le fanatisme des idéologues, étouffait les cris de la Chine martyrisée sous l’hymne à la joie maoïste. »
Il y eut l’ouvriérisme des établis à la chinoise. Il y eut aussi la pensée en chambre de l’ENS pilotée par Benny Lévy et Alain Badiou, qui infusa à Vincennes, la fac post-soixante-huitarde anti-Sorbonne, avant d’attraper au vol quelques figures d’intellectuels très en vue.
Le maoïsme fut mondain
C’est la particularité de la France que d’avoir basculé d’un militantisme confidentiel vers le mondanisme d’une élite qui érigea la Chine comme dernière destination à la mode. Car le maoïsme fut mondain. Quand un compagnon de route s’étonna qu’une réunion de l’UCFML (Union des communistes de France marxistes-léninistes) se tienne dans les salons de l’hôtel Lutetia, son grand manitou Alain Badiou répliqua : « La révolution est partout chez elle ! »
C’est l’époque où Jean-Edern Hallier distribue des vestes Mao à ses journalistes de L’Idiot international, dirigé par Simone de Beauvoir. Son compagnon, Jean-Paul Sartre, suppléant des directeurs emprisonnés de la très maoïste Cause du peuple, ira distribuer ce journal dans la rue à l’été 1970 en compagnie de Jean-Luc Godard, François Truffaut, Sami Frey, Patrice Chéreau… Joli casting. Pour un Sartre vieillissant, le maoïsme, cause embrassée après un rendez-vous à la Coupole avec Benny Lévy, fut une manière de rajeunir. Son arrestation très médiatique, son engagement avec d’autres revues, Tout !, J’accuse, où signaient Marin Karmitz, Agnès Varda, André Glucksmann, allaient contribuer à sortir le maoïsme de son ghetto idéologique.
Mais ces amis fascinés de la Chine reçurent quelques renforts de poids inattendus, au-delà de la gauche. Car si la droite a fait de l’anticommunisme un de ses chevaux de bataille, le maoïsme, par contraste, a échappé à ses foudres. Comme toujours visionnaire, Malraux a ouvert le bal à l’été 1965. Déprimé par la mort de ses fils, ses relations désastreuses avec sa femme Madeleine, miné par l’alcoolisme, il reçoit le conseil pressant du général de Gaulle de prendre du champ pendant deux mois, tout ministre de la Culture qu’il est.
L’envie lui vient de retourner dans la vieille Chine de sa jeunesse, le Shanghai révolutionnaire, qui lui avait offert le décor de sa Condition humaine. Sa rencontre avec Mao, le 3 août, est le point d’orgue d’une série d’entretiens avec des dirigeants qui ont fait lanterner « l’ami génial » du Général. Que se sont-ils vraiment dit ? Le sinologue Jacques Andrieu a comparé les sténographies française et chinoise avec le texte final publié par Malraux en 1967 dans les Antimémoires.
L’entretien, qui aurait duré trois heures, n’a en réalité pas excédé une heure, en comptant les temps de traduction. L’écrivain a fait supprimer les phrases empreintes de trop de flagornerie : « Je suis très ému de me retrouver assis aujourd’hui à côté du plus grand de tous les révolutionnaires depuis Lénine. » Sa complaisance n’en demeure pas moins, suscitée par une quête obsessionnelle du grand homme de l’Histoire.
« Mao est la plus grande figure historique de notre temps. Mao, c’est le général de Gaulle qui serait Clemenceau. C’est Staline qui serait Lénine. »
André Malraux
La comparaison avec de Gaulle affleure lorsque Malraux l’interroge sur sa divine intuition que la prise du pouvoir se ferait par la paysannerie et non par les ouvriers, à la différence des bolcheviques : « Comment est-elle née ? » « Ma conviction ne s’est pas formée. Je l’ai toujours éprouvée », lui répond Mao. « Je me souviens du mot du général de Gaulle : quand avez-vous pensé que vous reprendriez le pouvoir ? » reprend Malraux. « Toujours. », réplique Mao. Sur les transformations modernes de la Chine, Malraux paraît presque plus convaincu que Mao lui-même, obligé de tempérer son enthousiasme : « Ni le problème agricole ni le problème industriel ne sont résolus. Le problème de la jeunesse moins encore. » Sur la répression suscitée par les Cent Fleurs, sur les millions de morts, Malraux glisse : « Il faut agir sur toute la jeunesse, et agir sur le Parti par cette action », justifie-t-il.
De la Révolution culturelle, lancée en 1966 un an avant la publication des Antimémoires, il ne paraît rien avoir deviné. Ravi de pouvoir critiquer l’URSS avec son interlocuteur, il souscrit à ce que Claude Roy a appelé une « sinophilie d’ordre ». Vantant le héros de la Longue Marche, « l’empereur de bronze » hanté par « une pensée de géant », il le rehausse pour mieux se rehausser lui-même, en le comparant sans cesse aux autres géants. « Je pense à Trotski, mais il n’y a aucune exaltation en Mao. Il sait ce qu’a espéré Khrouchtchev, il sait aussi ce que pensait Lénine, ce que fut la Révolution française. Mao, fort de ses millions de fidèles, du respect qui entoure son passé, croit que l’État peut devenir le moyen permanent de la révolution. Avec le même calme tour à tour épique et souriant qu’il a cru à la victoire du communisme en Chine, aux pires jours de la Longue Marche. » Les Chinois eux-mêmes en seront désarçonnés. Quant à Jacques Andrieu, puis Simon Leys, ils n’auront pas de mots assez durs pour qualifier la réécriture inaboutie de ce fiasco du courtisan éconduit.
« Avant on disait Mao, maintenant c’est la pensée Mao »
« Cette maolâtrie est l’un des aspects de Malraux qui me gêne le plus », admet Hervé Gaymard, qui achève un Dictionnaire amoureux de Malraux : « Elle transparaît plus fort encore lors de l’entretien donné à Pierre de Boisdeffre pour lancer les Antimémoires sur l’ORTF. » Le florilège est en effet édifiant. « Mao est la plus grande figure historique de notre temps. Mao, c’est le général de Gaulle qui serait Clemenceau. C’est Staline qui serait Lénine. Tout commence avec lui, et depuis, ça n’est jamais sans lui. » Quand de Boisdeffre évoque un culte de la personnalité pour l’homme qui a redonné à manger aux Chinois, voilà sa réponse : « Mao lui-même est en train de se désindividualiser. Avant, on disait Mao. Mais maintenant, c’est la pensée Mao. » Une pensée qui « crée des industries lourdes considérables ».
Et si un doute est émis sur sa réussite, la réplique est catégorique : « L’homme qui a fait la Longue Marche est encore tout à fait intact. La grande puissance qu’il avait est encore là et il n’y aura pas de retour en arrière. » Les journaux ne s’y trompent pas : pour les bonnes feuilles des Antimémoires, Paris Match, Le Figaro publient le morceau de bravoure maoïste, « pages essentielles de ce livre événement dans l’histoire de la littérature ». Le succès est au rendez-vous : 200 000 exemplaires sont vendus, popularisant l’image tronquée d’un géant rassurant. Un livre diffusé même à l’étranger, puisque, avant sa rencontre avec Mao en 1972, Nixon demandera à voir Malraux afin qu’il lui raconte par le menu son entrevue. Malraux ne se fit pas prier.
Un autre lecteur de droite des Antimémoires, partisan de l’ordre, va bientôt se mettre dans les pas de Malraux tout en s’en démarquant : Alain Peyrefitte. Dans son avant-propos à sa tétralogie chinoise réunie en 1997 (Omnibus), on devine son souci de donner de la patine à sa branche chinoise. Dès 1954, à Cracovie, il fut, rappelle-t-il, un fervent lecteur du Voyage de Macartney en Chine (1793) auquel il consacrera en 1989 tout un livre, L’Empire immobile. Puis, en 1960, c’est une enquête de terrain à Hongkong, complétée à Canton, sur les réfugiés chinois. En 1963, deux ans avant Malraux, il a saisi la pensée profonde du général de Gaulle, qui s’apprête à reconnaître la Chine communiste : « Avant d’être communiste, la Chine est la Chine. Le fait chinois est là. Ce qui est sûr, c’est qu’un jour, peut-être plus proche qu’on ne le croit, la Chine sera une grande réalité politique, économique et même militaire. La Chine est le plus grand pays du monde. Un jour, elle pourrait bien devenir le premier », lui prédit le chef de l’État.
La lucidité objective du voyageur érudit
On y discerne le ressort de la fascination des dirigeants français, compréhensifs envers ce pays ambitieux qui se dégage de la tutelle soviétique, comme la France, jadis phare du monde, se dégage de l’hégémonie américaine. Deux pays faits pour s’entendre. Peyrefitte saisit l’occasion d’une mission d’étude parlementaire en 1971, qui va durer dix-neuf jours, la première admise depuis le début de la Révolution culturelle, qui a vu s’ériger un rideau de bambou. « C’est le choc de la connaissance immédiate. » Mélenchon, autre converti, ne dira pas autre chose en 2016, quand il racontera ses échanges en 2001 avec la ministre de l’Éducation et le vice-ministre du Tourisme chinois. « Vous voyez que ce sont des échanges substantiels que j’ai eus avec la Chine. Je connais vraiment ce pays. »
Peyrefitte, qui se voit en Tocqueville de la Chine, revendique la lucidité objective du voyageur érudit, récusant toute volonté de tromperie de la part de ses hôtes. « Pas un instant, on n’a cherché à nous camoufler les spectacles que faisait naître sous nos yeux le hasard. » Pas de village Potemkine au pays de Mao. Les premiers récits hagiographiques ont paru. En 1973, Peyrefitte s’en distingue sur le ton de « à moi, on ne la fait pas ». Dix-neuf jours, c’est bien peu, s’étonneront certains, pour percer la vérité d’un tel empire millénaire. Mais rien n’est impossible à l’énarque normalien, crayon à la main, qui livre une étude plus scolaire, mais plus sérieuse à l’évidence, que Malraux. Empreint d’un relativisme très français, Peyrefitte, initié par son collègue de la rue d’Ulm Robert Ruhlmann, éminent sinologue, s’est voulu ethnologue.
« J’avais lu le manuscrit de Prisonnier de Mao, de Jean Pasqualini (qui décrivait le goulag chinois avec autant de précision que Soljenitsyne le goulag soviétique) ; j’avais lu Simon Leys, et aussi la littérature fanatiquement maoïste, comme celle de Maria-Antonietta Macciocchi, et j’essayais de me faire une idée entre ces extrêmes. La Chine que j’ai vue était-elle le paradis ou l’enfer ? J’aurais plutôt tendance à dire un purgatoire », confiera-t-il au magazine L’Histoire. L’homme du juste milieu ?
Son texte trahit toutefois une fascination revendiquée pour l’empire du Milieu. La Chine éternelle a droit à son admiration céleste. Le communisme en est presque réduit à un accident de l’Histoire. « La Chine de 1971 n’était qu’une forme de la Chine de toujours, dont la substance triturée, reconditionnée, restait la même. » Peyrefitte place l’empire au-dessus du régime, une excuse à tous les excès. « Dans un autre pays communiste, ce n’eût été qu’une folle aventure totalitaire. Mais aux dimensions de la Chine – tant d’espace, tant d’hommes, tant de passé – cet épisode délirant devenait fascinant. » Derrière la convulsion meurtrière, la permanence des choses. « L’épaisseur chinoise ». La Chine, c’est le Grand Autre.
Peyrefitte place l’empire au-dessus du régime, une excuse à tous les excès.
Mais une analyse de Quand la Chine s’éveillera dément sa théorie du purgatoire. Mao est vu comme le saint de Yan’an. Sa pensée qualifiée de « bombe atomique spirituelle ». Zhou Enlai, de Talleyrand mâtiné de Richelieu. Après un long éloge de la médecine chinoise, Peyrefitte explique comment le maoïsme a réussi à changer l’homme, énumérant les succès de cette « voie chinoise » : multitude maîtrisée, féodalité extirpée, misère vaincue, agriculture nourricière, industrie industrieuse… Un vrai bréviaire. Certes, il consacre une dernière partie au « coût de la réussite », bel euphémisme. Mais il y a eu réussite. Et puis, on ne fait pas de révolution sans bain de sang ni terreur. Sacrifice des libertés, rectification des consciences, réfugiés en souffrance… Des maux nécessaires, expliqués par la démesure et la singularité de la Chine.
Peyrefitte conclut sur une expérience non duplicable mais définie comme « la plus extraordinaire du temps présent », « l’aventure révolutionnaire la plus radicale ». La Chine ou le royaume du tout est possible. L’accueil réservé au livre est enthousiaste, même à gauche, malgré l’identité de l’auteur : sous la plume de Jean Lacouture, Le Nouvel Observateur salue un livre qui « fera pour longtemps partie du bagage minimal de celui, qui après tant d’autres, voudra découvrir la Chine ». À droite, Jean Guitton convoque « la tradition d’intelligence qui passe par Montesquieu, Tocqueville, Taine » et s’incline devant cette « prophétie » à laquelle invite le titre, emprunté à une phrase apocryphe de Napoléon, dont la chute est donnée dans l’exergue « … le monde tremblera ».
Ce retour de Chine vendu à près de 1 million d’exemplaires ancre à jamais la fascination complaisante pour ce mystère Mao qui dépasse l’entendement. Peyrefitte aura bien mérité de la Chine, qui érige en 2002 un buste à son effigie dans la cour de l’université de Wuhan. L’un de ses jeunes lecteurs, encouragé par le président Giscard, prendra à son tour le chemin de Pékin en 1976, accompagné de six compagnons de route. Jean-Pierre Raffarin en reviendra aussi avec un ouvrage, qui scellera un lien très durable : La Vie en jaune. Sept jeunes giscardiens en Chine populaire. Sartre, Malraux, Peyrefitte, Raffarin, Mélenchon… Des jalons contrastés d’une même fascination.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, December 29
Kunst gegen Repression: „Und dann erfuhren wir, dass sie erschossen wurden“
Vergangenheit wird zur Gegenwart: Für zeitgenössische russische Künstler ist die Auseinandersetzung mit den stalinistischen Repressionen wichtig, aber auch brandgefährlich.
Full text:
Das Thema der Erinnerung an die Opfer der stalinistischen Repressionen ist für die heutige russische Staatsführung ein ernstes Ärgernis. Zwar ist es nicht ausdrücklich verboten, darüber zu diskutieren, doch jede unbedachte öffentliche Äußerung dazu kann gefährlich werden. In den vergangenen zehn Jahren hat das Kremlregime konsequent alle öffentlichkeitswirksamen Projekte abgeschafft, die sich mit der Aufarbeitung der politischen Verbrechen während der Herrschaft Stalins befassten. Die Auflösung der internationalen historischen und Menschenrechtsorganisation Memorial durch die russischen Behörden 2021 war ein Vorbote des bevorstehenden Krieges und der drastischen Freiheitsbeschränkung im Land.
Symbolisch war in diesem Monat, dass der ehemalige Direktor des Moskauer Gulag-Museums, Roman Romanow, aus dem Menschenrechtsrat des russischen Präsidenten entfernt wurde. Das Gulag-Museum selbst ist bereits seit mehr als einem Jahr geschlossen, angeblich wegen Brandschutzproblemen.
Für die junge Generation von Russen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion aufwuchsen, bot die zeitgenössische Kunst einen wichtigen Zugang zum Thema der sowjetischen, politischen Repressionen. Kunstprojekte, die den Opfern des Stalin-Terrors gewidmet waren, ermöglichten Kreativen, die historische Tragödie nachhaltiger zu vergegenwärtigen, als Archivmaterialien und Gedenkveranstaltungen es konnten. Dabei erforschten die Künstler nicht nur die Vergangenheit ihres Landes, sondern auch, warum diese Vergangenheit so schnell zurückkehrt. Doch Künstler, die sich weiterhin mit der Erinnerung an die Opfer des Stalinterrors in Russland beschäftigen, gehen heute in den Untergrund oder versuchen, im Ausland ein Publikum zu finden. In Russland ist das praktisch unmöglich.
Aufarbeitung der Stalin-Ära hat nicht stattgefunden
So eröffneten im November zwei russische Künstlerinnen und Forscherinnen, Tatjana Efrussi und Elizaveta Konovalova, in Paris eine Ausstellung mit dem Titel „Anamnesia“. In den kleinen Räumlichkeiten des Alexander-Solschenizyn-Zentrums versammelten sie Werke junger russischer Autoren, die in den vergangenen Jahrzehnten zu verstehen versuchten, was das Trauma des politischen Terrors für sie persönlich bedeutet. Nach der Idee der Kuratoren war dies ein Blick der jungen Generation auf die Repressionen, also der Enkelkinder derjenigen, die unterdrückt worden waren.
Im Russland der Nuller- und der Zehnerjahre waren solche Arbeiten eine wichtige Form des Dialogs mit dem Publikum über die Vergangenheit des Landes. Denn eine nennenswerte gesellschaftliche Aufarbeitung der Verbrechen der Stalin-Ära fand in Russland nie statt. „Wenn ich mir diese Arbeiten anschaue, kann ich manchmal kaum glauben, dass wir die Kraft und die Möglichkeit hatten, über die Vergangenheit zu sprechen“, sagt die Kuratorin Efrussi. Umso wichtiger sei es, dies zu dokumentieren. Für sie ist das Projekt auch persönlich bedeutsam: Ihr Großvater, der sowjetische Radioingenieur und Wissenschaftler Jakov Efrussi, wurde in den härtesten sowjetischen Straflagern gefangen gehalten.
In der Buchhandlung des Solschenizyn-Zentrums zeigt ein Bildschirm, wie eine kleine Figur auf einem verschneiten Feld im Kreis geht. Von Zeit zu Zeit bleibt sie stehen, schüttelt den Schnee von den Schuhen, geht weiter. Um sie herum erstreckt sich eine typische Landschaft der russischen Peripherie: ein Wohnturm, Garagen, Brachflächen. Die Figur ist die Künstlerin Anastasia Bogomolova, das verschneite Feld ein mit Eis bedeckter Steinbruch. In den Vierzigerjahren gehörte er zum Straf- und Arbeitslager Bakalstroj bei Tscheljabinsk, wohin die sowjetische Führung Tausende sowjetischer Bürger zur Zwangsarbeit für den Bau des Tscheljabinsker Metallurgiewerks schickte. Ein Großteil waren sowjetische Deutsche, von denen viele hier umkamen. Die Zahl der erschossenen deutschen Gulag-Insassen war in Tscheljabinsk die höchste in der gesamten Sowjetunion.
„Als ich erfuhr, dass der Stadtteil, in dem ich in Tscheljabinsk lebte, und die Straße, in der mein Haus stand, von Gulag-Häftlingen gebaut worden waren, veränderte sich meine Sicht auf die Geschichte grundlegend“, erzählt Bogomolova im Gespräch. „Es waren normale Sowjetbürger, sie waren nur aufgrund ihrer Nationalität hier. Aber niemand erinnert sich an sie, wenige wissen überhaupt davon. Der gesamte Bezirk ist eine Zone des Vergessens. Dort gibt es bis heute ein Metallwerk und Schlackenhalden, unter denen sich Massengräber befinden.“
Schlafen im offenen Grab
Bogomolovas Performance trug den Titel „Ein Viertel der Norm“. Denn die Künstlerin, die die tägliche Arbeitsnorm der Gefangenen auf Schrittzahlen umrechnete, schaffte in dem verschneiten Steinbruch nur ein Viertel davon. In einer anderen Performance namens „Schlaf“, die dem Straflager bei Tscheljabinsk gewidmet war, schlief Anastasia in einem offenen Grab, aus dem Überreste von Häftlingen exhumiert worden waren. Sie habe das Projekt 2016 erstmals in einer Galerie in Tscheljabinsk gezeigt, berichtet die Künstlerin, und schon damals Übergriffe von Ordnungshütern gefürchtet. Denn schon damals wurde in der Presse vor allem der Beitrag von Gulag-Häftlingen zum Weltkriegssieg betont.
Bogomolova arbeitet weiterhin in Russland zwischen ihrer Wohnung und einer kleinen Werkstatt. Neue Werke zeigt sie nur einem kleinen Kreis von Freunden und Bekannten und beteiligt sich möglichst nicht an öffentlichen Veranstaltungen.
Nach dem Beginn der Großinvasion in die Ukraine wurde das Thema der politischen Repressionen plötzlich gefährlich. Parallel dazu erschienen überall in der Öffentlichkeit Stalin-Bildnisse, etwa auf Plakaten zum Zweiten Weltkrieg, außerdem werden ständig neue Stalin-Denkmäler errichtet. „Seit dem Beginn des großen Krieges 2022 wurde Stalin unantastbar“, sagt die Drehbuchautorin Lidia Kanaschova im Gespräch. Die Propaganda verband die beiden Kriege miteinander. Oft werden historische Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg mit solchen von „Helden“ der „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine kombiniert.
Noch vor Kriegsbeginn hatten Kanaschova und der russische Regisseur Alexej Fedortschenko die Idee, ein Märchenbuch über unterdrückte sowjetische Wissenschaftler zu schreiben, die in Stalins Lagern umgekommen waren. Sie studierten Dutzende Biographien berühmter und unbekannter Forscher sowie ihre Werke und Aufzeichnungen. „Wir haben uns in diese Menschen verliebt“, erzählt Kanaschova. „Und dann erfuhren wir, dass sie erschossen wurden.“ Warum weckt Schönheit den Wunsch, sie zu zerstören, fragt sich die Autorin. Kanaschova und Fedortschenko haben deswegen historisch-politische Märchen geschrieben, in denen sie den Lauf der Dinge veränderten und etwa Stalin mehrmals sterben lassen. Deswegen soll das Buch demnächst in einem russischsprachigen Verlag in Europa herauskommen.
In Russland wagt heute kaum jemand, sich öffentlich zu den sowjetischen Repressionen zu äußern. Wenn ein Künstler sich mit dem Thema beschäftige, so sei das schon eine Aussage, sagt Bogomolova. Noch vor einem Jahr sei das nicht so gewesen, meint die Künstlerin. Ihre Generation gehe verloren, lautet ihr Urteil, sie sinke in einen Sumpf von Routine und Geldmangel.
In Russland scheint einerseits die Vergangenheit zurückzukehren. Zugleich haben viele Menschen das Gefühl, dass diese Vergangenheit nie weg war. „Die sowjetischen Repressionen erscheinen heute sehr aktuell“, sagt Kanaschova. Sie würden fast wie etwas Gegenwärtiges wahrgenommen. Wenn man sich heute mit dem Thema beschäftige, zeige man gewissermaßen auf die Machthaber, auf das, was gerade passiere.
Der Künstler Dmitri Machow, der in der nordrussischen Stadt Syktywkar lebt, hat bei einem seiner jüngsten Projekte dort den seltsamen Ausdruck „Aktentag“ (Aktirovannyj den) auf ein gefrorenes Fenster gekratzt. Im Kommentar zu seinem Werk erklärt Machow, das Wort habe in der nördlich des Polarkreises gelegenen Stadt Workuta, in der er seine Kindheit verbrachte, etwas Freudiges, Festliches bedeutet. Ein „Aktentag“ ist einer, an dem man wegen großer Kälte nicht zur Schule gehen muss. Später stellte er jedoch fest, dass die Schüler von Workuta den Ausdruck aus dem Wortschatz des Arbeitslagers Workuta übernommen hatten, einem der größten und schrecklichsten des Gulag. An „Aktentagen“ mussten die Lagerhäftlinge nicht zur Arbeit. So konserviert auch das neue Bild des jungen russischen Künstlers die Erinnerung an eine schlimme Vergangenheit in eisiger Kälte mitsamt ihrer vom Straflager geprägten Vorstellung von Freude und Erleichterung.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-gegen-die-repression-in-russland-accg-110810059.html
The Times of Israel, December 28
80 ans après Nuremberg : héritage et vigilance
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Quatre-vingts ans après l’ouverture du procès de Nuremberg, celui-ci reste dans les mémoires comme l’acte de naissance du droit pénal international moderne. Les crimes contre l’humanité y furent nommés ; la responsabilité y fut affirmée par-delà les frontières. Pourtant, Nuremberg ne dérange plus. Il rassure. Comme tant de moments fondateurs, il s’est mué en héritage plutôt qu’en vigilance.
Un silence comparable entoure les quatre-vingtièmes anniversaires d’Hiroshima et de Nagasaki. Au Japon, les conséquences des bombardements atomiques sont encore rapportées au quotidien. Ailleurs, elles se fondent dans des récits de nécessité et de clôture culturelle. Ce qui frappe, ce n’est pas tant l’ignorance que la normalisation, la banalisation des faits gravissimes. La loi se souvient, mais elle ne juge plus.
Cette réflexion ne consiste pas à rejeter le droit international, mais invite à méditer sur ses limites anthropologiques. Ce que Nuremberg a créé – et ce qu’il n’a pas su créer – continue de façonner notre présent.
Des normes sans structure
Nuremberg, et son pendant asiatique à Tokyo, ont accompli une avancée sans précédent : il a été possible de nommer et de définir des crimes qui offensent l’humanité en tant que telle. Pourtant, ils l’ont fait sans édifier une structure mondiale durable, capable d’absorber les chocs de l’histoire. Le droit fut articulé ; la souveraineté demeura hiérarchique. Les normes étaient universelles dans leur langage, mais sélectives dans leur application.
L’ordre d’après-guerre se cristallisa rapidement en un système de superpuissances gouvernant le monde par le biais de blocs, de protectorats et de sphères d’influence. La logique coloniale ne fut pas abolie. Elle se transforma. Les peuples ne furent plus conquis ouvertement, mais administrés, contenus, déplacés ou instrumentalisés. On les traita comme des populations ou des « tribus », et non comme des sujets juridiques à part entière.
Le procès de Tokyo rendit cette asymétrie explicite. L’empereur Hirohito fut exclu des poursuites au nom de la stabilité. L’Unité 731, responsable d’expérimentations humaines systématiques, bénéficia d’une immunité de facto en échange de données scientifiques. Hiroshima et Nagasaki ne furent jamais soumises à un examen juridique. Dès l’origine, la justice internationale porta un double silence – européen et asiatique, moral et politique.
Comment exister
Des juristes contemporains, comme Philippe Sands, ont insisté sur un élément essentiel : ce qui n’est pas reconnu comme existant ne peut véritablement entrer en jugement. Le droit juge des sujets, non des abstractions. Lorsque les peuples sont traités comme des variables, des blocs ou des populations gérées, ils restent visibles, mais juridiquement fragiles. Sans « zehout (זהות) » – identité juridique reconnue – le jugement devient procédural plutôt que transformateur.
Cela explique pourquoi le génocide peut être nommé, tout en étant un sujet de débats constant. Il semble reconnu mais il reste insuffisamment précis. Le crime existe ; le sujet reste contesté.
Une voix déplacée : Avrom Sutzkever
Un incident au cours du procès de Nuremberg révèle cette fracture avec une clarté particulière.
Avrom Sutzkever – poète, partisan, survivant du ghetto de Vilna – fut appelé à témoigner. Il avait risqué sa vie pour sauver des manuscrits en yiddish, fragments d’une civilisation vouée à l’anéantissement. Il demanda à témoigner en yiddish.
On le lui refusa.
Il parla donc en russe – la langue de l’une des superpuissances, l’une des quatre parties qui exerçaient le droit et le jugement final. Le tribunal accepta, du moins entendit son témoignage, mais pas sa voix. La Shoah n’était pas perçue de manière consciente. a peine si, alors, il fut question de juger un Holocauste que l’on découvrait comme « sujet parallèle, non fondamental ». La réalité linguistique du terme ne collait pas encore avec la véracité atroce des meurtres de l’Histoire.
Ce n’était pas un détail technique. Cela révélait une vérité plus profonde : ce à quoi on n’autorise pas d’ exister pleinement – linguistiquement, culturellement, ontologiquement – ne peut véritablement entrer en jugement. Nuremberg reconnut le crime, mais en fractura l’articulation vivante.
L’Europe après le jugement : un voyage sans écoute
En 1992, cinquante ans après la conférence de Wannsee, j’ai été invité – en tant que clerc hébraïco-chrétien – à participer à un projet radio retraçant la géographie morale de l’Europe après le Procès de Nuremberg. Le voyage eut bien lieu : de Nuremberg vers l’Est, à travers Vienne, Prague, Bratislava, Budapest, Varsovie, Cracovie, Auschwitz-Birkenau, Przemyśl, Oujhorod, Jytomyr, Kyiv, Minsk, Brest-Litovsk – et retour vers l’Ouest.
Ce qui n’eut pas lieu, ce fut l’écoute.
Les émissions furent discrètement abandonnées ou espacées de sans discernement journalistique. Le voyage fut recadré en geste de gratitude :
Profitez du voyage, quel qu’en soit le sujet.
L’information fut recueillie ; sa diffusion fut refusée ou simplement ignorée, dépassée par les scoops d’alors.
En chemin, le même schéma réapparut sans cesse. Václav Havel m’avait parlé de la vérité comme de quelque chose qui survit au pouvoir, mais permet rarement de le maîtriser. En Ruthénie subcarpathique, les Jésuites inauguraient la vie intellectuelle et spirituelle au milieu d’identités encastrées dans les chahuts de siècles informes. Un rabbin enseignait le Tanakh et le Talmud à de jeunes femmes adultes – en yiddish, en hébreu et en ukrainien -, tentant de réparer ce que l’histoire avait déchiré, selon lui. L’histoire avait été si brutale qu’il était impossible de certifier qu’elles appartenaient à des familles juives converties au christianisme au fil des âges tourmentés. À Minsk, un métropolite orthodoxe garda le silence près d’une heure avant de confesser, sotto voce et en dix mots bien pesés, qu’il était né juif et ne pouvait le dire publiquement.
Le silence n’était pas ignorance. C’était une question de survie. Le voyage eut lieu. L’écoute, non.
Fragmentation après 1989
Après 1945, l’Europe fut figée par l’équilibre chancelant, incertain, de la guerre froide. Après 1989, elle se fragmenta à nouveau. L’effondrement du communisme ne rétablit pas un ordre continental cohérent ; il exposa des couches mémorielles superposées de manière incohérente, de griefs multidimensionnels et d’identités chancelantes. La Yougoslavie se désintégra dans la violence. De nouveaux États émergèrent renonçant au partage de leurs récits historiques communs. Les frontières se multiplièrent plus vite que le droit.
Le rabbin franco-israélien, Léon Yehudah Ashkenazi (Manitou) décrivit cette période comme un processus d’hémorragie : celui du long et irréversible départ des Juifs du continent européen. Il ne s’agissait pas seulement de peur ou d’antisémitisme, mais Manitou intuitait parfaitement l’effondrement de l’Europe en tant qu’hôte juridico-civilisationnel et refuge pour l’identité judaïque. Dans le même temps, les Juifs soviétiques entamèrent leur libération – leur sortie de prison, d’un ordre impérial en décomposition vers un autre horizon incertain.
Les conflits et les migrations massives que nous observons aujourd’hui ne sont pas des anomalies. Ils sont la conséquence de normes mal articulées, de lois sans force contraignante, et de responsabilités sans incarnation durable.
