II.7. Africa & Other Faraway Places


Neue Zürcher Zeitung, January 13      

Nirgendwo töten Terroristen mehr Menschen als in Burkina Faso. Unterwegs in einem Land, das eigentlich Sperrzone ist

Die Militärregierung von Burkina Faso will mit einem Velorennen zeigen, dass der Kampf gegen den Terror erfolgreich ist.

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Nach der sechsten Etappe sieht es kurz so aus, als ob der Anlass, der dieses Land wieder aufrichten soll, scheitern könnte. Auf dem Siegertreppchen stehen zwei Weisse, Belgier, die Arme einander um die Schultern gelegt. Neben ihnen, Rang 3, ein Marokkaner.

Die Mittagssonne drückt, die Belgier winken. Hunderte Zuschauer sind gekommen, Kinder und Senioren, Frauen und Männer. Sie klatschen verhalten. Der beste Einheimische: nur Rang 4.

Burkina Faso war einmal eine Macht im afrikanischen Radsport, und dieses Rennen, erstmals ausgetragen in den 1980er Jahren, war lange die wichtigste Rundfahrt in Afrika. Fahrer aus vielen Ländern reisten an, Afrikaner und Europäer, Malier, Kameruner, Ghanaer, Deutsche, Niederländer, Franzosen. Die Europäer hatten die teureren Velos, aber sie taten sich schwer mit den über 40 Grad im Schatten, den Schlaglöchern und den entgegenkommenden Lastwagen.

Das war, bevor Burkina Faso zum Epizentrum des globalen Terrorismus wurde. Mit mehr als zwei Millionen Vertriebenen und Zehntausenden von Toten. Laut manchen Quellen kontrollieren die Jihadisten zwei Drittel des Landes.

Zweimal wurde die Tour in den vergangenen Jahren abgesagt. Weil zu gefährlich. In diesem Jahr will die Militärregierung zeigen: Die Situation hat sich gebessert. Wir haben Gebiete zurückerobert. Befriedet. Die Tour du Faso ist mehr als ein Radrennen. Sie ist eine Prüfung und eine Machtdemonstration. In zehn Etappen, über 1177 Kilometer.

Internationale Journalisten dürfen kaum mehr nach Burkina Faso kommen. Schon gar nicht dürfen sie sich im Land bewegen. Die NZZ erhielt für die Tour du Faso ausnahmsweise eine Bewilligung. Und konnte durch ein Land reisen, das eigentlich Sperrzone ist. Ein Land auch, in dem sich Zivilisten kaum getrauten, frei zu sprechen. Und Regierungsvertreter zu verstehen gaben, dass kritische Fragen nicht erwünscht seien.

Der Posterboy auf dem Treppchen

Die triumphierenden Belgier – für die Veranstalter ein Schönheitsfehler in einer Woche, in der alles perfekt inszeniert ist. Aber was am Ende zählt, ist nicht der Etappensieg. Sondern das Gesamtklassement. Und dort führt der Mann, auf dem die Hoffnungen des Landes liegen. Paul Daumont, 26, Burkinas Star, er hat einen Namen wie ein Filmstar, und er sieht auch so aus. Er steigt nun aufs Treppchen.

«Das gelbe Trikot gehört noch immer Burkina Faso», jubelt der Speaker. Paul Daumont strahlt und erhält das Trikot des Führenden im Gesamtklassement übergestreift. Er streckt die Arme in die Höhe. In diesen Tagen ist Daumont der Posterboy der Tour du Faso – und des ganzen Landes.

Die Etappe, die die Belgier gewonnen haben, war die sechste. Sie führte von der Hauptstadt Ouagadougou in den Ort Po, 144 Kilometer südwärts, Richtung Grenze. Dort, heisst es, drohe der Terror in das Nachbarland Ghana überzugreifen. Die 62 Fahrer rollten durch eine Landschaft aus niedrigen Bäumen und Büschen, ein Dickicht, das Terroristen idealen Schutz bietet.

Vor einem Jahr kreisten auf derselben Strecke Armeehelikopter über den Fahrern, die Sicherheitslage war schlecht. Gerade ist sie besser. Im Bus, der die burkinabischen Journalisten vor dem Feld transportiert, wurde es nur kurz still, als ein Militärkonvoi entgegenkam, der unter blauen Planen schwere Fahrzeuge transportierte. Mehr Gerät für den Krieg, es kommt vom Hafen im südlichen Nachbarland Togo her. «Die Laster werden das Peloton behindern», sagte einer der Sportjournalisten. Doch der Militärkonvoi machte Platz, als die Radfahrer heranrasten.

Eine Wirtin im Zielort Po sagt: Zurzeit sei die Situation im Ort ruhig. Es gebe viel Militärpräsenz. Die Soldaten sässen jeweils in Zivil in ihrem Restaurant, um nach Verdächtigen Ausschau zu halten.

Doch gerade stehen die Soldaten als Bodyguards vor der Menge, die Paul Daumont beklatscht. 21 Sekunden beträgt sein Vorsprung nach dieser Etappe. Den muss er wahren bis zum grossen Finale in der Hauptstadt. Dort wird der Präsident im Ziel sitzen und eine Demonstration nationaler Stärke erwarten. Vier Etappen bleiben. Daumonts Waden haben einen Auftrag. Ihn nicht zu erfüllen, wäre quasi Landesverrat.

Der KI-Putschführer zerquetscht Terroristen

Paul Daumont mag der Posterboy sein in diesen Tagen, üblicherweise heisst die grosse Figur in Burkina Faso Ibrahim Traoré. Dieser ist elf Jahre älter als Daumont und einer der jüngsten Staatschefs der Welt. Er putschte sich im September 2022 an die Macht, ein Hauptmann mit Pausbacken, aber furchtlosem Blick. Stets tritt er in Uniform auf, rotes Barett, Militärhandschuhe, Pistole im Holster – auch auf Staatsbesuchen. Entschlossen, den Krieg gegen den Terror zu Ende zu führen.

Traoré hat die Franzosen aus dem Land geworfen, ihre Soldaten und Journalisten. Er reiste nach Moskau, schüttelte Wladimir Putin die Hand. Er schloss sich mit den Nachbarstaaten Mali und Niger zur «Allianz der Sahelstaaten» zusammen, einem Bündnis von Putschisten.

Traoré erklärte, Burkina Faso werde endlich unabhängig sein, seine Probleme selber lösen. Der Präsident weihte Fabriken ein zur Tomatenverarbeitung, eine Fabrik für Weizenmehl, die Regierung plant eine Goldraffinerie.

Sein Auftreten, seine Jugend und seine Reden – das alles hat Traoré zu einer Art panafrikanischen Ikone gemacht. Junge Afrikanerinnen und Afrikaner in Ländern, die von korrupten über 80-Jährigen regiert werden, verehren ihn.

Traoré verdankt seinen Heldenstatus auch poppigen Videoclips, die antiwestliche Influencer mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellen. Darin zerquetscht der KI-Traoré Terroristen, verjagt französische Soldaten und wird von Beyoncé und Rihanna besungen. Die Videos haben Millionen von Klicks.

Vermutlich betreibt keine afrikanische Regierung gerade so erfolgreich Propaganda wie jene von Burkina Faso. Die uniformierten Herrscher im Land sind begabte Vermarkter, die Frage ist nur, ob sie auch gute Anti-Terror-Kämpfer sind. In Burkina Faso selber wagt dies niemand zu bezweifeln. Kritische Journalisten wurden verhaftet und an die Front verfrachtet. Weniger gefährliche Abweichler müssen im Dienst des Vaterlands Pflastersteine verlegen.

Unabhängige Quellen lassen vermuten, dass sich die Sicherheitslage nicht verbessert hat. Die Jihadisten verüben noch immer fast täglich Angriffe auf die Armee und Zivilisten. Noch immer sind mehr als zwei Millionen Menschen vertrieben. Burkina Faso ist nach wie vor das Epizentrum des islamistischen Terrorismus.

Umso wichtiger, dass die Tour du Faso gelingt. Ohne Zwischenfälle. Und mit dem richtigen Sieger.

Der Zielort wurde angegriffen

Etappe sieben. Am Strassenrand aufgereiht stehen Schulklassen. «IB, IB», rufen die Kinder und klatschen in die Hände, so als ob der Präsident vorbeifahren würde. «IB» nennen sie Ibrahim Traoré in der Bevölkerung. Doch es sind Paul Daumont und seine Rivalen, die mit fast fünfzig Kilometern pro Stunde vorbeirasen.

Es geht nun Richtung Osten. Eine Richtung, in der die Jihadisten mit ihren Angriffen ganze Dörfer und Landstriche geleert haben. Der Zielort heisst Tenkodogo, im Februar 2025 wurde dort ein Militärposten angegriffen.

Man kann an der Tour du Faso die Sicherheitslage einer Gegend daran ablesen, wie viele Uniformierte entlang der Strecke stehen. Es sind an diesem Tag Hunderte. Soldaten, die neben den jubelnden Kindern stehen. Sogenannte «Freiwillige des Vaterlands» auch, Milizionäre, von denen die Militärregierung mehr als 100 000 rekrutiert hat für den Kampf gegen den Terror. Menschenrechtler werfen den schlecht ausgebildeten Paramilitärs Massaker an Zivilisten vor, die fälschlicherweise für Jihadisten gehalten werden.

Daumont und der Rest des Trosses rollen vorbei an eilig errichteten Monumenten, auf die die Flaggen Russlands und der anderen Putschstaaten im Sahel gemalt wurden. Sie sehen aus, als würden sie bald wieder zerfallen.

«Der perfekte Coup von Paul Daumont»

An diesem Tag stören keine belgischen Etappensieger die Dramaturgie. Burkina Faso gewinnt. Nicht Paul Daumont, aber einer seiner Teamkameraden. Daumont rollt gleich dahinter ins Ziel. Die burkinabischen Medien jubeln im Militärjargon: «Der perfekte Coup von Paul Daumont und seinen Adjutanten».

Auch beim Interview mit Paul Daumont am Abend beim Pool im Teamhotel sollen keine Störungen aufkommen. Gefragt, ob er die Tour für risikofrei halte, sagt Daumont: «Ich kann diese Frage nicht beantworten, es ist keine Frage zum Sport.»

Paul Daumont, geboren 1999, aufgewachsen in der zweitgrössten Stadt des Landes, Bobo-Dioulasso. Er fuhr immer mit dem Velo zur Schule und mass die Zeit. «Ich versuchte jeden Tag, schneller zu sein.» Er wurde Teil eines Teams, gewann Rennen, studierte daneben Marketing. Er lebt inzwischen nicht mehr in Burkina Faso, sondern auf der Karibikinsel Guadeloupe, wo ihn ein Team engagiert hat. Er fährt über grüne Hügel, das Meer nie weit, der Kontrast zur Heimat könnte nicht grösser sein.

Doch für die Tour du Faso kehrt Daumont zurück. Auch weil das Sportministerium von Burkina Faso das fordert und die Reise bezahlt.

Er sagt: «Wenn man in den Medien über Burkina Faso liest, bekommt man Angst. Dabei können wir das Land von Ost nach West, von Nord nach Süd in völliger Sicherheit auf guten Strassen durchqueren.» Daumont beendet jeden Satz mit einem Lächeln. Er klingt wie ein Tourismusbotschafter.

2023 gewann Daumont die Tour du Faso. Wenig später stürzte er im Training, er brach sich die Kniescheibe, eine grosse Narbe zeugt davon. 2024 verpasste er die Tour. Burkina Faso gewann eine einzige Etappe, ein Marokkaner wurde Gesamtsieger.

In diesem Jahr muss Daumont wieder siegen. Für die nationale Sache.

Nach dem Gespräch gibt es eine Ermahnung vom Kommunikationsteam wegen der Frage, ob die Tour risikofrei sei. Man solle sich auf den Sport konzentrieren.

Ein zerknirschter Belgier

Etappe 8. Der Zielort heisst Zorgho. Der Teamchef der Belgier steht zerknirscht im Ziel, während der Sprecher in ohrenbetäubender Lautstärke Paul Daumont als Etappensieger feiert. «So ein Pech», sagt der Teamchef, Jacques Lepère, er schlürft eine Cola, es ist wieder drückend heiss. Hundert Meter vor dem Ziel lag einer seiner Fahrer vorne. Dann platzte der Reifen. Paul Daumont preschte von hinten heran und überholte kurz vor der Ziellinie.

Burkinas Presse schreibt nicht über den geplatzten Reifen. Sie schreibt über Paul Daumonts «Donnerantritt». Die Bilder zeigen Daumont mit triumphierend aufgerissenem Mund und hochgerissenem Arm. Er führt nun mit 31 Sekunden Vorsprung. Die Daumont-Show nähert sich dem Höhepunkt.

Nach der Siegerehrung stellt sich der Sportminister vor die Mikrofone. Er ist an jeder Etappe dabei, ausser es ist gerade Ministerratssitzung. Er sagt: «Wir senden mit der Tour du Faso eine Botschaft an den Rest der Welt: Im Gegensatz zu dem, was das Ausland denkt, bleibt Burkina Faso ein widerstandsfähiges Land.»

Die Tour du Faso war schon immer ein politisches Rennen. Früher konnten die Afrikaner hier den Europäern eins auswischen, den Fahrern aus den einstigen Kolonialmächten, die in der Hitze litten. Doch die Europäer kommen nicht mehr. Zehn Länder nehmen diesmal teil, nur eines liegt in Europa. 2024 reiste ein russisches Team an. Der internationale Radsportverband strich die Tour du Faso daraufhin wegen Verstosses gegen Sanktionen aus seinem offiziellen Kalender.

Nur die Belgier sind noch da. Ihr Teamchef kommt seit den 1990er Jahren an die Tour. Er sagt, er verstehe die Aufregung um die Sicherheitslage nicht: «Wir sind in Burkina Faso noch nie bedroht worden. Klar gibt es hier Banditen, aber die gibt es auch in Belgien.»