L’entre-deux : un monde flou
Ce qui émerge de cette trajectoire ne constitue ni un effondrement affirmé ni un ordre stable, mais elle procède d’une condition intermédiaire – un brouillage des catégories qui structuraient jadis le droit à être jugé équitablement. Droit et pouvoir se chevauchent sans distinction ; victimes et bourreaux circulent dans le même langage moral ; la responsabilité se dissout en procédures, statistiques et récits. Rien ne disparaît tout à fait, mais rien ne tient pleinement et avec authenticité.
Ce flou est plus déstabilisant qu’un conflit ouvert. Il érode le discernement lui-même. Le jugement devient hésitant, retardé ou déplacé, tandis que l’action s’accélère. Nous vivons au milieu de références sans contours, de normes sans bords, et de commémorations qui perdent de leurs convictions ou s’instaurent en institutions figées. Le but de cette réflexion n’est pas de dénoncer cette condition, mais de la nommer – car ce qui reste innommé ne peut être jugé, et ce qui ne peut être jugé ne peut être retenu.
Liberté, Caïn et responsabilité
À ce stade, deux voix du XXe siècle éclairent pourquoi Caïn reste si vivement présent – non comme un désespoir irrépressible, mais comme une vigilance qui habite nos comportement les plus grégaires…
Le cardinal suisse Hans Urs von Balthasar insistait :
Tant que l’histoire dure, la liberté reste capable de refus ; c’est pourquoi le jugement n’est jamais redondant.
Caïn persiste parce que la liberté persiste.
Le prêtre orthodoxe russe et théologien Pavel Florensky, persécuté avant d’être tué dans les camps soviétiques, le formula avec une austérité encore plus grande :
Le mal n’est pas aboli par l’histoire ; il est démasqué par elle.
Caïn n’est pas effacé par le progrès, ni éliminé par les tribunaux. Il est exposé – et avec lui, l’exigence inéluctable de se tenir devant la vérité.
En ce sens, le jugement ne consiste pas en un mécanisme d’enfermement. Tout jugement implique l’obligation d’agir avec conscience et responsabilité.
Actes 15, Nicée et l’affinement du jugement
Cette crise n’est pas seulement politique ; elle est aussi « théologique », ce qui est rarement compris dans la vie quotidienne, mais influence nos manières de considérer le développement spirituel. Dans les Actes des Apôtres chapitre 15, le concile de Jérusalem (vers 49-52), universalisa la croissance de la foi chrétienne tout en la détachant de sa matrice mentale et juridique. Les Gentils furent inclus, mais sans structure légale d’alliance. Cette décision fut nécessaire pour l’expansion de l’Eglise naissante, mais elle eut des conséquences irréversibles, non résolues à ce jour.
Le concile de Nicée fixa une partie de la doctrine en 325, mais il ne recréa pas de corps juridique vivant capable de soutenir la responsabilité. La doctrine perdura ; la discipline juridique s’amenuisa, alors que l’Église indivise se séparait de l’Église de la Circoncision. Celle-ci disparut, suivie de l’anathème réciproque entre judaïsme et communautés chrétiennes.
Pour cette raison, la célébration contemporaine du 1700e anniversaire de Nicée apparaît profondément ambiguë. L’échec ne réside pas dans ces moments eux-mêmes, mais dans la manière dont ils sont commémorés par sélections « événementielles », la mise à l’écart « politicienne » des Slaves par exemple. Comme Nuremberg, Nicée survit comme une référence historique majeure plutôt que comme une structure opérante. Tous les colloques sur le Concile de Nicée en 325 soulignent que les formules adoptées sont acceptées dans la foi. Les lexiques alors utilisés sont plus difficiles à clarifier dans chacune des langues des congrégations diversifiées.
Le tribunal invisible
Pourtant, cette réflexion n’est ni négative ni nihiliste. Elle rappelle l’existence d’invariants tenaces au cours des millénaires.
Le Tribunal existe. Dans la compréhension chrétienne, le Juge est l’Agneau – Jésus Messie – qui revient pour juger les vivants et les morts. Mais ce Juge est invisible et non coercitif. Il n’intervient pas comme le font les pouvoirs humains. L’histoire est confiée à la responsabilité humaine sous contrainte, non sous contrôle.
Telle est la difficulté spécifique de l’Europe. Formée sous le regard d’un Juge invisible, elle a cherché, de manière récurrente, soit à le remplacer par des institutions, soit à oublier totalement la raison du droit et du jugement. Il en a résulté une culture juridique oscillant entre domination et abdication, entre inflation morale et paralysie pratique.
Le procès qui n’a jamais pris fin
Nuremberg a nommé les crimes, mais n’a pu régénérer le sens des responsabilités. Sutzkever a témoigné, mais sa langue fut exclue. Un voyage à travers l’Europe eut lieu, mais l’écoute fut estompée. Nous pouvons le ressentir dans la manière dont les différentes communautés vivent, par exemple, dans la même ville actuelle de Vilnius, Wilno, Vilno, sans pouvoir se rencontrer ni vivre un vrai dialogue, alors que la plupart des habitants et des réfugiés cohabitent dans des formes artificielles d’altérité remontant aux structures brisées de l’Histoire.
Ce n’est pas un échec au sens moral ; ici paraît la puissance d’invariants récurrents. Lorsque le droit, l’identité et la responsabilité s’éloignent, le jugement devient cérémoniel et le pouvoir se réaffirme sous d’autres formes, de manière oppressive.
En ce sens, le procès de Nuremberg n’a jamais pris fin. Est-il « en suspens » ? Il se poursuit partout où le recours au droit est invoqué sans permettre une vraie écoute des parties concernées. Ceci est vrai partout où la liberté est exercée sans la patience de placer véritablement la responsabilité sous le regard de l’Invisible.
A propos de l’auteur
Abba (père) Alexander est en charge des fidèles chrétiens orthodoxes de langues hébraïque, slaves au patriarcat de Jérusalem, talmudiste et étudie l’évolution de la société israélienne. Il consacre sa vie au dialogue entre Judaisme et Christianisme.
https://frblogs.timesofisrael.com/80-ans-apres-nuremberg-heritage-et-vigilance/
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Buchbesprechung, December 28
Gründerboom und -krach: Antisemitismus anno 1876
Wirtschafts- und Finanzkrisen fördern seit Langem Populismus und Judenhass. Das zeigt der Rückblick auf die Gründerzeit im 19. Jahrhundert.
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Die gebildeten Stände verbinden mit dem Aufkommen des deutschen Antisemitismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem Heinrich von Treitschkes im November 1879 erschienenen Aufsatz „Unsere Aussichten“. Darin hatte der bekannte Historiker den Satz geprägt: „Die Juden sind unser Unglück.“
Der Einfluss dieses viel diskutierten Aufsatzes auf das akademische Milieu war zweifellos erheblich, gleichwohl hatte Treitschke auf einem schon voll unter Dampf stehenden Zug Platz genommen. Als weitere Wegbereiter des Antisemitismus aus jener Zeit werden häufig der kaiserliche Hofprediger Adolf Stöcker, der Journalist Wilhelm Marr (der den Begriff „Antisemitismus“ geprägt hat) sowie der Ökonom und Philosoph Eugen Dühring genannt. Unterschätzt bleibt die Rolle Otto Glagaus.
Der Gründung des Kaiserreichs im Januar 1871 war nicht nur in Deutschland ein lebhafter Wirtschaftsaufschwung mit zahlreichen Unternehmensgründungen gefolgt, der sich in kräftigen Kurssteigerungen am Aktienmarkt äußerte. Exzesse waren früh erkennbar.
So warnte die „Frankfurter Zeitung“ im Spätsommer 1871 vor einer „Gründungswut“; nicht viel später war zu lesen: „Die Gründung von Banken an allen Ecken und Ende Deutschlands, selbst an solchen Orten, wo sich kein Zweck für dieselben auch nur erraten lässt, wird nachgerade zum Unfug.“ Im Jahr 1872 sah die Zeitung ein „Glücksrittertum“ am Werk, das alles wage, um das Publikum an die Leimrute zu locken. Wie üblich hörten die Anleger nicht auf Warnungen, bis im Frühjahr 1873 dem „Gründerboom“ ein heftiger „Gründerkrach“ folgte.
Suche nach Sündenböcken
„In keiner früheren Epoche ähnlicher Art war die Zahl der Selbstmorde so groß – vom Bankdirektor bis zum armen Arbeiter, vom Börsenspekulanten bis zum lorbeergeschmückten General –, in keiner solchen Perioden suchten so viele junge Brautleute, denen die Katastrophe die teuersten Lebenshoffnungen zerstört, ihren Trost im Tode“, beschrieb der Ökonom Max Wirth in seinem Buch „Geschichte der Handelskrisen“.
Nun waren Sündenböcke gesucht. Das Elend gab antiliberalen und antisemitischen Kräften Auftrieb. Viel gelesen wurde Mitte der Siebzigerjahre eine Artikelfolge Otto Glagaus in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“, die in überarbeiteter Form als Buch erschien. „Die Gartenlaube“ zählte etwa zwei Millionen Leser. Glagau, ein aus Ostpreußen stammender Journalist, hatte im Börsenkrach viel Geld verloren. Er präsentierte den „Gründerboom“ als eine von vornherein geplante Ausbeutung des Volkes durch eine von Juden gesteuerte Elite.
Glagau bediente sich einer Argumentation, die später als Kennzeichen eines politischen Populismus identifiziert wurde. Auch er unterschied zwischen dem braven, aber ausgenutzten Volk („wir“) und einer politischen und wirtschaftlichen, mit finsteren ausländischen Mächten verbündeten Elite („sie“), die zu ihrem Nutzen dem Volk Schaden zufügt.
Gelegentlich unseriöse Geschäftermacherei
„Die Geschichte der Gründungen und Emissionen von 1870 bis 1873 ist die Geschichte eines unerhört großen und frechen, raffinierten und intensiven Schwindels, wie er sonst noch nicht dagewesen“, schrieb Glagau. Er entwarf das Panorama eines in einer schweren Krise befindlichen, niedergehenden Landes, in dem die schwersten und unnatürlichsten Verbrechen an der Tagesordnung seien und Bettler und Vagabunden in Scharen umherstreiften.
„Alles das sind die unmittelbaren Folgen des Börsen- und Gründungsschwindels, und dieser ist wieder in der Hauptsache das Werk der Juden und Semiten“, deren Helfershelfer sich leider „aus allen Schichten der Gesellschaft bis hinauf zum hohen Adel und bis zu den ersten Beamten“ rekrutierten, folgerte der Verfasser. „Ihre Hauptverbündeten aber, deren Hilfe in Rath und Tat, deren Einfluss und Macht sie zu gewinnen wussten, waren ‚Volkswirte‘ und Parlamentarier, Literaten und Advokaten.“ Glagaus spezielle Verachtung galt jenen Volkswirten, die für die Verbreitung liberalen Gedankenguts die Verantwortung trügen.
Eine gelegentlich unseriöse Geschäftemacherei in Banken und an Börsen im „Gründerboom“, nicht selten mit Unterstützung willfähriger Journalisten, ließ sich nicht bestreiten. Glagaus Artikel bestanden neben antisemitischen Angriffen aus detaillierten Schilderungen fragwürdiger Unternehmensgründungen. Aber trotz bedenklicher Vorkommnisse blieb seine These, die Spekulationswelle an den Börsen wäre das Werk nur weniger Menschen gewesen, unhaltbar.
So hatte die Redaktion der „Gartenlaube“ daran erinnert, dass „eine übertriebene Gewinnsucht der kleinen Leute“ den Börsenboom mitbefeuert hatte und dass es „geradezu gefährlich“ sei, „dieser schnöden Gewinnsucht auch noch die patriotische Märtyrerkrone aufzusetzen“. Schon Ende Oktober 1871 hatte die „Frankfurter Zeitung“ das Publikum vor Übertreibungen gewarnt: „Wir stehen inmitten, wenn nicht gar erst im Anfang einer Periode, in der die Leichtgläubigkeit sich wieder einmal Luftschlösser aufbaut, die bei mangelndem Fundament bei dem ersten Windstoße zusammenbrechen müsste.“ Glagau konnte aber darauf vertrauen, dass viele Menschen, die im Börsenkrach nach eigenen Entscheidungen Geld verloren hatten, die Verantwortung für ihre Verluste nicht selbst übernehmen würden. Von ihm stammte auch der Satz: „Die soziale Frage ist die Judenfrage.“
Aufbau auf einem antijüdischen Sentiment
„Dass der Glaube an die überwiegende Schuld der Juden an dem großen Krach sich festsetzte, dazu hat ein einfacher Journalist am meisten beigetragen, Otto Glagau“, schrieb der Publizist und Politiker Hellmut von Gerlach im Rückblick. „Der journalistisch-politische Erfolg war ungeheuer. Was der Inhalt der Veröffentlichungen allein noch nicht erreicht hätte, das erreichten die maßlos heftigen Angriffe, die die betreffenden Kreise gegen den kecken Journalisten schleuderten. Glagau wurde eine Macht.“
Glagau konnte, ebenso wie Stöcker, Marr oder Treitschke, auf einem in Teilen der Bevölkerung vorhandenen antijüdischen Sentiment aufbauen, das sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Politische Folgen blieben nicht aus. Reichskanzler Otto von Bismarck, dem in der hitzigen Atmosphäre selbst eine ungebührliche Nähe zu Juden vorgeworfen wurde, entfremdete sich von den Liberalen und näherte sich den Konservativen an. Dieser Schwenk bremste in den frühen Achtzigerjahren den politischen Aufschwung des Antisemitismus – doch nur vorübergehend, nicht dauerhaft. Glagau, der im Jahr 1880 mit dem „Kulturkämpfer“ eine nur noch mäßig erfolgreiche antisemitische Hetzschrift gegründet hatte, geriet jedoch allmählich in Vergessenheit. Er starb 1892 nahezu vereinsamt in Berlin.
Frederick C. Beiser: The Berlin Antisemitism Controversy. London und New York 2024 (Routledge)
Otto Glagau: Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin. Leipzig 1876 (Paul Frohberg)
Daniela Weiland: Otto Glagau und „Der Kulturkämpfer“. Berlin 2004 (Metropol)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, December 28
Börsengeschichte: Der größte Crash aller Zeiten
Ein neues Buch erzählt den Börsenkrach des Jahres 1929 eindrücklich wie nie. Manches erinnert verdächtig an heute.
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Am Abend des 24. Oktober 1929, des schwärzesten Tages, den die amerikanische Börse bis dahin in ihrer Geschichte erlebt hatte, trat ein Mann mit ernster Miene vor die Presse. Die Zeitungen beschrieben seinen Auftritt im Nachhinein als den eines Menschen, „der auf die Bühne eines brennenden Theaters tritt und alle darum bittet, vollkommen ruhig zu bleiben“.
Dieser Mann war Thomas Lamont, Partner des Bankhauses JP Morgan, und einer der angesehensten Banker seiner Zeit. Es habe an diesem Morgen etwas Unruhe am Aktienmarkt gegeben, sagte Lamont, schob aber sogleich nach: Er und die führenden Köpfe anderer wichtiger Wall-Street-Banken seien übereingekommen, dass die Unruhe vor allem technische Ursachen habe, aber keine fundamentalen. Aufschlussreich war, was der Banker nur kurz darauf in einer privaten Nachricht der Leitung der New Yorker Börse mitteilte. Sie klang fast wie ein Hilferuf: „Kein Mann, auch keine Gruppe von Männern, kann alle diejenigen Aktien aufkaufen, die die Amerikaner verkaufen können.“
So wie im neuen Buch des Journalisten Andrew Ross Sorkin hat man über den Börsencrash des Jahres 1929 noch nie gelesen. In „1929: Inside the Greatest Crash in Wall Street History“ (bislang nur auf Englisch bei Penguin erschienen) konzentriert sich Sorkin auf Akteure, die bei anderen Betrachtungen nicht im Mittelpunkt stehen. Einer von ihnen ist der Banker Lamont, der zu seiner Zeit eine Art Klassensprecher der Wall Street war. Ein anderer ist Lamonts Kollege und Konkurrent Charles Mitchell, damals Chef der National City Bank. Der Journalist hatte exklusiven Zugang zu einigen persönlichen Archiven seiner Protagonisten und kann darum den Börsenkrach erlebbar machen wie kein Autor vor ihm.
Eine fast filmische Art der Darstellung
Gegen diese fast filmische Art der Darstellung ließe sich manches einwenden, aber man hat nur selten das Gefühl, dass Sorkin damit zu weit geht. Stattdessen erhält man anhand der von ihm zusammengetragenen Notizen einen einzigartigen Einblick in die Denkweise jener Zeit und lernt ganz nebenbei, dass manche Entwicklung von damals verdächtig an heute erinnert.
Tatsache war, dass Thomas Lamont an jenem Tag, an dem er die abendliche Pressekonferenz gab, alles versucht hatte, um die Lage zu stabilisieren. Der Dow-Jones-Index hatte am sogenannten „Schwarzen Donnerstag“ massiv an Wert verloren. Ein Beobachter notierte damals, die Menschen „an der Wall Street seien umhergelaufen wie Zombies“. Lamont wollte den Schrecken so schnell wie möglich vertreiben und erinnerte sich an eine Zusammenkunft, an der er im Jahr 1907 teilgenommen hatte. Einberufen hatte die Versammlung in höchster Eile John Pierpont Morgan, Lamonts späterer Boss. Auch damals lag ein Börsenkrach in der Luft. Doch Morgan konnte das Schlimmste verhindern, indem er die wichtigsten Banker Amerikas zu sich rief und sie dazu verpflichtete, die Börse mit Stützungskäufen zu stabilisieren. Das gelang und galt den Historikern später als Meisterleistung und Machtdemonstration in einem. Etwas Vergleichbares hatte sich Lamont nun 22 Jahre später vorgenommen.
Doch seine diskrete Nachricht an die Leitung der New Yorker Börse zeigte, dass Lamont schnell erkannte: Der Versuch, es seinem Vorbild gleichzutun, war gescheitert. Zwar war es ihm gelungen, andere Banken mit Stützungskäufen in Millionenhöhe in die Pflicht zu nehmen. Doch die hatten am Aktienmarkt nur einen geringen Effekt. Stattdessen fielen die Kurse auch in den Tagen nach dem 24. Oktober erst einmal weiter. Lamont, stets bestrebt, sich nach außen nichts anmerken zu lassen, schrieb danach an seine Tochter: Die vergangenen Tage hätten ihn ein wenig müde gemacht. Es dürfte sich um eine der größten Untertreibungen der Finanzgeschichte handeln.
„Sunshine Charlie“ und seine gefährlichen Pläne
Dass die Sache im Oktober 1929 so gründlich schiefging, hatte auch mit Charles Mitchell zu tun, von dem schon die Rede war. Mitchell, Spitzname „Sunshine Charlie“, hatte mit zu der besonderen Situation beigetragen, die damals an der Börse herrschte. Die Monate zuvor hatte er seinem Spitznamen alle Ehre gemacht: Die Kurse kannten seiner Meinung nach stets nur eine Richtung, nämlich nach oben. Wann immer jemand leise Zweifel an dieser Sichtweise vorbrachte, quittierte Mitchell sie mit dem Satz, der Aktienmarkt sei in gesundem Zustand. Außerdem brachte er gerne vermeintliche Börsenweisheiten unters Volk. Eine davon lautete: „Ein weiser Mann“ verkaufe seine Aktien nie zu früh.
Andrew Ross Sorkin arbeitet in seinem Buch auf spannende Weise heraus, dass Mitchell in Wahrheit aber um deutlich mehr Zusammenhänge wusste, als er in der Öffentlichkeit kundtat. In gewisser Weise hatte der Chef der National City Bank den gewaltigen Börsenaufschwung, der dem Oktober-Absturz vorausging, an vorderster Stelle mitverursacht. Seine Bank hatte wie viele andere Banken auch lange von einem Geschäftsmodell profitiert, das Aktien in den 1920er-Jahren auch bei ganz gewöhnlichen Amerikanern populär machte. Man bot den Menschen an, Aktien auf Kredit zu kaufen. Keine Bank ging dabei so aggressiv vor wie Mitchells National City Bank.
Es war üblich, dass 80 bis 90 Prozent des Aktienkaufs durch die Bank finanziert wurden und der neue Aktionär nur zehn bis zwanzig Prozent aus eigener Tasche hinzugab. Das sorgte fast automatisch für einen Anstieg der Kurse, weil sich so immer mehr Menschen Aktien überhaupt erst leisten konnten. Davon profitierten die Banken wiederum selbst, weil es ihnen damals erlaubt war, im großen Stil mit Wertpapieren zu spekulieren. Sie konnten also ihren unbedarften Kunden bestimmte Aktien schmackhaft machen, die die Banken selbst in ihren Büchern hatten. Der Boom befeuerte sich so gewissermaßen selbst, und alle waren zufrieden. Für den Fall, dass die Spekulation doch einmal nicht aufging, waren die Banken trotzdem fein heraus. Die Kreditverträge waren nämlich so aufgesetzt, dass die Kunden dann Geld nachschießen mussten („Margin Call“).
Wie reich die Banken damit werden konnten, zeigt exemplarisch ein Detail aus dem Leben Charles Mitchells: Er beschäftigte 16 Hausangestellte, unter anderem zwei Fahrer, eine Kammerdienerin, einen Butler, zwei Wäscherinnen, einen Koch, einen Assistenzkoch und eine Gouvernante.
Dass die Entwicklung insgesamt ungesund war, muss ein Mann wie Mitchell gewusst haben. Aber zu seiner Verteidigung sei gesagt, was auch Sorkin anführt: Vieles, was heute aus guten Gründen verboten ist, war damals gang und gäbe. Ein Unrechtsbewusstsein existierte nicht, Insiderhandel beispielsweise war erlaubt. Wenn Banken vorab wichtige Informationen über eine Firma erhielten, scheuten sie sich nicht, davon zu profitieren.
Frappierende Ähnlichkeiten
Die gewaltige Geldmaschine, die die Wall-Street-Banken aufgebaut hatten, konnte aber nur so lange funktionieren, wie die Kurse im Wesentlichen stiegen. Als 1929 die Zweifel immer größer wurden, war am Ende kein Halten mehr: Aufgrund der fallenden Kurse sahen sich die vielen neuen Aktionäre auf einmal mit Nachschusspflichten bei ihren Kreditverträgen konfrontiert, denen sie nicht nachkommen konnten. Die Handelsfirmen mussten die als Sicherheit hinterlegten Aktien darum verkaufen, was den Börsenabsturz noch weiter verstärkte. Sorkin schreibt: „Es war so, als wäre ein Schwergewichtsboxer überraschend von einem Amateur ausgeknockt worden.“
Manche Ähnlichkeiten zu heute sind frappierend. Die zahlreichen Behauptungen, es handele sich nicht um eine Kursblase, erinnern an die heutigen Beschwichtigungen bei Aktien aus dem Feld der Künstlichen Intelligenz. Und auch leichtfertig vergebene Kredite sind heute mancherorts wieder hoffähig; nur versteckt sich das Phänomen nun unter dem hippen Namen „Buy now, pay later“. Der wichtigsten Schlussfolgerung Andrew Ross Sorkins ist darum unbedingt zuzustimmen: „Die Lehre ist, dass wir uns immer daran erinnern sollten, wie leicht wir vergessen.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, December 25
Christliche und jüdische Tradition: An Weihnachten könnte auch Weihnukka sein
Vor mehr als 100 Jahren gehörte für jüdische Bürgerfamilien ein Christbaum dazu. Christliche und jüdische Tradition fanden zueinander. Damit war es schon vor dem Holocaust vorbei. Könnte sich das wieder ändern?
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Die Mutter meines jüdischen Großvaters – meine Urgroßmutter – stammte aus einem assimilierten Haus. „Fromm sein heißt gut sein“, sagte sie und meinte dabei keine Konfession. Mein Großvater erinnerte sich: „Sie hatte vor dem Ersten Weltkrieg bei sich zu Hause immer den schönsten Weihnachtsbaum der ganzen jüdischen Schule stehen.“ Ein Weihnachtsbaum in einer jüdischen Familie? Auch im Berlin der 1920er-Jahre war das nichts Ungewöhnliches.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war in Teilen Preußens, wie in Berlin, Frankfurt und Königsberg, aber auch in Wien die Assimilation weit fortgeschritten, und viele bürgerliche oder reformierte Juden feierten Weihnachten als gesellschaftliches familiäres Fest neben oder sogar anstelle jüdischer Traditionen. Selbst der österreichisch-ungarische Journalist und Schriftsteller Theodor Herzl, der als der Begründer des politischen Zionismus gilt, hatte 1895 einen Weihnachtsbaum für seine Kinder – ein Brauch, den er in seinem Tagebuch festhielt.
Auch bei Theodor Herzl stand ein Weihnachtsbaum
Herzl, der sich als Antwort auf wachsenden Antisemitismus und Pogrome – besonders im Osten Europas – für einen jüdischen Nationalstaat einsetzte, sah diese Assimilation nicht als Widerspruch zu jüdischer Selbstbestimmung oder als Verwässerung jüdischer Traditionen. Ein Weihnachtsbaum gehörte zu einer gutbürgerlichen jüdischen Familie der damaligen Zeit ebenso wie das gute Tafelsilber, der Brockhaus oder die deutschen Klassiker im Regal. Das obligatorische Klavier im Salon war, wie der festlich geschmückte Tannenbaum, ein stiller Bund mit der bürgerlichen Eleganz, mit der man sich selbstverständlich schmückte und deren äußere Codes man einzuhalten suchte.
Dieser Auffassung war auch der jüdische Maler Max Liebermann. Am 17. Dezember 1915 schrieb er seinem Freund, dem jüdischen Schriftsteller Georg Borchardt, dass er ein Exzerpt aus dessen Essays seiner Tochter unter den Christbaum legen werde – und „dieser Christbaum“ dürfe „in keiner besseren jüdischen Familie fehlen“. Liebermann verstand sich als nationalbewussten deutschen Preußen und sah in der Verbindung christlicher und jüdischer Traditionen kein Problem.
Das Kindermädchen gab den Weihnachtsmann
Auch W. Michael Blumenthal, der spätere Finanzminister der Vereinigten Staaten, erinnert sich an glanzvolle Weihnachtsfeste in seiner Kindheit. Blumenthal beschrieb seine Familie im Berlin der 1920er-Jahre allgemein als „gut situiert“. Er wurde 1926 in Oranienburg in eine assimilierte jüdische Familie hineingeboren, lediglich der Ururgroßvater sei noch ein frommer Jude gewesen, der täglich seinen religiösen Pflichten in der Synagoge nachkam. Blumenthals Urgroßvater hingegen hatte sich von Levy in Louis umbenannt, „das klang einheimischer und gefiel ihm besser, denn er war ein guter brandenburgischer Preuße“. Blumenthal beschreibt den Spaß der Erwachsenen, das Kindermädchen „Fräulein Else“ als Weihnachtsmann zu verkleiden, und die Freude der Kinder, die diesen Jux noch nicht durchschauten. Die ganze Familie war in die Vorbereitung des Weihnachtsfests involviert.
Es gibt zahlreiche weitere Überlieferungen christlich-jüdischer Verflechtungen. So ist es wenig überraschend, dass auch die Mendelssohns, die Heines oder die Rothschilds weihnachtliche Traditionen feierten, galt es doch als allgemeine Tendenz unter bürgerlichen Juden, Weihnachten als Familienfest in den jüdischen Kalender zu integrieren. Viele assimilierte Juden, wie auch die Familie des Religionswissenschaftlers Schalom Ben-Chorin, begriffen Weihnachten nicht als christliches Ritual, sondern als Teil deutscher Kultur. Für den jungen Ben-Chorin, 1913 in München in eine jüdische Familie als Fritz Rosenthal geboren, gehörte Weihnachten zu seiner Kindheit. „Ich liebte dieses Fest mit allen Sinnen“, schrieb er. Die Geschenke, Lebkuchen und den Weihnachtsbaum betrachtete er in seiner Erinnerung als etwas Vertrautes und Schönes – und eben auch als Teil der eigenen Tradition.
Die Enttäuschung vieler Juden, die sich dem deutschen Bürgertum zugehörig fühlten, von diesem aber zunehmend ausgegrenzt wurden, brachte die ungetrübte Identifikation vieler deutscher Juden ein gutes Jahrzehnt später ins Wanken. So musste sich 1927 Max Liebermann, der den Ersten Weltkrieg in anfänglicher Euphorie mit patriotischen Lithographien für die Zeitschrift „Kriegszeit“ unterstützt hatte, über die Schmähschriften antisemitischer Hetzblätter hinwegsetzen, als diese sich echauffierten, ein „jüdischer“ Künstler könne doch nicht den von ihnen verehrten nationalkonservativen Feldmarschall Hindenburg malen.
Liebermann spottete zunächst über die Nazis, malte Hindenburg und starb 1935, zurückgezogen und von seinen „arischen“ Künstlerkollegen als jüdischer Außenseiter degradiert. Sein Brieffreund Georg Borchardt wurde 1943 in Auschwitz ermordet, Heines Bücher wurden verbrannt, Nachkommen der Mendelssohns enteignet und zur Ausreise gezwungen, die Rothschilds verstreuten sich ins Exil über die ganze Welt. So verschwanden die Spuren des assimilierten jüdischen Bürgertums im privaten und im öffentlichen Raum.
Die Verwurzelung im Bürgertum war tief
Bei dem Literaturwissenschaftler Hanno Loewy kann man nachlesen, wie tief Juden im deutschen Bürgertum verwurzelt waren – und wie radikal der Bruch durch den Nationalsozialismus war. Nur wenige überwanden diese Zäsur, wie etwa Schalom Ben-Chorin, der sich nach dem Krieg aus dem israelischen Exil intensiv im jüdisch-christlichen Dialog engagierte, sich aber ebenso – nicht zuletzt durch die Ausgrenzungserfahrung im Nationalsozialismus – von der Idee einer starken Assimilation der jüdischen Minderheit an die christliche Mehrheitsgesellschaft verabschiedete. Viele deutsche Juden sahen nunmehr das Weihnachtsfest nicht länger als kulturelle Brücke, sondern als Widerspruch zur eigenen jüdischen Herkunft. Ein allgemeiner Wandel von kultureller Anpassung hin zu bewusster jüdischer Identität war zu beobachten. Auch mein Großvater beschrieb diesen Prozess mit den Worten, Hitler habe ihn zum Juden gemacht. „Ein gebürtiger Jude gewesen zu sein, ohne eigentlich zu wissen, was Judentum ist. Heute bin ich ein bewusster Jude. Und so ist halt das Leben eines Menschen.“
Blumenthal schreibt, dass durch den Einfluss der Nazis das Channukafest in der Familie Einzug hielt, maßgeblich durch die Prägung der jüdischen Schule in Berlin-Dahlem, die er besuchen musste, da er als Jude von der deutschen Volksschule ausgeschlossen war. Der Weihnachtsbaum aber wurde in seiner Familie mitnichten abgeschafft. So hatten sie beides: Weihnukka.