Alle haben hier ihre Rolle. Der Posterboy Paul Daumont, die Fahrer, die nicht gewinnen, die Journalisten – und die Belgier, als Beleg dafür, dass sich selbst Europäer noch in dieses angeblich vom Terrorismus verwüstete Land getrauen.

«Vaterland oder Tod!»

Letzte Etappe. Das grosse Finale. Die Show trifft in Ouagadougou ein, der Hauptstadt. Auf dem Boulevard Thomas Sankara, dem grössten der Stadt, haben sie eine Tribüne für die VIPs in den Nationalfarben drapiert. Der Boulevard hiess einst Charles de Gaulle. Dann kam Ibrahim Traoré an die Macht und beseitigte den französischen Namen.

Paul Daumont muss 35 Sekunden Vorsprung wahren. Das Peloton ist unterwegs in die Stadt. Am Boulevard Sankara hieven zwei Helfer einen schweren Sessel auf die Tribüne. Für den Präsidenten, Ibrahim Traoré. Dieser will sehen, wie Daumont heute die Tour gewinnt. So wie dies immer vorgesehen war.

Einige hundert Leute haben sich entlang der Strasse versammelt. Soldaten mit Gesichtsmasken und verspiegelten Sonnenbrillen mustern die Menge. Bei der Ziellinie filmen sich ein paar Influencer mit Megafon vor einem Handy-Stativ. «Vaterland oder Tod!», rufen sie. Sie schwenken eine lebensgrosse Pappfigur von Ibrahim Traoré.

Alles ist bereit.

Dann kommt er. Der Speaker schraubt die Dezibel hoch: «Meine Damen und Herren, in einigen Sekunden empfangen wir den Präsidenten, Hauptmann Traoré!» Sirenen heulen, eine Blaskapelle spielt.

Eine Gruppe von vermummten Uniformierten schreitet auf die Ziellinie zu. Ibrahim Traoré löst sich aus der Gruppe, er drückt ein paar Hände von Ministern, die sich für ihn aufgereiht haben. Er trägt Kampfmontur, wie immer. Krieg ist selbst dann noch, wenn die Tour du Faso beweisen soll, dass vielerorts Frieden eingekehrt ist.

Traoré nimmt Platz im Sessel. Der Rücken bolzengerade, das Lächeln so leicht wie das von Paul Daumont.

Nun muss dieser nur noch die Mission erfüllen, der Präsident wartet. Der Asphalt flimmert in der Hitze, die Fahrer rauschen vorbei an der Tribüne. Einmal, zweimal, dreimal, insgesamt fünfmal drehen sie eine Runde auf dem Boulevard.

Dann: ein Schreckmoment. Daumonts Velo hat einen Platten. Er fällt zurück. Aber die Helfer im Begleitwagen händigen ihm rasch ein Ersatzvelo aus. Er schliesst wieder auf.

Die Stimme des Speakers wird nun bei jeder Zieldurchfahrt lauter und übertönt die Blaskapelle. Ibrahim Traoré lächelt. So als ob er immer gewusst hätte, wie das Rennen ausgeht.

Dann rasen die Fahrer das letzte Mal auf das Ziel zu. Und es kommt, wie es kommen musste. Der Mann im gelben Trikot löst sich aus dem Pulk. Als er über die Ziellinie fährt, vor den Augen des Präsidenten, der nun die Handschuhe zusammenklatscht, richtet er sich auf im Triumph. Er salutiert.

Es ist das perfekte Ende. Der Sieg gehört Paul Daumont und Burkina Faso. Er gehört Ibrahim Traoré. Der Propagandakampf ist erfolgreich beendet.

Einige Stunden nach der Zieleinfahrt fährt 260 Kilometer weiter östlich ein Militärfahrzeug über einen Sprengsatz. Jihadisten haben ihn gelegt. Fünf Soldaten werden verletzt, einer stirbt.

Am nächsten Tag erobern Jihadisten einen Posten der Armee im Dorf Youba im Norden. Sie erbeuten Kalaschnikows, Panzerfäuste, eine Drohne. Opferzahl: unbekannt.

Zwei Tage nach Paul Daumonts Triumph greifen Jihadisten beim Ort Kalo einen Armeekonvoi mit bewaffneten Drohnen an. Zahl der getöteten Soldaten: unbekannt.

In Burkinas Presse kommen die Angriffe nicht vor. Dort überstrahlt Paul Daumonts Siegerlächeln noch eine Weile lang alles.

https://www.nzz.ch/international/tour-du-faso-reportage-vom-radrennen-im-krisengeplagten-burkina-faso-ld.1915678


Neue Zürcher Zeitung, January 6    

Verstümmelung weiblicher Genitalien – die tödliche Praxis ist auch in Afrika umstritten, geht aber nur langsam zurück

Aktivistische Geisteswissenschafter verharmlosten in einem Essay die Genitalverstümmelung. Immer noch sterben jedes Jahr Zehntausende Mädchen und junge Frauen daran. Afrikanische Staaten gehen mit dem Problem unterschiedlich um.

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Organisationen, die sich für ein Ende der Verstümmelung weiblicher Genitalien einsetzen, sind in das Visier aktivistischer Geisteswissenschafter geraten. Ein vor wenigen Wochen in einer britischen Fachzeitschrift erschienener Essay wirft ihnen Doppelmoral vor. Während Schönheitsoperationen an den Genitalien in der westlichen Welt toleriert würden, verurteile man angeblich ähnliche kulturelle Traditionen anderswo. Der Artikel versucht, Augenhöhe herzustellen, erreicht aber das Gegenteil: Menschenrechtsverletzungen werden verharmlost.

Jedes Jahr sterben immer noch Zehntausende Frauen an den Folgen des brutalen Rituals. Es ist je nach Region Teil des Übergangs ins Erwachsenenleben – beispielsweise zur Vorbereitung auf die Hochzeit. Für beschnittene Mädchen und Frauen bekommen Familien oft einen höheren Brautpreis.

Dramatische Gesundheitsschäden

«Die Genitalverstümmelung bei Frauen ist eine schwerwiegende Verletzung der Rechte von Mädchen und gefährdet ihre Gesundheit erheblich», sagte Pascale Allotey, Direktorin für sexuelle und reproduktive Gesundheit bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), im April 2025. Nach einer Studie der Universität Birmingham starben in fünfzehn betroffenen Ländern, deren Daten untersucht wurden, innerhalb eines Jahres insgesamt 44 000 Mädchen und Frauen an den Folgen von Genitalverstümmelung. Insgesamt leben laut der WHO weltweit etwa 230 Millionen Frauen, die als Kinder, Jugendliche oder junge Frauen beschnitten wurden – knapp zwei Drittel von ihnen auf dem afrikanischen Kontinent.

Im Englischen heisst die Verstümmelung weiblicher Genitalien «female-genital mutilation». Die Abkürzung FGM hat sich auch im deutschsprachigen Raum durchgesetzt. Die WHO unterscheidet vier Arten der Verstümmelung weiblicher Genitalien: Bei Typ 1 wird ein Teil der Klitoris entfernt, bei Typ 2 die komplette Klitoris sowie die inneren Vulvalippen. Bei Typ 3 wird zusätzlich die Vulva zugenäht, Typ 4 fasst weitere unterschiedliche Eingriffe zusammen.

Rund um die Genitalverstümmelung kann es zu starken, teilweise tödlichen Blutungen kommen sowie zu Infektionen, die ebenfalls tödlich verlaufen können. Auch langfristig hat der Eingriff Folgen: Studien berichten von Problemen bei Schwangerschaft und Entbindung, einer erhöhten Rate von Geburtsfisteln. Auch die Rate von Depressionen und posttraumatischer Belastungsstörung ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation um ein Vielfaches höher. Mittlerweile gibt es Rekonstruktionsoperationen, die zumindest Teile der Geschlechtsteile, die verstümmelt wurden, in ihren Funktionen wiederherstellen. In Europa und den USA existieren mehrere Zentren, aber auch in Kenya werden die Operationen angeboten.

Afrikanische Staaten verfolgen unterschiedliche Politik

In einigen afrikanischen Regionen und weltweit gehen die Raten von FGM zurück. Die absoluten Zahlen aber steigen weiter, weil die Bevölkerungen wachsen. In vielen afrikanischen Ländern ist die Praxis seit Jahren gesetzlich verboten und wird auch teilweise strafrechtlich verfolgt. In Gambia hat das Parlament im vergangenen Jahr für die Aufrechterhaltung des Verbots gestimmt, obwohl es ein Teil der Abgeordneten abschaffen wollte. In Ländern wie Somalia und Mali wird FGM dagegen nicht verfolgt. In Somalia sind nach Angaben von Unicef 98 Prozent der Frauen beschnitten. Praktiziert wird dort mit Typ 3 eine besonders drastische Verstümmelung: Ein Grossteil der Klitoris und der Vulvalippen wird entfernt und dann zugenäht.

Besonders erfreulich ist die Entwicklung in Kenya. Dort ist die Rate der Frauen und Mädchen, die an den Genitalien verstümmelt werden, auch in der Folge von Aufklärungsprogrammen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Laut dem kenyanischen Gesundheitsministerium waren 2022 etwa 15 Prozent der Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren beschnitten, 2014 waren es noch 21 Prozent.

Ein deutsch-kenyanisches «safe camp» für Mädchen

Ein solches Aufklärungsprogramm lässt sich in Kehancha im Südwesten Kenyas studieren. Der kenyanisch-deutsche Verein Zinduka bietet dort seit Jahren ein «safe camp» an, eine Art Ferienlager für Mädchen, die sonst dem Risiko der Beschneidung ausgesetzt wären. Rund zweihundert Mädchen kamen in diesem Jahr. Die meisten von ihnen trafen Anfang Dezember ein. Dann beginnt in der Region die «cutting season» – jene Jahreszeit, in der Mädchen traditionell beschnitten werden. Im Camp lernen sie ihren Körper kennen und erfahren, dass sie laut der kenyanischen Verfassung das Recht haben, über diesen selbst zu bestimmen.

Nicht immer wirkt die Massnahme. Manchmal ist der Erfolg bescheiden. In diesem Jahr hätten sie beobachtet, dass bestimmte Gruppen nicht wie gewohnt die jüngeren Mädchen zur Beschneidung geschickt hätten, sondern die über 18-Jährigen, berichtet Cess Wangui. Die Kenyanerin hat das «safe camp» mitgegründet und kämpft seit vielen Jahren gegen die Praxis der Verstümmelung weiblicher Genitalien. In diesem Jahr habe die Regierung erstmals die Polizei im Kampf gegen FGM mit Ressourcen ausgestattet, beispielsweise mit Benzin.

«Zu sehen, wie Mädchen zu selbstbewussten Führungspersönlichkeiten heranwachsen und dann zurückkehren, um ihre Schwestern zu unterstützen, und schädliche Normen in ihren Gemeinschaften infrage stellen, motiviert mich», sagt Cess Wangui. Auch die Eltern und Geschwister werden eingeladen und einbezogen, bevor die Mädchen wieder zurück nach Hause und zurück in die Schule gehen. Denn Wandel und ein Ende der Verstümmelung weiblicher Genitalien kann es nur geben, wenn alle mitziehen – die Familien und die Gesellschaft.

https://www.nzz.ch/international/weibliche-genitalverstuemmelung-in-afrika-verharmloser-und-mutige-kaempfer-ld.1918346


Le Point, January 6    

Le Kordofan, nouvel épicentre de la guerre au Soudan

Après s’être emparées d’El-Fasher, les Forces de soutien rapide visent désormais la région du Kordofan où les deux belligérants multiplient les attaques sans épargner les civils.

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Au Soudan, l’année 2025 s’est achevée aussi tragiquement qu’elle a commencé. Le 30 décembre, une frappe de drones lancée par les paramilitaires des Forces de soutien rapide (FSR) a fait au moins 35 morts et des dizaines de blessés à Dilling, deuxième plus grande ville de l’État du Kordofan du Sud. Depuis la prise, fin octobre, d’El-Fasher, la dernière capitale du Darfour qui résistait jusque-là aux FSR, les combats se sont ainsi redirigés vers la région voisine du Kordofan.

« Les États du Kordofan sont devenus un nouvel épicentre de violence et de souffrance », a alerté, le 22 décembre, Edem Wosornu, directrice de la division de la réponse aux crises de Bureau de la coordination des affaires humanitaires. Cette redirection des opérations militaires a déplacé 50 445 personnes supplémentaires d’après l’Organisation internationale pour les migrations, alors que la guerre, amorcée à la mi-avril 2023 entre les FSR et les Forces armées soudanaises (FAS), a jeté sur les routes 12,5 millions d’individus.

Une lente campagne de la faim

Les villes de Dilling, mais aussi de Kadugli, également au Kordofan du Sud, et d’El-Obeid, le chef-lieu du Kordofan du Nord, sont assiégées par les FSR. « Une lente campagne de la faim est en place depuis plus d’un an. Mais de plus en plus de civils fuient car une attaque semble imminente », résume Mathilde Vu, chargée de plaidoyer pour le Soudan au sein du Conseil norvégien pour les réfugiés (NRC). L’humanitaire précise que les frappes de drone se sont intensifiées dans ces zones en octobre et novembre. « Dans le même temps, le front du Darfour n’est pas terminé», rappelle Mathilde Vu. Le 24 décembre, une nouvelle offensive des hommes du général Mohamed Hamdan Dagalo alias « Hemeti », le chef des FSR, a permis aux paramilitaires de s’emparer d’Abou Gamra, d’Oumma Barou et de Karnoï au Darfour du Nord. Avec, à la clé, de nouvelles violations des droits humains et le déplacement de plus de 6 500 foyers.