Wie könnte man diese Geschichte weiterdenken? In den USA, wo mehr als die Hälfte der amerikanischen Juden mit nichtjüdischen Ehepartnern verheiratet ist, ist „Chrismukkah“ zur selbstverständlichen kulturellen Praxis geworden und flutet den Geschenkartikelmarkt. Vielleicht ist es an der Zeit, Weihnukka auch in Deutschland wieder aufleben zu lassen, nicht als Ausdruck jüdischer Anpassung an die christliche Mehrheitskultur, sondern als gemeinsames kulturelles Miteinander. Doch anders als in den USA gibt es in Deutschland durch den Holocaust einen Bruch, der nie überwunden sein wird. Es wäre Aufgabe der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft, sich dem Weihnachtskapitel des deutsch-jüdischen Kulturerbes bewusst zuzuwenden.
Am 21. Dezember 1908 richtete Max Liebermann Festtagsgrüße an seinen Freund, den Kunsthistoriker Alfred Lichtwark. Welches Fest er meint, wird nicht deutlich, denn er schreibt: „Ich feiere alle Feste, christliche, jüdische, mohammedanische mit.“ Ähnlich undogmatisch sieht es damals auch noch Theodor Herzl, der wegen seines Weihnachtsbaums in einen Streit mit dem Rabbiner Moritz Güdemann geriet: Ein solcher christlicher Baum gehöre nicht in ein gutes jüdisches Haus, echauffierte sich dieser. Herzl lieferte prompt die Antwort: Man könne den Baum ja in „Channukabaum“ oder „Sonnenwendebaum“ umbenennen.
Vor der Liebermann-Villa am Großen Wannsee stehen heute ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum und ein Channuka-Leuchter. Ob das im Sinne des stolzen deutsch-jüdischen Preußen wäre?
Sara Klatt ist Autorin, Judaistin und Fotografin. Sie schreibt über deutsche Erinnerungskultur und israelische Gegenwart. 2024 erschien ihr Debütroman „Das Land, das ich dir zeigen will“ im Penguin Verlag.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, December 23
Geschichtsschreibung: Ist der Westen bloß eine historische Erfindung?
Es gab nie eine westliche Zivilisation – behauptet die Historikerin Josephine Quinn. Demokratie? Existierte auch anderswo. Philosophie? Kam aus Ägypten. Doch wer so Geschichte schreibt, macht es sich zu einfach.
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In der Stunde seiner Gefährdung wird der Westen wieder viel beschworen. Gegen die Bedrohung von innen (Trump) und von außen (Putin) wollen gerade auch linksliberale Politiker und Kommentatoren die westlichen Werte verteidigen, während Konservative unter Berufung auf eine schützenswerte europäische Zivilisation für ein hartes Grenzregime eintreten. Doch was, wenn der Westen, der hier bewahrt werden soll, in Wahrheit eine Chimäre ist?
Für Josephine Quinn ist die Rede von „westlichen Werten“ ein typisches Beispiel von civilisational thinking. Das „kulturalistische Denken“, wie es in der deutschen Übersetzung heißt, teilt die Welt demnach in verschiedene Kulturkreise auf, die mehr trenne als verbinde und die in der Geschichte häufiger gegen- als miteinander agiert hätten. Mit ihrem fulminanten Buch möchte Quinn, Professorin für Alte Geschichte an der Universität Cambridge, dieses Denken überwinden und die Existenz abgrenzbarer Kulturen grundsätzlich hinterfragen („Der Westen: Eine Erfindung der globalen Welt“).
Ein willkommener Perspektivwechsel
Vor allem richtet sich ihre Kritik gegen die Idee des Westens. „Eine einzigartige, reine westliche oder europäische Kultur“ habe es nie gegeben, postuliert sie gleich zu Beginn: „Die Werte, die wir heute westlich nennen – Freiheit, Rationalität, Gerechtigkeit und Toleranz – sind nicht allein und ursprünglich westlich; und der Westen selbst ist zum großen Teil Produkt langjähriger Verbindungen zu einem weit größeren Netz aus Gesellschaften; im Süden und Norden ebenso wie im Osten.“ Um diese Thesen zu untermauern, präsentiert Quinn eine alternative Geschichte des Westens, eine Vernetzungsgeschichte, die zeigen soll, wie stark die Gesellschaften des Mittelmeerraums seit jeher von wechselseitigem Austausch geprägt worden sind.
Anfangs ist das ein ebenso willkommener wie inspirierender Perspektivwechsel. Denn während die Geschichte an Universitäten noch heute meist mit der Entstehung der griechischen Schrift im 8. Jahrhundert vor Christus beginnt, setzt Quinn mit dem Aufkommen der Segelschifffahrt fast 2000 Jahre vorher ein. So erfährt man, dass das älteste erhaltene Gesetzbuch der Welt um 2100 im mesopotamischen Ur entstand und babylonische Gelehrte den „Satz des Pythagoras“ 1000 Jahre vor Pythagoras formulierten. Grabbeilagen in Mykene belegen die weitreichende Vernetzung der angeblich prähistorischen Welt ebenso wie Korrespondenzen zwischen Königen, die im ägyptischen Amarna gefunden wurden.
Doch heißt das auch, dass sich die griechisch-römische Kultur so nahtlos in die Gemeinschaft mediterraner Gesellschaften einfügte, dass von separaten Kulturen kaum die Rede sein kann? Wenn Quinn zum traditionell „klassisch“ genannten Altertum kommt, wirkt ihre Perspektive stark verkürzend. Stets betrachtet sie nur die Anfänge griechisch-römischer Entwicklungen, überbetont äußere Einflüsse und verkennt, dass Neuerungen auch durch innere Konflikte, einschneidende Ereignisse oder die Leistungen Einzelner entstehen konnten.
Der Westen profitierte von anderen – und ist trotzdem eigenständig
Über die griechische Kunst etwa bemerkt Quinn lediglich, dass die archaischen Kouroi, frühe, noch etwas steife Statuen bartloser Jünglinge, an ägyptische Bildhauertraditionen angeknüpft hätten – und geht nicht auf die weitere Entwicklung hin zu lebensnahen Bildnissen ein, die für die Kunstgeschichte noch entscheidender ist, aber eben nicht einfach auf den Kontakt mit fremden Kulturen zurückgeführt werden kann. Dass die Vorsokratiker von ägyptischem und babylonischem Wissen profitierten, hebt sie zu Recht hervor – verliert aber kein Wort über Sokrates, Platon und Aristoteles, deren Philosophie sich noch viel weniger durch Adaptationen von Altbekanntem erklären lässt, die westliche Denktraditionen jedoch ungleich stärker prägte.
Und wenn sie beschreibt, dass es lange vor den Stadtstaaten in Griechenland Formen der Bürgerbeteiligung in der Levante gab, so vermisst man einen Vergleich, der neben Gemeinsamkeiten auch die Unterschiede zwischen diesen politischen Formationen zeigt. Denn das Athen des fünften Jahrhunderts vor Christus mit seinen ausgeklügelten demokratischen Mechanismen hatte tatsächlich nur sehr wenig mit einer zwar nicht absolutistisch, aber doch monarchisch regierten Stadt wie Tyros ein paar Jahrhunderte zuvor zu tun.
Dass sich der Westen im Austausch mit anderen Regionen entwickelte, heißt deswegen noch nicht, dass er an entscheidenden Stellen nicht doch einen eigenständigen Weg einschlug. So zum Beispiel, als die Griechen im frühen fünften Jahrhundert die Perser bei Marathon und Salamis besiegten: Zwar weist Quinn zu Recht darauf hin, dass die Kriege aus persischer Sicht nichts als eine Strafexpedition waren, der die griechischen Akteure mit mehr Opportunismus als Idealismus begegneten. Doch ausgehend von diesen Kriegen und im Rückblick auf sie entwickelten die Griechen eine starke gemeinsame Identität, die Werte wie Freiheit und Selbstbestimmung betonte und sich gerade auch in Abgrenzung zu den Persern verstand. Dass sich hier Ost und West zu scheiden begannen, wie der Althistoriker Christian Meier einmal sagte, ist deswegen schon wegen der Rezeptionsgeschichte der Schlachten in der Antike plausibel.
Die blinden Flecken des Dekonstruktivismus
Wenn es hingegen Kulturen überhaupt nie gab, dann konnten sie sich auch nicht gegenseitig beeinflussen, dann hätten immer nur kleinere Gruppen aufeinander wirken können. In dieser Hinsicht ist Quinn merkwürdig inkonsequent. Einerseits bestreitet sie vehement, dass „ein Denken in Kulturen überhaupt dazu beiträgt, irgendetwas zu erklären“. Doch wenn sie andererseits sagt, dass „persische Frauen“ größere Freiheiten genossen hätten als athenische, oder dass Alexander der Große eine „gemischt griechisch-persische Kleidung“ getragen habe, dann ergibt beides nur Sinn, wenn „persisch“ eine relevante Kategorie ist. Implizit scheint sie also immer wieder anzuerkennen, was sie explizit widerlegen möchte: dass das Denken in Kulturen von heuristischem Wert sein kann, weil es zusammenfasst, was sich in bestimmten Zusammenhängen sinnvoll zusammenfassen lässt, und sei es idealtypisch.
So ist Quinns Erzählung, die ab der römischen Zeit kursorischer wird und um 1500 nach Christus relativ abrupt endet, zugleich ein Lehrstück vom Nutzen und Nachteil jener dekonstruktivistischen Tendenz, die seit Jahrzehnten die Geisteswissenschaften bestimmt. Dass sie immer wieder gewohnte Narrative in Frage stellt, macht ihr Buch zu einer stimulierenden Lektüre. Dass Kulturen keine isolierten, gottgegebenen Einheiten sind, zeigt sie überzeugend. Doch sollte man sie deswegen ganz aus der Geschichte verabschieden? Wenn Grenzen unscharf sind, heißt das nicht, dass das Abgegrenzte gar nicht existiert.
Fragen wie diese stellen sich in verschärfter Form auch heute. Denn wer die Existenz von Kulturen in der Geschichte leugnet, macht es sich auch in der Gegenwart gerne zu leicht. Quinn selbst verbindet die Vorstellung ihres Buchs in Interviews mit Plädoyers für offene Grenzen: „Menschen daran zu hindern, nach Europa zu kommen, ist ein ethisches Verbrechen.“ Ob vollkommen offene Grenzen und der damit vermutlich einhergehende Zusammenbruch westlicher Gesellschaften ethisch so vorteilhaft wären, sei dahingestellt.
Politisch jedenfalls ist eine solche Forderung illusorisch. Denn abgesehen von allen tatsächlichen Unterschieden, existieren Kulturen mit ihren Grenzen, wie alle sozialen Entitäten, schon deshalb, weil viele Menschen an sie glauben und entsprechend handeln. Zwar kann man versuchen, den Menschen diesen Glauben auszutreiben. Zielführender aber wäre, darüber nachzudenken, wie die historisch gewachsenen Kulturen bestmöglich miteinander auskommen können.
Allzu häufig haben sich dekonstruktivistische Ansätze darauf beschränkt, zu zeigen, dass Religionen, Nationen, Geschlechter und anderes keine natürlichen Formationen darstellen. Es unterblieb ein zweiter Schritt mit der Frage, warum solche Konstrukte dennoch wirkmächtig und vielleicht sogar sinnvoll sind, ob in heuristischer oder in politischer Hinsicht. Heute stehen die Geisteswissenschaften daher einigermaßen ratlos vor Entwicklungen, die zeigen, dass viele Menschen sich dieser Kategorien nicht einfach entledigen wollen. Was sozial konstruiert ist, muss deswegen nicht non-existent, irreführend oder falsch sein. Das gilt auch für Kulturen.
Neue Zürcher Zeitung, December 23
«Mein Vater war ein unglaublicher Feigling! Ich würde sagen: Aus lauter Feigheit hat er es bis zum Galgen in Nürnberg geschafft», sagt der Sohn von Hitlers Anwalt
Hans Frank war Hitlers Anwalt und für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich. Sein Sohn Niklas Frank beschäftigt sich auch mit 86 Jahren noch mit der Schuld seines Vaters.
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Niklas Frank war sieben Jahre alt, als sein Vater Hans Frank 1946 im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt wurde.
Bis zum Ende des NS-Regimes führte die Familie Frank ein prunkvolles Leben. Während in den Konzentrationslagern in Polen gemordet wurde, sammelte Hans Frank Kunst: stahl Gemälde von Rembrandt, Raffael und Leonardo da Vinci. Die Kinder hatten ihren eigenen Diener.
Die Familie Frank verlor mit der Kapitulation Deutschlands ihren geraubten Reichtum und lebte fortan in Armut. Niklas Frank kam mit zwölf Jahren auf ein Internat. Er fand über Umwege zum Journalismus: 23 Jahre lang arbeitete er beim «Stern» – zunächst als Redaktor und später als Kulturressortleiter.
Achtzig Jahre nach Beginn der Nürnberger Prozesse blickt Niklas Frank auf sein Leben zurück und fragt sich: Wie hat die Schuld seines Vaters seine eigene Biografie beeinflusst?
Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit, als Ihr Vater hingerichtet wurde?
Nach seiner Verhaftung am 4. Mai 1945 hörten wir monatelang nichts von ihm. Dann erhielten wir kleine Zettel aus dem Gefängnis – mit Fragen wie: «Wie geht es euch? Seid ihr alle gesund?»
Wie lief die Verhaftung ab?
Die Amerikaner haben ihn am Schliersee verhaftet und nach Tegernsee gebracht. Dort waren amerikanische GI stationiert, die zuvor das Konzentrationslager Dachau befreit hatten. Mein Vater trug den Spitznamen «Der Schlächter von Polen». Sie trieben ihn zwischen zwei Reihen von Soldaten hindurch und schlugen ihn von beiden Seiten – ausser ins Gesicht. Danach unternahm er einen Selbstmordversuch.
Wussten Sie zu diesem Zeitpunkt, was Ihr Vater getan hatte?
Im Herbst, kurz vor dem Prozess, veröffentlichten die Amerikaner Zeitungen mit Bildern von nackten, ermordeten Jüdinnen und Juden – immer mit dem Hinweis «Polen». Das war ein Schock. Ich dachte damals: Polen gehört uns Franks. Mein älterer Bruder Norman zeigte die Bilder unserer Mutter und sagte: «Mutti, wenn diese Fotos stimmen, hat Vati keine Chance.»
Wie wurden Sie über den Prozess informiert?
Wir sahen jede Woche im Kino die Wochenschau. Zehn Minuten lang wurde gezeigt, was in Deutschland und der Welt passiert war. Es begann immer mit der Anklagebank der Nürnberger Prozesse. Wir waren zufrieden, wenn der Kameraschwenk – der bei Göring begann – nach rechts zu unserem Vater führte. Meine Mutter schrieb ihm ins Gefängnis: «Du siehst am besten aus und bist so schön schlank geworden.»
Haben Sie ihn nochmals besucht?
Ja, das war im September 1946. Ich sass auf dem Schoss meiner Mutter, mein Vater hinter einer Glasscheibe, neben ihm ein amerikanischer Wachmann. Vater lachte mich an und sagte: «Niki, bald feiern wir wieder fröhlich Weihnachten in unserem Schoberhof.» Ich war total enttäuscht und dachte: Warum lügt er? Er weiss doch, dass er gehängt wird!
Ihr Vater war Jurist, sprach fliessend Latein, spielte Klavier und konnte seinen Goethe und Schiller auswendig – ein gebildeter Mann. Was suchte er bei den Nazis?
Er wurde 1900 geboren. In seinem Jugendtagebuch schrieb er, wie sehr er unter der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg litt, vor allem unter dem Versailler Vertrag. 1918 notierte er: «Deutschland braucht seine Ehre wieder, wir brauchen einen starken Mann – vielleicht bin ich es sogar.» Dann hörte er Hitler – und verfiel ihm total.
Was für ein Anwalt war Hans Frank?
Ich sah später die Akten: Mein Vater war ein absolut widerlicher, ekelhafter Anwalt. Es gab mehrere Standesverfahren gegen ihn, weil Kollegen sich über ihn beschwert hatten.
Wie kam er mit Hitler in Kontakt?
In den 1920er Jahren arbeitete er als Anwalt in München. In dieser Zeit verteidigte er NS-Schläger – so wurde Hitler auf ihn aufmerksam. Plötzlich war mein Vater «der Nazi-Anwalt Frank». In der sogenannten Kampfzeit vor der Machtübernahme 1933 war er Hitlers oberster Anwalt bei dessen Zivilprozessen. Hitler war ein furchtbarer Prozesshansel. Mein Vater erkämpfte für sein Idol immer wieder Siege. Später ernannte ihn Hitler zum bayrischen Justizminister, dann zum Generalgouverneur des besetzten Polens.
Das hätte er auch ablehnen können.
Natürlich. Er hätte ein ärztliches Attest vorlegen können und sagen: «Mein Führer, ich liebe Sie, ich liebe Ihre Bewegung, aber sehen Sie: Mein Herz ist nicht stark genug, ich kann diese Belastung nicht tragen.» Das hätte ihn nichts gekostet – ausser seiner Karriere.
Doch er wollte Karriere machen?
Mein Vater war ein eiskalter Karrierist. Er war wahnsinnig stolz auf seine 110 Uniformen und auf seinen neuen gepanzerten Mercedes, der das gleiche orangefarbene Scheinwerferlicht hatte wie der von Hitler. Der hat meinen Vater wohl nur darum zum Generalgouverneur gemacht, weil er seinen hündischen Charakter kannte und wusste: Hans Frank wird mir bei meiner Vernichtungspolitik keine Schwierigkeiten machen!
Was für einen Charakter hatte Ihr Vater?
Mein Vater war ein unglaublicher Feigling! Ich würde sagen: Aus lauter Feigheit hat er es bis zum Galgen in Nürnberg geschafft. Die Feigheit habe ich übrigens von ihm geerbt. Deswegen kämpfe ich mein ganzes Leben dagegen an.
Ihr Vater wurde im Gefängnis plötzlich sehr gläubig?
Mein Vater war altkatholisch aufgewachsen, trat dann aus der Kirche aus, als er seine Nazi-Karriere begann. Im Oktober 1945 liess er sich von Father O’Connor, einem amerikanischen Franziskaner, katholisch taufen. Er wurde derart fromm, dass er – wie er in einem Brief nach Hause schrieb – sogar eine Jesus-Erscheinung in seiner Zelle hatte. Ich fand schon damals als Kind all seine Briefe aus dem Gefängnis irgendwie lügenhaft.
Was für Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit in Polen?
Eingebrannt hat sich bei mir ein Besuch im Krakauer Ghetto. Ich wusste nicht, dass es ein Ghetto war oder die Menschen dort Jüdinnen und Juden waren. Meine Mutter fuhr mit Mercedes und Chauffeur hinein und kaufte zu selbst festgelegten Preisen ein. Einmal war ich dabei und streckte aus dem Mercedes einem Jungen die Zunge raus. Er sah traurig aus, wehrte sich nicht und ging einfach weg. Ich lachte als Sieger. Ich war erstaunt, dass sich das Kind nicht wehrte und mir nicht ebenfalls die Zunge rausstreckte.
Haben Sie in dieser Zeit Liebe gespürt?
Von meinen Eltern nicht. Es gab diesen Vorfall: Mein zwei Jahre älterer Bruder sagte in unserem Wochenendschloss Kressendorf bei Krakau zu mir: «Ich tue so, als wäre ich tot, und du holst Mutti.» Ein klassischer Versuch, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich holte unsere Mutter, die gerade in der Badewanne sass. Sie lief hinter mir her. Michel lag auf dem Boden. Mutter beugte sich runter, und mein Bruder lachte sie plötzlich an! Und wer bekam die Ohrfeige? Ich!
Hatten Sie eine vertraute Person?
Alles Menschliche, alles eventuell Humorvolle an mir stammt von Hilde, unserem Kindermädchen. Sie war damals Mitte 20, ein lustiges bayrisches Mädel. Offenbar durch ihre vielen Affären kam ich an die seltsamsten Orte.
Zum Beispiel?
Etwa ins Gestapo-Gefängnis in Krakau. Während Hilde wohl turtelte, nahm mich ein Gefängniswärter auf den Arm, brachte mich in den Keller und liess mich durch ein Guckloch schauen. Drinnen sass eine traurige junge Frau, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Ich fing an zu weinen. Da sagte er: «Da sitzt eine böse, böse Hexe drin, da musst du nicht weinen, bald ist sie tot.»
Während gemordet wurde, entdeckte Ihr Vater seine Jugendliebe wieder und wollte sich von Ihrer Mutter scheiden lassen.
Meine Mutter sagte damals: «Lieber die Witwe als die geschiedene Frau eines Reichsministers.» Vaters Anwalt schickte dennoch die Scheidungsakten an Hitler. Es gibt ein Telegramm von Bormann, in dem steht: «Der Führer hat Ihre Scheidungsakten mit grosser Sorgfalt studiert. Er gewährt Ihnen die Scheidung, wenn Sie von allen Ämtern zurücktreten.» Hitler wusste genau, dass mein Vater das nie tun würde. Denn damit hätte er alles verloren: Schlösser, Burg, Mercedes, seine 110 Uniformen.
Wie erlebten Sie das Ende des Krieges?
Einmal fuhr ich mit dem Chauffeur und meiner Mutter im Mercedes, als wir einen brennenden Panzer sahen. Der Chauffeur sagte zu Mutti: «Das ist ein Tigerpanzer.» Die Freiheitskämpfer in Polen waren bereits aktiv. Später sahen wir in Deutschland die grossen Flotten der amerikanischen Bomber über den Schliersee hinweg nach München fliegen.
Ein Amerikaner hätte Sie nach der deutschen Kapitulation beinahe erschossen.
Der Schoberhof, unser Haus in Oberbayern, wurde im Mai 1945 von den Amerikanern besetzt und teilweise geplündert. Zwei meiner Geschwister und ich wurden mit unserer Mutter auf den Hof gebracht. Ein vom Wein meines Vaters leicht angetrunkener amerikanischer Soldat richtete sein Gewehr auf uns.
Warum hat er nicht abgedrückt?
Meine Mutter – vor der mein Vater sogar noch im Gefängnis Angst hatte, wie mir Jahrzehnte später Father O’Connor erzählte – hatte eine unglaubliche Autoritätsausstrahlung. Sie schrie nicht, wie es das weibliche Klischee fordert, sondern sprach ihn auf Deutsch in einem so harten, herrischen Ton – den auch ich fürchtete – an, dass er verdattert die Waffe senkte.
Hatten Sie Angst vor dem amerikanischen Soldaten?
Das war wirklich merkwürdig und hat sich mir eingebrannt. Ob Sie es glauben oder nicht: Ich hatte das Gefühl, dass der Soldat recht hatte. Dass ich Mitglied einer kriminellen Vereinigung bin und erschossen gehöre.
Wie ging es weiter?
Drei Monate nach Kriegsende wurden wir aus dem Schoberhof geworfen und lebten dann in einer kleinen Wohnung. Für mich war das ein Abenteuer. Auf einmal waren wir arm. Meine Geschwister und ich mussten sogar einmal betteln gehen. Ich brachte als Einziger nichts zurück – ich war einfach zu verklemmt ohne unseren Diener.
Wo waren Sie am Tag der Hinrichtung Ihres Vaters?
Meine Mutter hatte uns schon Wochen zuvor in einem Kinderheim weit entfernt untergebracht. Wir sollten das Gerede der Leute und ihre Blicke nicht mitbekommen. Ein paar Tage nach dem Hinrichtungstag kam sie in einem bunten Frühlingskleid ins Kinderheim und erzählte uns drei Jüngsten, dass nun der Vater im Himmel und sicher sehr glücklich sei.
Wussten die anderen Kinder am Schliersee von Ihrem Vater?
Einmal rief mir ein Kind hinterher: «Minister, Minister, Benzinkanister!» Und ein anderer Junge fragte mich in der Schulpause: «Gell, Niki, dein Vater wird bald aufg’hängt?» Ich sagte nur «Ja». Dennoch haben sich diese beiden Szenen bei mir eingebrannt. Ich war wohl doch seelisch dadurch stark verletzt.
Ihre Familie behielt nach dem Tod Kontakt zu Ihrem Vater durch regelmässige Séancen. Typische Nazi-Esoterik?
Ich bin mit Kartenlegen und Tischchenrücken aufgewachsen. Auf dem Tisch lag ein rundes Alphabet, und alle legten ihre Finger auf ein Glas. Das verschob sich dann auf einzelne Buchstaben. Das Medium war Tante Martel, die Schwester unserer Mutter. Sie stöhnte auf und flüsterte dann: «Jetzt ist er da.» Dann fragte sie laut: «Hans, bist du es?» Und das Glas rutschte auf «Ja». Für uns Kinder waren das gruselige Stunden. Auch wenn unser Vater laut Auskunft des Tischchens im Himmel ein glückliches Leben führte.
Ihre Mutter starb an Ihrem 20. Geburtstag.
Ja, als ob sie geahnt hätte, was ich alles über meine Familie schreiben würde.
Sie wurden Journalist und arbeiteten 23 Jahre lang beim «Stern». Dort schrieben Sie Ihr erstes Buch: «Mein Vater – eine Abrechnung». Sie waren damals 48 Jahre alt. Warum erst so spät?
Weil ich mir immer gesagt habe: Ich lasse mir von meinem Vater nicht mein Leben versauen! Also baute ich weniger durch Leistung als vielmehr mit Glück mein Journalistenleben auf. Insgesamt war ich 23 Jahre beim «Stern», zunächst als Redaktor, dann als schlechtester Kulturressortleiter, den der «Stern» je hatte, und die letzten Jahre als Reporter, vor allem in Kriegs- und Krisengebieten rund um die Welt.
Wie war Ihr Verhältnis zu Deutschland zu dieser Zeit?
Deutschland wurde mir immer unheimlicher. Ich sah, dass der Antisemitismus nie tot war, und der Holocaust wurde ebenso verdrängt. Mit meinem Buch wollte ich dieses verklemmte Schweigen aufbrechen, wollte ohne jede Verschwiemelung und Scheiss-Verzeihung mit einem deutschen Massenmörder abrechnen, der zufällig mein Vater war.
Deutschland hat Ihr Buch zurückgewiesen. Es gab den Vorwurf, Sie seien zu exhibitionistisch. Sie schrieben, dass Sie das Foto Ihres toten Vaters stets bei sich tragen. Und dass Sie als Kind masturbierten, während Sie sich vorstellten, wie Ihr Vater zum Galgen geführt wurde und durch die Falltür in den Tod fiel.
Das Foto meines tot auf der Bahre liegenden Vaters steckt in meiner Jacke, die ich nur bei Reisen anziehe. Und was die köstliche Masturbation betrifft, so war für mich als Kind vor allem jeweils der 16. Oktober wichtig, an dem mein Vater 1946 gehängt worden war. Der Druck durch die Familie, diesen Jahrestag der Hinrichtung eines in ihren Augen Unschuldigen sozusagen zu feiern, baute einen Riesendruck auf. Denn ich konnte meinen Vater schon als Kind nicht leiden, obwohl ich ihn sehr geliebt haben muss.
Sie entschieden sich, mit Ihrem Vater abzurechnen. Ihren Geschwistern gelang das nicht.
Ich habe vier Geschwister. Drei von ihnen sahen unseren Vater als unschuldiges Opfer von Hitler, Himmler und der sogenannten Siegerjustiz von Nürnberg. Meine Schwester Brigitte hatte bereits in ihr Jugendtagebuch geschrieben, sie wolle nicht älter werden als Vati. Sie hat sich im Alter von 46 Jahren das Leben genommen. Im selben Alter war unser Vater hingerichtet worden. Mein ältester Bruder Norman hat zumindest die Fakten an sich herankommen lassen und sagte: «Ich weiss, dass unser Vater ein Verbrecher war, aber ich liebe ihn.» Dafür habe ich Verständnis, auch dafür, dass er dank diesem seelischen Zwiespalt zum Alkoholiker wurde.
Was schafften Sie, was Ihren Geschwistern offenbar misslang?
Ich war das jüngste Kind, habe also die wenigsten Erinnerungen. Und die waren nicht die besten. Mein Vater glaubte die ersten zwei, drei Jahre, dass ich nicht sein Kind sei, sondern das seines besten Freundes. Als ich im Warschauer Schloss Belvedere um einen runden Tisch lief und in seine Arme wollte, lief er immer rückwärts von mir weg und spöttelte: «Ja, was willst du denn? Du bist doch ein Fremdi! Du gehörst doch gar nicht zur Familie!» Ich weiss noch, dass ich ein Lätzchen trug und furchtbar heulte, weil ich doch in seine Arme wollte.
Was machte das mit Ihnen?
Wenn du so etwas als Kind erlebst, wirst du entweder zum psychischen Wrack oder baust eine gesunde Distanz zu diesem Vater auf. Beides natürlich im Unbewussten. Letzteres gelang mir. Das allerdings glauben nicht alle meiner Leserinnen.
Gab es diese Distanz nur Ihrem Vater gegenüber?
Nach dem Tod meiner geliebten Frau habe ich festgestellt, dass ich seit dieser Zurückweisung durch meinen Vater und durch seinen Hängetod einen Stahlpanzer um meine Seele trage: Mein Vater hat mir die Zärtlichkeit genommen. Als Erwachsener kann ich ihn aber nicht mehr dafür verantwortlich machen. Ich hätte merken müssen, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich hätte zum Psychiater gehen müssen. Doch ich habe von meinem Panzer nichts geahnt, fand mich stattdessen einen kühlen Typ.
Wie findet man heraus, dass etwas komisch ist?
Erst nach und nach beim täglichen Heulen nach Hannelores Tod zerbröselte der Panzer, und ich fand heraus, wie unzärtlich ich doch oft in den sechs Jahrzehnten unseres Zusammenseins ihr gegenüber gewesen war. Dabei habe ich sie über alles geliebt. Nur zeigen konnte ich es nicht. Scheissvater. Ich Scheisskerl.
Was steckt von Ihrem Vater in Ihnen?
Neben der geerbten Feigheit kann ich, wenn es darauf ankommt, glänzend lügen. Wie er. Deshalb kämpfe ich auch dagegen an. Nur bei den sogenannten Seitensprüngen, die in Wirklichkeit keine sind, denn wir sind alle promiskuitiv veranlagt, habe ich immer herumgelogen, was das Zeug hielt, zum Schutz meiner über alles geliebten Hannelore.
Sonst nichts Böses geerbt?
Das ist doch Quatsch. Das Böse ist keine vererbbare Krankheit. Görings Grossnichte und sein Grossneffe haben sich sterilisieren lassen – so ein Unsinn! Damit machen sie ihren Onkel zum Unschuldigen, der für seine Verbrechen nicht verantwortlich gemacht werden kann: Er war doch von seinen Genen her krank und damit nicht schuldfähig.
Hat Deutschland aus dem Holocaust etwas gelernt?
Nichts. Wir sind wieder eine sehr lebendige antisemitische Nation. Der Grossteil der Deutschen hat die Demokratie satt, sie lechzt nach einem Führer oder einer Führerin. Ich gebe der Demokratie in Deutschland nur noch wenige Jahre.
Jetzt übertreiben Sie. Glauben Sie wirklich, ein autoritärer Umsturz steht kurz bevor?