Le jour de Noël, ce fût au tour des troupes régulières de bombarder les Monts Nouba faisant 12 morts et 19 blessés. Ce territoire à cheval entre le Kordofan du Sud et le Nil Bleu, est sous la coupe du nouvel allié de Hemeti, Abdelaziz Al-Hilu, le chef du Mouvement populaire de libération du Soudan-Nord (SPLM-N).

La menace de nouveaux massacres plane

Certains espèrent que cette alliance évite le dramatique scénario d’El-Fasher. Avant de tomber aux mains des FSR, la ville avait également été soumise à un long siège, qui a duré plus de 500 jours… jusqu’à l’assaut lancé par les paramilitaires le 26 octobre, accompagné de massacres d’une ampleur inédite. « À El-Fasher, la communauté internationale a condamné les violences a posteriori mais elle n’a rien fait pour éviter cet épisode d’atrocités de masse, reprend Mathilde Vu. Au Kordofan, il faudrait atteindre le même niveau d’indignation dès aujourd’hui pour éviter une nouvelle catastrophe humanitaire. »

Le professeur de science politique à l’université de Bahri, Alfatih Tabbar, estime que « les forces d’Abdelaziz al-Hilu au Kordofan du Sud ne permettront pas de tels massacres à caractère ethnique car leurs combattants issus du peuple Nouba défendront leur populationDe plus, les peuples dont sont issus les combattants des FSR n’ont pas d’antécédents de vendettas tribales avec les habitants de la majeure partie du Kordofan, contrairement aux peuples du Darfour. »

Dans cette seconde région, des rivalités anciennes, instrumentalisées par le régime d’Omar el-Béchir (1989-2019), opposent en effet les populations dites arabes – dont est issue la famille de Hemeti – aux darfouris dits africains.

63 enfants ont péri dans l’attaque d’une école

« Ce qu’il s’est passé à El-Fasher peut se produire partout, nuance le chercheur Bashir Elshariff. Les FSR ne sont pas une armée organisée. Ils dépendent des tribus, des milices, des riverains… » Mais voilà, au Kordofan, les paramilitaires ne bénéficient ni du même soutien ni de la même expertise du terrain que dans leur fief du Darfour. Dans le même temps, l’armée semble décidée à défendre cette zone stratégique. « Le conflit dans le sud du Kordofan est différent des autres, car les FAS y gèrent de nombreuses mines d’or qu’elles n’abandonneront pas facilement », souligne Bashir Elshariff. Les FSR ont en revanche récemment conquis Barbanusa (Kordofan occidental) et le champ pétrolier de Heglig (Kordofan du Sud).

Ce sont les populations civiles qui continuent à payer le prix fort de la rivalité des deux généraux, Hemeti et Abdel Fattah al-Burhane. Le 4 décembre, les attaques d’une école maternelle puis d’un hôpital soignant les blessés ont tué plus de 100 personnes dont 63 enfants à Kalogi, au Kordofan du Sud. En novembre, la famine a en outre été déclarée à Kadugli ainsi qu’à el-Fasher. Le siège des grandes villes du Kordofan empêche la livraison d’aide humanitaire, tandis que six gardiens de paix onusiens ont péri lors d’une énième attaque le 13 décembre, à Kadugli.

https://www.lepoint.fr/afrique/le-kordofan-nouvel-epicentre-de-la-guerre-au-soudan-QFGCRAFTV5BT3JLYVM2CA722NQ/


Atlantico, December 31

Et la guerre la plus meurtrière de 2025 a eu lieu loin des regards et des émotions occidentales…

Massacres, déplacements massifs, guerre de succession entre généraux : malgré l’ampleur de la tragédie, le conflit soudanais reste largement ignoré. Un angle mort médiatique et politique qui en dit long sur la manière dont certaines guerres sont hiérarchisées ou invisibilisées.

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Atlantico : Pourquoi le conflit soudanais reste-t-il largement méconnu et peu couvert médiatiquement ? Récemment, une enquête de CNN a documenté des massacres à grande échelle, des charniers et des déplacements massifs de populations. Quels facteurs expliquent selon vous ce silence ? Est-ce la distance géopolitique, la complexité du conflit, l’absence peut être d’intérêts occidentaux directs, la fatigue du grand public face aux crises humanitaires ? Quelles sont vos explications ?

Jean-Claude Félix-Tchicaya : C’est un peu tout cela à la fois. Mais, au préalable, je voudrais rappeler l’arrière-plan historique. Ce n’est pas une réponse défensive, mais analytique. Il existe un certain regard porté sur les conflits qui se déroulent en Afrique — et plus largement sur les Africains, d’Alger au Cap — à travers un prisme parfois post-colonial, ou simplement lié à une méconnaissance des problématiques politiques et géopolitiques. Cela pèse sur l’intérêt porté par les populations, et donc par certains médias et journalistes. Je ne suis pas là pour stigmatiser la profession, ni les responsables politiques qui devraient intervenir plus fortement ; mais on voit bien que les préjugés continuent parfois de l’emporter.

Je voudrais insister sur un point : il faut éviter un « regard soudanais » au sens où l’on considérerait comme naturel que ce qui se passe au Soudan fasse partie de la normalité pour les Soudanais — voire pour les Africains. Il ne faut pas « africaniser » le conflit au sens péjoratif du terme. Pourquoi ? Parce que cela contribue à détourner le regard, à réduire la situation à un problème ethnique ou tribal. Tous ces clichés viennent s’aligner — ou s’entrechoquer — dans l’esprit de personnes parfois sincèrement désireuses de comprendre, mais qui manquent d’éléments d’analyse. Et j’ajouterais que, dans certaines rédactions ou chancelleries, existe parfois une forme de racisme géopolitique, ou de géopolitique du racisme.

Les humanitaires et les observateurs qui tentent d’aller sur le terrain sont très peu nombreux, et ils n’arrivent pas à couvrir l’étendue du conflit. Rappelons que le Soudan est le troisième plus grand pays d’Afrique, donc l’un des plus vastes du monde. Beaucoup se détournent de ce qui s’y passe, comme si les causes de la guerre étaient « naturelles ». Or, dès qu’on met de côté ces prismes et ces représentations, on aperçoit un conflit profondément politique, géostratégique et géo-économique, d’une gravité extrême.

Les Soudanais vivent une situation effroyable. Cela ne signifie pas qu’il faille absoudre tous les responsables ; mais une grande partie de la population, notamment les plus jeunes — la majorité des Soudanais ont moins de 35 ans — ainsi que les femmes et les personnes âgées, sont les premières victimes de ce conflit multidimensionnel.Comment un conflit aussi grave peut-il échapper, comme vous le soulignez, aux consciences du monde — y compris à l’ONU — dont les appels semblent parfois prêchés dans le désert ? De nombreux journalistes font pourtant honnêtement leur travail. La société civile soudanaise lance également des alertes. Mais le pays est aujourd’hui pris en otage entre deux figures : Abdel Fattah al-Burhan, qui se présente comme président et chef de l’armée loyaliste, et Mohamed Hamdan Dogolo, dit « Hemetti », qui revendique lui aussi le leadership. Deux gouvernements de fait, à la légitimité fragile, soutenus par des pays plus ou moins proches. Et les premières victimes restent le peuple soudanais.

Justement, pourriez-vous nous présenter les principales parties en présence dans ce conflit ? Quel est le rôle de l’armée soudanaise ? Qu’entend-on par armée soudanaise, puisque vous avez souligné qu’il y avait deux gouvernements ? Quels sont ses alliés, ses chaînes de commandement ? Et en quoi la dimension ethnique, notamment le ciblage de communautés non-arabes, peut-elle structurer la violence au Soudan ? Est-ce vrai ?

Jean-Claude Félix-Tchicaya : Je vais prendre un léger recul. Pour moi, il faut remonter au régime de Omar el-Bechir, l’ex-dictateur resté plus de trente ans au pouvoir. Ce régime pourrait revenir « par la fenêtre », à travers ceux qui assuraient sa présidence d’une main de fer. Aujourd’hui, Abdel Fattah al-Burhan se présente comme chef de l’armée loyaliste, tandis que Hemetti, issu des milices, revendique lui aussi la direction du pays. Ces deux hommes sont engagés dans une guerre de succession, bien éloignée de tout projet démocratique. Ils sont arrivés au pouvoir à la faveur d’un coup d’État, après une révolution populaire qui avait pourtant renversé el-Bechir.

La société civile, durant la transition entre 2021 et 2023, a commis certaines erreurs politiques, et une partie d’entre elle est tombée sous l’emprise de ces deux généraux. Le conflit est avant tout une lutte de pouvoir autoritaire — une guerre fratricide de succession. L’ethnicité y est instrumentalisée : il existe, certes, de multiples peuples au sein du peuple soudanais, comme ailleurs en Afrique. Lorsque l’État n’est pas assez fort — institutionnellement, démocratiquement, de manière pluraliste — ces différences peuvent se transformer en lignes de fracture. Elles sont alors utilisées pour gagner des voix, des territoires, des parts de marché… ou des zones riches en ressources, comme l’or.

Quels sont les pays voisins qui interviennent au Soudan ? Quels sont ceux dont on peut prouver l’implication ?

Jean-Claude Félix-Tchicaya : Le Tchad, la Libye, l’Égypte et l’Érythrée jouent des rôles directs ou indirects, tout en étant eux-mêmes confrontés à leurs propres crises. Plus loin, la Russie et la Chine ne sont pas absentes. Au Moyen-Orient, les Émirats arabes unis, l’Arabie saoudite, l’Iran, le Qatar et la Turquie sont également impliqués. Tout cela compose une vaste toile géostratégique — non pas au service du peuple soudanais, mais de la souveraineté sur les matières premières.

Dispose-t-on d’éléments de preuve — images satellites, enquêtes de l’ONU, témoignages — permettant d’établir l’ampleur et la responsabilité des crimes ? Et que cela nous dit-il sur la capacité des médias et des organisations internationales à documenter les atrocités dans des zones difficiles d’accès ?

Jean-Claude Félix-Tchicaya : Oui, mais le brouillard créé par la situation contribue à un silence assourdissant. On évoque plus de 150 000 morts — un chiffre très probablement sous-estimé — plus de 13 millions de déplacés et 23 millions de personnes menacées par la famine : soit plus de la moitié de la population. Cette confusion éloigne les projecteurs médiatiques, contrairement à d’autres conflits comme en Ukraine ou au Moyen-Orient, où se concentrent l’essentiel des ressources journalistiques. Le Soudan est sous-traité — on pourrait presque parler de maltraitance médiatique — tandis que les milices, notamment islamistes, jouent sur les alliances et les rivalités pour se maintenir au cœur du pouvoir. D’ailleurs, Hemetti vient lui-même d’une milice, recrutée à l’époque par Omar el-Bechir.

Pourrait-on imaginer une intervention internationale, comme celle menée récemment au Nigeria contre des groupes islamistes ? Ou la multiplicité des acteurs régionaux et internationaux rend-elle cela impossible ?

Jean-Claude Félix-Tchicaya : Ce serait extrêmement complexe. Une telle intervention ne pourrait probablement se faire qu’avec l’appui des généraux eux-mêmes, sous mandat de l’ONU. Le conflit est asymétrique ; les armées sont alimentées en armes grâce aux ressources naturelles, sans aucun contrôle démocratique. Toute action extérieure crédible devient alors très difficile. Et les approches simplistes, opposant chrétiens et musulmans, déforment la réalité : les violences frappent indistinctement toutes les communautés. La région entière est prise dans un enchevêtrement de crises où le djihadisme dépasse largement le cadre du banditisme local.

En somme, le Soudan subit une guerre fratricide de succession, où l’autoritarisme tente de revenir au prix des pires exactions — tortures, viols, massacres. La communauté internationale, fragmentée et hésitante, tarde à agir, tandis que la population civile paie, chaque jour, le prix le plus lourd. L’État islamique en Afrique s’en prend brutalement à toutes celles et ceux qui ne partagent pas son idéologie — qu’ils soient chrétiens, musulmans ou d’autres confessions. Porté par une doctrine politique extrémiste et terroriste, ce mouvement meurtrier poursuit des ambitions expansionnistes qui ne laissent guère de place au doute. Rien, dans ce constat, ne relève de la minimisation ni du déni.

C’est dans ce contexte que les autorités nigérianes ont accepté l’intervention américaine proposée par l’administration Trump, malgré un passif récent et des incidents diplomatiques offensants. Le pragmatisme, face à une menace terroriste d’une telle ampleur, a pris le dessus. La présidence nigériane a donné son accord à la suite d’échanges diplomatiques toujours en cours, tandis qu’une légère accalmie se dessine sur le terrain.

Face à un ennemi tel que l’État islamique, l’essentiel a fini par prévaloir : agir pour une intervention aussi efficace que possible.

Sur une éventuelle intervention de la France au Soudan celle-ci serait plus que périlleuse à bien des égards.

Il me semble plus urgent voire extrêmement urgent que la présidence, sa chancellerie, revoie d’autant plus son rapport à l’Afrique toute entière ainsi qu’aux Africains et à cette plurielle diaspora également. Ceci concerne également toute la classe politique peu ou prou. Le monde économique ne fait pas exception bien au contraire.

Donc repenser les rapports d’avec l’Afrique.

Un aggiornamento tant demandé et réclamé depuis des siècles et décennies, des années, n’a pas été réellement effectué. Et ce afin d’éradiquer complètement le système France-Afrique dont cela doit s’effectuer dans un mouvement réciproque, en toute honnêteté intellectuelle et géopolitique analytique historique et au présent. Tous les acteurs internationaux sans exception, notamment les puissances ou non, se doivent d’ailleurs d’opérer le même travail susmentionné.

Cette réinitialisation d’avec l’Afrique et les Africains et diaspora n’est point déconnectée, cela est essentiel. Un des enjeux majeurs du XXIᵉ siècle. 2026 pourrait être la plateforme, malgré ce passif accentué par la présidence française actuelle, notamment.