Wer gewinnt denn heute die Wahlen? Das sind die Rechten, die all das nicht mehr haben wollen: eine unabhängige Justiz, eine freie Presse, die Erinnerungskultur «Schuldkultur» nennen. Wir werden wieder zu einem gnadenlosen Volk. Man wird an der AfD nicht vorbeikommen. Wie damals bei Hitler wird man sie einbinden wollen, weil man glaubt, man könne sie in einer gemeinsamen Regierung führen.
Woran machen Sie das fest?
Es dürfte heutzutage bei uns keinen einzigen Antisemiten und keine Antisemitin geben. Wenn ich zu Lesungen und Diskussionen eingeladen werde, schlage ich immer wieder vor: Stellt euch vor, die Menschen, die ihr am meisten liebt, werden mit euch auf einen Viehwagen getrieben. Dann kommt ihr an der Rampe in Auschwitz an, und dort nimmt man sie euch weg und führt sie ins Gas. Wenn ihr euch richtig hineinsteigert, spürt ihr vielleicht ein Millionstel jener entsetzlichen Todesangst und Verzweiflung, die wir Deutschen und Österreicher über Millionen Menschen gebracht haben.
Wie reagiert das Publikum auf diese Schilderung?
Wann immer ich die Zuhörer und Zuhörerinnen dazu auffordere, mit mir diesen Weg zu gehen, sehe ich in sich verschlossene Gesichter. Wir haben eben den Holocaust nie an uns herangelassen und haben null Mitgefühl für unsere Opfer entwickelt.
Sie sind 86 Jahre alt. Auf Ihrer Website steht bereits Ihr Todesjahr: 2037. Möchten Sie sich die letzten Jahre Ihres Lebens weiter mit Ihrem Vater beschäftigen?
Ich will nicht, ich muss! Ich fürchte, dass mein Vater mich, den popeligen Demokratie-Anhänger, bald besiegen wird.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Buchbesprechung, December 22
Adenauer und Merz: Am Ende der großen deutschen Glückssträhne
Adenauers Albträume, aktualisiert: Nur der erste Bundeskanzler stand vor derart großen Herausforderungen wie Friedrich Merz. Drei neue Biographien, vor allem aber ein 21 Jahre altes Meisterwerk helfen bei der Einordnung.
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Es war nicht die Woche des Friedrich Merz, wieder einmal. Gleich zwei schwere Schlappen setzte es am Freitag, erst in Brüssel, wo der Kanzler nicht mit seiner Idee durchdrang, in Belgien lagernde Guthaben der russischen Zentralbank für die Ukraine zu verwenden, sondern stattdessen Eurobonds zustimmen musste. Dass am gleichen Tag der Kandidat des Kanzlers für den Topjob bei der Konrad-Adenauer-Stiftung unterlag, entbehrte zudem nicht der Ironie: Hatte Merz doch erst vor ein paar Wochen im Interview mit der F.A.S. gesagt, der erste Kanzler der Bundesrepublik habe es einfacher gehabt als er selbst, schließlich habe nach den Verwüstungen des Krieges ein weißes Blatt vor der Politik gelegen. Und mit Veränderungen hätten die Menschen damals Hoffnungen verbunden, die sich fast immer erfüllt hätten.
Kleine Sünden wie solche kühnen Behauptungen bestraft die Geschichte sofort. Die Weihnachtstage könnte Merz nutzen, um seinen Blick auf Adenauer und dessen Zeit noch einmal zu schärfen. Er könnte unter gleich drei Biographien wählen, die zum bevorstehenden 150. Geburtstag Adenauers am 5. Januar erschienen sind: von Norbert Frei (Emeritus für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Jena), Friedrich Kießling (Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte in Bonn) und Holger Löttel (Leiter der Abteilung Edition und Wissenschaft der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus).
Allen drei Schilderungen lässt sich entnehmen, wie wenig weiß die Blätter waren, die 1949 vor Adenauer und seinen Ministern lagen. Auch mit den erfüllten Hoffnungen war es so eine Sache: Das sogenannte Wirtschaftswunder nahm erst 1953 an Fahrt auf, angeschoben durch einen enormen Aufschwung im Welthandel nach dem Ende des Koreakriegs, und gerade noch rechtzeitig, um die schlechte Stimmung im Land zu drehen und Adenauers Wiederwahl bei der Bundestagswahl im gleichen Jahr sicherzustellen. Die Debatte um die Wiederbewaffnung sorgte für einen tiefen Riss innerhalb der westdeutschen Gesellschaft; es gab Massenkundgebungen und heftige Proteste.
Die drei Biographien der Ausnahmefigur Adenauer bewegen sich auf der Höhe des Forschungsstands, sie sind jargonfrei, passagenweise sogar anschaulich-erzählerisch geschrieben und im Urteil abgewogen, kurz: Sie sind allesamt einem Nichtfachpublikum zu empfehlen. Große neue Erkenntnisse sollten jene, die mit dem Leben Adenauers vertraut sind, allerdings von keinem der Bücher erwarten. Und bei allen Unterschieden der Gewichtung und des Urteils im Detail – einen Grundsatzstreit in den Deutungen, wie ihn Hans-Peter Schwarz (1986/1991) und Henning Köhler (1994) mit ihren monumentalen Lebensbeschreibungen einst ausgefochten haben, gibt es nicht mehr. Es reicht denn auch, eines der drei Bücher zu lesen.
Ein bisschen mehr Mut auch beim Schreiben einer Biographie
Angesichts des Überangebots an konventionellen, brav der Chronologie folgenden Biographien ist es ein wenig schade, dass kein Verlag den Mut gefunden hat, ein Buch anzustoßen, das ein wenig mehr ins Risiko gegangen wäre, indem es die Aktualität Adenauers beleuchtet: Was wirkt fort? Und wo nimmt die Gegenwart eine Gestalt an, die jener von vor 70 oder 80 Jahren ähnelt?
Die drei Historiker, darin ganz den Maximen ihrer Profession treu, belassen es bei Andeutungen, die Schlussfolgerungen überlassen sie den Lesern. Norbert Frei etwa gibt erst mit dem letzten Satz seines Buches Adenauers Führungsstärke und seinem Engagement für Europa einen Spin in die Gegenwart: „Beides wäre heute so nötig wie zu Adenauers Zeit.“
Seine unvermittelte Schlusspointe hätte der Einstieg für einen spannenden Essay sein können, der um die Frage kreist, inwieweit sich die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen für die Entwicklung und Ausübung von Macht und Führungsstärke verändert haben.
Der Umstand, dass der Name des ersten Bundeskanzlers derzeit so häufig fällt (was Merz’ Vergleich der jeweiligen Arbeitsbedingungen provozierte), ist nicht dem nahenden runden Geburtstag zu verdanken, der ohne die Multikrise der vergangenen fünf Jahre allenfalls eine Randnotiz gewesen wäre. Er ist vielmehr darauf zurückzuführen, dass die Deutschen das Gefühl haben, eine Epochenwende zu ihrem Nachteil zu erleben. Verbunden mit dem Eindruck, dass das handelnde politische Personal mit der Sache überfordert ist. Das Bedürfnis nach starken, entscheidungsfreudigen Politikern wird nun selbst unter jenen laut, die ein solches Vertrauen auf einzelne Persönlichkeiten vor Kurzem noch als gestrig betrachtet hätten, weil sie den Vorrang von Institutionen und Verfahren betonen. Man tritt Frei vermutlich nicht zu nah, wenn man ihm unterstellt, dass er dazugehört hat.
Und weil die Lage so ist, ist das Adenauer-Buch der Stunde eines, das vor 21 Jahren erschienen ist. Es handelt sich um das Bändchen „Anmerkungen zu Adenauer“ des 2017 gestorbenen Politologen und Zeithistorikers Hans-Peter Schwarz (nur noch antiquarisch zu beziehen). Der Titel ist eine bis in Aufbau und Duktus reichende Reverenz an Sebastian Haffners epochale „Anmerkungen zu Hitler“. Und auch wenn der einstige Bonner Großordinarius an die stilistische Eleganz und die gedankliche Kühnheit des Berliner Publizisten nicht heranreicht, ist es doch ein bemerkenswert dichtes, nicht chronologisch, sondern thematisch gegliedertes Werk, das zu klaren und durchaus kritischen Urteilen über Adenauer kommt, ohne jemals den Boden wissenschaftlicher Seriosität zu verlassen. Vor allem aber fragt es danach, was von Adenauer bleibt und was künftig wieder aktuell werden könnte.
Klarsicht Anno 2004
An einem Satz lässt sich beispielhaft zeigen, welche Weitsicht Schwarz im Jahr 2004 besaß: „Denn gibt es ihn heute noch, den Westen? Öffnen sich derzeit nach dem – vielleicht nur vorläufigen – Rückzug der Russen hinter den Dnjepr und bis vor die Tore Sankt Petersburgs zwischen den westlichen Demokratien nicht doch wieder Bruchlinien, welche die deutsche Außenpolitik zu Optionen zwingen, so daß sich urplötzlich wieder die Problematik der Mittellage ergibt, wenngleich in neuer Form und vorerst ohne gravierende Sicherheitsbedrohung?“
Wohlgemerkt, Schwarz hat das geschrieben, als Putins Auftritt vor dem Bundestag, nach dem sich die friedenssehnsuchtstrunkenen deutschen Abgeordneten in einen kollektiven Rausch der Geschichtsvergessenheit applaudiert hatten, erst zwei Jahre zurücklag. Und ein Jahr bevor Angela Merkel an die Macht kam, die dann als Kanzlerin Putin angeblich schnell durchschaute, aber wenig tat, um das eigene Land aus seiner fatalen Abhängigkeit von Russland zu befreien, ganz im Gegenteil.
Weil vieles darin so klug und zugleich aktuell ist, noch ein Satz aus Schwarz’ Buch: „So sah Adenauer in den USA eine Weltmacht, deren sich die Bundesrepublik unbedingt als Schutzmacht versichern sollte, machte sich aber gleichzeitig keine Illusionen darüber, daß man mit einem gefährlichen Burschen im Boot saß.“ Man hat fast den Eindruck, Schwarz hätte geahnt, dass eines Tages eine Figur wie Donald Trump das Ruder übernehmen könnte. Er lässt jedenfalls keinen Zweifel daran, dass er selbst die Analyse Adenauers von der Unzuverlässigkeit Amerikas teilt und für weiter gültig hält. Nicht jeder hätte das von dem als Transatlantiker bekannten Politologen erwartet.
Es gibt weitere Themen, die schon Adenauer beschäftigten, zwischenzeitlich als erledigt galten und nun wieder Beachtung finden. So stellt sich aufgrund des neuen russischen Imperialismus und des plötzlich vorstellbaren Rückzugs der Vereinigten Staaten aus der NATO die Frage nach der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands radikal neu, auch wenn das in der breiten Bevölkerung noch auf wenig Beachtung stößt. Adenauer hatte zwar nicht die unilaterale atomare Bewaffnung der Bundesrepublik betrieben, wohl auch aus einem inneren Unbehagen heraus, aber er hat sich doch die nukleare Option offenhalten wollen, wie sein Biograph Holger Löttel gerade gemeinsam mit Dominik Geppert in einem Aufsatz in der „Historischen Zeitschrift“ gezeigt hat.
Adenauers Sorge war, dass die Bundesrepublik anderenfalls zu einer Macht dritten Ranges herabsinken könnte und die deutschen Soldaten bei einem Atomkrieg als „Schlachtvieh“ verheizt würden, wie Adenauer in einem Brief an Eisenhower festhielt. Unter seinen Nachfolgern waren derartige Überlegungen gewissermaßen tabuisiert, stattdessen wurde der Einsatz ökonomischer und finanzieller Machtmittel in der Außenpolitik favorisiert. Dieser breite Konsens habe „bis an die Schwelle unserer Gegenwart“ Bestand gehabt, schreiben Löttel und Geppert. Dass dieser Konsens nicht mehr gelten kann, ist Verteidigungsexperten längst klar; es wäre also verwunderlich, wenn die nukleare Frage nicht auf der Agenda des Kanzleramts stünde.
Innerdeutsche Entfremdung nach der Ablehnung der Stalinnote
Eine europäische Kooperation mit Frankreich und Großbritannien, die schon zu Zeiten von Adenauer starken Konjunkturen von Annäherung und Entfremdung ausgesetzt war, ist angesichts der unsicheren politischen Perspektiven in beiden Ländern keine naheliegende Antwort mehr. Wer weiß schon, wie lange es Merz noch mit Partnern vom Schlage Macrons und Starmers zu tun hat und nicht mit Le Pen und Farage? Der Wunsch nach einer Vertiefung der Europäischen Union, den Navid Kermani unlängst vor der Konrad-Adenauer-Stiftung formulierte, klingt angesichts dieser Perspektiven etwas wohlfeil.
Ein Erbe der Ära Adenauer, dessen anhaltende innenpolitische Nachwirkungen immer deutlicher werden, ist die Entscheidung für die Westbindung und gegen die Perspektive einer raschen Wiedervereinigung. „Das bedeutete Freiheit vor Einheit“, wie Norbert Frei lapidar feststellt. Adenauers Zurückweisung der Stalinnote hatte im Osten das Gefühl hinterlassen, für das partikulare Sicherheitsbedürfnis des Westens und für dessen Streben nach Wohlstand geopfert zu werden. Was Putin treibt, bestätigt im Nachhinein die Haltung Adenauers, dass Moskau nicht zu trauen sei. Aber sein Schritt hat eben unvermeidlicherweise zu einer Entfremdung zwischen beiden Landesteilen beigetragen, auf der die Enttäuschungen der Nachwendejahre aufbauen konnten. Adenauers ungebrochene Popularität ist deshalb ein westdeutsches Phänomen. Und die auf den ersten Blick rätselhafte Russland-Zuneigung gerade auch innerhalb der ostdeutschen Anhängerschaft der AfD ist wohl die andere Seite derselben Medaille.
Adenauer machte sich übrigens keine Illusionen darüber, inwieweit seinen Landsleuten politisch über den Weg zu trauen sei. Noch 1966 sagte er in einem Fernsehinterview mit Günter Gaus, man müsse verstehen, dass „das deutsche Volk eben noch nicht aus dieser inneren Unruhe zu einer inneren Festigkeit und Stetigkeit gewachsen ist“. Zwischenzeitlich haben sich die Deutschen selbst ein besseres Zeugnis als Musterknaben der Demokratie ausgestellt. Die aktuelle Herausforderung durch die Wirtschaftskrise, die sich zum Verlust von hochqualifizierten Arbeitsplätze in ungekanntem Ausmaß auswachsen kann, wird womöglich zeigen, wie stabil diese Überzeugungen in der Gesellschaft verankert sind, wenn der Kitt des Wohlstands wegfällt.
Adenauer hat immer gewusst, wie gefährdet Frieden und Wohlstand sind. Den „Kanzler der Sorge“ (Golo Mann) plagten deshalb Albträume. Dass sie sich nicht bewahrheiteten, bedeutet nicht, dass das nicht noch passieren könnte. Es könnte sein, dass eine unwahrscheinliche Glückssträhne der Deutschen, insbesondere der Westdeutschen, nach 80 Jahren gerade zu Ende geht. Und es ist gut möglich, dass Merz das alles auch ohne Lektüre von Adenauer-Biographien sieht. Die entscheidende Frage lautet, ob er die politische Potenz mitbringt, die Herausforderungen zu bestehen.
Auch die im Jahr 2004 – also ihrerseits auf dem Höhepunkt einer tiefen Krise von Wirtschaft und Selbstbewusstsein in Deutschland – veröffentlichten „Anmerkungen zu Adenauer“ haben die Frage nach der Führungsstärke der zum Zeitpunkt des Erscheinens maßgeblichen Politiker aufgeworfen; etwas zu pauschal attestiert Schwarz den damaligen Akteuren mangelnde Gestaltungskraft im Vergleich zu Adenauer. Er ahnte offenbar noch nicht, dass das Land dank Schröder’scher Reformen in Verbindung mit der sich beschleunigenden Globalisierung einen überraschend schnellen Wiederaufschwung erleben sollte, von dem dann allerdings nicht mehr der Urheber der Reformen profitierte, sondern seine Nachfolgerin.
Nun ist es grundsätzlich schwierig, Adenauer als Vergleichsmaßstab zu nehmen. Er war eine singuläre Jahrhundert-Persönlichkeit. Charakterliche Disposition, Begabungen, Erfahrungen und Zeitumstände formten einen Mann, der wie gemacht war für das Amt des Kanzlers in der Gründungsphase der Republik. Aus kleinen Verhältnissen stammend schaffte er den Aufstieg ins Kölner Großbürgertum und profilierte sich von 1917 an als jüngster Oberbürgermeister des Reiches, der erst die revolutionären Kräfte von 1918/19 in seiner Stadt domestizierte, um anschließend ein atemberaubendes Modernisierungsprogramm durchzusetzen. Während des „Dritten Reiches“ befand er sich in der inneren Emigration und lebte mit der Gefahr, Opfer des Gewaltapparats der Nazis zu werden.
Das alles trug dazu bei, Adenauer zu dem Mann zu machen, den Frei so beschreibt: „stolz und stur und selbstbewusst, doch ohne eine Spur von Eitelkeit“. Adenauer war diszipliniert, geschmeidig, gut vorbereitet und skrupellos. Er war dabei in einem Ausmaß hart gegen sich selbst und seine Mitarbeiter, das nicht mehr vorstellbar ist. Er konnte die Partei und die Regierung in einem autoritären Stil führen, der heute zum Scheitern führen würde. Merz wird seinen eigenen Weg finden müssen. Aber es spricht nach einem guten halben Jahr Kanzlerschaft mit einigen deftigen Niederlage viel dafür, dass er die Festtage zur Selbstkritik nutzen sollte. Einige Tugenden, Maximen und auch Tricks Adenauers, des großen Handwerkers der Macht, sind immer aktuell.
Neue Zürcher Zeitung, December 18
Interview: «Putin ist viel draufgängerischer als Stalin»
Der Historiker Sergey Radchenko hat in sowjetischen Archiven die Gedankenwelt von Stalin, Chruschtschow und Breschnew rekonstruiert. Was er fand, erklärt Putins Krieg – und warum der russische Präsident gefährlicher ist als seine Vorgänger.
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Als Sergey Radchenko 2015 begann, den Kalten Krieg noch einmal zu erforschen, wirkte sein Projekt aus der Zeit gefallen. Wer wollte schon die Gedankenwelt von längst toten Sowjetführern rekonstruieren? «Aber ich hatte Glück», sagt Radchenko heute. «Leider.»
Radchenko hatte eine kurze Phase der Öffnung genutzt. Um 2013 gaben Archive in Russland (des Aussenministeriums sowie das Archiv der früheren Kommunistischen Partei) zuvor geheime Zeugnisse des Kalten Krieges frei. Radchenko stiess auf unglaubliches Material: Briefe, Tagebücher und Verhandlungspapiere der Sowjetführer Josef Stalin, Nikita Chruschtschow, Leonid Breschnew, Michail Gorbatschow. Was er darin las, erklärt Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine besser als viele geopolitische Thesen.
Radchenko wurde 1980 in einem Dorf an der Grenze des Sowjetimperiums zu China geboren, so isoliert, dass man manchmal japanisches Radio empfangen konnte, mehr nicht. Mit 15 ging er in die USA und studierte in Texas. Lange behielt er seinen russischen Pass. Dieses Jahr gab er ihn zurück.
Radchenko, Professor an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies in Washington, hat mit «To Run the World» eine Art Psychohistorie des Kalten Krieges geschrieben. Sie zeigt: Hinter dem kalten Machtstreben der Sowjetführer standen verletzte Gefühle, die Putin nun nutzt – wie Radchenko sagt: skrupelloser, als es die Sowjets getan hätten.
Herr Radchenko, Wladimir Putin sagte einmal in einer Rede: «Vor einigen Jahren erlagen wir der Illusion, dass wir keine Feinde haben. Dafür haben wir teuer bezahlt.» Wissen Sie, wann das war?
Vielleicht 2007? Oder 2010? Seit damals spricht er so.
Es war tatsächlich im Jahr 2000, kurz bevor er zum ersten Mal gewählt wurde.
Ich bin überrascht. Seine frühen Ansichten waren eigentlich weniger drastisch.
Viele hofften damals, dass Russland ein normales Mitglied der Staatengemeinschaft werden könnte, welches das imperiale Denken hinter sich lassen würde. Was haben wir übersehen, wenn Putin damals schon so redete?
Wir unterschätzten die Tiefe der Verbitterung der Russen. Sie betrifft die grundsätzliche Vorstellung vom Platz Russlands in der Welt. Putin ist nicht die Quelle dieser Verbitterung, sie reicht tiefer. Putin bringt sie nur an die Oberfläche.
Sie sind für Ihr Buch in russische und sowjetische Archive gestiegen und haben die Erinnerungen, Protokolle, Memos der sowjetischen Führung gelesen. Was dabei auffällt: wie sehr sich die Sowjets missverstanden fühlten.
Das Ende des Kalten Krieges ist eigentlich das letzte grosse Missverständnis. Im Westen glaubte man, auf den Trümmern des Sowjetimperiums entstünden demokratische Staaten, die ihren zugewiesenen Platz in der amerikanisch geführten internationalen Ordnung akzeptieren würden. Aber die Wahrnehmung auf der anderen Seite war völlig anders.
Die Amerikaner sahen sich als die Sieger des Kalten Krieges . . .
. . . während Michail Gorbatschow glaubte, die USA und die Sowjetunion hätten den Kalten Krieg quasi gemeinsam besiegt. Er entwickelte daraus die Idee eines gemeinsamen europäischen Hauses, in dem die Sowjetunion eine führende Rolle spielen sollte. Auch Boris Jelzin stellte sich vor, er und die USA würden die Welt gemeinsam verwalten. Er war beleidigt, als er von vielen Problemen ausgeschlossen wurde: beim Nahen Osten oder bei den Dayton-Abkommen, die den Bosnienkrieg beendeten. Die Russen fühlten sich bedeutungslos. Wie Dekoration im Raum.
Die Geschichte des grossen Missverständnisses geht weit zurück. 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, ordneten die Alliierten die Welt neu. Der Westen fürchtete, dass Stalin ganz Europa beanspruchen könnte. Sie haben unzählige Dokumente von Stalins Beratern und Stalin selbst durchforstet. Was wollte Stalin tatsächlich?
Hahaha. Er wusste das vermutlich nicht einmal selbst so genau. Was wir wissen: Stalin war traumatisiert vom Einfall der Deutschen im Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion. Und daher wollte er Sicherheit. Aber, was wir falsch verstehen: Er wollte auch Legitimität. Für ihn gab es das eine nicht ohne das andere.
Was meinen Sie damit?
Stalin wollte nicht einfach mit Truppen Deutschland besetzen. Oder so viele Länder wie möglich zur Pufferzone der Sowjetunion erklären. Er wollte eine Einflusssphäre, die als legitim anerkannt wird. Und zwar von den USA. Dafür verhandelte er intensiv und ging Kompromisse ein.
Wie zeigte sich das?
Zum Beispiel noch vor dem Ende des Krieges beim sogenannten Percentages Agreement mit Grossbritannien. Da teilte er sich mit Winston Churchill einzelne Länder auf. Sie stritten sich darum, wer Rumänien, Bulgarien oder Griechenland zu wie vielen Prozenten als sein Einflussgebiet beanspruchen durfte.
Das legendäre, geheime Verhandlungspapier, auf das Stalin schliesslich ein simples Häkchen setzte.
Genau. In den sowjetischen Dokumenten sieht man, wie Stalin Kompromisse einging. Er reduzierte seine Ansprüche in Griechenland von 25 auf 10 Prozent, erhielt dafür mehr von Bulgarien und Ungarn – was auch immer das heissen sollte.
Das erinnert an die Verhandlungen heute um die Ostukraine.
Mit dem Unterschied, dass damals die USA zu Europa hielten. Die Sowjets träumten damals sogar von Schweden und der Türkei. Wir wissen nicht, was Stalin getan hätte, wenn die USA 1945 nicht hart geblieben wären. So wie wir heute kaum wissen, ob Putin, wenn er die gesamte Ukraine erobern könnte, sich nicht bestärkt fühlen würde, noch mehr zu erobern.
Legitimität ist ein schwammiges Konzept. Was meinen Sie damit genau?
Sie fühlen sich legitimiert, wenn Sie wahrnehmen, dass Ihre Position in der internationalen Hierarchie rechtmässig ist und Ihre Position nicht angefochten wird. Von für Sie relevanten Akteuren. Wenn diese Anerkennung fehlt, kontrollieren Sie heute vielleicht ein bestimmtes Gebiet, aber Sie können sich nicht sicher sein, dass nicht bald schon der nächste Konflikt folgt. Für die Sowjets stand die Frage der Legitimität während des Kalten Krieges immer im Vordergrund.
Wie zeigte sich das konkret?
Zum Beispiel gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, als Stalin zögerte, den kommunistischen Aufstand in Griechenland zu unterstützen. Oder in China, als er die Kommunisten von Mao sogar zurückband – immer mit dem Ziel, dass die Amerikaner dafür seine Einflusssphäre in Osteuropa anerkennen würden.
War Legitimität wichtiger für die Sowjets als für die Amerikaner?
Sie erfüllte einen anderen Zweck. Zu Beginn des Kalten Krieges glaubte die sowjetische Führung, sie würde den Westen bald überholen. Nikita Chruschtschow, der auf Stalin folgte, war von der Wasserstoffbombe euphorisiert. Bald zeigte sich aber, dass das sowjetische Wirtschaftsexperiment scheitern würde. 1960 verkauften die Sowjets Gold, damit sie Getreide importieren konnten. Ich erinnere mich an ein langes Politbüroprotokoll aus dem Jahr 1966, das eine weitschweifige Diskussion darüber enthielt, wie schlecht die Lage sei und wie man die Wirtschaft ankurbeln könnte. Alle verstanden das Problem. Aber niemand kannte die Lösung. Also versuchte die Sowjetführung, ihre Position im internationalen System durch externe Anerkennung zu sichern.
Wieso genau brauchte die Sowjetunion ausgerechnet die Anerkennung der USA, ihres Erzfeindes?
Weil sie die Vereinigten Staaten immer als das grosse andere gesehen haben. Sie selbst hatten Amerika als die andere Supermacht anerkannt. Amerika hingegen brauchte für seine Eigenwahrnehmung als Supermacht nicht die Anerkennung der Sowjets.
Das klingt sehr unmilitärisch für zwei Kriegsparteien. Fühlten sich die Sowjets durch den Westen bedroht?
Es gab während des Kalten Kriegs Momente, in denen die Sowjetführung annahm, dass die Amerikaner tatsächlich einen Angriff planten. Aber das waren Episoden. Ich habe in den Archiven zahlreiche Beweise gefunden, die belegen, dass die Sowjets bereits ab Mitte der 1950er Jahre keine westliche Invasion befürchteten.
Wieso?
Das war die Folge der Atombombe. Chruschtschow erkannte als Erster, dass sie einen direkten Konflikt verunmöglichen würde, weil ein Atomkrieg zu gefährlich wäre. Wie er es in einer Notiz an seine Leutnants im Dezember 1959 formulierte: «Wie kann ein Land – oder eine Gruppe von Ländern in Europa – uns angreifen, wenn wir diese Länder mit unseren Atom- und Wasserstoffwaffen buchstäblich von der Erdoberfläche tilgen können?» Das bedeutete nicht, dass die Sowjets den Westen nicht mehr als sicherheitspolitische Bedrohung betrachteten. Das sowjetische Militär dachte weiterhin in Kategorien der Machtprojektion, die politische Führung der Sowjetunion jedoch zunehmend nicht mehr. Diese Debatte trat am Ende des Kalten Krieges offen zutage, als Gorbatschow vor der Notwendigkeit stand, Truppen aus Deutschland abzuziehen. Teile des Militärs lehnten diesen Schritt ab, doch Gorbatschows aussenpolitischer Berater Anatoli Tschernjajew argumentierte, es spiele keine Rolle, ob sowjetische Truppen in Deutschland stationiert seien – die Sowjetunion sei eine Atommacht, und niemand würde es wagen, sie anzugreifen. Gorbatschow stimmte dem zu.
Russland ist eine Atommacht, trotzdem sagen Historiker und prominente Politikwissenschafter wie John Mearsheimer, dass es sich durch die Nato-Osterweiterung bedroht gefühlt habe und deswegen logischerweise die Ukraine habe angreifen müssen.
Der Philosoph Isaiah Berlin hat Menschen in Igel und Füchse eingeteilt. Die Igel betrachten alles durch die immergleiche Linse, während die Füchse ihre Position angesichts sich ändernder Beweise anpassen. Mearsheimer ist ein Igel, er hat eine bestimmte Theorie und hält bis zum bitteren Ende daran fest, obwohl er von gegenteiligen Beweisen überrollt wird. Sein Problem ist, dass er die Nato rein militärisch analysiert.
Es ist ja auch ein militärisches Verteidigungsbündnis.
Natürlich. Aber hier zeigt sich das grosse Missverständnis des Westens. Wir haben nie verstanden, wieso die Russen die Neuordnung der Welt ab 1991 als Demütigung empfanden. Jelzin beschrieb den ganzen Prozess der Nato-Erweiterung gegenüber Clinton 1995 als «eine einzige Demütigung für Russland». Im Westen verstand man nie, was die Russen dabei eigentlich umtrieb: Waren sie tatsächlich um ihre Sicherheit besorgt? Das war ja absurd, was gab es denn von der Nato zu befürchten?
Glaubten die Russen, die Nato würde sie angreifen?
Nein, natürlich nicht. Gorbatschow schlug mehrere Male vor, dass die Sowjetunion der Nato beitreten solle. Nicht, um die Sicherheitsbedrohung für die Sowjetunion zu reduzieren. Sondern weil er fühlte, dass es eine Demütigung wäre, wenn die Sowjetunion von der Sicherheitsarchitektur Europas ausgeschlossen würde. Eine Demütigung, wie sie nun die Europäer nachfühlen können.
Wieso?
Weil es ihnen nun gleich geschieht, wenn etwa Trump über ihre Köpfe hinweg direkt mit Putin die Sicherheitsarchitektur der Ukraine bespricht.
Sie beschreiben auch Gorbatschows erstes Treffen mit Reagan in Genf 1985. Gorbatschow sagte Reagan damals erbost: «Du bist nicht der Lehrer, und ich bin nicht der Student. Du bist nicht der Ankläger, und ich bin nicht der Verteidiger.»
Ist das nicht crazy? Ich finde es bemerkenswert, wie sehr Gorbatschow da klingt wie heute Putin. Er wiederholte diese Botschaft immer wieder. Er beklagte sich, dass die Amerikaner einen Itch hätten, jeden zu belehren. «Diese amerikanische Krankheit ist wie Aids – ein Heilmittel ist bislang nicht gefunden worden.»
Gibt es eine Welt, in der sich Putin mehr in eine Richtung wie Gorbatschow hätte entwickeln können?
Putin ist viel tiefer verletzt und zorniger. Gorbatschow träumte davon, die Welt gemeinsam neu zu ordnen. Er hatte gar keine Zeit für Groll, bis er dann schliesslich die Macht verloren hatte. Putins Aufstieg zur Macht fiel mit Russlands Demütigung zusammen. Er dachte lange über diese Schmach nach. Er erlangte Macht, indem er Rache zu seinem Programm machte.