Et cela est réclamé en premier lieu par la société civile et politique, qui souvent conjointement essaie sans rompre ni trêve de travailler sur place à un pluralisme politique réel effectif. Elle connaît pour les vivres les entraves à l’intra et ce que les plus qu’influences opèrent.

Chacun doit faire sa part, fondamental pour inscrire un nouveau chapitre inédit des rapports démocratiques entre la France et l’Afrique. C’est du jamais vu. Donc cela est à opérer réciproquement.

C’est un passage obligatoire incontournable à opérer pour réinitialiser et relancer les rapports de la France d’avec l’Afrique, et les Africains et diasporas.

https://atlantico.fr/article/decryptage/et-la-guerre-la-plus-meurtriere-de-2025-a-eu-lieu-loin-des-regards-et-des-emotions-occidentales-soudan


Le Point, December 23         

« En Inde, jamais l’exclusion des minorités religieuses n’a été aussi radicale »

INTERVIEW. L’hindouisation de la société menée par le parti nationaliste de Narendra Modi entraîne la stigmatisation des minorités musulmanes et chrétiennes, analyse le politologue Christophe Jaffrelot.

Link Without Pay Wall:

https://www.lepoint.fr/monde/en-inde-jamais-lexclusion-des-minorites-religieuses-na-ete-aussi-radicale-GOEYTOPSQBGRFBSIJ62MZ26R5E/


The Conversation, December 23         

L’Afrique subsaharienne, nouvel eldorado pour l’État islamique ?

Le djihadisme international, en recul au Moyen-Orient, est revitalisé depuis plusieurs années dans plusieurs régions d’Afrique – essentiellement dans les zones frontalières entre États affaiblis où vivent des populations marginalisées. De la région des trois frontières entre le Burkina Faso, le Niger et le Mali à l’est de la République démocratique du Congo, en passant par le lac Tchad, des dynamiques similaires sont à l’œuvre.

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Le djihad global incarné par le groupe État islamique (EI) est incontestablement en recul au Moyen-Orient. L’EI a perdu la grande majorité de son éphémère califat et les pertes que lui a infligées la coalition internationale s’avèrent difficilement remplaçables. L’enracinement du groupe dans les sociétés moyen-orientales a lui aussi décliné significativement au cours de ces dernières années : l’EI se retrouve éclipsé par des groupes qui prônent un djihad d’abord régional voire national et qui, bien que salafistes, renoncent au terrorisme international, à l’image du groupe Hayat Tahrir Al-Cham (HTC) en Syrie ou des talibans en Afghanistan.

À l’inverse, l’EI semble particulièrement gagner du terrain sur le continent africain : au Nigeria, Boko Haram connaît une spectaculaire ascension depuis son allégeance à l’EI en 2015 tandis que les Forces démocratiques alliées (ADF), groupe djihadiste d’Afrique centrale rallié en 2017 à l’EI, s’implantent durablement au nord de la RDC dans la région du Nord-Kivu.

Le Sahel s’inscrit lui aussi dans cette dynamique globale puisque le Groupe de soutien à l’islam et aux musulmans (Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin, JNIM), affilié à Al-Qaida, ne parvient pas à supplanter totalement la filiale de l’EI dans la région, l’État islamique dans le Grand Sahara, qui gagne du terrain au Mali, au Niger comme au Burkina Faso.

Au vu de cette régression de l’EI au Levant et de son ascension en Afrique, il serait pertinent de repenser la relation centre/périphérie dans le monde du djihad global. Le continent africain devient peu à peu l’épicentre de l’EI, qui pourrait renoncer aux rêves de réaliser le Sham (un État regroupant les sunnites de la région) en Orient au profit d’un califat en terre africaine.

Quelles opportunités stratégiques le continent africain offre-t-il à l’EI ? Le groupe pourrait-il installer son sanctuaire en Afrique, inaugurant ainsi un nouvel âge dans l’histoire du djihad ?

L’émergence de sanctuaires transfrontaliers propices au djihad

L’implantation de l’EI en Afrique répond à une logique géographique récurrente : le groupe s’enracine dans des espaces transfrontaliers où les djihadistes utilisent les frontières internationales comme un refuge leur permettant d’échapper aux offensives des armées conventionnelles qu’ils affrontent. Le cas de la zone dite des « trois frontières » entre le Mali, le Burkina Faso et le Niger est de ce point de vue emblématique.

Dans cette zone transfrontalière à cheval sur les trois pays, les djihadistes de l’État islamique dans le Grand Sahara peuvent échapper aux offensives de l’armée nigérienne en se réfugiant au Mali ou au Burkina Faso, les armées conventionnelles étant, à l’inverse des groupes terroristes, contraintes de respecter les frontières internationales et la souveraineté des pays voisins. D’autant que les trois pays ne parviennent plus à coordonner leurs efforts militaires contre les djihadistes, comme le montre l’échec cuisant du G5 Sahel.

Créé à l’initiative de la France et des pays du Sahel dans le contexte de l’opération Barkhane, le G5 Sahel se voulait une réponse au djihad transnational régional. L’organisation devait permettre la coopération des armées burkinabée, nigérienne et malienne, censées agir de façon concertée des trois côtés de la zone de frontière afin d’acculer les djihadistes et de les priver d’opportunités de replis. Le départ, en 2022, de la France, qui était à l’origine de cette initiative militaire, suivie par le retrait du Mali et du Burkina Faso la même année puis du Niger en 2023, a mis fin à toute forme de coordination transnationale efficace dans la région.

L’Alliance des États du Sahel (AES), créée en 2023 pour remplacer le G5 Sahel, n’a pas débouché sur des actions militaires transfrontalières concrètes tandis que les miliciens russes de l’Africa Corps, certes implantés au Mali, au Niger comme au Burkina Faso, enchaînent les revers militaires notamment depuis leur défaite face aux Touaregs à l’été 2025 dans la région de Kidal et n’ont jamais repris le contrôle de la zone des trois frontières.

Cette situation n’est pas sans rappeler le rôle qu’a joué la frontière entre l’Afghanistan et le Pakistan pendant l’occupation américaine de l’Afghanistan : comme les terroristes au Sahel, le réseau Al-Qaida avait pu survivre à l’incroyable effort des États-Unis et de leurs alliés en se réfugiant au Pakistan en 2005, dans les zones tribales, là où l’armée américaine ne pouvait pas se déployer sans risquer de déstabiliser complètement son allié pakistanais.

Cette configuration géographique « à l’afghane » concerne aussi les deux autres foyers du djihad en Afrique : la région du lac Tchad et le Nord-Kivu en République démocratique du Congo (RDC).

Dans cette dernière région, les djihadistes des ADF exploitent particulièrement l’« effet refuge » de la frontière entre l’Ouganda et la RDC. À l’origine, les ADF constituent un groupe djihadiste purement ougandais en lutte contre le gouvernement du pays. Mais à la fin des années 1990, les offensives répétées de l’armée ougandaise ont obligé le mouvement terroriste à migrer en direction de la RDC, où se situe désormais son sanctuaire, depuis lequel les djihadistes déstabilisent non seulement le Kivu mais aussi l’Ouganda, tout en échappant autant à l’armée congolaise qu’aux forces ougandaises.