Die Rationalisten um Mearsheimer behaupten aber, dass es Putin gar nicht um Rache, nicht um die Wiederherstellung der Sowjetunion gehe. Das sei nur eine Ausrede der Europäer, mit der sie davon ablenken wollten, dass sie Putin mit der Nato provoziert hätten.
Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Putin daran interessiert ist, ein Imperium wiederherzustellen. Man denke etwa an seinen berüchtigten Artikel vom Juli 2021 über die historische Einheit von Russen und Ukrainern, in dem er die Ukraine faktisch als Teil Russlands darstellt. Er denkt die Welt in den imperialen Kategorien des 19. Jahrhunderts, in denen Russland Anspruch auf eine eigene Einflusssphäre erhebt.
Wie weit ist Putin zu gehen bereit, um die Anerkennung von Trump zu erhalten? Und hat er diese nicht bereits erhalten?
Sein Problem ist: Er kann der Trump-Regierung nicht vertrauen. Niemand kann das. Einen Tag hilft Trump der Ukraine, am nächsten verkauft er sie an Russland. Natürlich will Putin Trumps Anerkennung. Er will als ebenbürtig wahrgenommen werden. Er liebte es, als ihn Trump vor ein paar Monaten nach Alaska einlud. Das war ein triumphaler Moment für ihn. Er erhielt die Anerkennung Amerikas, ohne dass er dafür irgendetwas hätte aufgeben müssen.
Sie sagen, es liessen sich aus Ihrer Studie der sowjetischen Aussenpolitik Lehren für heute ziehen. Wenn Sie Putin mit den sowjetischen Führern vergleichen – welche Parallelen sehen Sie?
Auffallend ist vor allem ein Unterschied: Stalin, Chruschtschow, Breschnew waren alle durch ihre Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg klar geformt und traumatisiert.
Wie zeigte sich das?
Chruschtschow kämpfte in Stalingrad gegen die Deutschen, er beschreibt später, wie sie die Leichenberge verbrannten. Sein Sohn starb im Krieg. Breschnew wurde im Krieg verwundet. Gorbatschow verhungerte fast als Zehnjähriger, er schreibt später: «Als der Krieg endete, war ich 14. Unsere Generation ist eine Generation von Kriegskindern. Es verbrannte uns, hinterliess eine Prägung in unserem Charakter, unserer ganzen Weltsicht.»
Sie beschreiben in Ihrem Buch Chruschtschow als durch die Kriegserfahrung gezähmt. Das überrascht, weil Chruschtschow gleichzeitig für Drohungen mit der Atombombe in Erinnerung geblieben ist oder bei einer Uno-Vollversammlung einen Wutausbruch hatte, den Saal als Imperialistenknechte und Speichellecker beschimpfte und mit seinem Schuh auf das Rednerpult schlug.
Ja, aber diese Emotionalität ging nur bis zu einem bestimmten Punkt. Bei der Kubakrise oder der Berliner Mauer gab Chruschtschow nach. Chruschtschow war zwar euphorisiert von der Macht, die die Atombombe den Sowjets gab. Sie machte sie ebenbürtig mit den Amerikanern. Aber er wusste auch, wozu sie gut war: zur Erpressung, als politisches Mittel. Wenn es hart auf hart kam, hörte er auf zu pokern. Ich glaube, das, was er in Stalingrad erlebte, machte ihn auf eine gesunde Art und Weise unsicher. Es hielt ihn davon ab, zu hoch zu pokern.
Putin fehlt diese Erfahrung auf dem Schlachtfeld.
Ja, das beunruhigt mich. Putin sagte einmal, als er auf Chruschtschow angesprochen wurde: Er sehe sich in keinerlei Weise wie Chruschtschow. Putins prägende Erfahrung war der Kollaps der Sowjetunion. Was er daraus lernte: Man muss etwas riskieren. Er glaubt daran, Politik wie russisches Roulette zu betreiben. Er ist überzeugt, dass dem Westen etwas fehlt, was echte Männer ausmacht. Er sieht Westler als Männer mit schmaler Brust, die sich nicht wehren können. Er traut sich also zu pokern und wird dabei nicht wie die anderen sowjetischen Führer durch die Last der Geschichte zurückgehalten.
Die sowjetischen Führer klingen in Ihrem Buch manchmal fast verzweifelt darüber, dass der Westen sie einfach nicht ernst genug nimmt, ihre Grösse nicht zu erkennen scheint. Putin scheint diese Ignoranz aggressiv zu machen.
Sogar Stalin war auf seine Art und Weise sehr vorsichtig. Er sagte: «Wir sind nicht von Gefühlen, sondern von Verstand, Analyse und Berechnung getrieben.» Stalin provozierte die Amerikaner nur, wenn er sich absolut sicher war, dass sie nicht zurückschlagen würden. Beim Koreakrieg hielt er Kim Il Sung lange davon ab, Südkorea anzugreifen. Sein Okay folgte einem Fehler der Geheimdienste, weil diese glaubten, dass die Amerikaner sich zurückhalten würden.
Sie sagen, Putin sei ein anderes Kaliber als Stalin.
Putin ist nicht vorsichtig. Putin ist viel draufgängerischer als Stalin. Putin spricht oft viel aggressiver, als Stalin es sich erlaubt hätte. Als Putin vor ein paar Tagen sagte, er sei bereit, gegen Europa Krieg zu führen – Stalin hätte so etwas niemals gesagt. Aber Putin hat einen gewissen «swagger», eine Dreistigkeit, er zeigt dem Gegner, du bist nichts wert, du bist schwach, du kannst nicht für dich einstehen, ich werde deinen Bluff «callen».
Bis jetzt pokert er gut.
Was ich unheimlich finde: 2022 dachte die russische Elite: «Oh, mein Gott, der Alte ist durchgeknallt, was tun wir hier?» Jetzt denken viele: «Hm, vielleicht hat er doch prophetische Fähigkeiten.» Schliesslich sah er voraus, dass die Amerikaner schwach sind. Er spürte, dass die Europäer gespalten sind. Es ist fast wie im Zweiten Weltkrieg, als Hitler seine Generäle gegen Frankreich schickte und diese an ihn zu glauben begannen.
Putin hat viele rote Linien markiert: Wenn der Westen den Ukrainern Panzer liefert – Atomkrieg. Wenn der Westen Kampfjets liefert – Atomkrieg. Wenn der Westen Raketen liefert – Atomkrieg. Nichts ist passiert.
Als Ukrainer und Pole glaubt man deshalb logischerweise, Putin bluffe, wenn er von Atomschlägen spricht.
Also können wir seine Drohungen ignorieren?
Nein, die roten Linien wurden ohne Konsequenzen überschritten. Aber wir können bei Putin nicht sicher sein. Was an Russland beunruhigend ist, sind nicht Putins Absichten, sondern seine nuklearen Fähigkeiten. Auch er will keinen Atomkrieg. Aber er kann das Drohspiel besser spielen als jeder im Westen. Er weiss: Wer bereit ist, höher zu pokern, gewinnt in diesem globalen Vabanquespiel. Wenn bei seinen Gegnern auch nur ein Fünkchen Zweifel aufkommt, dass es Putin ernst sein könnte mit einem Atomschlag, hat er schon gewonnen.
Sollen wir die Drohnen abschiessen, die Putin nach Polen, Litauen, Estland schickt?
Sicher. Wenn wir das nicht tun, laden wir die Russen zu mehr Aggression ein.
Die russischen Jets, die immer wieder den Nato-Luftraum verletzen?
Die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs wegen eines abgeschossenen russischen Flugzeugs im estnischen Luftraum ist sehr, sehr gering. Das Entscheidende ist, Stärke zu zeigen, und die Art, wie Sie Stärke zeigen, ist, die Jets abzuschiessen. Im Kalten Krieg war völlig klar, dass man das macht.
Damals gab es Protokolle für den Umgang mit Eindringlingen.
Als die Amerikaner 1960 ein Spionageflugzeug über die Sowjetunion schickten, schossen die Sowjets das Flugzeug ab. Hatten wir einen Atomkrieg? Nein. Chruschtschow verlangte sogar eine Entschuldigung von US-Präsident Eisenhower. Haben die Amis danach nochmals versucht, so plump über die Sowjetunion zu fliegen? Nein, sie lernten ihre Lektion.
Die Türken schossen einen russischen Jet ab.
Hatten wir einen Krieg zwischen Russland und der Türkei? Es gab eine Phase der Spannung, aber die Russen schicken keine Flugzeuge mehr in den türkischen Luftraum.
Wird Putin die Nato angreifen, um die Position Russlands wiederherzustellen?
Wenn er glaubt, die Nato sei nur mehr ein Papiertiger, dann juckt es ihn.
Trump scheint ja bereit, ihm eigentlich die Anerkennung zu geben. Was wird Putin denn stoppen lassen?
Putin glaubt, dass er zuerst eine Realität auf dem Boden schaffen müsse, und dann werde daraus Anerkennung folgen.
Realität auf dem Boden . . .
. . . ein militärisch erstarktes Russland, dessen Macht über Osteuropa ausstrahlt. Er ist überzeugt: Wenn er das auf dem Schlachtfeld geklärt hat, folgt die Anerkennung notwendigerweise.
Wenn ich Ihrem Argument folge, gibt es für Putin aber eigentlich keinen anderen akzeptablen Ausgang dieses Kriegs als die Kapitulation der Ukraine.
Er will Europa demütigen. Er will die Demütigung aus dem Kalten Krieg umkehren. Er will Selenski entfernen. Denn Selenski hat sich ihm widersetzt. Das soll eine Lektion für andere Herausforderer sein. Er wird diese Ziele nicht gegen andere eintauschen. Deshalb bin ich immer wieder überrascht über die Naivität der Trump-Regierung, die zu glauben scheint, dass Putin von diesen Zielen abrücken könnte.
Was wäre denn, vor dem Hintergrund Ihres Studiums der sowjetischen Aussenpolitik, die smarte Haltung im Umgang mit Putin?
Die wahre Art of the Deal wäre: den Ukrainern mehr Waffen zu geben, die Europäer sind ja sogar bereit, dafür zu zahlen, also mit Stärke und Härte zu reagieren. Du musst aus einer Position der Stärke an den Verhandlungstisch gehen. Aber Trump kommt aus einer schwachen Position an den Tisch, was überhaupt nicht der wahren Position der Amerikaner entspricht.
Sie empfehlen eigentlich, Ronald Reagans Sowjetpolitik zu kopieren.
Genau. Als er seine Präsidentschaft 1981 antrat, unterstützte er in Afghanistan die Opposition im Kampf gegen die Sowjetunion. Er hat Breschnew auflaufen lassen. Stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn sich Reagan damals so verhalten hätte wie Trump heute.
Wie meinen Sie das?
Dann hätte Reagan der in Afghanistan kämpfenden Opposition gesagt: Hey, ihr solltet aufgeben, lasst die Sowjets gewinnen. Aber wieso hätte er das tun sollen? Wieso würdest du diejenigen, die gegen deinen Feind kämpfen, deinem Feind ausliefern wollen? Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Deshalb wird Trump so wütend, wenn man ihn mit Reagan vergleicht. Aber Reagan hätte tatsächlich anders gehandelt.
Reagan wollte aber auch keinen Atomkrieg riskieren.
Nein, er war extrem vorsichtig, er schrieb Briefe an Breschnew und machte schliesslich beim INF mit, dem ersten Nuklearabrüstungsvertrag. Aber er tat das aus der Überzeugung heraus, dass man gegen die Sowjets dagegenhalten müsse. Wenn Trump maximalen wirtschaftlichen Druck auf Putin ausgeübt und die Ukraine maximal unterstützt hätte, gäbe es vielleicht heute Frieden. Stattdessen hat Trump die amerikanischen Interessen verraten, die Ukraine verraten, sich mit den Europäern zerstritten. Mit welchem Ziel? Einen Friedensnobelpreis dafür, dass er die Ukraine den Russen zum Frass vorwirft?
Fairerweise muss man sagen, dass auch europäische Führer die Bedrohung durch Russland und Putin zu lange nicht erkannt hatten. Wieso scheint es so, dass so viele den Kopf verlieren, wenn sie es mit Russland zu tun bekommen?
Ich glaube, weil sie nicht aus der Position ihres Gegners denken. Sie versuchen, über Russland nachzudenken, indem sie glauben, Putin denke so wie sie. Statt dass sie versuchen, so zu denken, wie Putin denkt. Wir hatten dieses Problem schon immer. Die Amerikaner haben nie verstanden, wie die Sowjets gedacht haben. Jetzt hat es sich verschlimmert. Schauen Sie sich an, wer mit Russland in der Trump-Regierung zu tun hat. Diese Leute sind inkompetent, sie haben null Expertise.
Wird das alles mit Putin enden?
Ich glaube, wir müssen uns der Kontinuitäten bewusst sein. Es wäre falsch, anzunehmen, dass alles anders wird, wenn Putin weg ist.
Die weissrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch sagte einmal, dass sie den «Homo sovieticus» zu früh beerdigt habe. Er sitze nämlich jetzt im Kreml. Wenn Sie an Ihre Lektüre der Gedanken der Sowjetführer zurückdenken – hat Alexijewitsch recht?
Vieles erinnert an damals. Die Sowjetführer im Kreml verzehrten sich danach, als Führer einer Supermacht anerkannt zu werden. Das begehrt Putin genau gleich. Und was auch gleich ist: Beide haben die Mittel nicht, die diesen Führungsanspruch legitimieren würden. Es ist so, als ob sie sich an den Haaren selbst aus dem Sumpf zu ziehen versuchten. Die Sowjetunion hat das wirtschaftlich ruiniert. Putin glaubt, er könne die fehlende Stärke nun über Drohen wettmachen. Es wird gleich enden wie zuvor. Er führt Russland an einen dunklen Ort, von dem es kein Zurück mehr gibt.
Sergey Radchenko ist Professor und lehrt als Wilson E. Schmidt Distinguished Professor an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University. Sein Buch «To Run the World: The Kremlin’s Cold War Bid for Global Power» wurde mit dem renommierten Lionel Gelber Prize ausgezeichnet.
Neue Zürcher Zeitung, December 15
Mileva Einstein-Marić: Für manche ist sie «die Mutter der Relativitätstheorie»
Vor 150 Jahren wurde Mileva Einstein-Marić geboren, Einsteins erste Frau. Bis heute wird darüber gestritten, welche Verdienste sie an seiner Arbeit hatte. Marić gehörte zu den ersten Frauen, die in Zürich Mathematik und Physik studierten. Die Ehe hielt nicht.
Full text:
An den 150. Geburtstag von Mileva Einstein-Marić zu erinnern, ist kaum möglich, ohne zu fragen, welchen Anteil sie an der Arbeit ihres berühmten Ehemanns hatte. Nahm sie in deren Frühphase entscheidenden Einfluss, bevor seine mathematischen Gleichungen schliesslich zu seiner bahnbrechenden Relativitätstheorie führten? Warum heimste er den Ruhm des Nobelpreises für Physik, den er 1922 für seine Lichtquantenhypothese erhielt, für sich allein ein, sprach das Preisgeld aber seiner Ex-Frau zu? Wollte er damit sein schlechtes Gewissen beruhigen, dass er ihre frühere Mitarbeit unterschlagen hatte? Hatte sich das Paar bei der Scheidung auf dieses Schweigegeld geeinigt?
1992 wurden 43 Liebesbriefe von Einstein und Marić veröffentlicht, die von den Erben lange Zeit unter Verschluss gehalten worden waren. Sie lösten einigen Wirbel aus, da sie zahlreiche Hinweise auf eine enge Zusammenarbeit enthalten. Die Briefe stammen aus der Zeit von 1897 bis 1903, als die beiden verliebten Studierenden in Zürich tagelang über mathematischen Gleichungen brüteten. Vermutlich kritzelten sie Hunderte von Seiten voll, die, spätestens nachdem Einstein ihre gemeinsamen Gedankenspiele ins Reine geschrieben und seine Aufsätze publiziert hatte, zerknüllt im Papierkorb landeten.
«Wir haben eine wichtige Arbeit vollbracht»
Daher überrascht es nicht, dass sich nachträglich von Marić keine schriftlichen Nachweise für ihre mathematischen Arbeiten fanden. Doch Einstein würdigte ihren Beitrag, als er seiner Angebeteten Ende März 1901 schrieb: «Auch weiss ich, dass du mich von allem am innigsten liebst und verstehst. [. . .] Wie glücklich und stolz werde ich sein, wenn wir zusammen unsere Arbeit über die Relativbewegung glücklich zu Ende geführt haben.» Eine andere, nur mündliche Äusserung Einsteins, wonach er seine Frau brauche, weil sie alle seine mathematischen Probleme löse, ist eine der am häufigsten erzählten Anekdoten, wenn der in jungen Jahren als Faulpelz geltende, wenig disziplinierte Luftikus zitiert wird.
Von Marić gibt es die mündlich überlieferte Aussage, die sie gegenüber einer Freundin geäussert haben soll, als der Aufsatz zur Relativitätstheorie fertig war. «Wir haben eine wichtige Arbeit vollbracht, die meinen Mann weltberühmt machen wird.»
Als sich Marić Jahre später von Einstein scheiden liess, hatte sie automatisch wieder ihren in der Zürcher Verwaltung als Marity registrierten Mädchennamen erhalten. Doch sie wollte weiterhin Frau Einstein genannt werden. Sie erklärte dies mit dem Hinweis auf ihren wichtigen Anteil an Einsteins Schaffen.
Sie habe ihren wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Bekanntenkreis als Gattin des in der ganzen Welt berühmten Dr. Albert Einstein nicht nur durch den Gatten, sondern auch durch ihre persönliche Tüchtigkeit erworben, so liess sie ihren Rechtsanwalt die Eingabe beim Stadtrat begründen. Sie gelte als Frau Einstein, weil sie als Frau des Professors Einstein und nicht als Frau Marity sich die persönliche Geltung verschafft habe, die sie heute geniesse. Ihr Name Frau Mileva Einstein sei mit ihrer heutigen Geltung eng verknüpft, weil sie nicht bloss neben Einstein einhergegangen, sondern als eine der wenigen seinen Ideen gefolgt sei und ihn von Anfang an verstanden habe. Stadt- und Regierungsrat hiessen ihr Anliegen gut.
Schon als Mädchen ein Mathe-Genie
Nach Erscheinen der Liebesbriefe versuchten viele Forschende zu rekonstruieren, wie Einstein in seinen jungen Jahren zu seinen Erkenntnissen gekommen war. Je nachdem, ob sie dabei eher die feministische oder die patriarchale Brille trugen, kamen sie zu divergierenden Schlüssen: Sie reichen von der Aussage, Marić sei «die Mutter der Relativitätstheorie», bis zu der Einschätzung, ihr Beitrag sei eher marginal gewesen. Doch wer war die Frau, die aus Sicht mancher Einstein-Forscher postum plötzlich einen wesentlich bedeutenderen Anteil an Einsteins Erfolg zugesprochen wurde?
Mileva Marić, am 19. Dezember 1875 im Städtchen Titel am Fluss Theiss (Tisza) geboren, entstammte einer wohlhabenden serbischen Familie aus der Vojvodina, die damals zur k. u. k. Monarchie gehörte und eine überwiegend serbische Bevölkerung aufwies. Ihre Eltern Miloš und Maria Marić erkannten früh die ausserordentliche Begabung ihrer Tochter für Mathematik und bemühten sich um eine gute Ausbildung. Ihre Befürchtung, dass Mileva, die wegen eines angeborenen Hüftleidens hinkte, keinen Ehemann finden würde, verstärkte ihr Bemühen.
Sie schickten die Tochter an eine Höhere Mädchenschule und danach für den Mathematik- und Physikunterricht an ein Knabengymnasium in Zagreb. Für ein anschliessendes Hochschulstudium bot sich nebst Paris nur die Schweiz an, wo dank dem Einsatz der russischen Studentin Nadeschda Suslowa ein vollumfängliches Studium für Frauen überhaupt erst möglich war. Die Zulassung zu den Prüfungen hiess aber noch lange nicht, dass weibliche Studierende von den Professoren auch gleich wie ihre männlichen Kollegen behandelt und gefördert wurden.
Marić fuhr 1894 allein nach Zürich – wild entschlossen, Karriere zu machen und nicht zu heiraten. Sie holte an der Höheren Töchterschule das letzte Schuljahr und in Bern die Matur nach. Nach einem Schnuppersemester in Medizin an der Uni Zürich wechselte sie ans Polytechnikum, um die mathematisch-naturwissenschaftliche Fachrichtung einzuschlagen. Die Aufnahmeprüfung bestand sie – wenn auch knapp – mit einem Notenschnitt von 4,25. Albert Einstein war ein Jahr zuvor bei der Aufnahmeprüfung durchgefallen und musste auch zuerst die Matur nachholen.
Gegensätze ziehen sich an
Marić war erst die fünfte Frau, die am Poly für diese Fachrichtung zugelassen wurde. Im Kurs sah sie sich als einzige Studentin elf jungen Männern gegenüber. Einer von ihnen war der in Ulm geborene und in München aufgewachsene Einstein, dreieinhalb Jahre jünger als Marić und schwer beeindruckt von ihren mathematischen Kenntnissen und der grossen Arbeitsdisziplin, die ihm so sehr abging. Umgekehrt wirkte Einstein mit seiner lustigen, unbeschwerten Art anziehend auf sie.
Es müssen gerade die grossen charakterlichen Gegensätze gewesen sein – hier die strebsame, stille Studentin, dort der extravertierte, fröhliche Spassvogel –, die wie Magnete wirkten. Beide fühlten sich bald «ganz eins» oder, wie Marić es nannte: als «Ein Stein». «Wie glücklich ich bin, dass ich in dir eine ebenbürtige Kreatur gefunden habe», schrieb Einstein seiner grossen Liebe. «Wie hab ich nur früher ohne dich leben können, mein kleines Alles. Ohne dich fehlt mirs an Selbstgefühl, Lebensfreude, Arbeitslust.»
Doch während es mit Einsteins Karriere stetig bergauf ging, erhielt Marićs wissenschaftliche Laufbahn einen scharfen Knick: 1899 bestand sie die erste Prüfung, die Fachlehrerdiplomprüfung ein Jahr später schaffte sie nicht. Sie wiederholte die Prüfung – bereits im dritten Monat schwanger von Einstein – und fiel erneut durch. Da ihr Betreuer, Professor Heinrich Weber, ihre Diplomarbeit zur Wärmelehre nur als mittelmässig bewertete, zog sie sie wieder zurück. Für die Entbindung fuhr Marić allein zu ihren Eltern in die Vojvodina. Was nach der Geburt mit dem Mädchen geschah, konnte nie geklärt werden. Es wird vermutet, dass es zur Adoption freigegeben wurde.
Einstein entflieht der Enge der Ehe
Einstein hielt sich mit verschiedenen Schulvikariaten und Nachhilfestunden über Wasser. Doch erst 1903, als er dank einer Fürsprache eine feste Stelle beim Patentamt in Bern erhielt, heiratete das Paar gegen den Willen beider Eltern. Schon ein Jahr nach der Hochzeit gebar Marić einen Sohn. Sie kümmerte sich nicht nur um den kleinen Hans Albert und alle häuslichen Belange, sie organisierte auch die Familienumzüge nach Zürich, Prag und wieder zurück nach Zürich, wo der inzwischen sehr gefragte Einstein an die Universität berufen wurde.
Irgendwo auf dem Weg verlor Einstein seine grosse Leidenschaft für Marić. Er empfand seine Ehe zunehmend als beklemmend und versuchte der Enge durch zahlreiche Affären zu entfliehen. Kurz nachdem Marić 1910 den zweiten Sohn, Eduard, geboren hatte, fing Einstein einen heimlichen Briefwechsel mit seiner Cousine Elsa Löwenthal in Berlin an. Als er 1914 einen Ruf an die Preussische Akademie der Wissenschaften in Berlin erhielt und zwei Jahre später Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik wurde, war die Ehe Einstein-Marić zerbrochen.
Zwar zog auch Marić mit den Kindern an die Spree. Doch nachdem ihr Einstein für ein Zusammenbleiben eine Liste übelster, entwürdigender Bedingungen abgenötigt hatte, war an ein normales Familienleben nicht mehr zu denken. Marić kehrte mit den beiden Buben nach Zürich zurück, wo sie in äusserst bescheidenen Verhältnissen an der Huttenstrasse 62 in Zürich Oberstrass lebten. Das Bezirksgericht Zürich vollzog am 19. Februar 1919 die Scheidung.
Preisgeld zur Behandlung des kranken Sohns
Als Einstein der Nobelpreis für Physik zugesprochen wurde, erhielt Marić das Preisgeld von rund 25 000 Franken. Damit erwarb sie drei Mietliegenschaften in Oberstrass, unter anderem jene, in der sie selber wohnte. Das meiste Geld aber verschlang die teure Behandlung des an Schizophrenie erkrankten jüngeren Sohns, der die überwiegende Zeit in der psychiatrischen Klinik Burghölzli zubrachte, wo er 1965 starb. Marić kümmerte sich bis zu ihrem Tod am 14. August 1948 um Eduard, während Einstein ihn nur dreimal in Zürich besuchte und irgendwann seinen Briefkontakt zu ihm abbrach.
Die jüngste Marić-Biografie, «Einstein’s Wife» (2019) von Allen Esterson und David C. Cassidy, die sämtliche bisher bekannten Fakten nochmals bündelt und analysiert, kommt zu dem Schluss, dass die Rolle von Marić «von unschätzbarem Wert» sei, «da sie die notwendigen Voraussetzungen schuf, um die Ideen, die Einstein in Hülle und Fülle hervorbrachte, verwirklichen zu können».
Das ist etwa der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Forschung derzeit einigen kann. Solange keine neuen Quellen auftauchen, wird aber auch Einstein weiterhin der unschöne Verdacht anhängen, dass er nie etwas unternahm oder gar verhinderte, der Bedeutung seiner einst so geliebten und bewunderten Gefährtin für seine Forschungsarbeiten die gebührende Anerkennung zu verschaffen.
Karin Huser ist freischaffende Historikerin.
https://www.nzz.ch/feuilleton/mileva-einstein-mari-die-vergessene-mitstreiterin-einsteins-ld.1915448
Neue Zürcher Zeitung, December 15
Mirsad Duratovic kämpft gegen das Vergessen der Kriegsverbrechen in Bosnien-Herzegowina – und mit seiner schwindenden Geduld
Der bosniakische Politiker und Aktivist gehörte zu den Ersten, die in ihre vom Krieg zerstörte Heimat zurückkehrten. Heute stellt er sich in der Republika Srpska grossen politischen Widerständen entgegen. Porträt eines Rastlosen.
Full text:
Mirsad Duratovic ist ständig in Bewegung. Inne hält er nur auf dem Friedhof in Biscani, einem Dorf im Norden Bosniens, nahe der Stadt Prijedor. Dort liegen sein Vater, sein Bruder, seine Schulfreunde, seine Nachbarn begraben. Auf dem Friedhof nimmt er sich die Zeit, Fragen zu stellen: «Wofür habe genau ich überlebt?» Oder: «Habe ich das Recht, mit der Vergangenheit abzuschliessen?»
Danach begibt sich der 51-jährige Duratovic, ein zurückhaltender und doch charismatischer Mann, wieder auf seine Mission. «Gerechtigkeit» nennt er sie. Manchmal auch «Versöhnung».
Beides sind grosse Worte in Bosnien-Herzegowina, Duratovics Heimat. Vor dreissig Jahren ging der Krieg dort mit der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens zu Ende. Zuvor hatten sich Serben, Kroaten und bosnische Muslime drei Jahre lang in einem blutigen Bürgerkrieg bekämpft. Auch wenn es seither keine Kampfhandlungen mehr gab und die Menschen wieder nebeneinander leben, ist die Vergangenheit in der bosnischen Gesellschaft nach wie vor präsent: nicht als Gegenstand alltäglicher Auseinandersetzungen, sondern als ein grosses Tabu.
Besonders stark hat sich dieses Tabu in der Republika Srpska gefestigt. Führende Politiker in diesem serbisch dominierten Teilstaat von Bosnien-Herzegowina stehen der Aufarbeitung des Krieges im Weg, sie verschweigen Kriegsverbrechen oder spielen diese herunter – darunter auch das Massaker von Srebrenica, das vom Jugoslawientribunal und später vom internationalen Gerichtshof als Genozid eingestuft wurde.
Mirsad Duratovic ist einer von wenigen Politikern, die in der Republika Srpska gegen das Vergessen kämpfen. Er sitzt für die sozialdemokratische Partei im Parlament, wo er bis vor kurzem Vizepräsident war. Seine politische Mission ist auch eine persönliche: Als erste nichtserbische Person wurde Duratovic in diesem Teilstaat als ein «Opfer von Kriegsfolter» anerkannt.
Mitte November sitzt Duratovic in einem Café in Zürich und denkt an die Momente auf dem Friedhof seines Heimatdorfs bei Prijedor zurück und an die Ereignisse, die damit verbunden sind. Er spricht leise, gestikuliert dabei aber weit ausholend, während sein Kaffee unangerührt langsam kalt wird.
Zerstörung der Persönlichkeit
Seine Geschichte hat Mirsad Duratovic schon häufig erzählt, sie beginnt am 20. Juli 1992. Der damals 17-Jährige hört in den frühen Morgenstunden Schüsse und Granatenexplosionen. Kurz darauf stürmen bosnisch-serbische Einheiten die Häuser in Biscani; sie trennen seine Familie und die Nachbarn nach Alter und Geschlecht. Duratovic wird zusammen mit anderen Männern in den Bergwerkkomplex Omarska deportiert.
Die dortigen Zustände schreibt er später auf. Seine Zeilen handeln von Hunger, Schlägen, von Vergewaltigungen. All das stehe für die «Zerstörung der Persönlichkeit» der Gefangenen, schreibt Duratovic.
Sein Text wurde in einem Buch veröffentlicht. Er ist kein offizieller Beweis für das Erlebte, doch die darin geschilderten Verbrechen wurden in späteren Gerichtsurteilen bestätigt. Omarska gehörte zu den berüchtigtsten Lagern der bosnisch-serbischen Armee. Laut Gerichtsakten waren dort über 3000 Menschen interniert. Mehrheitlich handelte es sich dabei um muslimische Männer, sogenannte Bosniaken. Mehrere hundert von ihnen wurden umgebracht.
Mirsad Duratovic überlebte zwei weitere Lager – etliche seiner Verwandten nicht, unter ihnen sein Vater und sein Bruder. Sie wurden teilweise noch in ihrem Familienhaus, in Hinterhöfen oder auf offener Strasse erschossen.
Ende September 1992 wurde Duratovic in einem serbischen Konvoi in eine andere Stadt gebracht und freigelassen. Durch Kontakte gelangte er über Kroatien nach Deutschland. Dort begegnete er 1994 auch seiner späteren Frau. Immer war für ihn aber klar: «Ich werde irgendwann wieder dort leben, wo ich aufgewachsen bin.»
Sieben Jahre später gehörte Mirsad Duratovic zu den Ersten, die nach Biscani zurückkehrten. An dem Ort seiner Kindheit baute er das Haus seiner Eltern wieder auf, in dem er seither mit seiner Frau und den beiden Söhnen lebt.
In seiner Heimat sprach Duratovic zunächst nicht über den Krieg. Stattdessen baute er mit anderen Rückkehrern Häuser wieder auf und gründete Vereine: drei Kulturvereine, vier Fussballvereine und einen Bauernverband. Bis heute versteht er seine Vereine als eine Form von Widerstand: «Obwohl bestimmte Politiker alles unternommen haben, dass wir verschwinden, blieben wir in der Gesellschaft sichtbar.»
Vereine für Versöhnung
Mit «wir» meint Duratovic vor allem die lokale muslimische Bevölkerung, die in Prijedor vor dem Krieg die Mehrheit stellte, in ganz Bosnien-Herzegowina die grösste Bevölkerungsgruppe war und im Krieg die meisten Opfer zu beklagen hatte. Dennoch will Duratovic nicht entlang ethnischer Grenzen mobilisieren. Er betont, dass in den von ihm gegründeten Fussballvereinen heute auch Serben spielten. «Ein Zeichen der Versöhnung.»
Der Begriff der Versöhnung ist unter vielen bosniakischen Kriegsopfern allerdings umstritten. Versöhnung sei nicht möglich, solange Täter in der Republika Srpska als Helden gefeiert und Urteile internationaler Gerichte angezweifelt würden, so der Grundtenor.
Auch seine eigene Mutter habe mit dem Begriff gekämpft, sagt Duratovic. Viele der Familienangehörigen galten auch Jahre nach dem Krieg als vermisst, erst 2013 wurden ihre Knochen in einem entdeckten Massengrab gefunden. Nach wie vor gelten in Prijedor aber etwa 500 Personen als vermisst, in ganz Bosnien-Herzegowina sind es laut Menschenrechtsorganisationen über 7000.
Solche Zahlen führten vor Augen, dass Versöhnung auch auf politischer Ebene stattfinden müsse, so Duratovic. Weil dieser Prozess in der Republika Srpska aber kaum vorankam, gründete er fünf weitere Vereine. Sie setzen sich für die Rechte von Rückkehrern und Kriegsopfern in der Republik Srpska ein.
Sein Engagement wird inzwischen auch ausserhalb Bosniens aufmerksam verfolgt. Daniel Ursprung ist Osteuropahistoriker. Er und sein Team an der Universität Zürich haben Mirsad Duratovic für einen Gastvortrag eingeladen, um über den Krieg, den Dayton-Vertrag und die Zukunft Bosnien-Herzegowinas zu sprechen.
Duratovic setze sich für die Opfer des Bosnienkrieges ein, gleichzeitig ziehe er bei den Tätern eine klare Linie, sagt Ursprung. «Er beschuldigt nicht ethnische Gruppen für begangene Kriegsverbrechen, sondern konkrete Personen.» Doch daraus erwachse auch die Verantwortung der Gesellschaft, die Verbrechen unmissverständlich zu verurteilen, um eine gemeinsame Zukunft in Bosnien-Herzegowina zu ermöglichen.
Kaum politische Macht
Weil Mirsad Duratovic als Aktivist stets von der Gunst von Politikern abhängig war, entschloss er sich 2006, selbst in die Politik einzusteigen. Er erhoffte sich so, direkter Einfluss nehmen zu können. Heute sagt er ernüchtert: «Politische Macht habe ich keine.»
Viele seiner Projekte – etwa das Anbringen von Gedenktafeln auf ehemaligen Massengräbern – wurden vom Parlament und von den Behörden der Republika Srpska verhindert. Einige wenige hatten dennoch Erfolg: So fand Duratovic 2019 einen gesetzlichen Weg, als «Opfer von Kriegsfolter» anerkannt zu werden. Nach ihm erhielt noch eine weitere nichtserbische Person diesen Status. Kurz darauf jedoch wurde das Gesetz geändert, und seither werden entsprechende Anträge nicht mehr bewilligt.
Auch gegen Mirsad Duratovic selbst gibt es Widerstand: Im September wurde er als Vizepräsident des Parlaments abgesetzt und durch eine den bosnischen Serben loyale Kandidatin ersetzt. Vonseiten der Regierungspartei SNSD hiess es, die Absetzung habe nichts mit dem Politiker selbst zu tun, sondern vielmehr mit seiner Partei.
Duratovic sieht jedoch eine klare politische Motivation hinter seiner Absetzung: Er habe in der Republika Srpska die Interessen des Staates Bosnien-Herzegowina verteidigt. Deshalb lehnte er sowohl Verfassungsänderungen ab, die die Rechte der Bosniaken oder die Zuständigkeiten des Gesamtstaates eingeschränkt hätten, als auch ein mögliches Referendum über eine Abspaltung der Republika Srpska.
Mirsad Duratovic sitzt noch immer im Parlament. Oft höre er, er sei ein geduldiger Mensch, sagt er. Doch zunehmend merke er, dass diese Beschreibung nicht mehr ganz zu ihm passe. Duratovic ist 51 Jahre alt. Seine «Zündschnur» sei heute kürzer als früher: «Ich reagiere auf eine impulsive Art, die mich selbst überrascht», sagt er.
Seine Geduld nehme ab, sein Schmerz werde grösser. Früher war er damit beschäftigt, das Haus seiner Familie wieder aufzubauen, seine Kinder grosszuziehen: «Zeit, um zu trauern und zu zweifeln, ist damals keine geblieben.» Heute sind diese Gefühle dafür umso präsenter in Duratovics Alltag. Ein Grund, seine Mission abzubrechen, sind sie dennoch nicht.
The Times of Israel, December 12
Zemmour (II), l’histrion qui plagie les faussaires
Seuls des naïfs feindront de s’en étonner : pour nourrir sa carrière politique, Eric Zemmour laisse libre cours à sa pulsion la plus brûlante : non la quête d’une objectivité historique, mais le besoin maniaque de multiplier les contre-vérités
Full text:
Dernière falsification en date : accuser le CRIF et des organisations juives dites « de gauche » (c’est-à-dire, tout ce qui n’est pas d’extrême droite) d’être responsables de « l’immigration arabo-musulmane » en France.
Les propos de Zemmour
À la mi-novembre, sur LinkedIn, Zemmour publie un post – accompagné d’une courte vidéo – où il écrit :
Ça fait trente ans que je me bats contre les institutions juives de France, qui pour la plupart sont de gauche et qui ont pris fait et cause pour l’immigration musulmane. Elles ont culpabilisé les Français opposés à l’immigration en les traitant de nazis.
Dans la transcription de la vidéo, il précise qu’il vise « les institutions juives, le CRIF, le mouvement des jeunesses juives, etc. » (cela commence à faire du monde…) ; qu’elles auraient « pris fait et cause dans les années 80 pour l’immigration arabo-musulmane » et qu’elles auraient « culpabilisé les Français » en leur disant : « si vous renvoyez les musulmans, vous faites comme avec les Juifs en 42 ».
Et la France docile aurait obtempéré à ce chantage en ne votant pas pour Le FN ; car tel est en réalité son regret : Le Pen n’a pas été au pouvoir à cause du CRIF…
Invité du média Frontières, ses propos sont ensuite résumés dans un article d’i24NEWS du 14 novembre 2025, intitulé :
Eric Zemmour accuse le CRIF et des organisations juives de gauche d’avoir « criminalisé » le débat sur l’immigration.
On y voit qu’il dit :
- « combattre idéologiquement » le CRIF, l’UEJF et d’autres institutions ;
- qu’il leur reproche d’avoir formé avec le Parti socialiste et SOS Racisme une alliance qui aurait conduit à « interdire » ou « disqualifier » le débat sur l’immigration ;
- et qu’il leur attribue une part de responsabilité dans l’installation en France d’une immigration « arabo-musulmane » porteuse d’un « anti-judaïsme d’origine musulmane ».
La méthode est rodée : Zemmour ne vise pas évidemment « les Juifs » en bloc, ce serait trop dangereux judiciairement, mais « les institutions organisées », comme Dieudonné, comme s’il incriminait un système abstrait plutôt qu’un groupe humain bien identifié. Le résultat, lui, ne trompera personne : dans l’esprit d’une partie de l’opinion, « le CRIF », comme « le sioniste » ou « la finance internationale », finira inévitablement par signifier « les Juifs », tout court. Alain Soral saura légitimer ces thèses, lui le grand pourfendeur du CRIF.
CRIF ou pas, ce que raconte Zemmour est très largement faux.
Les thématiques des institutions juives dans les années 1980 infirment les propos de Zemmour
Selon les travaux d’historiens sur le judaïsme français et le CRIF (Martine Cohen, Samuel Ghiles-Meilhac, entre autres), à partir des années 1980, les grandes institutions juives (CRIF, Consistoire, FSJU…) se structurent autour de trois axes principaux :
- la mémoire de la Shoah,
- la lutte contre l’antisémitisme,
- et une forte solidarité avec Israël.
Le CRIF, créé en 1943, devient un interlocuteur médiatique et politique important, mais centré sur ces thèmes-là, non sur la politique migratoire de l’État.
Parallèlement, des organisations juives antiracistes (LICRA, B’nai Brith, certains intellectuels) se mobilisent pour durcir la répression des propos racistes, antisémites et négationnistes. Le Bnai Brith, notamment, milite à la fin des années 1980 pour une loi condamnant les discours discriminatoires et la négation de la Shoah : ce sera la loi Gayssot de 1990.
Des militants juifs, individuellement, participent à l’essor de l’antiracisme de masse (SOS Racisme, prolongement de la Marche pour l’égalité de 1983). Mais SOS Racisme n’est ni une institution juive, ni un bras armé du CRIF : c’est une organisation de gauche, soutenue par le PS, qui se présente comme la continuité de la Marche des beurs.
Donc, il y a engagement antiraciste et des institutions juives qui s’opposent au racisme visant les populations immigrées (dont beaucoup sont musulmanes), et c’est précisément ce que Zemmour ne leur pardonne pas.
Mais parce qu’il ne peut pas reprocher frontalement à des institutions juives de combattre le racisme, Zemmour opère un déplacement à haute toxicité rhétorique : il ne les accuse pas de défendre l’égalité des droits, mais d’avoir « soutenu l’immigration ». Il confond sciemment deux questions distinctes : la lutte contre la haine raciale, et la définition d’une politique migratoire.
Or, ce que ces institutions défendent, c’est « pas de racisme, pas de discriminations » et « répression du négationnisme » ; et certainement pas « ouvrons toutes les frontières, empêchons toute expulsion »
L’accusation (d’ailleurs Zemmour ne rapporte aucune preuve d’un activisme pro-immigration des institutions juives) est vertigineuse et écœurante, car elle vise à susciter encore davantage la haine des Juifs au pire moment de leur histoire en France depuis 1945 : sur le sujet le plus inflammable du débat public, Zemmour désigne les institutions juives comme la racine du « mal » qui gangrène depuis vingt ans la vie politique française. L’odieux n’ayant aucune limite, il leur impute en outre d’avoir « culpabilisé » les Français :
Je combats idéologiquement le CRIF. Les organisations juives de gauche ont fait cause commune avec les socialistes et SOS Racisme pour interdire, fasciser et nazifier toutes les discussions sur l’immigration.
Dans l’imaginaire débridé de Zemmour, les institutions juives auraient donc mené un terrorisme intellectuel, et l’une de leurs bombes serait d’avoir réussi cet exploit : faire se repentir jusqu’à l’épuisement une France qu’il décrète, lui, rigoureusement immaculée.
À ce niveau abyssal, nous ne sommes plus seulement dans le révisionnisme historique le plus vil : nous entrons dans la mise en accusation des victimes juives au nom même du crime qui les a frappées !
Qui décidait réellement de l’immigration en France dans les années 70 et 80 ?
Il est fou de devoir se poser cette question tellement la réponse est évidente. Sans surprise, sauf pour les complotistes zemmourien, l’immigration se décide à l’échelle :
- de l’État,
- de ses lois,
- de son histoire coloniale,
- et de ses besoins économiques.
Dès 1974, la France suspend l’immigration de travail ; à la fin des années 1970 et dans les années 1980, elle organise surtout le regroupement familial des travailleurs déjà présents ; en 1986, la première loi Pasqua vient encore durcir les conditions d’entrée, de séjour et les expulsions.
Les affrontements sur l’immigration opposent alors gouvernements de droite et de gauche, Front national, syndicats, Églises, associations de défense des étrangers et mouvements antiracistes. Dans les mobilisations, on voit la LDH, le GISTI, des mouvements chrétiens, SOS Racisme.. Mais pas le CRIF en chef d’orchestre caché, pas même en obscur musicien de fond de scène.
En résumé, Zemmour exploite un fait réel (des institutions juives engagées contre le racisme et pour la pénalisation des discours haineux) et le reconditionne avec un faux emballage en :
Les Juifs ont imposé l’immigration musulmane et bâillonné les Français.
Ce révisionnisme pro-fasciste de Zemmour n’est pas inédit
- L’Affaire Dreyfus
Dans une émission consacrée à Zola, Zemmour lâche que l’affaire Dreyfus est « trouble » et qu’on ne va « pas refaire le procès de Dreyfus », ce qui revient à réactiver le vieux soupçon anti-dreyfusard, alors que l’innocence de Dreyfus est établie par la justice et par l’historiographie depuis plus d’un siècle.
- La colonisation
En 2022, candidat à la présidentielle, il déclare à un jeune Amérindien de Guyane : « La colonisation a été une bénédiction », alors qu’elle a causé des destructions humaines innommables ; Zemmour efface purement et simplement les violences, expropriations, le travail forcé, les massacres – à rebours du travail des historiens du colonialisme.
- Les évènements de Paris du 17 octobre 1961
Sur ce massacre de manifestants algériens à Paris par la police, il reprend systématiquement les chiffres les plus bas – défendus à l’époque par l’OAS – et relativise l’ampleur du crime d’État, là où les travaux d’historiens et la reconnaissance officielle évoquent des dizaines, voire plus de 100 morts et une politique répressive structurée. Le préfet Papon disait en son temps que la police a fait ce qu’elle devait faire, en niant tout massacre et en renvoyant les critiques à de simples « rumeurs »…
Zemmour sait réciter la leçon de ses maîtres ; ici Papon, condamné pour complicité de crime contre l’humanité en 1998.
- Sur Vichy et Pétain (c’était, croyais t-on, point d’orgue)
Il reprend un mythe des anciens collaborationnistes d’après-guerre inventant un Pétain protecteur des Juifs français ; en 2025, il est finalement condamné pour « contestation de crime contre l’humanité ». Les travaux de Laurent Joly notamment montrent l’implication active de Vichy et de la police française dans la persécution des Juifs français eux-mêmes (plus de 20 000 déportés de nationalité française, effacés par Zemmour qui préfère défendre les idéologues fascisants que la vérité historique concernant les martyrs juif).
Accuser les Juifs de « brader la nation aux étrangers »
Zemmour use du même refrain que les antisémites d’avant 1940.
- Drumont, dans La France juive
À la fin du XIXᵉ, Drumont invente déjà la figure du Juif allié aux « métèques » contre la « France réelle » – accusant les Juifs de dominer l’Algérie via l’Alliance israélite universelle – et de bénéficier, au détriment des musulmans, des droits civiques accordés par le décret Crémieux.
- Léon Blum et le Front populaire
Dans les années 30, l’Action française et d’autres ligues antisémites désignent « le Juif Blum » comme le symbole d’une République qui livrerait la France aux forces étrangères ; Blum étant dépeint comme agent de « l’internationale juive » et du communisme, accusé de « brader » les intérêts nationaux, de préférer les « étrangers » aux « vrais Français ».
Zemmour prolonge le parallèle délirant de l’extrême droite néo-nazie américaine
Aux États-Unis, on retrouve un copier-coller de cette idéologie. La théorie du « white genocide » et « Great Replacement » a été popularisée dans les milieux suprémacistes blancs : immigration et minorités ne seraient pas un phénomène social mais un plan, imputé notamment à des élites juives. Des gens comme David Duke parlent explicitement de Juifs « organisant un génocide des Blancs ».
Le tueur de la synagogue de Pittsburgh en 2018 vise l’organisation juive HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society) parce qu’il est persuadé qu’elle « fait venir des envahisseurs qui tuent notre peuple », avant de passer à l’acte en écrivant :
HIAS likes to bring invaders in that kill our people (…) I’m going in.
Zemmour duplique cette même mécanique : les Juifs (ou « institutions juives ») seraient les ingénieurs secrets de l’immigration, donc la cause cachée du malaise national.
Chez le regretté historien Pierre Vidal-Naquet, on s’en souvient, les négationnistes pseudo-historiens avaient déjà reçu leur véritable nom : « les assassins de la mémoire ». Et Faurisson, chef de file de cette armée en carton, était pour lui « un Eichmann de papier » : il ne faisait pas partir les trains, il ne signait pas les ordres de déportation, mais il s’acharnait à effacer, sur le papier, le crime commis contre les Juifs d’Europe.
Zemmour, lui, n’est pas seulement un assassin de la mémoire : il est aussi un assassin de l’innocence :
- il livre à la haine publique des groupes entiers dont il sait pertinemment qu’ils sont exempts des fautes qu’il leur impute ;
- il désigne comme « coupables » ceux qui, déjà, vivent sous la menace.
Encore un effort, Éric Zemmour, encore quelques saillies folles et anti-historiques, et l’on finira par vous décerner ce triste titre que vous avez patiemment mérité : non pas le sauveur autoproclamé de la civilisation française, mais un Faurisson de seconde main.
Zemmour n’a pas même le talent d’inventer ses propres mystifications historiques : il plagie des faux ! Triste sire.
A propos de l’auteur
Eric est avocat en droit social à Paris.
https://frblogs.timesofisrael.com/zemmour-ii-lhistrion-qui-plagie-les-faussaires/
The Conversation, December 9
Émancipation des Juifs sous la Révolution et l’Empire, intégration des musulmans aujourd’hui : des controverses qui se ressemblent
Il y a cent vingt ans, le 9 décembre 1905, la loi de séparation des Églises et de l’État était promulguée en France. Mais dès la Révolution, la question de la place concédée aux minorités religieuses – en l’occurrence au sujet des juifs, dans le cadre républicain fait débat. Ces discussions, qui portent notamment sur l’abandon de certaines pratiques cultuelles, font écho aux controverses actuelles portant sur l’islam et les musulmans.
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Dans son ouvrage Libres et égaux… L’émancipation des Juifs sous la Révolution française (1789-1791), Robert Badinter souligne qu’en proclamant « la pleine citoyenneté des juifs en France, le 27 septembre 1791, les [révolutionnaires] faisaient triompher leur idéal, celui des Droits de l’Homme, sur les préjugés et la prudence politique ».
À la veille de la Révolution, en effet, les Juifs sont encore soumis, à des degrés variables selon leur origine et leur implantation géographique, à un statut diminué et précaire, dépendant du bon vouloir du roi. La question de savoir s’ils seraient inclus et à quelles conditions dans la communauté des citoyens se pose donc avec acuité dès la convocation des États généraux.
Finalement, en dépit des préjugés à l’égard des Juifs qui s’expriment jusque dans la bouche ou sous la plume des révolutionnaires les plus acquis à leur cause, le décret d’émancipation leur confère l’égalité des droits et l’accès à la citoyenneté sans autre condition que de prêter le serment civique. Pour l’abbé Grégoire, c’est l’émancipation des Juifs qui doit ouvrir la voie à leur « régénération », autrement dit leur assimilation ; aux yeux de Stanislas de Clermont-Tonnerre, de même, dès lors qu’on leur donnera l’égalité de droits, les Juifs s’affranchiront, grâce aux Lumières, « de leurs pratiques fanatiques ou détestables ».
Mais ce qui est frappant, lorsqu’on se replonge dans les débats de l’époque, c’est à quel point on en retrouve l’écho dans les controverses actuelles autour de l’intégration des immigrés, de la laïcité ou du communautarisme. Les solutions aujourd’hui préconisées sont-elles pour autant fidèles aux principes qui ont inspiré « cette mesure véritablement révolutionnaire », pour reprendre l’expression de Robert Badinter, qu’a été le décret d’émancipation des Juifs ? On peut légitimement en douter.
Assimilation, intégration : la constance d’une préoccupation
La question de l’assimilation n’est plus posée désormais – officiellement s’entend – s’agissant des juifs. Mais elle a été érigée en condition d’accès à la nationalité française : « Nul ne peut être naturalisé s’il ne justifie de son assimilation à la communauté française », énonce le Code civil, une assimilation qui s’apprécie notamment au regard d’une connaissance suffisante « de la langue, de l’histoire, de la culture et de la société françaises » et de « l’adhésion aux principes et aux valeurs essentiels de la République ». La laïcité compte au nom de ces « principes et valeurs essentiels » – le « défaut d’assimilation » est en pratique souvent invoqué pour rejeter une demande de naturalisation au vu de comportements ou d’attitudes (le port du foulard, la conception des rapports sociaux de sexe) liés ou imputés à la pratique de l’islam.
En ce qui concerne les étrangers de façon générale, le concept qui a émergé est celui d’intégration. Théoriquement moins impliquante en termes de renonciation à son appartenance d’origine et à ses particularismes, l’intégration est devenue, à partir du milieu des années 1970, un objectif officiel de la politique d’immigration.
L’intégration comme injonction : le syndrome napoléonien
Mais l’effort d’intégration, dont la responsabilité incombait aux pouvoirs publics, a été progressivement reporté sur les immigrés et converti en injonction de s’intégrer, sous peine de conserver à jamais un statut précaire, voire de perdre tout droit au séjour.
Le premier pas en ce sens est intervenu avec la loi Sarkozy de 2003 qui a subordonné l’obtention d’un titre de séjour pérenne à des preuves d’intégration. Aujourd’hui, à l’issue d’une série de réformes législatives allant dans le sens d’un renforcement croissant des exigences – et dernièrement encore avec la loi Darmanin de 2024 –, tout étranger qui sollicite la délivrance d’un titre de séjour doit signer un « contrat d’engagement au respect des principes de la République » et tout manquement aux obligations souscrites entraîne le retrait ou le non-renouvellement du titre.
Comment ne pas penser au retournement imposé par Napoléon lorsque, inversant la problématique du décret d’émancipation de 1791, il décide de conditionner la possession des droits civiques à des preuves préalables de « régénération » et impose aux Juifs d’Alsace une période probatoire ?
Le parallèle avec l’époque napoléonienne va même plus loin. Lisons quelques-unes des questions posées par Napoléon aux représentants de la communauté juive, destinées à « tester » la capacité d’assimilation des Juifs, avec le présupposé implicite que les contraintes de leur religion y font obstacle : 1. Est-il licite aux Juifs d’épouser plusieurs femmes ? 2. Le divorce est-il permis par la religion juive ? 4. Aux yeux des Juifs, les Français sont-ils leurs frères, ou sont-ils des étrangers ? 6. […] Sont-ils obligés d’obéir aux lois et de suivre toutes les dispositions du Code civil ? Le reste à l’avenant. Autant de questions auxquelles le Grand Sanhédrin, réuni en 1807, va répondre point par point, afin de démontrer que les obligations religieuses des juifs ne s’opposent en aucune manière au respect des lois civiles.
Les ressemblances avec la philosophie qui sous-tend les gages d’intégration exigés aujourd’hui des étrangers sont frappantes. Le « contrat d’engagement au respect des principes de la République » comporte sept engagements parmi lesquels le respect de l’égalité entre les femmes et les hommes et le respect du principe de laïcité – qui visent implicitement mais évidemment les étrangers de religion ou de culture musulmane.
On repense aussi aux prises de position de Gérald Darmanin, ministre de l’intérieur, se targuant de prendre modèle sur Napoléon pour endiguer le séparatisme, suggérant que l’État impose aujourd’hui aux musulmans ce que Napoléon avait imposé aux Juifs et n’hésitant pas à affirmer :
« Le bon modèle, pour moi, c’est le Grand Sanhédrin convoqué en 1807 par Napoléon pour vérifier qu’il n’y avait pas d’incompatibilité entre son Code civil et la religion juive. »
Les religions minoritaires prises au piège de la « laïcité républicaine »
La question de savoir si et jusqu’à quel point l’émancipation suppose l’abandon des pratiques religieuses a été débattue dès avant la Révolution, sans être finalement clairement tranchée. Certes, les conflits de normes entre le droit étatique et les préceptes de la religion ne sont pas propres aux religions minoritaires comme le montrent les relations tumultueuses entre la République et l’Église catholique tout au long du XIXᵉ et une partie du XXᵉ siècle. Mais ils sont nécessairement plus fréquents pour les premières.
Et de fait, les juifs, comme les musulmans, subissent aujourd’hui encore
– quoiqu’à un degré inégal – leur statut de minorité religieuse dans un pays où tout est calé en fonction d’un catholicisme culturellement dominant et où le point de savoir jusqu’où doivent aller les « accommodements raisonnables » fait plus que jamais débat.
Les dérogations à la loi commune ne vont jamais de soi, même si certaines sont plus facilement acceptées que d’autres. Un modus vivendi paraît avoir été trouvé dans certains domaines : les autorisations d’absence les jours de fêtes religieuses, dans un contexte où le calendrier légal des jours chômés est calqué sur celui des fêtes chrétiennes ; les carrés confessionnels dans les cimetières, théoriquement interdits en droit mais autorisés en fait sur la base de circulaires ministérielles ; l’abattage rituel, reconnu par le Conseil d’État au nom du libre exercice du culte dès 1936 et autorisé par le Code rural – une dérogation dont la pérennité n’est toutefois pas assurée.
Mais il y a aussi des points de fixation. La loi de 2004 interdisant le port de tout signe d’appartenance religieuse dans les établissements scolaires attestait déjà du raidissement des pouvoirs publics face aux manifestations extérieures de la religion. On sait à quel point cette loi et son application extensive – comme l’attestent les polémiques sur les mamans accompagnatrices ou celle, plus récente, sur l’abaya – ont fait et font encore débat. Elle aura aussi contribué – on ne le relève pas assez – à la communautarisation tant décriée, en incitant à la fuite des élèves vers les écoles privées juives et musulmanes.
Plus curieusement, la question de la nourriture est apparue récemment comme un autre point de fixation. Dans la République et le Cochon (2013), Pierre Birnbaum rappelle que, dès la Révolution, la question a été posée dans les débats sur l’assimilation des Juifs. Clermont-Tonnerre énonce, en 1789, les reproches adressés aux Juifs à cet égard pour immédiatement les écarter :
« Nos mets leur sont défendus, nos tables leur sont interdites. Ces reproches sont soit injustes, soit spécieux. Y a-t-il une loi qui m’oblige à manger du lièvre et à le manger avec vous ? »
Si les polémiques actuelles visant le cochon, la nourriture casher ou halal, répercutées parfois au plus haut niveau de l’État, n’épargnent pas les juifs, elles sont principalement dirigées contre les musulmans. On rappellera ici, parmi une multitude d’exemples, les accusations de « tomber dans le communautarisme » formulées, en 2010, à l’encontre de la chaîne Quick dont quelques établissements avaient décidé de ne plus servir de viande de porc, les éternelles controverses sur la composition des menus des cantines scolaires ou encore les déclarations du ministre de l’intérieur Gérald Darmanin, en 2020, se disant choqué par la présence de rayons halal dans les supermarchés et concluant : « C’est comme ça que ça commence, le communautarisme. »
Le spectre du communautarisme : deux poids, deux mesures ?
Qui n’a en mémoire la fameuse phrase de Clermont-Tonnerre : « Il faut refuser tout aux Juifs comme nation […] Il faut qu’ils ne fassent dans l’État ni un corps politique ni un ordre […] Qu’on leur refuse toute institution communautaire et toute loi particulière » ?
À première vue, on pourrait penser que la dénonciation actuelle du « communautarisme », stigmatisé comme incompatible avec le « modèle républicain », s’inscrit dans le prolongement des principes ainsi énoncés. Ce qui frappe, pourtant, c’est l’attitude ambivalente à cet égard des pouvoirs publics qui se reflète notamment dans le contraste entre ce qu’on concède aux juifs et ce qu’on refuse aux musulmans.
Est caractéristique à cet égard la place officielle reconnue au Conseil représentatif des institutions juives de France (Crif) et le dialogue égalitaire qu’il entretient avec les autorités de l’État, dont la reconnaissance tranche assurément avec la dénonciation virulente et constamment réitérée du communautarisme musulman.
D’autant que le soupçon de dérive « communautariste » commence très tôt, lorsqu’il s’agit des musulmans, puisque de simples coutumes vestimentaires – ou le port de la barbe – seront le cas échéant interprétés, non comme une expression légitime de la liberté religieuse, mais comme la porte ouverte à l’ethnicisation de la société française, sapant les bases du « modèle républicain ». Un « modèle républicain », largement fantasmé, mais qu’on brandit comme arme rhétorique pour justifier le resserrement sur une laïcité de combat présentée comme le seul antidote aux risques de dérive communautariste.
Cet article est tiré d’une intervention de Danièle Lochak à l’occasion d’un colloque en hommage à Robert Badinter, le 8 octobre 2025 à l’Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne.
Le Figaro, December 9
Rémi Brague : « La loi de 1905 a été possible car la République et les catholiques avaient en commun l’amour de leur pays »
ENTRETIEN – À l’occasion du 120e anniversaire de la loi de 1905, le philosophe insiste sur le caractère unique de la laïcité française. Forgée dans la douleur, elle a été permise grâce au lien quasi charnel qui unissait le catholicisme à la nation, explique-t-il, d’où la difficulté de transposer ce scénario avec l’islam.
*Rémi Brague est membre de l’Institut de France, normalien, agrégé de philosophie et professeur émérite de philosophie à l’université Paris-I Panthéon-Sorbonne.
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Comment qualifier la loi de 1905 dans l’histoire de la laïcité à la française ? Est-ce un tournant ? Un aboutissement ?
La laïcité a effectivement une histoire, et est toute une histoire. La loi de 1905 n’est certainement pas un aboutissement au sens de quelque chose de définitif, tant ont été nombreuses ses applications et ses atténuations, et tant sont nombreuses aujourd’hui les voix qui proposent de la réviser ou de l’adapter à des circonstances nouvelles. Mais c’en est un dans la mesure où elle est le résultat d’un processus long de plus d’un siècle, et qui s’était accéléré depuis les débuts de la IIIe République, donc sur près de trente ans. Elle a représenté également un tournant, mais un tournant parmi d’autres, car son interprétation a connu bien des péripéties. La laïcité de choc, au moment des inventaires qui l’ont suivie, a cédé la place après la Grande Guerre à des rapports plus pacifiés, grâce à des gens comme Aristide Briand. Tout ceci a été magnifiquement raconté et médité par Philippe Raynaud (La Laïcité. Histoire d’une singularité française, 2019).