Comme dans la zone des trois frontières, la frontière entre l’Ouganda et la RDC restreint les manœuvres des troupes conventionnelles, mais reste complètement ouverte aux groupes terroristes puisqu’elle sépare des États faillis qui n’ont pas les moyens d’assurer un véritable contrôle frontalier. D’autant que le Kivu comme la zone des trois frontières constituent de véritables zones grises, périphériques, où la présence de milices, la faiblesse des infrastructures, la distance par rapport aux centres du pouvoir rendent la présence de l’autorité régalienne pour le moins superficielle.

Des périphéries marginalisées en voie de devenir des terres de djihad

En plus d’être des espaces transfrontaliers, les nouveaux sanctuaires de l’EI en Afrique s’apparentent à des territoires marginalisés politiquement, économiquement et, parfois, culturellement. Éloignés des métropoles qui polarisent l’activité économique, peuplés d’ethnies minoritaires, ces territoires sont touchés par un rejet de l’État central, un régionalisme voire un sécessionnisme que l’EI exploite pour grossir ses rangs.

Le cas du Lac Tchad, territoire à cheval sur le Nigeria, le Niger, le Tchad et le Cameroun, est emblématique de ce lien entre marginalisation des territoires et développement de l’EI. Le groupe Boko Haram, affilié à l’EI depuis 2015, s’y appuie sur le sentiment d’abandon que nourrissent les ethnies musulmanes Haoussa et Kanouri peuplant le nord du pays, à l’encontre d’un État nigérian dominé par les ethnies chrétiennes du sud, comme les Yorubas.

D’autant que Boko Haram peut élargir son recrutement aux populations précarisées par l’assèchement du lac Tchad, qui basculent dans une économie de prédation à défaut de pouvoir produire de quoi se nourrir. Dans son ouvrage L’Afrique sera-t-elle la catastrophe du XXIe siècle ?, Serge Eric Menye avait déjà bien montré le lien entre marginalisation économique de certains territoires ruraux africains privés de débouchés économiques d’une part et développement du djihadisme d’autre part. Dans ces territoires, des activités criminelles, à l’image des « coupeurs de routes » autour du Lac Tchad, s’installent afin de pallier le recul de l’économie productive et créent un terreau particulièrement fertile pour le développement des groupes djihadistes.

Ces territoires offrent aux djihadistes la possibilité de développer leur classique discours de propagande appelant au djihad dit « défensif ». Au Kivu comme au nord du Nigeria, les musulmans constituent une minorité nationale, dominée par des pouvoirs exercés par (ou assimilés à) des populations chrétiennes. Cette réalité culturelle et politique sert le narratif de l’EI qui consiste souvent à mobiliser les musulmans pour protéger un « Dar al-Islam » menacé par un État « mécréant ». L’objectif proclamé – défendre des musulmans « opprimés » par un État « infidèle » – pourrait drainer des combattants de l’ensemble de l’Oumma, et il ne fait aucun doute que l’EI tentera de jouer cette carte à mesure que les marges musulmanes du Nigeria ou du Congo s’enfonceront dans la violence ou subiront les représailles des armées conventionnelles ou des milices locales non musulmanes comme les Maï-Maï au Kivu.

De ce point de vue, les territoires les plus prometteurs dans l’optique djihadiste sont ceux qui se trouvent à la frontière de l’Afrique chrétienne et de l’Afrique musulmane, comme la RDC ou le Nigeria.

Les freins à l’explosion du djihad africain

Même si le Kivu, le lac Tchad ou la zone des trois frontières tendent à devenir des sanctuaires de l’EI, l’analyse de ces territoires laisse apparaître plusieurs obstacles à l’implantation des djihadistes en Afrique.

Les mouvements djihadistes, tels qu’Al-Qaida en Irak puis son successeur l’EI, devaient leur succès au rejet par les populations locales d’une occupation étrangère : la filiale irakienne d’Al-Qaida s’était d’abord construite comme un mouvement de résistance à l’occupation américaine dans les villes du triangle sunnite au printemps 2003. Or, depuis le départ des Français du Mali, aucune puissance internationale (hormis la Russie) n’est présente dans les territoires touchés par le djihadisme, ce qui empêche les mouvements djihadistes africains de se présenter en force de résistance luttant contre une occupation étrangère.

Au lieu de s’opposer à des forces d’occupation, les djihadistes maliens, nigérians ou congolais se retrouvent souvent face à des milices locales comme les Maï-Maï au Congo ou les dozos au Mali : en Afrique, contrairement au Moyen-Orient, l’esprit local de résistance, bien loin de profiter aux djihadistes, joue clairement contre eux.

D’autant que la guerre contre les « musulmans déviants », autre moteur du djihad tel que le conçoit l’EI, ne semble pas trouver en Afrique un terreau favorable. En effet, quel que soit le pays considéré, la grande majorité des musulmans africains demeurent sunnites, malgré un essor récent du chiisme en Afrique de l’Ouest, si bien que les djihadistes de l’EI ne pourront pas transformer leur combat en une fitna (révolte) tournée contre les chiites, contrairement à leurs prédécesseurs irakiens ou syriens.

Privés du ressentiment antichiite ainsi que de l’esprit de résistance qui ont poussé tant d’Irakiens à rejoindre Al-Qaida en Irak puis l’État islamique, les djihadistes africains ne peuvent pas non plus s’appuyer sur la radicalité des populations locales. Majoritairement malikite, l’islam subsaharien reste moins exposé aux progrès de l’intégrisme que les territoires du Moyen-Orient dans lesquels l’approche hanbalite de l’islam permet des transferts plus faciles vers l’extrémisme.

Ainsi, le lac Tchad, la zone des trois frontières ou le Nord-Kivu pourraient, en théorie, devenir un « nouvel Afghanistan » pour reprendre les termes de Seidik Abba dans son ouvrage Mali-Sahel, notre Afghanistan à nous. Ces territoires présentent des caractéristiques géopolitiques communes : constitution d’un sanctuaire transfrontalier autour de périphéries marginalisées politiquement, culturellement et économiquement.

L’État islamique semble parfaitement conscient des opportunités que lui offre le continent africain, comme le montre l’essor de Boko Haram au Nigeria ou celui des ADF au Congo. Pour autant, aucune des trois provinces africaines de l’EI ne s’est pour l’instant substituée au berceau irako-syrien, malgré les défaites militaires de l’organisation au Levant.

Sans doute faut-il voir ici, entre autres facteurs explicatifs, l’effet des réticences des djihadistes à l’idée de déplacer l’épicentre du djihad du monde arabe vers les périphéries du monde musulman. Néanmoins, cet univers mental djihadiste où le monde arabe constitue encore le centre semble de plus en plus en décalage avec la réalité géographique du djihad dont l’Afrique subsaharienne tend à devenir l’épicentre.

https://theconversation.com/lafrique-subsaharienne-nouvel-eldorado-pour-letat-islamique-271040