Toutes ces péripéties se placent et se passent à l’intérieur même du mot « laïcité », que l’on peut comprendre en des sens tout à fait différents, et même opposés. Les uns y voient une simple neutralité de l’État devant les différentes croyances, qu’il regarde avec la même bienveillance, dont il apprécie le rôle social, voire les aide à le jouer, mais sans en favoriser aucune. Les autres veulent que l’État ignore toutes ces croyances, ou plutôt fasse mine de les ignorer, même si certaines se rappellent de temps en temps à son bon souvenir de façon plutôt sanglante. D’autres, enfin, souhaitent qu’on en finisse avec toutes les religions, ou au moins avec celles qu’ils aiment haïr, et que la seule place où elles seraient libres de végéter, en attendant qu’elles y dépérissent, serait la boîte crânienne de certains arriérés. Il est peut-être bon que la laïcité reste une auberge espagnole, où le menu varie selon les circonstances…
La laïcité à la française est-elle née d’un conflit avec le catholicisme ? Peut-on dire que le catholicisme a « co-inventé » la laïcité française ?
Vous avez raison de parler d’une laïcité à la française, car ce mot n’est guère traduisible en d’autres langues. Ce qui fait, d’ailleurs, que l’expression confine au pléonasme… En tout cas, ce qui est plus important, c’est que la situation que ce mot désigne n’existe pas ailleurs qu’en France, même si le problème de savoir comment, dans un pays de tradition chrétienne, on peut articuler l’Église avec l’État s’y pose tout aussi décidément. Il se négocie de façon très diverse. Et surtout, ce que notre chère laïcité apporte en France y est obtenu par d’autres moyens juridiques et a été mis sur pied à l’issue d’une histoire beaucoup moins conflictuelle. La liberté religieuse, celle de choisir sa religion et de la pratiquer, et même celle de n’en avoir aucune, est garantie aussi bien en régime concordataire, comme en Allemagne, et même là où une religion déterminée est « établie », comme c’est le cas dans les pays scandinaves ou au Royaume-Uni. Le fait que la République avait affaire à la version catholique du christianisme a évidemment contribué à donner à la solution française ses traits particuliers. Par exemple, au Royaume-Uni, l’Église anglicane (le nom est déjà significatif) est officiellement dirigée par le roi ou la reine, depuis qu’Henri VIII s’est autoproclamé chef de l’Église de son pays. L’espace linguistique allemand, à partir duquel s’est cristallisée l’Allemagne en se distinguant de l’Autriche, était divisé à peu près à parts égales entre catholiques et protestants.
In fine, cette loi peut-elle être qualifiée de victoire de la République sur l’Église ?
Jusqu’à un certain point, mais c’est aussi une victoire à la Pyrrhus. En effet, la loi de séparation privait l’État de ses moyens d’agir sur l’Église, ou à tout le moins de la contrôler. Ce pourquoi les adversaires les plus enragés de l’Église auraient préféré qu’on en restât au Concordat, pour que l’Église lui reste soumise. L’État se mettait en outre sur le dos l’entretien des lieux de culte construits avant 1905. Par ailleurs, la République, une fois rendue maîtresse du champ de bataille d’où l’Église a fait retraite, a-t-elle les moyens de l’occuper ? Je veux dire : peut-elle répondre aux questions fondamentales que pose la condition humaine ? La religion proposait des réponses, dont on peut penser ce que l’on veut. Les « valeurs de la République » le peuvent-elles ? Il est intéressant que certains « laïcards » extrêmes n’hésitent pas à souhaiter, pour remplacer le défunt christianisme, l’avènement d’une religion civile, à laquelle les « droits de l’homme » commencent d’ailleurs à ressembler.
La loi de 1905 a-t-elle pour autant réussi à l’époque à « domestiquer » le catholicisme politique ?
Un catholicisme politique ? Vous voulez dire : les engagements politiques des catholiques ? Ceux-ci n’ont qu’un lien très lâche avec leur religion. Et il faudrait déjà qu’il y ait eu un et un seul catholicisme politique. À l’époque de la loi de 1905, beaucoup de catholiques gardaient le souvenir d’une Révolution qui avait tué plus de prêtres que de nobles et restaient royalistes. Mais cela faisait aussi quinze ans que le pape Léon XIII avait décidé de leur demander d’accepter le régime républicain. Le cardinal Lavigerie avait lancé un ballon d’essai à Alger, en 1890, avec son « toast » à la République. Les catholiques devaient cesser de bouder et jouer le jeu des institutions républicaines — non sans l’intention de les infléchir dans le sens qu’ils pensaient être le bon.
On peut séparer soit des parties de ce qui formait une unité, comme on déchire une feuille de papier, soit deux entités déjà distinctes, mais qui coopéraient et dont chacune va désormais son chemin, comme lorsque deux époux divorcent. Or, jamais l’Église et l’État n’ont constitué une unité.
Rémi Brague
Un animal domestique est un animal qui vit à la maison (en latin, domus). Or, les catholiques étaient déjà une partie intégrante, et même très importante de la « maison » française. En ce sens, ils n’avaient nul besoin d’être domestiqués. Reste qu’ils ont fini par accepter de coexister avec d’autres « familles spirituelles » (Barrès en 1917) et de se soumettre à l’État républicain.
Cette « soumission » du clergé à l’autorité de l’État républicain a-t-elle laissé des séquelles ?
Il me semble clair que l’on peut repérer certaines traces de ce genre d’attitude chez les catholiques et, d’abord, dans le clergé. Le désir d’éviter à tout prix le conflit a mené à des comportements que l’on peut juger un peu trop conciliants. Dans son désir de préserver la bonne entente avec les pouvoirs publics, la hiérarchie se montre souvent beaucoup plus timide que certains laïcs. C’est le cas, même là, où il s’agit, non pas de défendre sa part du gâteau, mais de faire valoir des principes qui sont des vérités de bon sens, que chacun, croyant ou non, ne peut nier s’il est de bonne foi.
En 1905, la séparation entre l’Église et l’État a-t-elle été possible, parce que le catholicisme portait déjà en lui une distinction possible entre spirituel et temporel ? Avec l’islam, sommes-nous face à un schéma différent ?
J’ai écrit ailleurs, je ne sais plus trop où, que la séparation entre l’Église et l’État n’avait fait que découper suivant le pointillé. J’ai écrit aussi qu’il est maladroit de parler tout uniment d’une « séparation » de l’Église et de l’État. En effet, on peut séparer soit des parties de ce qui formait une unité, comme on déchire une feuille de papier, soit deux entités déjà distinctes, mais qui coopéraient et dont chacune va désormais son chemin, comme lorsque deux époux divorcent. Or donc, jamais l’Église et l’État n’ont constitué une unité. Pendant les trois premiers siècles qui sont un peu la scène « primitive » de l’Église, celle-ci ne courrait pas le risque de se confondre avec l’État romain, puisqu’il la persécutait de temps en temps. Après le tournant de Constantin et surtout de Théodose, la tentation surgit. Elle fut surmontée, non sans peine : les empereurs auraient bien voulu mettre l’Église à leur service. Mais les deux restèrent distincts. Même dans l’Église d’Orient qui mettait l’accent sur le fait que l’empereur et le patriarche parlaient d’une même voix (symphonia). C’était plus net dans l’Église latine, où l’Empire et la Papauté se livrèrent à un long bras de fer qui culmina au XIe siècle, avec la querelle des Investitures. Même le rêve papal des « deux glaives » supposait que les glaives étaient au nombre de deux…
Aujourd’hui, seule reste, chez certains, l’idée selon laquelle le seul législateur légitime est Dieu, par son Livre et l’exemple de son prophète.
L’islam a parcouru une histoire toute différente. L’âge d’or est et reste pour lui celui où Mahomet, à Médine, était à la fois prophète, chef de guerre et législateur. L’État, certes encore primitif mais avec toutes ses composantes – armée, fisc, et même la Sécu ! -, et la communauté des croyants formaient un tout indivisible. L’histoire postérieure a été le théâtre de bien des compromis, dans lesquels ceux qui détenaient le pouvoir réel, souvent des militaires, honoraient les légistes mais se réglaient sur d’autres principes que la forme de charia en vigueur chez eux. Aujourd’hui, seule reste, chez certains, l’idée selon laquelle le seul législateur légitime est Dieu, par son Livre et l’exemple de son prophète. Or, quel dictateur ou – à l’autre extrême – quel parlement démocratiquement élu peut faire le poids en face de Dieu ? Rien d’étonnant à ce que les sondages nous apprennent que bien de nos concitoyens musulmans mettent la charia (ou ce qu’ils appellent ainsi) au-dessus des lois de la République.
La loi de 1905 a aussi été possible parce que l’État avait, en face de lui, une Église centralisée. Sommes-nous dans la même situation en ce qui concerne l’islam ?
L’Église est toujours aussi centralisée, mais son centre n’est pas là où on s’imagine : son centre est depuis l’origine Jésus-Christ ressuscité. Sa base est constituée par les évêques, lieutenants des Douze Apôtres. Ils sont en communion les uns avec les autres autour de l’évêque de Rome, le pape. Quand face à face il y a, il est évidemment plus facile de négocier avec un partenaire consistant, qu’avec une nébuleuse sans visage. Au moment des conflits qui ont abouti à la loi de 1905, les politiques connaissaient le christianisme, son histoire, ses dogmes. Je rappelle que le « petit père » Combes, tout « bouffeur de curés » qu’il était devenu, avait été fait docteur ès lettres avec une thèse principale sur la psychologie de saint Thomas d’Aquin et une thèse complémentaire, en latin, sur saint Bernard de Clairvaux comme adversaire de Pierre Abélard. De nos jours, qui, parmi nos politiques, serait aussi capable de comprendre de l’intérieur le catholicisme, avec lequel il lui faut trouver des compromis ?
Ce qui a été réalisé, quoique avec peine, entre l’État républicain et les catholiques, a été rendu possible par plusieurs facteurs. En particulier, les deux partenaires, même s’ils étaient adversaires, avaient en commun un grand amour pour leur pays.
Rémi Brague
L’islam est un « empire sans empereur » (Pierre Manent), depuis qu’Atatürk a supprimé le califat qui, même s’il n’était plus qu’un croupion symbolique, fournissait quelque chose comme une unité. Aucune autorité n’y est plus que simplement de fait, comme l’université cairote al-Azhar, dont les cheikhs ne parlent même pas d’une même voix. Et même s’ils le faisaient, aucun musulman ne se considérerait comme tenu par leurs décisions. Avec qui négocier des accords ?
Cela rend-il la répétition du « scénario 1905 » avec l’islam impossible ? Ou beaucoup plus long et plus violent ?
Il est toujours dangereux de croire qu’on va résoudre un problème nouveau avec une solution, qui a permis d’en résoudre un autre plus ancien. On risque d’être, comme on dit, « en retard d’une guerre ». Cela dit, la tentation est toujours forte, et peut-être à peu près inévitable, de prêter à son partenaire sa propre façon de voir, de supposer qu’il raisonne selon la même logique que nous, qu’il accorde de l’importance aux mêmes choses que nous, qu’il est prêt à faire des concessions sur les mêmes points que nous, etc. Pour continuer à filer la métaphore militaire, on sait que ce travers conduit à des défaites en rase campagne.
Ils étaient fiers de la France, de son histoire, de sa langue, de sa culture. Cela s’est vu au moment de la guerre de 1914-1918, où les deux côtés ont rivalisé de patriotisme et ont montré qu’ils étaient tous les deux prêts à mourir pour la patrie.
Ce qui a été réalisé, quoique avec peine, entre l’État républicain et les catholiques, a été rendu possible par plusieurs facteurs. En particulier, les deux partenaires, même s’ils étaient adversaires, avaient en commun un grand amour pour leur pays. Ils étaient fiers de la France, de son histoire, de sa langue, de sa culture. Cela s’est vu au moment de la guerre de 1914-1918, où les deux côtés ont rivalisé de patriotisme et ont montré qu’ils étaient tous les deux prêts à mourir pour la patrie. Dans la France d’aujourd’hui, tous les musulmans qui y habitent et qui en ont la nationalité partagent-ils l’amour du pays où ils résident ?
The Times of Israel, December 8
Un documentaire exhume l’histoire d’un village polonais qui a massacré ses Juifs après la Shoah
Il a fallu 10 ans au cinéaste Yoav Potash pour retracer, avec habitants, survivants et animateurs, le destin de Gniewoszów, jadis village de coexistence pacifique
Full text:
Le documentaire Among Neighbors, diffusé sur Yes Docu, Sting+ et dans les cinémas israéliens à l’occasion de Yom HaShoah, montre qu’il reste encore des histoires à dévoiler, même 80 ans après la Seconde Guerre mondiale, des récits de violence et de meurtres, mais aussi des histoires de survie et de miracles improbables.
Réalisé par le cinéaste Yoav Potash, ce film, fruit d’un travail de dix ans, entrelace plusieurs de ces récits, tous liés à Gniewoszów, une petite ville de Pologne où des Juifs ont été assassinés par leurs voisins quelques mois après la fin de la guerre.
Potash, cinéaste primé originaire de la région de la baie de San Francisco, emmène les spectateurs dans ce village rural à travers des interviews et des séquences filmées, et utilise une animation onirique dessinée à la main pour raconter l’histoire de Gniewoszów avant et après la guerre.
Dès le début, Potash montre qu’il ne reste plus aucun Juif à Gniewoszów plusieurs décennies après la Shoah, alors qu’avant la guerre, Juifs et voisins coexistaient pacifiquement.
Kibboutz Beeri au coeur des ruinesKeep Watching
Même les pierres tombales juives ont disparu, utilisées comme meules ou matériaux de pavage par les habitants.
Potash s’est rendu pour la première fois à Gniewoszów à l’invitation d’Anita Friedman, descendante d’une famille juive de la ville.
Friedman, dirigeante communautaire juive à San Francisco, a demandé à Potash de l’accompagner lors d’un voyage à Gniewoszów, en compagnie d’un autre membre de sa famille, pour rechercher des traces de leur héritage. Leur projet initial était de réaliser un court métrage d’une trentaine de minutes sur la ville et son histoire juive.
Mais c’est leur première visite en 2014, et l’accueil glacial réservé par les habitants, qui a déclenché chez Potash l’envie de creuser davantage.
Il a alors commencé à interroger les habitants et à prendre contact avec diverses institutions juives en Pologne.
Par hasard, l’une d’entre elles avait reçu une lettre de Pelagia Radecka, une habitante âgée ayant grandi à Gniewoszów, qui cherchait à comprendre ce qu’il était advenu de ses anciens voisins juifs tués après la guerre.
« Nous avons tous senti que c’était important », a confié Potash dans un entretien accordé au Times of Israel. « Elle a trouvé en moi ce qu’elle cherchait. »
Il a fallu du temps à Potash pour recueillir et retranscrire son témoignage, qui est finalement devenu le fil conducteur, profondément remanié, du film.
Radecka a confirmé les meurtres de Juifs après la guerre, apportant à l’histoire traumatique de la ville une dimension personnelle et poignante – et trouvant ainsi elle-même une forme d’apaisement.
« Je pensais avoir terminé le film, mais il s’est avéré que son histoire en était en réalité le cœur », raconte Potash. « Le film que je croyais achevé ne l’était pas du tout. »
Potash a également rencontré Yaacov Goldstein, un survivant vieillissant de la Shoah originaire de Gniewoszów, aujourd’hui installé en Israël. Celui-ci a raconté son incroyable histoire de survie, notamment comment, enfant, il avait été caché dans un vide sanitaire d’un appartement de Cracovie, dans lequel il n’a pas pu étendre ses jambes pendant deux ans.
Face à l’intensité des récits recueillis, Potash a senti que de simples images d’archives et des plans de la ville actuelle ne suffiraient pas. Il a alors eu l’idée d’avoir recours à un animateur, puis à toute une équipe d’animation composée de 40 personnes réparties dans quatre pays.
« L’histoire est d’une puissance incroyable, et nous avons voulu en faire quelque chose de vraiment créatif et original sur le plan cinématographique », explique Potash. « Le film est traversé de mystères et de rebondissements que l’on ne voit pas venir. »
Le réalisme magique de l’animation est ainsi devenu un élément central du documentaire et, pour Potash, une contribution originale à la réflexion créative sur le genre documentaire.
« C’est un style d’animation réaliste, car il s’appuie sur de véritables souvenirs », précise Potash. « Nous voulions des images capables de montrer à la fois ce qui s’est passé et ce que l’on a ressenti. »
Pendant la réalisation du film, le gouvernement centriste polonais a été renversé et remplacé par un gouvernement d’extrême droite, qui a tenté de s’approprier l’histoire de la Shoah et de faire taire les récits historiques, afin que les Polonais n’apparaissent que comme des héros ou des victimes.
Le témoin clé de Rabbin, originaire de la ville, défiait cette politique, tandis que ses autres interlocuteurs – un journaliste, un historien et le grand rabbin de Pologne – corroboraient ce qui se déroulait en Pologne.
« J’ai énormément appris sur les liens entre Juifs et Polonais, que je comprenais mal auparavant – aujourd’hui, je saisis bien mieux cette histoire », souligne Potash. « C’était notre mode de vie pendant des siècles, jusqu’à une séparation traumatique. »
Potash est actuellement en Israël pour accompagner une série de projections et de discussions autour de Among Neighbors, organisées à l’occasion de Yom HaShoah.
Il sera rejoint par des membres des familles figurant dans le film pour des séances spéciales à la Cinémathèque de Jérusalem, à celle de Tel Aviv, au Musée d’Israël et à Lev Raanana.
Among Neighbors sera également diffusé sur Yes Docu et STING+, à partir de mercredi, veille de Yom HaShoah.
Neue Zürcher Zeitung, Buchkritik, December 8
Konrad Adenauer: Der Mann, der die Deutschen in die Demokratie führte
Er war konservativ, ja autoritär, und wollte einen neuen deutschen Staat: Konrad Adenauer ist die Gründergestalt der Bundesrepublik. Norbert Freis Biografie wirft einen frischen Blick auf ihn.
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Manche Bücher erscheinen zum richtigen Zeitpunkt. Das gilt für die neu herausgekommene luzide Adenauer-Biografie des Historikers Norbert Frei, der sich vor allem mit Arbeiten über die NS-Zeit einen Namen gemacht hat. Warum ausgerechnet Adenauer, fragt sich Frei zu Anfang. Der Grund für das Buch sei «die Vermutung, ein frischer Blick auf den ersten Kanzler der zweiten deutschen Republik könnte helfen zu verstehen, wie wir seit 1949 wurden, was wir sind». Frisch fällt der Blick in der Tat aus, ertragreich obendrein.
Man tritt Norbert Frei sicher nicht zu nahe, wenn man ihn zu der grossen Schar von Intellektuellen zählt, denen die CDU wie eine Kraft vom anderen politischen Ufer stets fremd und verdächtig war. Ganz kann Frei seinen Hang zu knappen polemischen Seitenhieben nicht zügeln. Er stimmt aber ganz und gar nicht das Lied derer an, die in Adenauer nur den autoritären, taktisch skrupellosen Kanzler einer bleiernen Restaurationszeit sehen. Die Trump- und Putin-Zeiten, die wir gerade erleben, haben den Autor genötigt, ein neues Licht auf die Gründergestalt der Bundesrepublik zu werfen. Frei stellt also Gegenwartsfragen an die Vergangenheit.
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Er versucht, eine historische Tatsache zu ergründen, die noch immer etwas Rätselhaftes hat. Adenauer wurde im Kaiserreich geprägt und hatte sich seitdem nicht mehr grundsätzlich gewandelt. Wie konnte dieser Mann, dessen Verständnis von Politik ziemlich autoritär war, fast im Alleingang eine Republik gründen, die die liberalste der deutschen Geschichte werden sollte? Der irritierende Ausgangsbefund: Kein Linker, kein Liberaler, sondern ein Konservativer leitete das ein, was Jürgen Habermas als «die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens» bezeichnete.
Konrad Adenauer besass einen (fast) unerschütterlichen Willen und eine schier grenzenlose Ausdauer. Er war unbeirrbar sowie von grosser Sturheit. Wie Adenauers frühere Biografen findet auch Norbert Frei keine schlüssige Antwort auf die Frage nach dem Quell dieser unvergleichlichen Kraft. Adenauer war sein Leben lang ausserordentlich sparsam mit persönlichen Auskünften, nur in Briefen und sehr persönlichen Gesprächen liess er erahnen, was er jenseits offizieller Verlautbarungen fühlte.
Ein ganz neuer deutscher Staat
Paul Weymar, dessen von Adenauer autorisierte, lobpreisende Biografie 1955 erschien, schrieb einmal: «Er machte immer den Eindruck, als ob er durch eine unsichtbare Isolierschicht von den anderen getrennt lebte.» Das gab ihm Überlegenheit und schärfte sein taktisches Geschick, machte ihn aber auch auf eine fundamentale Weise einsam.
1876, nur fünf Jahre nach der deutschen Reichsgründung geboren, entstammte Adenauer kleinen bürgerlichen Verhältnissen. Er studierte Jura und fand über den von ihm mitgegründeten Tennisklub mit dem schönen Namen «Pudelnass» Anschluss an bessere Kreise. Er ging in die Kölner Stadtverwaltung, erwies sich dort während des Ersten Weltkriegs als organisatorisches Talent und kümmerte sich insbesondere um die Versorgungslage.
Norbert Frei nennt ihn einen «Verwaltungsfuchs». 1917 wurde er zum Oberbürgermeister der Stadt gewählt, er war der jüngste Oberbürgermeister im ganzen Reich. Er gehörte dem katholischen Zentrum an, blieb als Politiker aber auf Distanz zur Kirche. Er agierte pragmatisch und vorsichtig. Wenn er sich aber einmal entschieden hatte, ging er entschlossen, oft auch rücksichtslos vor.
Von den Nazis 1933 des Amtes enthoben, wurde der Privatmann, der er nun war, zwölf Jahre lang drangsaliert. Dem Widerstand verweigerte er sich aus Sorge um seine Familie. Aber auch, weil er fürchtete, ohne die totale Niederlage Deutschlands entstünde eine neue Dolchstosslegende. Er wollte einen ganz neuen deutschen Staat, der die Vergangenheit hinter sich lässt.
Der Mann, an dem niemand vorbeikam
Beim Sprung in die grosse Politik half ihm eine Niederlage. Als die britische Besatzungsbehörde den wieder eingesetzten Oberbürgermeister Adenauer im Oktober 1945 wegen Widersetzlichkeit entliess, stürzte er sich mit Schwung in eine Tätigkeit, die ihm eigentlich gar nicht lag: die Parteiarbeit. Er half der überkonfessionellen CDU auf die Beine. Lotste sie geschickt von ihren sozialistischen und neutralistischen Anfängen weg und machte sich peu à peu zu dem Mann, an dem niemand mehr vorbeikam.
Minuziös zeichnet Norbert Frei den Weg nach, auf dem Adenauer 1949 im Alter von 73 Jahren Bundeskanzler wurde und in seinen ersten vier Jahren fast alle Weichen der jungen Republik stellte. Dabei kam ihm sein erratischer Charakter zugute. Nahum Goldmann, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, nannte ihn einmal eine «gotische Figur», er sei «in seiner monumentalen Schlichtheit eine unvergessliche Erscheinung».
Adenauer war stolz darauf, einfach zu denken. Das verlieh ihm bei seinen Entscheidungen eine robuste Klarheit. Die Freiheit hatte unbedingten Vorrang vor der deutschen Einheit, die Westbindung vor allen neutralistischen Versuchungen. Adenauer gehörte zu den Ersten, die eine Bundesrepublik im Sinn hatten. Als ein Gemeinwesen, das sich an die römische Kultur anlehnte und die preussische Tradition verwarf. Adenauer war ein grosser Aussenpolitiker – seine innenpolitischen Leidenschaften hatte er, so mutmasst Frei, wohl in Köln abgearbeitet.
Die Kehrseite dieser Schlichtheit war das, was Norbert Frei die «demokratietheoretische Ambitionslosigkeit» von Adenauer nennt. Politik war für ihn Führung, nicht einvernehmliches Aushandeln. Er hatte kein Problem damit, einsam und unter Umgehung aller Instanzen zu entscheiden. Sein Respekt vor dem Parlament war allenfalls schwach entwickelt. Unter Pressearbeit verstand er Propaganda. Er wollte, gewissermassen in aller Unschuld, einen Regierungssender gründen: Dem Kanzler stehe das zu. Sätze wie diesen konnte sich kein Politiker nach ihm auszusprechen trauen: «Ich würde es für einen schweren Fehler halten, wenn ich jetzt nicht Kanzler würde.»
«Diskretion des Unkonkreten»
Adenauers Kritiker sind seit Jahrzehnten erstaunt über dessen oft waghalsigen Umgang mit der Wahrheit und seine zynischen Attacken auf die SPD-Opposition. Freis Biografie legt die Vermutung nahe, dies habe der Republik nicht nur geschadet, sondern ihr auch genützt. Wie ein autoritärer Hausvater hat Adenauer die Deutschen in die Demokratie geführt.
Dass er die Gründung der Bundeswehr und die Entschädigungszahlungen an Israel im Halbdunkel verhandelte, hatte respektable Gründe. Unmittelbar nach dem Ende Hitlerdeutschlands sprach Adenauer in unmissverständlicher Deutlichkeit aus, dass er seinem Volk nicht über den Weg traute. Dabei blieb er sein Leben lang. In gewisser Weise hat er die Deutschen zur Demokratie überlistet. Ohne freilich zu ahnen, welche geistigen und partizipatorischen Folgen das haben würde.
Er blieb gerne im Ungefähren. Sprach oft vage von «Ereignissen», die NS-Greuel nannte er «Vorgänge in den Konzentrationslagern» oder so schlicht wie ungenau «Unrecht». Seine Sätze blieben subjekt- und täterlos. Der Kanzler pflegte, so Frei, die «Diskretion des Unkonkreten». Der Bürger konnte sich entlastet fühlen. Mit seinem zielstrebigen Griff zur Macht bewahrte er das Land davor, von Angehörigen ihm nachfolgender Generationen, also auch von Tätern und Mitläufern, aus der Taufe gehoben zu werden.
Weder Nazi noch Widerständler: Diese Kombination machte ihn volksverträglich. Wie auch die Tatsache, dass ein für damalige Verhältnisse sehr alter Mann mit kerzengerader Haltung sein Volk an die raue Hand nahm. Oft wurde spöttisch Adenauers Satz bemüht: «Die Lage war noch nie so ernst.» Das war jedoch kein Spleen. Seine Grundhaltung war, spätestens seit der NS-Zeit, durchweg pessimistisch. Dass sich die Nazis Deutschland so mühelos aneignen konnten, machte ihn ratlos. Später sagte er, es sei ihm damals «klargeworden, dass es doch einen Teufel gibt, dass das Böse wirklich Macht hat». Ein Satz, der erneut aktuell anmutet.
Die Republik neu vermessen
Ein neuer Adenauer hätte im heutigen Deutschland kaum mehr eine Chance. Als er 1963 aus dem Amt gedrängt wurde, hatte das Kanzleramt fünfunddreissig Mitarbeiter. Heute sind es etwa tausendsechshundert. Die Politik ist ein verwobenes, für Machtworte fast unempfängliches Geschäft geworden. Alleingänge in der Art Adenauers sind schlicht nicht mehr möglich. Dennoch gemahnt sein Leben daran, was ein starker und unerschütterlicher Wille bewirken kann, der Eindeutigkeit mit Flexibilität verbindet.
Norbert Frei macht den ersten Kanzler der Bundesrepublik durch zahlreiche, aber massvoll dosierte Einzelheiten, Geschichten und Anekdoten plastisch. Das Buch war nicht Freis Idee, der Verlag hatte das Thema mit hartnäckiger Insistenz vorgeschlagen. Dass der Autor überredet werden musste, merkt man dem Buch an, ein innerliches Sträuben geistert zuweilen durch die Seiten. Dennoch ist die Biografie ausserordentlich fair, mitunter sogar ein wenig mitfühlend ausgefallen. Dass sie im Gegensatz zu anderen Adenauer-Biografien im Wälzerformat bei allem inhaltlichen Reichtum mit knapp 300 Seiten recht schlank ausfällt, ist nicht ihr geringster Vorteil.
Was lange für sicher gehalten wurde, ist es nicht mehr: Deutschlands feste Verankerung in der liberalen, gewaltenteiligen Demokratie. Daher wird es Zeit, die Frage aufzuwerfen, ob Adenauers Methode der fürsorglichen Überrumpelung der Deutschen die einzig mögliche war. Adenauer war kein Reaktionär. Er stand, so Norbert Frei, für «eine sozialkonservative, technische Moderne». Mit dieser ist es heute nicht mehr getan. Aber auch nicht mit einer moral- und identitätspolitisch aufgeladenen Moderne. Norbert Freis Biografie gibt den Lesern reichlich Material an die Hand, um mit Adenauer über Adenauer hinaus die Republik neu zu vermessen.
Norbert Frei: Konrad Adenauer. Kanzler nach der Katastrophe. Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2025. 317 S., € 29.90, Fr. 41.90.
The European Conservative, December 6
Virtue and Defiance Can Stir Even the Darkest Ideologues
The martyred young risked and ultimately accepted death to defend a culture that they believed was worth the sacrifice.
Full text:
At 8:13 PM on October 27, 1942, 17-year-old Helmuth Hübener was beheaded at Berlin’s infamous Plötzensee Prison. His mother, his lawyers, and even the Gestapo had pleaded for clemency. The Reich Ministry of Justice refused. Hübener became the youngest German condemned to death by the People’s Court, and the youngest of the 16,500 people executed by guillotine. (Bartholomäus Schink of the Edelweiss Pirates was only sixteen, but he was hanged without trial in Cologne with thirteen others, including six teens.)
During his trial, Hübener was vocally defiant in hopes of persuading the judge that he was the sole leader of the group of boys on trial for distributing anti-Nazi pamphlets around Hamburg. When his conviction for “conspiracy to commit high treason and treasonable support of the enemy” was read, Hübener calmly told the court, “Now I must die, even though I have committed no crime. So now it’s my turn, but your turn will come.”
Hübener’s short life is the subject of the new Angel Studios docudrama Truth & Treason. Hübener, a Mormon, began listening to illegal BBC broadcasts in 1941 after finding his brother’s radio in a cupboard; his friends, Karl-Heinz Schnibbe (17) and Rudi Wobbe (15), soon joined him. The three began to write anti-Nazi pamphlets and distributed thousands of them throughout the city by night; they were joined later by Gerhard Düwer (17).
The boys dropped the pamphlets in the street, put them in mailboxes, and pinned them to Nazi bulletin boards. The Gestapo was certain that they were dealing with an adult resistance cell; when one of Helmuth’s co-workers reported him on February 4, 1942, the teen lasted five days under torture before finally revealing the names of his friends. The police were stunned to discover that the cell was made up entirely of boys.
Despite the Gestapo’s request for clemency, Hübener’s youth did not save him—but Schnibbe, Wobbe, and Düwer were spared death, sentenced instead to long stints in labor camps, where they remained until the end of the war. In his final moments before his execution, Hübener scribbled his thoughts in a letter to fellow Mormon Marie Sommerfeld:
I am very thankful to my Heavenly Father that this agonizing life is coming to an end this evening. I could not stand it any longer anyway! My Father in Heaven knows that I have done nothing wrong. … I know that God lives, and He will be the proper judge of this matter. Until our happy reunion in that better world!
Truth & Treason portrays Hübener’s Gestapo interrogator as convicted by his young victim’s goodness and conviction. This accurately reflects the historical record, as the Nazi secret police did ultimately recommend clemency and were reportedly impressed by their young victim. Interestingly, the idea that virtue, courage, and defiance inevitably move even the most sinister ideologues has become a popular theme in portrayals of German resistance figures.
Alone in Berlin (2016), based on Hans Fallada’s 1947 novel Every Man Dies Alone, tells the little-known story of Otto and Elise Hampel, who began writing anti-Nazi postcards and distributing them around Berlin after their son was killed in France. The film portrays the Gestapo agent tracking the couple as increasingly tormented by his task; after the couple is beheaded at Plötzensee Prison, he flings hundreds of their postcards out of his office window and shoots himself. In this case, the crisis of conscience is fictional wishful thinking; the Hampels’ real persecutor survived the war.
In her powerful review of Sophie Scholl: The Final Days (2005), Bethel McGrew notes that Scholl’s interrogator, Police Inspector Robert Mohr, is portrayed as “fascinated by Scholl in spite of himself.” Mohr would later write to Sophie’s father that he had attempted to persuade her to renounce her ties to her brother Hans and their fellow dissidents in the White Rose in an attempt to save her life. He failed, and the siblings were beheaded by guillotine along with their friend Christoph Probst on February 22, 1943.
The Hübener Group of Hamburg, the Hampels of Berlin, and the White Rose of Munich: all were ordinary Germans beheaded for employing the power of the pen. Their writings should remind us of what genuine dissidence looks like. Hübener quoted Scripture, Shakespeare, Goethe, and Heine in his pamphlets; the White Rose also quoted Goethe and Scripture, as well as Schiller, Augustine, Aristotle, and others. This is in stark contrast to so many of today’s nihilist digital edgelords who believe that larping as Nazis online makes them culture warriors.
The German resistance fought the Third Reich in defense of their culture, one defined by great literature, philosophy, and the Bible. The martyred young risked and ultimately accepted death to defend a culture that they believed was worth the sacrifice. They were, in short, anti-nihilists, and this is precisely why their fierce conviction created flickers in the consciences of their persecutors. For that reason alone, Truth & Treason tells a story worth remembering—now more than ever.
Neue Zürcher Zeitung, December 5
Unter Historikern hatte man sich gerade geeinigt, dass «blutsverwandte Völker» kein gutes Konzept sind. Dann kamen die Genetiker
Abwehrreflexe und grosse Egos: Mit dem Aufkommen der DNA-Analyse hatten die Historiker das Gefühl, Genetiker wollten ihnen die Welt erklären. Jetzt nähern sich die beiden Lager an. Am besten, so zeigt sich, lässt sich die Völkerwanderungszeit mit beiden Methoden erforschen.
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Die Analyse alter DNA hat den Blick auf die Geschichte des Menschen deutlich erweitert. Diese Archäogenetik erlaubt Einsichten in die Vergangenheit, die mit archäologischen Funden allein kaum möglich wären – etwa in Familienstrukturen oder Wanderbewegungen früher Gruppen. Und sie macht Unsichtbares sichtbar: Erst durch die Entschlüsselung von alter DNA (aDNA) gelang die Entdeckung der Denisovaner, einer in Sibirien und dem Fernen Osten ansässigen Menschenart, die bis vor einigen zehntausend Jahren neben dem Neandertaler und dem Homo sapiens existierte.
Inzwischen haben die Genetiker ihr Arbeitsfeld ausgedehnt. «Die Steinzeit war das erste grosse Thema der Archäogenetik, dann kam die Bronzezeit, und jetzt sind wir im Römischen Reich an der Schwelle zum Frühmittelalter angekommen», rekapituliert Joscha Gretzinger, Archäogenetiker am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA).
Das Römische Reich und die sogenannte Völkerwanderungszeit am Übergang zum Mittelalter: Diese Epochen sind, das sagt Gretzinger selbst, «das Territorium der Geschichtswissenschafter». Und das hat zu einem seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen den beiden Disziplinen geführt, mit teilweise harscher Kritik am jeweils anderen Lager. Erst jetzt nähern sie sich an – und kommen in ersten gemeinsamen Projekten zu wirklich aussagekräftigen Ergebnissen.
Identität mit Genetik zu begründen, finden Historiker heikel
Die Skepsis der Historiker gegenüber der neuen Methode lässt sich durchaus begründen. Der Versuch, Gruppen der Völkerwanderungszeit genetisch zu definieren, weckt Erinnerungen an problematische Traditionen ihres Faches. «Es ist ein uraltes Modell, dass man Völker über gemeinsames Blut, gemeinsame Herkunft definiert, ihnen eine Volksseele, ein bestimmtes Volkstum zuweist, das mit sich selbst ständig identisch ist», sagt der Mittelalterhistoriker Walter Pohl von der Universität Wien.
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts hatten Historiker solche Modelle genutzt, um die vermeintlichen Stämme der Völkerwanderungszeit in den Dienst moderner Nationenbildung zu stellen.
In den achtzig Jahren seither haben die nachrückenden Historiker viel Energie aufgewandt, dieses «uralte Modell» abzulösen. Die germanischen Verbände der Völkerwanderungszeit waren wohl keine einheitlichen Völker, sondern eher soziale Organisationen, oft mehr durch Zugehörigkeitsgefühl als durch Verwandtschaft geprägt. Diese Gruppen konnten sich stark verändern, während ihre Namen gleich blieben. Römer zu sein, war auch keine Frage der Abstammung: Das Imperium war ein Vielvölkerstaat bis in die höchsten Ränge der Gesellschaft.
Historiker greifen Genetiker mit Streitschrift an
Deshalb fragen sich Historiker, was Genetik zur Erforschung solcher Epochen beitragen kann. Der oft unbefangene Umgang mancher Archäogenetiker mit historischen Begriffen irritiert sie. «Gerade Phasen wie Völkerwanderung und Untergang des Römischen Reiches sind vielleicht doch ein bisschen komplexer gewesen, als man sich das so gemeinhin vorstellt», erklärt etwa der Tübinger Althistoriker Mischa Meier. «Wir haben in unseren Fächern lange daran gearbeitet, das deutlich zu machen. Und all das wurde wieder radikal vereinfacht, als der grosse Boom der Archäogenetik losging.»
2021 veröffentlichte Meier zusammen mit seinem Kollegen Steffen Patzold den Essay «Gene und Geschichte». Die beiden Historiker sind ausgewiesene Experten für genau die Epoche, die sich die Naturwissenschafter als neues Arbeitsfeld ausgesucht haben. Diese Streitschrift gilt als die bislang schärfste Kritik an den Archäogenetikern.
Patzold hätte heute, vier Jahre später, den Text vielleicht nicht so abweisend geschrieben. Aber im Grundsatz ist er immer noch zurückhaltend: «Die Archäogenetik ist nicht der Heilsbringer der Geschichtswissenschaft, weil sie uns für viele Perioden und Fragen keine wesentlichen neuen Erkenntnisse liefern kann.»
Streit um die Deutungshoheit über die Geschichte
Für die Archäogenetiker kam der Gegenwind überraschend stark, wenn auch nicht unerwartet. «Am Beginn unserer Arbeit mit den Paläoanthropologen und Archäologen sind wir auch dort auf sehr viel Skepsis und Ablehnung gestossen», erinnert sich Johannes Krause, Direktor am EVA.
Krause ist einer der Stars der jungen Disziplin, vielleicht wählten ihn Meier und Patzold deshalb als Zielscheibe. Der so Anvisierte versucht die Kritik gelassen zu nehmen: «Natürlich geht es um Deutungshoheit. Wer darf am Ende die Geschichte erzählen? Und wenn wir als Genetiker kommen und Geschichte erzählen, dann hat man Angst und macht uns sehr deutlich, dass unser Platz eher ganz hinten in der Kirche ist. Oder wie es die Kollegen ausdrücken: Wenn wir Glück haben, dürfen wir uns in einigen Jahren als Hilfswissenschafter der Historiker andienen.»
Zu den inhaltlichen Kontroversen kommen noch gravierende Kulturunterschiede. Begriffe mögen gleich klingen, aber ihr Inhalt unterscheidet sich. Perspektiven, Arbeitsweisen, Publikationsrhythmen, alles, bis hin zu den PR-Budgets der führenden Zeitschriften, ist denkbar verschieden.
Doch das Selbstbewusstsein ist auf beiden Seiten gross. «Vielleicht gibt es so ein paar illustre Persönlichkeiten aus dem aDNA-Kreis, die manchmal mit einer kolonialen Attitüde den Historikern gegenüber auftreten», gesteht Gretzinger vom EVA zu. Konkreter werden will er nicht. Anfangs mag so der Eindruck entstanden sein, die Genetiker versuchten den Historikern ihren Stoff zu erklären. Auf der anderen Seite reagieren Historiker auf solche Grenzverletzungen schnell schroff.
Der scharf formulierte Essay von Patzold und Meier war aus Sicht des Mittelalterhistorikers Jörg Feuchter denn auch «fast reflexhaft, wie so eine Abwehrreaktion unseres Faches». Er selbst ist ein Befürworter der Zusammenarbeit mit den Genetikern.
Archäogenetik füllt die Lücken in den Schriftquellen
Dabei ist gerade die Zeit zwischen dem 5. und dem 9. Jahrhundert, mit der sich Meier und Patzold intensiv beschäftigen, ein Beispiel für den Nutzen der Genomforschung. Damals brachen bestimmte Gruppen die Welt der Antike auf, gründeten in Europa neue Reiche und legten so die Grundlagen für das heutige Europa. Doch viele von ihnen haben wenig oder gar nichts Schriftliches hinterlassen.
Und auch im römisch geprägten Mittelmeerraum führt der Umbruch von der Antike zum Mittelalter zu Lücken in der Überlieferung. Diese Lücken muss die Geschichtswissenschaft irgendwie überbrücken, und die Archäogenetik könnte eine dieser Brücken bilden. «Ohne über Genetik nachzudenken, können Sie sich nicht mehr seriös mit der Völkerwanderung beschäftigen», räumt Meier ein.
Entspannungssignale kommen auch von der Gegenseite. «Die Mehrheit der Archäogenetiker ist sich sehr bewusst, dass all unsere Daten nur in Zusammenarbeit mit Archäologen und Historikern interpretiert werden können», sagt Gretzinger.
Es ist vor allem die örtliche Differenzierung, die die Historiker an den neuen genetischen Daten reizt. «Wir können damit lokale Gesellschaften analysieren, eine Ebene, in die wir als Historiker im Frühmittelalter nur schlecht blicken können», meint Patzold.
Ein grosses Gemeinschaftsprojekt bringt gute Ergebnisse
Ansatzpunkte für eine Kooperation von Geistes- und Naturwissenschaftern gibt es zuhauf. Genau hier setzt das europäische Gemeinschaftsprojekt «Histo-Genes» an, das Johannes Krause und Walter Pohl gemeinsam leiten. Historiker, Archäologen und Genetiker arbeiten in diesem internationalen Grossvorhaben gleichberechtigt zusammen. Es soll mehr Licht in die dunkle und verworrene Geschichte Osteuropas im Übergang von der Antike zum Mittelalter bringen. «Es ist erstaunlich, wie gut das funktioniert hat», sagt Krause, «es zeigt, wie gross das Potenzial ist, wenn man Geschichte und Genetik miteinander verknüpft.»
Ein in der Geschichtswissenschaft heiss umstrittener Vorgang ist zum Beispiel die Ausbreitung der Slawen über den Osten Europas. Ihr Ursprung liegt offenbar im heutigen Grenzgebiet von Polen und der Ukraine. Doch diskutiert wird darüber, wie sie sich von dort bis auf den Balkan ausbreiteten. «War das wirklich eine grosse Migration oder nur quasi ein kulturelles Paket, das verteilt wurde?», so fasst Gretzinger die Kontroverse zusammen.
Ein Team von «Histo-Genes» hat 555 Genome aus dem Siedlungsgebiet der Slawen analysiert – Proben vom 2. bis ins 18. Jahrhundert hinein. Das Ergebnis wurde kürzlich in «Nature» veröffentlicht: Beides stimmt zum Teil. Im Nordwesten des heutigen Siedlungsgebiets, also im heutigen Ostdeutschland und in Polen, haben die Slawen im 6. und 7. Jahrhundert tatsächlich die germanischen Bewohner ersetzt.
Auf dem Balkan dagegen scheint die lokale Bevölkerung eher das «kulturelle Paket» von den einwandernden Slawen übernommen und sich allmählich mit ihnen vermischt zu haben. In den Genomen von dort lassen sich neben den slawischen Einflüssen auch deutliche Zeichen der bunt gemischten Bevölkerung des ehemaligen Römischen Reiches finden.
Genetik beleuchtet endlich den Ursprung der Awaren
Auch die Frage nach dem Ursprung der Awaren gehört zu den klassischen Streitfällen der Epoche. Diese Gruppe tauchte Mitte des 6. Jahrhunderts praktisch aus dem Nichts im Osten Europas auf und etablierte sich für 200 Jahre als gleichberechtigte Grossmacht neben Byzanz und dem Frankenreich. Laut einem byzantinischen Chronisten trugen sie ihre Haare «ungekämmt, borstig, schmutzig und geschmacklos in Knoten geflochten».
Schon die Zeitgenossen rätselten, ob diese Menschen aus Zentralasien stammten, wie viele Reiterstämme vor ihnen. «Es ist ein alter historischer Streit, ob sie wirklich aus Ostasien kamen, denn die eine wesentliche Quelle nennt sie nur Pseudoawaren», sagt Walter Pohl.
Archäogenetische Untersuchungen bringen Bewegung in die Debatte. So hatte schon eine frühere aDNA-Analyse aus awarischen Gräbern des 7. Jahrhunderts ergeben, dass die Führungsschicht tatsächlich aus der mongolischen Steppe stammte. Ein weiteres «Histo-Genes»-Projekt zeigte jetzt, dass das auch für die unteren Schichten der awarischen Gesellschaft galt, jedenfalls zum Teil.
Beprobt wurden dafür zwei Gräberfelder aus dem Wiener Umland, beide nach den archäologischen Funden gleichermassen typisch awarische Siedlungen aus der Spätzeit. Doch zur «völligen Überraschung» der Forscher, wie Walter Pohl erzählt, waren sie genetisch vollkommen unterschiedlich. In dem einen Gräberfeld waren nur Menschen bestattet, die wie die awarische Elite eindeutig aus den Steppen Zentralasiens stammten.
Das genetische Profil der Toten im zweiten, nur zwanzig Kilometer entfernten Gräberfeld hatte dagegen fast nichts Ostasiatisches, dafür den typisch mitteleuropäischen Mix aus slawischen, romanischen und germanischen Einflüssen. Zwischen den benachbarten Orten scheinen demnach auch 200 Jahre nach der Ankunft der Awaren im Donauraum keine verwandtschaftlichen Beziehungen gewachsen zu sein.
Für die soziale und kulturelle Identität der Menschen spielte ihre verschiedene Abstammung gleichwohl keine erkennbare Rolle.
Neue Zürcher Zeitung, 3 décembre
Trägt jede Demokratie die Gefahr der Selbstzerstörung in sich? «Ohne Demokratie kein Hitler», sagt der Historiker Götz Aly
Wie konnte es in Deutschland zum NS-Regime und zu den daraus folgenden ungeheuren Verbrechen kommen? Der Historiker Götz Aly hat Erklärungen.
Götz Aly: Wie konnte das geschehen? S. Fischer 2025. 768 Seiten.
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Es ist die zentrale aller deutschen Fragen: Wie konnte das geschehen? Wie konnte ein ganzes Volk Menschheitsverbrechen in nie da gewesenem Ausmass begehen? Götz Aly wirft die grosse Frage, die ihm einst seine jüngste Tochter gestellt hat, nochmals auf und widmet ihr ein über 700 Seiten dickes Buch.
Der Historiker und Journalist begann in den frühen 1980er Jahren, zu Euthanasiemorden zu forschen. Der Auslöser war seine älteste Tochter, die mit einer Behinderung zur Welt gekommen war. Seither ist die Aufarbeitung des Nationalsozialismus Alys Lebensthema. Der Historiker schreibt packend, sein Blick ist nüchtern, seine Formulierungen sind pointiert. Als Basis von Adolf Hitlers Herrschaft nennt er Raub und Raffgier, die damit verbundene Propaganda beschreibt er als «niemals abreissenden Lügenschwall».
Alys neues Buch bildet die Summe seines Schaffens. Er verbindet stupendes Wissen, Quellen und die Erzählung von Schlüsselmomenten. «Wie konnte das geschehen?» steht seit Erscheinen weit oben auf der Bestsellerliste. Als wir uns zum Interview auf der Frankfurter Buchmesse treffen, ist das Buch kurzzeitig vergriffen. Das Interesse an historischer Erklärung ist offensichtlich gross. Vielleicht auch deshalb, weil sich ein Unbehagen an der Gegenwart in den Blick in die Vergangenheit mischt.
Bücher am Sonntag: Götz Aly, in Diskussionen über aktuelle Politik wird gern der Vergleich zu den 1930er Jahren gezogen. Dabei fällt oft der Begriff Faschismus. Sie aber halten den Begriff für untauglich, um das nationalsozialistische Deutschland zu verstehen. Warum?
Götz Aly: Der Begriff Faschist/Faschismus ist zu einem Schimpfwort geworden. Aber er erklärt nichts über die Gründe, warum Rechtspopulisten an Zulauf gewinnen.
Aber er sagt etwas über historische Diktaturen, oder?
Der Faschismus wurde von Benito Mussolini erfunden. Die Situation in Italien war aber eine andere als im nationalsozialistischen Deutschland, der Gewaltpegel blieb deutlich geringer. In ihren Besatzungsgebieten schützten die Italiener die Juden und lieferten sie nicht an Deutschland aus. Der Faschismus im weithin agrarischen Spanien wiederum war stark katholisch geprägt. Franco hat jeden Abend gebetet. Hitler dagegen war, was die Religion betrifft, näher bei Stalin. Der Begriff Faschismus bringt nicht viel. Zuerst sollte man die Unterschiede von heute zu den 1930er Jahren anschauen und erst dann über mögliche Parallelen sprechen. Vorschnelle Gleichsetzungen führen in die Irre.
Dann lassen Sie uns über die Unterschiede sprechen. Wo liegen sie?
In der 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise lebten 80 Prozent der Deutschen am Rand der Existenz. So schlimm verlief die Krise nur noch in den industriellen Zentren der USA. Nicht in Frankreich, nicht in der Schweiz, nicht in Italien. In Deutschland gab es sechs Millionen Arbeitslose und vier Millionen Leute, die in Kurzarbeit darbten. Die Löhne und Gehälter fielen damals generell um 25 Prozent. Da wir heute doppelt so viele Erwerbstätige haben wie 1929, müssten wir für eine wirtschaftlich vergleichbare Situation heute zwölf Millionen Arbeitslose und acht Millionen Kurzarbeiter haben – bei gleichzeitiger Absenkung des Lohn- und Gehaltsniveaus um 25 Prozent und einem seinerzeit sehr schwachen Netz sozialer Absicherung.
Welcher Begriff eignet sich stattdessen, um die Eigenheiten des Nationalsozialismus zu beschreiben?
Ich habe keinen passenden Begriff. Ich spreche von «Hitler-Deutschland».
Sie sprechen nicht von «Nationalsozialisten»?
Nationalsozialisten hat es natürlich gegeben. Doch der Begriff ist zu eng. Die vielen Menschen, die an diesem Regime mitgewirkt und es gestützt haben, waren längst nicht alle Mitglieder der NSDAP. Sie riefen nicht den ganzen Tag «Heil Hitler!», waren nur teilweise konform, hatten durchaus die eine oder andere Kritik. Vor diesem Hintergrund wäre auch über die positiven Voraussetzungen des Nationalsozialismus zu reden.
Positiv? Wie meinen Sie das?
Zwischen 1900 und 1915 wuchs die deutsche Bevölkerung um elf Millionen an – dank medizinischem Fortschritt. Die Mütter- und Säuglingssterblichkeit wurde markant reduziert, Robert Koch trieb die Bakteriologie und Impfungen voran. Man fand heraus, wo man sich Cholera und Typhus holt, und machte es zur Aufgabe des Staates, das abzuschaffen. Es wurden Kanalisationen gebaut und das Trinkwasser gereinigt. Gleichzeitig begann im Kaiserreich eine Bildungsoffensive, die sich in der Weimarer Zeit mit grossem Erfolg fortsetzte. Die Lust auf soziale Mobilität ergriff das Volk: Bauerntöchter zogen in die Stadt, um Stenotypistinnen zu werden. All das wurde durch die Weltwirtschaftskrise abgeblockt. Diese grosse junge ausgebremste Generation stellte einen Grossteil der Gefolgsleute und Wähler Hitlers.
«Hitler kochte mit normalen politischen Herrschaftstechniken, zum Beispiel mit Sozialpolitik, mit dem Versprechen einer schöneren, konfliktarmen Zukunft»
Spielte die Ideologie also gar keine so grosse Rolle?
Ach, die Ideologie . . . Der Zweite Weltkrieg ist der blutigste Krieg der Weltgeschichte und wurde allein von Deutschland verursacht. Es war ein Krieg mit unglaublichen Massenmorden, nicht allein an den Juden. Es ist verständlich, dass man das als Deutscher von sich fernhalten möchte. Also sagt man: Das waren die Nazi-Ideologen, die SS-Schergen oder finstere Kleinbürger. Diese Selbstdistanzierung war nach dem Krieg wohl auch notwendig. Sonst hätte die Generation meiner Eltern nicht wieder neu anfangen können.
Wie steht es mit der historischen Auseinandersetzung heute?
Meine Enkel brauchen keine Distanzierung mehr. Wir können heute freier über die Geschichte sprechen, nicht in einem mystifizierenden Pfarrerston. Lange herrschte die Vorstellung, der Holocaust sei ein schwarzes Loch des Verstehens. Eine absolute Ausnahme, die man gar nicht erklären könne.
Sie aber versuchen zu erklären, wie es dazu gekommen ist.
Auch Hitler kochte mit normalen politischen Herrschaftstechniken, zum Beispiel mit einer bestimmten Sozialpolitik, mit dem Versprechen einer schöneren, konfliktarmen Zukunft. Er vermittelte den Mehrheitsdeutschen das Gefühl, die soziale Schere würde sich nicht weiter öffnen, sondern beginne sich zu schliessen.
Es gelang Hitler also, Hoffnung zu wecken?
Er hat Mittel des sozialen Ausgleichs angewandt, um die Deutschen bei Laune zu halten. Viele haben davon profitiert, abgesehen von den Juden, aber die galten als Fremde, als Menschen, die nicht dazugehören sollten. Und er führte sein insoweit unwilliges Volk in einen fürchterlichen Krieg. Auch das stabilisierte seine Herrschaft.
Wie das?
Ein längerer Krieg wirkt stets sozial integrierend. Das kann man auch im Gaza-Krieg beobachten: Die Bevölkerung von Gaza sieht keine Möglichkeit, sich von der Hamas zu lösen, obwohl sie weiss, dass die Hamas Verbrechen begangen hat und dass ihre jetzige Lage damit unmittelbar zu tun hat. Hitler gelang es, mit dem Krieg gegen die Sowjetunion eine Situation der Ausweglosigkeit zu erzeugen. Goebbels sagte: Ihr, die Deutschen, sitzt in einem D-Zug, da kann man nicht mehr aussteigen.
Aber Terror und Massenmord sind keine normalen politischen Methoden . . .
. . . stimmt. Aber die Massenmorde fanden ihre Basis in der 1933 sofort einsetzenden Diskriminierung und späteren Enteignung der Juden. Davon profitierten direkt und indirekt alle Mehrheitsdeutschen. Das führte zur massenhaften Gewissenslähmung. Auf dieser Basis konnte Hitler auch die späteren Massenmorde nutzen, um das Gefühl der Mitschuld im Volk zu mobilisieren, und das Volk schwieg. Seit dem Herbst 1941 arbeitete die deutsche Führung daran, die Volksgemeinschaft in eine Gemeinschaft des Verbrechens umzuschmieden. Das gelang. «Verbrechensgemeinschaft». Das war die offizielle Propagandalinie seit Ende 1941.
Viele Deutsche sagten nach dem Krieg aber, sie hätten nicht gewusst, was im Holocaust passiert sei. Ist das gelogen?
Mit 16 sah ich zum ersten Mal einen Film über die Befreiung von Auschwitz, Bergen-Belsen und Buchenwald mit den ganzen Leichenbergen. Als ich meine Eltern beim Abendessen danach fragte, erstarrten sie zu Eis und behaupteten, sie hätten gar nichts davon gewusst. Erst Jahre später wurden sie genauer. Mein Vater lag im Frühjahr 1943 als Schwerverwundeter in einem Lazarett direkt neben dem Warschauer Ghetto, und zwar während des Aufstands der letzten 50 000 dort verbliebenen Juden. Der Aufstand scheiterte nach vier Wochen, nur wenige überlebten. Erst kurz vor seinem Tod erzählte mein Vater: «Wir hörten die Schüsse, die Schreie und die Explosionen. Wir wussten, was dort geschah.»
Das Nichtwissen ist also bloss eine Ausrede?
Offiziell sprach die deutsche Führung nicht von Mord, sondern von Deportation ohne Wiederkehr. Die Bevölkerung sollte aber – wie in einem Schattenspiel – die Umrisse des massenmörderischen Geschehens wahrnehmen, ohne sich mit den Details genauer beschäftigen zu müssen. Das entlastete die Gewissen. Aber zugleich ahnten die allermeisten, da geschehen schreckliche Dinge, und diese Ahnung lastete halbbewusst im Inneren, machte jeden Einzelnen zum Mitwisser, zum mehr oder weniger aktiven oder passiven Mitglied einer verschworenen Gemeinschaft des Verbrechens.
Die Nationalsozialisten haben die Rassenlehre entwickelt und mit ihr einen Genozid legitimiert. Wie steht es mit dem Antisemitismus heute?
Der Antisemitismus war in Europa schon vor dem Zweiten Weltkrieg allgegenwärtig und nie weg. Das überall im besetzten und verbündeten Europa geraubte Eigentum der Juden wurde nur zu winzigen Teilen zurückgegeben, in Österreich und Polen überhaupt nicht, und die nachlaufende Karrieredividende des Holocaust reicht bis in die Gegenwart: Wer wäre denn heute Chefredakteur unserer grossen Zeitungen, wer würde den S.-Fischer-Verlag leiten, wer wäre wo Professor, Chefarzt oder CEO eines grossen Unternehmens, wenn es den Mord an sechs Millionen Juden nicht gegeben hätte?
Wenn wir den Blick von der Vergangenheit in die Gegenwart richten: Zeigen sich nicht auch Parallelen? Hitler versprach seinen Wählern Grösse, das deutsche Volk sollte wieder jemand sein.
In seiner Politik verband Hitler angeblich traditionelle Werte und radikale Modernisierung. Deutschland lag um 1933 technologisch weit hinter Frankreich und den USA. Sechs Jahre später hatte es die modernste Armee der Welt. Die Beschwörung angeblich traditioneller Werte in Kombination mit radikaler Modernisierung und politischer Disruption kann man in verschiedenen Staaten beobachten – auch in solchen der Europäischen Union.
«Es ist nichts Zwangsläufiges an Hitler. Es gab eine Reihe von Gelegenheiten, bei denen die Dinge hätten anders entschieden werden können.»
Hitler etablierte sein Regime auf der Basis einer Demokratie und wandelte es in ein autoritäres System um. Trägt jede Demokratie die Gefahr der Selbstzerstörung in sich?
Ohne Demokratie kein Hitler. Im Kaiserreich hätte einer wie er nicht aufsteigen können. Hitler gründete die erste Volkspartei in Deutschland und lud Leute aus allen Klassen und Landesteilen zum Mitmachen ein – bewusst auch die Frauen. Er führte die deutsche Staatsbürgerschaft ein. Die hatten wir vor 1934 nicht. In unseren Pässen stand «Bayern», «Preussen», «Sachsen» usw. Hitler zerstörte die ständisch, regional und sozial gegliederten autonomen Vereinigungen und Orte der Kirchen, der Jugendverbände, der Freimaurer, der Frauenbewegung, der Gewerkschaften usw. Die auf diese Weise sozial atomisierten Menschen fügte er in den NS-Massenorganisationen neu zusammen.
Spielte dabei auch seine Propagandaschrift «Mein Kampf» eine Rolle?
Hitler war der erste Politiker in Deutschland und vielleicht weltweit, der erklärte: Ich bin einer von euch. Mein Vater schlug mich grün und blau, ich scheiterte in der Realschule, dann wollte ich Maler werden, das klappte nicht, dann lebte ich in schäbigen Männerheimen. Erst im Krieg habe ich als einfacher Soldat etwas geleistet, erwarb das Eiserne Kreuz, und auf dieser Grundlage wurde ich Politiker mit dem Ziel, dass es für die blutsdeutsche Mehrheit gerechter zugeht.
Was bedeutet das für uns heute?
Es ist nichts Zwangsläufiges an Hitler. Es gab eine Reihe von Gelegenheiten, bei denen die Dinge hätten anders entschieden werden können – sei es durch eine rechtzeitige Intervention von aussen oder durch inneren Widerstand, als das langsam gesteigerte Morden zwischen November 1938 und Sommer 1941 begann. Zur Vorgeschichte sollte man sich merken: 1929/30 hatte sich die demokratische Weimarer Koalition aus Zentrumspartei und Bayerischer Volkspartei – den Vorgängerinnen von CDU/CSU –, Sozialdemokraten und Liberalen zerlegt. Diese Parteien der Mitte zerstritten sich und zeigten sich unfähig, das Staatsschiff gemeinsam durch die grosse Krise zu steuern. Das deutsche Wahlvolk, also der demokratische Souverän, reagierte darauf in Reichstagswahlen von 1932 und stimmte mit einer Mehrheit von fast 60 Prozent für die Abschaffung der Republik, also für die NSDAP, die Kommunistische Partei und die Deutschnationale Volkspartei. Alle drei hatten versprochen: Die Situation des endlosen demokratischen Streitens und halbherziger Kompromisse mithilfe einer straffen Führung im Sinne der Volksmehrheit zu überwinden – also in einer politischen Form, die von einem Kritiker schon damals als illiberale Demokratie bezeichnet wurde.
Zur Person
Wie konnte das geschehen?
Götz Alys Darstellung der Jahre 1933 bis 1945 ist ein wichtiges und wuchtiges Werk. Virtuos bündelt und durchleuchtet der Historiker zahlreiche Quellen, ausgehend von der Frage, wie Hitler sein Machtgefüge aufbauen konnte. Der Weg führt für Aly von Sozialpolitik und Staatsschulden in den Krieg. Vom ersten Tag an habe das Regime auf Raub beruht, und davon hätten sehr viele profitiert. (läu.)
Götz Aly: Wie konnte das geschehen? S. Fischer 2025. 768 Seiten.
https://www.nzz.ch/feuilleton/historiker-goetz-aly-ohne-demokratie-kein-hitler-ld.1913962
